Artikel - zu viel Gewalt/Brutalität?

Falschdarstellungen und Vorurteile
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Pyri
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Re: Artikel - zu viel Gewalt/Brutalität?

Beitragvon Pyri » Mi 26. Okt 2016, 23:42

Rey Alp hat geschrieben:ich würde annehmen, dass der Zweck eine spektakulärere Darstellung/"Effekthascherrei" ist.

Das wäre aber wieder das was Vicarocha auch kritisiert hat und würde erneut in Richtung Gewalt(darstellung) als Selbstzweck gehen: ich denke das einzige was gesagt werden kann ist, dass eine solche Darstellung affektorientiert ist - an einem Affekt interessiert ist. An welchen lässt sich vorderhand jedoch keineswegs behaupten, ob der jetzt Begeisterung oder Abscheu wäre - Spaß oder Betroffenheit. Bleibt die Darstellung aus, tritt an ihre Stelle etwas anderes - wie Zurückhaltung (Reduktion), eine Abstrahierung oder ein Minimalismus. Das sind alles zweifellos auch Ideale, aber die öffentliche Meinung dass diese (im Sinne von "weniger ist mehr") besser wären, bessere Medien (wie Videospiele) hervorbringen würden, weniger gefährlich etc., könnte auch herausgefordert werden.
Beruflich hatte ich zuletzt mit (dilettantischen) Selbstdarstellungen der Wehrmacht zu tun. Diese waren, mitten im Krieg, geprägt von allem was genau damit nichts zu tun hatte - wie Blumenwiesen und Liebespaare. Übrig blieben lediglich die Uniformen, sowie die abstrakten Symbole: die Vorstellung dass jemand der den Krieg will den Krieg zeigt, ist einfach nicht richtig, schon gar nicht aus Tätersicht. In der Filmschule lernen die Leute, dass alles was gezeigt wird einen Grund hätte - genau darauf würde ich vorschlagen aufzubauen: und dabei ist es halt schon eine Unterstellung, mit der etwa der kommerzielle Exploitationfilm seit jeher konfrontiert war, dass Darstellungen *die nicht ausblieben* und damit gezeigt wurden, etwa mit niederen Instinkten eines Publikums "spekulieren" würden.
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Rey Alp
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Re: Artikel - zu viel Gewalt/Brutalität?

Beitragvon Rey Alp » Do 27. Okt 2016, 18:57

Deine Ausführungen zur Werbung beim Militär finde ich sehr interessant: Die Bundeswehr vermeidet es ja auch peinlich genau, mit Krieg bzw. dem Tod in Verbindung gebracht zu werden.

Zum eigentlichen Thema habe ich jetzt einen Lesehinweis geschrieben:
- https://vdvc.de/blog/2016/10/27/lesehinweis-42/

edit:

Wie ich im anderen Thread bereits geschrieben habe, wollte ich mit em Lesehinweis gerade keine Stellung beziehen.

Ich fände da einen Kommentar zu angebracht, wobei ich da im Moment nicht die Muße zu habe. Wenn du Zeit und Lust hast so einen zu schreiben und Patrik da nichts gegen hat, würde ich mich da aber sehr drüber freuen, wenn der veröffentlicht werden könnte.

Wobei ich deine Härte, die du hier ziegst, da nicht als uneigeschränkt angemessen finde.

Ich meine schon, dass man Graf etc. zugestehen muss, das sie keine Verbote fordern und auch nicht wegen einer gefährlichen Wirkung, sondern allein aus Gründen des Geschmacks sowie der Spielmechanik argumentieren. Auch beanspruchen sie für ihre Meinungen keinen universellen Geltungsanspruch, sondern betonen allein, dass nach ihrem subjektiven Empfinden mehr und explizitere Darstellungen von Gewalt in Tomb Raider und Mafia 3 das eigentliche Gameplay in den Hintergrund rücken - und das, obwohl die Spiele von den Fans aufgrund anderer Stärken genutzt werden. Die Artikulation von Meinungen finde ich prinzipiell für begrüßenswert, da sie Teil einer Diskussionskultur sind und nichts verdammenswertes, wofür man sich rechtfertigen müsste.

