Medienwirkungsforschung

Falschdarstellungen und Vorurteile
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marcymarc
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Medienwirkungsforschung

Beitragvon marcymarc » Mo 8. Feb 2016, 12:52

Mögliche Ergänzungsstudie zur Gewaltwirkungsforschung http://winfuture.de/news,90953.html
Zuletzt geändert von Patrik am Do 11. Feb 2016, 10:46, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Abgetrennt, war Antwort auf http://vdvc.de/forum/viewtopic.php?f=79&t=1996&start=280#p16554

Vicarocha
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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Beitragvon Vicarocha » Mo 8. Feb 2016, 13:33

Nicht wirklich... methodisch mal wieder fragwürdig, wenn ich es diplomatisch ausdrücken müßte (ansonsten würde ich es als "Quatsch" bezeichnen); da reicht bereits diese Aussage zur Methodik:

We investigated the relationship between video game use in children, degree of violence in games, and measures of depression and a 6-level banded measure of conduct disorder. [...] A 3-level measure of game use at age 8/9 years was developed, taking into account degree of violence based on game genre.


Wie jmd. glauben kann, mit dieser Methodik etwas brauchbares herauszufinden, erschließt sich mir nicht, diese Problematik (u.a. die fehlende Methodenreflexion und Plausibilitätsprüfung) ist aber m.E. für ein Gros psychologischer Forschung symptomatisch (hat mithin auch was mit der Ausbildung an der Hochschule und den Arbeitsbedingungen etc. zu tun, das führt jetzt aber zu weit); siehe dazu auch Seiten 26-28 unserer Verfassungsbeschwerde, resp. Seite 36-38 meiner Diss. (für mehr Details).

Deshalb spreche ich mich ja auch immer so vehement gegen dieses Studientennis aus: Die Studien, die vermeintl. keine (vermeintl.) negativen Wirkung medialer Gewaltdarstellungen indizieren, sind oftmals ähnlich schlecht, wie die Studien der Gegenseite. Der Laie stürzt sich dann auf diese oder jene Studie, die seiner Meinung entspricht, ohne Qualität und Aussagekraft der jeweiligen Studien objektiv beurteilen zu können... deshalb haben wir ja den ganzen Schlamassel.
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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Beitragvon marcymarc » Mo 8. Feb 2016, 13:48

Ich bin in Deiner Diss nicht ganz so firm, aber zeigst Du ein Modell auf, nach dem so eine Studie aufgebaut sein müsste - also quasi eine Blaupause?

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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Beitragvon Vicarocha » Mo 8. Feb 2016, 14:00

Nope, ich zeige nur auf, wie es nicht gemacht werden sollte... ;)
Hier und da formuliere ich zwar eine ganze Menge an Desiderata (z.B. den Wunsch nach phasischen - statt tonischen - Messungen in Experimentalstudien etc.), aber ich habe keine zusammenhängende "Blaupause" oder soetwas (wäre auch seltsam, da ich ja bereits die Ausgangsfrage nach genuinen Mediengewaltwirkungen für ziemlichen Unfug halte).
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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Beitragvon marcymarc » Mo 8. Feb 2016, 14:04

Naja, schwamm. Auch wenn diese Langzeitstudie methodisch auch nicht perfekt ist, ist es meiner Laienmeinung nach schon bezeichnend, dass tausende Kinder eben nicht auffällt geworden sind, obwohl sie gewalthaltige Spiele gespielt haben... Das ist zumindest mein take away, ohne dass ich mich tiefergehend mit deren Gewaltbegriff beschäftigt habe.

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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Beitragvon Vicarocha » Mo 8. Feb 2016, 14:20

Und das ist das Problem: Es geht darum, dass die Mediengewaltexposition der Probanden ja gar nicht adäquat gemessen wurde. Mit dem Maß, dass die Autoren benutzt haben, ist gar nicht ermessbar, ob bspw. drei Probanden mit (gem. Studie) identischen Expositionswerten auch tatsächlich der gleichen Quantität (und Qualität) von medialen Gewaltdarstellungen im Laufe der Zeit ausgesetzt worden sind.

