2. Auflage: Dissertation

Falschdarstellungen und Vorurteile
Vicarocha
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2. Auflage: Dissertation

Beitragvon Vicarocha » Di 24. Jul 2018, 12:46

Hallo Leute,

ich habe da seit geraumer Zeit eine idee... nein, ein Verlangen: Nun bin ich arbeitstechnisch nicht im universitären Bereich geblieben und aus meinem Traum meine Brötchen im Bereich Forschung und Lehre zu verdienen ist nichts geworden, stattdessen bin ich jetzt Gymnasiallehrer (Sozialwissenschaften, Politik, Geschichte, Englisch, praktische Philosophie). Es war ein langer Weg, ist aber vielleicht auch die bessere Entscheidung, die Profession wird nämlich deutlich besser bezahlt als ein Job in der Forschung und Lehre und die sonstigen Arbeitskonditionen sind auch viel erträglicher (wenn man nicht gleich Professor ist). Aber ich vermisse das wissenschaftliche Arbeiten doch etwas...

... und so kam in mir mit Blick auf meine Diss. der Wunsch auf, diese vielleicht doch mal zu aktualisieren. Neben der Arbeit mache ich hier und da mal etwas dran, wobei das Gros der Überarbeitung momentan aus dem Ausmerzen diverser orthographischer und grammatischer Fehler, einer Änderung des Zitierformates (der Übersichtlichkeit halber) und des generellen Layouts besteht, aber auch inhaltliche Aspekte nicht ignoriert (z.B. die Aktualisierung von Indizierungsstatistiken, die Beschlagnahmelisten etc.). Aber inhaltich soll halt noch mehr erfolgen, es hat sich immerhin einiges getan:

Die (englischsprachige) Forschung kommt immer mehr und eindeutiger auf den Trichter, dass fiktionale Mediengewaltdarstellungen keine (substanziell relevanten) Auswirkungen auf die Aggressionen und Aggressivität ihrer Rezipienten haben, die Andersons und Bushmans verkommen (berechtigterweise) immer mehr zu Randerscheinungen. Trotzdem sind die Probleme der empirischen Mediengewaltwirkungsforschung, welche ich in meiner Diss. akribisch aufgeführt habe, nach wie vor ubiquitär. Die neueren Forschungsergebnisse müssen trotzdem mit eingepflegt werden. Dabei wird es wohl darauf hinauslauen, dass statt x Nennungen von Beispielstudien in den Fußnoten nun x+n Nennungen erfolgen, methodisch hat sich ja bei den Studien nicht viel getan. Das wäre der nächste Schritt.

Die weiteren Schritte beinhalten die Sichtung der neueren Beschlagnahmebeschlüsse und - besonders wichtig - der immer häufiger vorkommenden Beschlüsse zur Aufhebung von Beschlagnahmungen. Als ich meine Diss. schrieb, gab es da dank der Turbine Medien GmbH bislang nur den Fall "Ketten-Sägen-Massaker".

Es gibt noch viele andere Baustellen, bspw. würde ich da, wo ich konkrete Spieletitel als Beispiel für diesen oder jenen Sachverhalt nenne, gerne weitere Beispiele einfügen, möchte vielleicht in einer handvoll Sätzen die Entwicklung der "Killerspiel"-Debatte seit der Publikation der Diss. erwähnen usw. usf.; woran mir auch gelegen ist, wäre die bildliche Illustration des ein oder anderen Spiel bzw. der ein oder anderen Szene, die vielleicht in einem Indizierungsentscheid oder in einem Beschlagnahmebeschluss erwähnt wird... irgendwie wendete sich meine Diss. in dieser Hinsicht ja doch an ein relativ versiertes Publikum.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich brauche Hilfe! Bislang mache ich das nur so für mich, in meiner Freizeit (alleine schon, weil ich die Diss. damals sprachlich selbst lektoriert habe und mir so unglaublich viele und z.T. auch unglaublich blöde Tippfehler einfach nciht aufgefallen sind... "Gesetzt" statt "Gesetz" und so Sachen), bin mir aber nciht sicher, ob eine Zweitpublikation überhaupt eine gute Idee ist... was denkt ihr? Lohnt sich das? Wenn ja, bräuchte ich noch weiteren input: Was kann man an der Diss. noch ändern, ergänzen etc., gibt es für dieses oder jenes anschauliche Beispiele, gibt es bestimmte Entwicklungen, die zu beachten sind usw.? Und gibt es Dinge, die ihr selbst vielleicht beitragen würdet? Vielelicht wäre die Zweitveröffentlichung ja was für Roland Seims Telos Verlag?