Was ich hier bei diesen Einschätzungen kritisieren würde wäre eher, dass manche Inhalte nicht nur aus Effekthascherei enthalten sein können, sondern z. B. - wie es bei Mafia 3 sogar vom Entwickler ausgeführt wird - um zu verdeutlichen, dass es sich um ein brutaleres Setting handelt. Jetzt kann immer noch hinterfragt werden, ob dies den Spielen "gut tut", wobei hier das Problem ist, dass die Absichten der Entwickler sowie die Erwartungen der Spieler höchst unterschiedlich und subjektiv sein können. Auch wenn im Fall von Graf und mir es funktioniert, dass wir die explizite Gewalt nicht als "Spaßfaktor" wahrnehmen und deswegen unter Umständen sogar davon absehen, solche Spiele zu nutzen, würde ich das nicht zwingend auch als die Intention der Entwickler auffassen. Daran, dass deren Spiele nicht genutzt werden, dürfte diese kein großes Interesse haben. Es bleibt also eher die Frage über, ob sie auch Spiele mit als "unangenehm" verstandenen Inhalten produzieren wollen, oder weil sie meinen, dass das "cool" wirkt - eben doch auch Effekthascherei ist. Wobei mit dem Vorwurf Effekthascherei eben nicht der Vorwurf der schädlichen Wirkung oder des Bedienens entsprechender Vorlieben einhergehen muss, sondern es auch schlicht der Vorwurf sein kann, dass man mit einem "billigen" Mittel nach (medialer) Aufmerksamkeit lechzt, statt das Spiel auf andere Weise interessanter zu machen. Ein weitere Variante wäre, dass diese Spiele bloß das liefern, was Leute wie Stöcker schon lange fordern: Ambivalente Inhalte, "echte" Erwachsenenenspiele, die nicht nur unterhalten und "Spaß" machen, sondern auch fordern sollen. Aber auch hier ist es auf der Ebene einer schlichten Kritik meiner Meinung nach immer noch legitim, wie gut sich diese Gewaltdarstellungen in die Spielmechanik einfügen. Mafia 3 und Tomb Raider habe ich selbst nicht gespielt, doch nach den Beiträgen der Autoren dürften die Entwickler bei Tomb Raider, Lara Croft als "taffe" Heldin darzustellen, doch etwas über das Ziel hinausgeschossen zu sein, da die Kämpfe, in denen ihre "neue" Seite präsentiert wird, doch zuviel Raum einnehmen und zu wenig für die eigentlichen Inhalte (Rätseln, Jump 'n' Run etc. bleibt.). Das, was es geworden ist, mag dann unter Umständen kein schlechtes Spiel sein, aber es wäre wohl ein schlechtes "Tomb Raider", da es nichts mehr mit dem zutun hat, womit die Nutzer die Marke in Verbindung bringen. Man kann andererseits Entwicklern auch nicht vorwerfen, sich und ihre Spiele weiterentwickeln zu wollen, doch die Spieler sollte man da wohl noch irgendwie mitnehmen. Und das Setting und das Gameplay - das ist mein Kritikpunkt - sollte glaubwürdig bzw. stimmig sein. Im Fall von realitätsnahen Spielen bedeutet das für mich dann z. B. auch, dass bei einen einfachen Bandenkrieg über mehrere Wochen nicht mehr Menschen sterben als in manchen Kriegen. Das finde ich nicht problematisch, weil es gewaltverherrlichend, schädlich, bloße Effekthascherei oder ideenlos wäre, sondern weil es meine Immersion bricht. Bei anderen mag es nicht der Fall sein, aber ich finde nicht, dass mein Spielerlebnis weniger wichtig oder wert als das anderer ist udn ich auch deshalb artikulieren können sollte, wenn mir etwas nicht gefällt. Ohne, dass diese mit Verbotsforderungen, dem Diktat von Geschmacksvorstellungen oder ähnlichen verstanden wird. Es ist schlicht ein Beitrag zu einer Diskussionskultur über eine persönliche Rezeption eines Videospiels.


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