Salopp gesagt könnten alle drei die gleiche "Menge" abbekommen haben...
... oder einer "viel", einer "mittel" und einer "wenig"...
... oder einer "viel" und zwei "mittel"...
... oder einer "mittel" und zwei "wenig"...
... oder einer "wenig" und zwei "viel"...
... oder alle "viel"...
... oder alle "mittel"...
... oder alle "wenig"
... oder, oder, oder (wie auch immer man solche Relationen begründen mag)...
...oder keiner der drei war überhaupt medialer Gewaltdarstellung ausgesetzt!

D.h. dass die Autoren gar keinen (korrelativen) Zusammenhang zwischen dem Spielen von Gewalt darstellenden Spielen und evtl. Störungen des Sozialverhaltens analysiert haben. Im Grunde ist gar nicht klar, was(?!) die überhaupt untersucht haben!
Das ist das Problem. Von daher ist dein "take away" leider unangebracht. :(
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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Beitragvon marcymarc » Mo 8. Feb 2016, 17:52

Fakt ist trotzdem, dass sie es konsumiert haben (unquantifiziert). Mir ist klar, dass Wechselwirkungen höherer Ordnung nicht betrachtet werden können (sonstige Freizeitgestaltung, Umgang in der Familie). Die Theorie der Spielegegner ist ja, ich muss nur das Spiel sehen und ich nehme unheilbaren seelischen Schaden.

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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Beitragvon Vicarocha » Mo 8. Feb 2016, 18:18

Fakt ist trotzdem, dass sie es konsumiert haben (unquantifiziert).

Falls du mit "es" virtuelle Gewaltdarstellungen meinst, so muss die Antwort lauten: Eben nicht, darum geht es ja.

Es läßt sich mit der beschriebenen Methode überhaupt nicht feststellen, ob die vermeintl. Betroffenen irgendwie irgendeiner Art von medialer Gewaltdarstellung ausgesetzt waren oder nicht. Offenbar erfolgte in der vorliegenden Studie die Ermittlung der Mediengewaltexposition über die Quantität der Nutzung bestimmter Spielegenres: "A 3-level measure of game use at age 8/9 years was developed, taking into account degree of violence based on game genre." Im Folgenden wird dabei auch noch deutlich, dass man hier wohl auch noch mit recht hochrangigen Genrekategorien operiert hat (je höherrangig das Genre, desto schwieriger wird es, allgemeinverbindliche Aussagen zu treffen, z.B. das im Metagenre der Actionspiele generell Gewalt dargestellt würde), wie z.B. dem der "shoot-em-up games" (das offenbar als ein per se Gewalt darstellendes Genre definiert wurde); ungeachtet dessen, dass de facto auch nicht alle Spiele dieses Genres Gewalt darstellen, "ist das generelle Problem aller diesbzgl. Studien, dass die Gewaltdarstellungsniveaus und die diesbzgl. Abstraktionsgrade (wie die Typen, Formen, Dimensionen, Dynamiken, Sinnstrukturen und Kontexte) der dargestellten Gewalt sich bereits innerhalb der Genres gravierend unterscheiden können, insofern Gewalt überhaupt konkret dargestellt wird" (Portz 2013: 36).

Kurz: Der Aussagegehalt der Studie ist gleich Null. Die Autoren haben nicht sichergestellt, dass sie das untersuchen, was sie zu untersuchen vorgeben. Die Operationalisierung der Mediengewaltexposition ist Murks.

Die Theorie der Spielegegner ist ja, ich muss nur das Spiel sehen und ich nehme unheilbaren seelischen Schaden.
Tatsächlich sind das Ausnahmebehauptungen, die zwar einfach zu widerlegen sind... aber leider nicht mit der fraglichen Studie.