Bislang nur wirre Gedanken, aber naja... vielelicht sollte man das ganze Ding auch ins Englsiche übrsetzen lassen, das wäre dann aber was für einen professionellen Übersetzer und würde Geld kosten... hmmm...

EDIT: Die Diss. ist - größtenteils aufgrund der Formatierungsänderung - übrigens von 312 DINA4-Seiten auf ca. 530 Seiten gewachsen (ich hatte die Diss. damals extra "kleinformatiert", um Druckkosten zu sparen).
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Re: 2. Auflage: Dissertation

Beitragvon marcymarc » Di 24. Jul 2018, 23:16

Erstmal wundert mich, dass Ihr keine Formatvorlagen hattet und Du die Schriftgröße selbst wählen konntest XD

Aber nun ernsthaft:
Eine Neuauflage hätte für mich zwei sinnstiftende Zwecke (wobei ich zugeben muss, die Arbeit nicht zur Gänze gelesen zu haben)
1 - umfassender Stand der Forschung - bisher gehe ich da nach Gefühl, dass vermehrt Forschungen in dem Thema veröffentlicht werden, die keinen direkten Zusammenhang sehen, weiß es aber nicht sicher. Zumal nach den derzeitigen Berichterstattungen um Fake Science eine Bewertung der Veröffentlichungsqualität nach Journals auch angebracht wäre.
2 - ersteres gibt nur Sinn, wenn eine allgemeine Klärung/Definition von Aggression/Gewaltbegriff etc. gefunden würde (nach sinnhaften Ansätzen der Veröffentlichungen). Damit verbunden wäre eine Handreichung, wie üblicherweise solche Studien zu geschehen haben. Bisher scheint ja sehr viel über self-reporting - was sehr unzuverlässig ist - und über Keywords für Detektion von Gewalt- bzw Aggressionspotential zu laufen, was schlicht kaum Aussagekraft besitzt. Alternativ empirisch ergründen, ob bei Aufkommen von diversen Spielen sich indirekt etwas an Jugendkriminalität, gewaltätigen Schulvorkommnissen etc. etwas getan hat.

Das Einbeziehen der Einschätzungsprärogative in seiner zeitlichen Entwicklung durch gestaltende Gerichtsurteile wäre wünschenswert.

Zur EN Version: Bei for Uncut! haben wir das kurz anhand der Wortzahl und Preise für Übersetzung von wissenschaftlichen Veröffentlichungen mal eben überschlagen und kommen so ab 17.500 € raus. Evtl. Ist hier einfach eine prägnante Kurzfassung sinnvoll.

Zur Mithilfe: ich bin arbeitstechnisch bis Ende des Jahres sehr eingebunden. Ich kann daher keine (durchgehende) Mitarbeit zusagen, so sinnvoll ich ein solches Unterfangen auch sehen mag. Zudem bin ich als nicht-Soziologe, bzw. überhaupt kein Geisteswissenschaftler wohl auch fachlich fraglicher Vorbildung. Nichtsdestotrotz kann ich evtl. für Kurzfassungen übersetzerisch, lektorisch oder argumentativ tätig werden. Interessant fände ich hier jedoch eine Papersammlung in einer Zitiersoftware als Übersicht ganz sinnvoll. Kennst Du da eine kollaborative Lösung? Ich nutze de jugendlich nur citavi und soweit ich weiß ist die Team-version frei und auch nur Uni-Angehörigen vorbehalten.

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Re: 2. Auflage: Dissertation

Beitragvon Rigolax » Mi 25. Jul 2018, 01:21

Halte ich auch für eine gute Idee. Als die Diss erschienen ist, war ja auch schon kaum damit zu rechnen, dass sich die Lage bezogen auf Index & Verbote, generell Akzeptanz von Videospielen doch durchaus so verbessern würde. Ich fände daher auch den Versuch spannend, die sukzessive Liberalisierung der Spruchpraxis der letzten Jahre zu erklären und/oder diese auch nachzuzeichnen anhand von besonders weitreichenden Entscheidungen. Generell dürfte imho die vermeintliche (!) Verschärfung des JuSchG nach Erfurt wesentlich sein (Rechtssicherheit gegenüber der Indizierung), was sukzessiv eine Liberalisierung ermöglicht hat, u. a. vlt. weil die Publisher Dank USK jahrelang auch mittels Beratungsdienst am Kennzeichnungsmaximum agiert haben. Die USK wird sicherlich aber zumindest nicht direkt der BPjM das Wasser abgegraben haben, wie manche Kritiker immer meinten. Vielleicht hat auch der neuere Forschungsstand eine Rolle gespielt (eher weniger?), die Entwickler bauen manche Sachen global schon nicht mehr ein* oder die Gesellschaft ist scheinbar verroht. In den Listenstreichungen wird, soweit ich das weiß, meist ja auf eine geänderte Medienrealität hingewiesen, was für mich bei manch recht rascher Streichung etwas unglaubwürdig wirkt. Bei den aufgehobenen Beschlagnahmebeschlüssen ist es noch krasser: Was einmal sozialschädlich, gewaltverherrlichend/-verharmlosend oder gar die Menschenwürde verletzt hat, soll dann nach ein paar Jahrzehnten für Jugendliche freigegeben werden können?

* https://www.golem.de/news/jugendschutz- ... 34070.html

Sonst halt natürlich die Tatsache, dass die Kennzeichen immer unwichtiger werden in Zeiten digitaler Distribution. Wobei es auch imho auch schon eine Heuchelei ist, dass online ein age-de.xml-Label reicht; und das kann laut Liesching auch eine verfassungswidrige Ungleichbehandlung zu Medien auf Bildträgern mit Erlaubnisvorbehalt für Jugendabgabe sein.

Die Gewaltdebatte ist im Grunde durch, muss man sagen. Wirklich relevant ist noch die „Nazi-Spiel-Debatte“, wie ich das mal nenne, um Hakenkreuze und co., die aber natürlich ein Exkurs wäre, auch wenn dies eine Fortsetzung der Gewaltdebatte sein dürfte.

Ich habe jedenfalls übrigens immer gerne auf deine Diss zurückgegriffen und auch einige komplexe Sachverhalte dadurch besser verstanden (paar Tippfehler habe ich auch irgendwann bemerkt, aber hielt sich in Grenzen). Auch nützlich als Quelle für diverse Indizierungsgründe, an die man ja nicht ohne Weiteres rankommt meines Wissens nach; ich nehme an, die konntest du nur vor Ort einsehen, bei der BPjM? Zum Beispiel in einem ausführlichen Artikel über mw2 bzw. "No Russian" vor einiger Zeit habe ich sie auch als Quelle genommen: https://www.foruncut.com/2018/03/cod-mo ... utschland/ (so denke ich, dass die USK-Version nach der Entscheidung des BPjM-Gremiums (in hindsight) auch nicht gekennzeichnet hätte werden dürfen, was natürlich systembedingt recht absurd und damit auch entlarvend ist). Fallbeispiele ausbauen halte ich daher für sinnvoll. Da zumindest auch Beschlagnahmen prinzipiell ewig bestehen bleiben, bis ggf. die Aufhebung kostenintensiv erstritten wird, könnte so auch vielleicht indirekt manchem Werk etwas Gerechtigkeit gebracht werden. Ich denke zum Beispiel an Condemned, wo ja, wie du es sagst, glatt die A-Indizierung als „Leseliste“ genutzt wurde, und auch natürlich viele andere. Am Ende entlarven diese Fälle auch alle die zu weitreichende Anwendung der Einschätzungsprärogative.

Generell muss ich zugeben, dass mich die Mediengewaltwirkungsforschung an sich nie besonders interessiert hat, mich an Kaffeesatzleserei erinnert; nichtsdestoweniger ist sie natürlich sinniger Weise die Basis für die ganze Geschichte. Wissenschaftlich kann ich generell auch nicht wirklich was zum Thema beitragen.

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Re: 2. Auflage: Dissertation

Beitragvon Vicarocha » Mi 25. Jul 2018, 14:11

Mojen,

danke für die Rückmeldungen!

@ marcymarc:
Formatvorlagen gibt es eigtl. nur für Seminar- und Examensabreiten etc., bei Dissertationen - zumindest an meiner Alma Mater (und wie ich das für andere Fachbereiche etc. überblicken kann) - (glücklicherweise) nicht.

Der Stand der Forschung hat sich seit der Publikation meiner Diss. im Wesentlichen nicht verändert, nur die interpretation des Forschungscorpus geht - jedenfalls im US-amerikanischen Bereich - immer mehr und breiter in die Richtung der Erkenntnis, dass mediale Gewaltdarstellungen für sich genommen halt harmlos sind. Sicher, es wurden und werden nach wie vor Studien zu dem Thema veröffentlicht, die aber gänzlich an den bereits in der Diss. genannten Mängeln leiden. Da würde ich die entsprechenden Studien in der Zweitauflage dann ergänzen, kann mir keiner Abnehmen. Aber dahingehend war meine Diss. m.E. schon recht umfassend, da wurde auch schon die niedrige Hürde bei der Veröffentlichung auch shclechter Studien genauso genannt, wie entsprechende Bias-Probleme u.ä.; das dürfte bei der Überarbeitung der Teil sein, wo es nu um das stupide Einfügen neuerer Studien in Fließtext und Fußnoten geht.