EDIT: Tippfehler beseitigt... 8-)
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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Beitragvon marcymarc » Mo 8. Feb 2016, 18:31

Nun gut, aber mit der beschriebenen Vorgehensweise kann es gar keine aussagekräftige Studie geben, die nicht entweder ungenügend bestimmt ist oder nicht zu laborzentriert. Eins von beiden geht nur. Entweder du hast kontrollierte Bedingungen und musst dir den Vorwurf gefallen lassen, dass du an der Realität vorbei forschst, oder du versuchst die Realität möglichst genau zu erfassen und handelst dir maximale Unschärfe bei der Genauigkeit der Erfassung ein.

Wahrscheinlich ist die Realität die beste Studie. Jugendkriminalität, die auf aggressive Potentiale zurückzuführen ist, geht schon länger zurück, Amokläufer waren vorbelastet und haben nicht exzessiver gespielt als Altersgenossen (wenn überhaupt) und der weitaus größte Teil der Gamer zeigen keine Auffälligkeiten (von Suchtproblemtiken mal abgesehen und da sind es die üblichen Zahlen, die man bei jeder anderen sucht auch erwarten würde). Aber auch das sind empirische Beobachtungen und wenig belastbar. Wechselwirkungen sind zu komplex, als das sie sinnvoll erfasst werden könnten.

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Re: Verfassungsbeschwerde gegen § 131 StGB

Beitragvon Vicarocha » Mo 8. Feb 2016, 18:43

Man kann im Labor schon viele nette Sachen machen (eine adäquate Ausgangsfrage vorausgesetzt), allerdings wäre eine angemessene Laborstudie mit ziemlich vielen Hürden verbunden. Ich habe noch keine Studie gesehen, die die alle (oder zumindest eine hinreichende Menge, um mir nicht den Vorwurf einzuhandeln, ich würde nach der perfekten Studie verlangen, die es so niemals geben wird) gemeistert hätte... die meisten straucheln schon, wenn sie gerade aus der Startbox gekommen sind. Der Vorwurf, dass eine Laborstudie zu artifiziell ist, ist da m.M.n. auch gar nicht so gewichtig, wenn alles methodisch sauber vonstattengehen würde (in diesem speziellen Bereich nährt sich der Vorwurf - ungeachtet ganz allgemeiner Vorbehalte gg. Laborstudien - nämlich eher aus des unökologischen Designs der Studie, dass man die Probanden z.B. nur ein paar Minuten ein Spiel spielen läßt, wo sie sie in der freien Wildbahn locker mal ein paar Stunden spielen würden). Die meisten Forscher in diesem Bereich scheinen eine solche Studie aber auf die leichte Schulter zu nehmen und das Labor als gute Möglichkeit anzusehen, ohne viel Aufwand einen enuen Artikel generieren zu können... das merkt man den Studien dann auch an (aber wie gesagt, da hat es - will man den Personen nicht direkt Böswilligkeit o.ä. unterstellen - i.d.R. auch schon in der wissenschaftlichen Ausbildung Probleme gegeben)... und da fange ich gar nicht damit an, dass man ja mal selbst einen Versuch starten und n empirisch arbeitende Forscher fragen könnte, ob sie wissen, was z.B. eine Bonferroni-Korrektur ist.

Die Hürden für alles außerhalb des Labors und die guten alten Korrelationsstudien sind m.E. in der Tat auch noch um einiges höher... und gerade Langzeitstudien haben dann noch einmal ein extragroßes Paket an Schwierigkeiten, die es zu meistern gilt (s. meine Diss.).

Aber wie gesagt, ich halte schon die Ausgangsfrage danach, ob virtuelle Gewaltdarstellungen in den Medien ein genuin negatives Wirkungspotenzial bergen, für ziemlichen Unfug (der Problematik habe ich ja einen großen Teil des Anfangs meiner Diss. gewidmet).
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