Das problem mit der Gewalt-/Aggressionsdefinition nimmt ja auch schon viel Platz in meiner Diss. ein. Auch in den Jährchen seit deren Veröffentlichung hat sich da - wie zu erwarten - nichts getan. An eine handreichung i.S.v. "so sollte die optimale Mediengewaltwikungsforschung aussehen" habe ich damals bewusst verzichtet, weil ich die Forschungsprämisse (Mediengewalt --> reale Gewalt) schon für sehr unsinnig hielt )hatte ich ja auch einiges zu geschrieben damals). Studien zu den Korrelationen zwischen bspw. Kriminalität und Verkaufszahlen von gewaltdarstellenden Spielen u.ä. gab es ja auch schon zur Veröffentlichung meiner Diss., die wurden auch damals mit eingearbeitet.

Da habe ich also alle deine Wünsche schon erfüllt. ;)

Das Einbeziehen der Einschätzungsprärogative in seiner zeitlichen Entwicklung durch gestaltende Gerichtsurteile wäre wünschenswert.

Was genau meinst du damit?

Zur EN Version: Bei for Uncut! haben wir das kurz anhand der Wortzahl und Preise für Übersetzung von wissenschaftlichen Veröffentlichungen mal eben überschlagen und kommen so ab 17.500 € raus. Evtl. Ist hier einfach eine prägnante Kurzfassung sinnvoll
.
Ja, nachdem ich das Posting geschrieben habe, habe ich mir mal so die üblichen Preise angeguckt und diese Idee gleich wieder verworfen. Eine Freundin von mir macht das halt auch, aber die hat gänzlich andere Preise (Hauptklientel sind Studenten etc.)... vielleicht sollte ich da mal Nachfragen.

Zur Mithilfe: ich bin arbeitstechnisch bis Ende des Jahres sehr eingebunden. Ich kann daher keine (durchgehende) Mitarbeit zusagen, so sinnvoll ich ein solches Unterfangen auch sehen mag. Zudem bin ich als nicht-Soziologe, bzw. überhaupt kein Geisteswissenschaftler wohl auch fachlich fraglicher Vorbildung. Nichtsdestotrotz kann ich evtl. für Kurzfassungen übersetzerisch, lektorisch oder argumentativ tätig werden. Interessant fände ich hier jedoch eine Papersammlung in einer Zitiersoftware als Übersicht ganz sinnvoll. Kennst Du da eine kollaborative Lösung? Ich nutze de jugendlich nur citavi und soweit ich weiß ist die Team-version frei und auch nur Uni-Angehörigen vorbehalten.

Mein Arbeitspensum wird in 5 Wochen auch wieder enorm steigen, das ganze Unterfangen ist eher etwas für nebenbei; unglaublich viel Zeit kann ich da auch nicht investieren, die Korrektur alleine zieht sich jetzt schon Ewigkeiten (Unterricht vorbereiten klaut halt doch einiges an Zeit). Mir geht es prinzipiell darum, dass wenn meine fertig lektorierte und meinerseits auf den Stand gebrachte Version fertig ist, da u.U. ein paar wache Augen draufgucken und brauchbare Ideen einbringen (in der Art "Dieses Beipsiel könnte man hier oder damit gut illustrieren!", "Du hast Fall XYZ vergessen..."; "Es gab da eine Aussage von X zu Y." usw.). Was Hilfsmittel etc.angeht, so habe ich bislang immer alles akribisch per Hand gemacht, habe also keine Ahnung. ;-)

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@ Rigolax:

Hmmm... ich bin mir gar nciht sooo sicher, ob sich die Situation verbessert hat, ich sehe eher meine in der Diss. getroffene These bestätigt, dass das Jugendmedienschutzsystem maßgeblich von seinen Agenten abhängt, d.h. von bspw. Gremeienmitgliedern und zentralen Schlüsselpersonen (Amtsrichtern, der Vorsitzenden der BPjM etc.): Das diesen Personen zur Verfügung stehende Instrumentarium erlaubt nach wie vor Willkürakte... tausche die Personen aus und du kannst ganz schnell wieder stärkeren Gegenwind erwarten; die Illusion von einer gesamtgesellschafltichen Progressivität, dass irgendwann die eprsonen mit entsprechend restriktivem Gedankengut aussterben, halte ich auch für eben das, eine Illusion - links und rechts des politischen Spektrums gibt es genug Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken alles zensieren würden, was ihnen nicht genehm ist... und gesamtgesellschaftspolitisch gesehen habe ich eher das Gefühl, es werden mehr, denn weniger. Das Problem ist also ein systemisches, genau das, welches ich ind er Diss. geschildert habe. Ich habe aber durchaus daran gedacht, am Ende von Teil 2 der Diss. oder beim Fazit in ein oder zwei Sätzen darauf einzugehen (kein großer Text, sondern im Grunde das, was ich gerade schrieb).

tl:dr Ich stehe der vermeintlichen Liberalisierung der Spruchpraxis sehr kritisch ggü.

Auf die kooperation von USK und BPjM bin ich ja seinerzeit auch schon eingegangen, genauso auf die Vorwürfe, die USK würde die BPjM unterminieren. Die sind viel zu eng miteinander verwoben, als dass dies geschehen könnte. Konnte aber andererseits in meiner Diss. damals schon zeigen, dass das Nebeneinander von BPjM und USK oft auch demonstriert, wie willkürlich Altersfreigeben, Indizierungen und Co. sind.

Die neuere Forschun wird im deutschsprachigen Raum kaum rezipiert, dürfte also keine Auswirkungen haben. Würde der aktuelle Trend hier ankommen und Konsequenzen zeitigen, müsste das Jugendmedienschutzsystem eigtl. zusammenbrechen, denn zumidnest die starken Wirkungsannahmen, die Alterkennzeichen, Indizierungen und Beschlagnahmen zugrunde liegen, sind auch bei einem kursorischen Blick auf die Forschung nicht mehr haltbar.

Der Punkt mit den veränderten Medienrealitäten kommt ja auch vor... und wird demontiert. Und die Aufhebung der Beschlagnahmebeschlüsse in den letzten Jahren bestätigt auch nur, was ich in der Diss. schrieb. Ich habe aber bislang noch keinen diesbzgl. beschluss selbst gelesen. Das die originären Beschlagnahmebeschlüsse rechtswidrig waren, steht ja außer Frage... wenn die Gerichte jetzt aber nicht mit Verweis auf die offenbaren Fehler in den Beschlüssen die Beschlagnahmen aufgehoben haben, sondern u.U. vielelicht auch nur mit verweisen auf andere Medienrealitäten, wäre das echt 'n dickes Ding!

Der Punkt mit digitaler vs. physischer Distribution ist so noch nicht drin, könnte aber ergänzt werden. Ich möchte mich aber nicht in JMStV-Wasser begeben, da müsste ich nämlich sehr, sehr, sehr viel mehr Arbeit reinstecken, als ich möchte. Hatte den Bereich bewusst ausgeklammert. Ist die Frage, ob das etwas für einen Zweitschrieber wäre? Hmmm...

Die Gewaltdebatte mag durch sein, der Status Quo ist aber nach wie vor das Problem (s. auch unsere Verfassungsbeschwerde, die - wohl nur als Fußnote - auch Erwähnung finden soll).

Bonn ist zwar nur knapp über eine Stunde Autofahrt von mir entfernt, ich habe die Indizierungsentscheide aber tatsächlich fast alle von der BPjM selbst via E-Mail bekommen (und noch auf meinem Rechner); einige hatte ich auch schon vorher aufgetan.

Mediengewaltwirkungsforschung ist übrigen - m.E. - größtenteils Bockmist. ;-)
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Re: 2. Auflage: Dissertation

Beitragvon Pyri » Mi 25. Jul 2018, 22:48

Rigolax hat geschrieben:(…) Ich fände daher auch den Versuch spannend, die sukzessive Liberalisierung der Spruchpraxis der letzten Jahre zu erklären und/oder diese auch nachzuzeichnen anhand von besonders weitreichenden Entscheidungen. Generell dürfte imho die vermeintliche (!) Verschärfung des JuSchG nach Erfurt wesentlich sein (Rechtssicherheit gegenüber der Indizierung), was sukzessiv eine Liberalisierung ermöglicht hat, u. a. vlt. weil die Publisher Dank USK jahrelang auch mittels Beratungsdienst am Kennzeichnungsmaximum agiert haben. Die USK wird sicherlich aber zumindest nicht direkt der BPjM das Wasser abgegraben haben, wie manche Kritiker immer meinten. Vielleicht hat auch der neuere Forschungsstand eine Rolle gespielt (eher weniger?), die Entwickler bauen manche Sachen global schon nicht mehr ein* oder die Gesellschaft ist scheinbar verroht.


Die Liberalisierung ist vielfach nur eine Scheinliberalisierung, da darin immer nur eine Seite gesehen wird, nämlich dass weniger oder überhaupt nichts mehr indiziert wird, keine Kennzeichnung mehr abgelehnt wird und Breitenmedien wesentlich häufiger auch positiv über gewaltdarstellende Spiele berichten, aber der Gegenstand der Spiele selbst und dessen Wahrnehmung darüber hinaus (weiterhin) nicht berücksichtigt wird.
Wer etwa auch Videospiele in erster Linie wettbewerbsmäßig sieht, kann sich so leicht über das vermeintlich enorme Ausmaß an Gewaltdarstellungen in "Battlefield 1" und deren jugendfreier Erlaubnis in Deutschland wundern oder aufregen (ähnlich wie dass bei CS seit Jahren profimäßig als "störend" Gewaltdarstellungen, irritierend oder unangemessen empfunden, regelmäßig schon abgeschaltet wurden) - die Frage ob etwas "nötig" sei zieht seit jeher weite Kreise -, aber mag verkennen dass es sich dabei mitunter um nichts anderes als simplen Theaterdonner handelt der eigentlich mit nichts vergleichbar ist was früher im Medium stattdessen üblich war.

Als Zeitzeuge der Neunziger und frühen Nullerjahre halte ich die heutige Videospiellandschaft bei den Titeln welche der USK gar auch nur vorgelegt werden würden für mit damals überhaupt nicht mehr vergleichbar: bloß wie schon in den Nullerjahren keine großen Hollywoodfilme mehr indiziert wurden, betrifft das seit den Zehnerjahren jetzt nur halt auch Videospiele. Und dass ältere Medien (trotzdem) gestrichen werden, hat so ebenfalls weniger mit Tendenzen einer liberaleren Gesellschaft zu tun, als eher technische Gründe.
Ansonsten hängt alles mit der Globalisierung, Digitalisierung und allgemeinen Verbreiterung des Mediums zusammen.

-

1. Du sagst es ja selbst: wenn Kreative schon beratet werden, kann das keine Liberalisierung mehr nach sich ziehen, sondern wird sich schon im Entstehungsprozess eines Titels, also eigentlich bereits in der Vorproduktion, an gewisse Vorgaben und Richtlinien diesbezüglich gehalten werden. Früher gab es vielleicht "nur" die "Schere im Kopf" während eines Entwicklungsprozesses, heute entscheidet diese darüber was für eine Idee grünes Licht bekommt und welcher Prozess in Gang gesetzt (überhaupt erst eingeleitet) wird.
Das Ergebnis ist, dass bestimmte Franchises wie "Manhunt" bei Rockstar, "Condemned" bei SEGA, oder ein "Soldier of Fortune" neu aufgelegt, heute einfach undenkbar sind. Die Probleme in der Produktion von "Dead Island 2" sprechen für sich, was bei "Dead Rising 4" ästhetisch geändert wurde auch, usw. usf.
Wir haben zuletzt ja bei "Agony" gesehen, dass Publisher Inhalte binden - erst im Eigenverlag kann sozusagen mitunter später erst entschieden werden - entweder als PR-Maßnahme oder aus ethischen Gründen - was ursprünglich eigentlich erwünscht gewesen ist. Der lukrativ empfundene "Unrated"-Anreiz im Videobereich von früher (gegenüber den Beschränkungen von Kinofilmen in den USA) lässt fragwürdig grüßen.

2. müsste, relativistisch betrachtet, statistisch erstmal berücksichtigt werden, ob überhaupt noch viele Vertreter eines für hohe Freigaben/Verweigerungen relevanten Genres in einem "verbotsarmen" Jahrgang erschienen sind, oder ob es nicht mehr Neuauflagen (von Remaster bis Remakes) waren. Videospiele sind als einzelne Produkte durchaus schon ein paar Jahre parallel zur "Liberalisierung" gefährdet, und dann spielt da auch die Psychologie der Neuveröffentlichung am Markt wohl eine Rolle: Publisher werden erst aktiv werden, wenn es um Listenstreichungen, eine Revision von Freigaben etc. geht, wenn sich Produktionen einzeln länger, oder wieder neu aufgelegt, am (deutschen) Markt halten - wieder - möglich werden sollen.

3.: im Rahmen von Videospiele als Service (Dienstleistung) sind deutliche ästhetische Änderungen eingetreten. Und für die USA anvisiert, immer noch der Maßstab im Westen, wird dabei seit "Destiny" 2014 das Teen-Rating. Siehe letztes Jahr mit "Fortnite" - es handelt sich um den Versuch mittels Abstraktion, oder der Verwendung eines wohltuenden Comic-Looks, Gewaltdarstellungen ihr Schwergewicht zu nehmen. Bei "Fortnite" hat das in Deutschland erstmals sogar dazu geführt, dass die USK (ohne den Battle Royale-Modus) eine Freigabe für Kinder vergab. Der Minecraftisierung sei Dank.
Und Nintendo ist es diesbezüglich einerseits mit "Splatoon" gelungen eine Shooter-Franchise zu entwerfen, die sogar als "gewaltfrei" gilt. Andererseits können selbst Freigaben für "Doom" (2016) und nachträglich "Mortal Kombat X" in Deutschland, oder die "Gears of War"-Franchise, unter inhaltlichen und ästhetischen Gesichtspunkten in diese Richtung gesehen werden: Hauptsache ist nämlich, dass Spiele eine Distanz zur Lebenswirklichkeit der Spielenden aufweisen, dass Gewalt über ihren funktionalen Gebrauch des "Besiegens" aus dem Spiel bleibt, keine Alltagsgegenstände übermäßig zu Waffen umfunktioniert werden etc. Der Trend ist für mich einfach nicht von der Hand zu weisen und dauert an: beim zukünftigen "Underworld Ascendant" etwa, oder sogar "Secret of Mana" heuer, das ich von der Virtual Console ganz anders in Erinnerung habe - ein Warren Spector arbeitet schon seit "Epic Mickey" vielen Jahren daran.

Schließlich viertens: für einen Journalismus relevant ist heute nur eher was Gewaltdarstellungen repräsentieren, nicht dass sie vorhanden sind. Zynisch formuliert könnte deshalb behauptet werden, dass dieser nur insofern "differenziert": die Wahrnehmung von Gewalt in Videospielen selbst hat sich keineswegs geändert - im Gegenteil. Mehr denn je wird sie affirmativ interpretiert, für "dafür" gehalten wenn dem "gegen" das sie steht, zugestimmt wird. Etwa dem Feindbild der Nazis in den jüngsten "Wolfenstein"-Spielen (ohne Multiplayer und obligatorisch spielbarer Nazi-Seite), oder wenn Figuren - so wie etwa in "Overwatch" - sehr zu Identifikationszwecken taugen, ganz dafür designt wurden (darauf zugeschnitten sind), wie überhaupt das ganze Brimborium um "Helden" in heutigen Spielen zeigt. Jegliche Fiktion kann so nur das Nachsehen haben, in ein Hintertreffen gelangen.

-

Gleichzeitig können aber auch völlig distanzierte und relativ abstrahierte Titel, wie unlängst die Paradox-Strategiespiele bei Christian Huberts, als (naheliegende) Vorliebe von Neonazis hingestellt werden, weil sie keine entsprechenden "Werte" aufweisen, keine als couragiert empfundene, politische Haltung, und die verbrecherische Dimension von Politik und Militär eher ausblenden. Die ziemlich polemischen und im Grunde auf nichts anderes als die eigenen Biographien zurückführbaren Ideologien um den Kulturbegriff eines im deutschsprachigen Raum ungetrübt populären Adorno, oder der Fantasiebegriff eines Theweleit, die grundlegende Ablehnung von Militaria (normale Warhammer-Figuren mal ausgenommen, aber schon angefangen bei 40K), sind im heutigen Deutschland politisch mehr denn je präsent: sie mögen insgeheim schon die frühere "Killerspiel"-"Debatte" antikapitalistisch und antichauvinistisch bestimmt und begleitet haben, aber sie tun es bei der heutigen Empörung um Gender und Ismen auf jeden Fall umso mehr.
Geändert haben sich dabei eher nur die PR-Maßnahmen. Und mindestens ebenso stellt sich diese Frage grundsätzlich in einer (westlichen) Welt, in der es medial und breitenwirksam darum geht sich selbst, die eigene Clique/Gruppe (Gesinnungsgemeinschaft) für besser als die andere (die Andersdenkenden) zu halten. Sowie ob in einer solchen Welt überhaupt eine Liberalisierung (dann, wenn das wirklich so sein sollte) noch möglich ist.
Statt "Killerspiele" wertkonservativ zu verdammen, wird heutzutage zum Beispiel nur von "ludonarrativer Dissonanz" gesprochen - Dissonanz anders als noch bei der Musik von Adorno positiv, hier stark negativ konnotiert, also eher so wie bei der Ablehnung von Widerspruch im (späteren) Honecker-Staat (bei Late Ulbricht, zum DEFA-Kahlschlag 1965) - konstruktiver macht es diese Form der "Kritik" trotzdem nicht, nur weil man selbst nicht für "Verbote" eintritt, oder ein "Call of Juarez - The Cartel" mit seinen unliebsamen Stereotypen und Klischees als sexistisch und rassistisch galt, aber nicht mehr unbedingt zum nächsten Amoklauf führt - weil dieselben Leute vielleicht gleichzeitig einer "Ellie" in "The Last of Us" bei ihren Gewalthandlungen applaudieren, das für "besser" halten. Entsprechende Vorbilder aus dem Fernsehen ("Game of Thrones", "The Walking Dead", "The End of the F***king World") inklusive: wenn es selbst für den US-Vizepräsidenten 2016 aus sexuellen und/oder "moralischen" Gründen hipp und angesagt war, über pubertäre Highschool-Gewalt statt zivilisierter Debatte zu fantasieren https://www.youtube.com/watch?v=ZOKwgtEiLpo
Eine US-Richterin unlängst im Gerichtssaal bei ihrer Urteilverkündung (!) über Massenvergewaltigungen an dem beschuldigten Sporttrainer fantasierte, dafür von der "liberalen", englischsprachigen Weltpresse (vom britischen "Guardian" abwärts) sogar zum Vorbild (und modisch zu einer Stilikone obendrein) erklärt worden war - soviel ganz nebenbei zu tatsächlicher Liberalität: gemeint ist etwa bei der "ludonarrativen Dissonanz" vielfach eine Differenz zwischen Anspruch und Ausdruck, wobei der gezeigte Ausdruck (als angeblich positiv gemeint, als zu "bejahen" interpretiert) eben nicht akzeptiert wird. Immer noch nicht.
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Re: 2. Auflage: Dissertation

Beitragvon marcymarc » Fr 27. Jul 2018, 00:33

Die Spruchpraxis der USK und der BPjM zeigt deutlich eine Liberalisierung, das ist aber eher dem Verschiebungseffekt ("moving goal post" in Bezug auf Gefährdungslage) geschuldet, als unbedingt der Zusammensetzung der Gremien. Sicher, die hat auch einen Einfluss aber insgesamt sind die beiden Rating-Organisationen schon daran interessiert einigermaßen verlässliche Einschätzungen zu geben, daher die Orientierung an vergangenen Entscheidungen. Mir gegenüber wurde ja auch bestätigt, dass die Indizierungsfrist vor dem Hintergrund geänderter Medienrealitäten eindeutig zu lang ist und der Gesetzgeber da auch hinter kommen würde, weil das vor Gericht (bei Gesetzesänderung) alleine schon wegen der Unverhältnismäßigkeit angreifbar würde. Sofern ich weiß wurde das Gesetz auch nie evaluiert, wie so viele andere auch nicht.


Ich sehe auch gerade dass sich vom Handy aus viele Fehler eingeschlichen haben -.-
Also in der Uni nutze ich Citavi, hat ne Word- und LAteX-Schnittstelle für das Einfügen von Zitaten, Fußnoten und anderen Belegen. Man kann Quellen verschlagworten, Kategorisieren und so schneller auffindbar machen.

Zur Einschätzungsprärogative (EP): Das ist ja das Paradox, dass sich der Gesetzgeber nach wie vor hinter einer (angeblich) uneindeutigen Forschungslage zur Medienwirkungsforschung "versteckt". Alleine die o.a. Änderung der Spruchpraxen zeigt aber ganz gut, dass in diesem Fall die EP überreizt, wenn nicht sogar missbräuchlich ins Feld geführt wird. Was ich meinte war, man könnte die Instanzen, bei denen die EP genutzt wird (in Urteilen, Gesetzesbegründungen, etc.) mal den geänderten Realitäten und Medien-(Nutzungs-)Realitäten untersuchen. Wenn gesagt wurde, River Raid sei sozialschädlich, wie kann sich das innerhalb einer Generation so schnell geändert haben? Geht damit die Erfüllung damals heraufbeschworener Horror-Szenarien einer militanten Jugend einher und wenn nicht, reicht das um die EP in Frage zu stellen?

Ich bin mir gerade nicht sicher, von welchen Entschlagnahmungen wir überhaupt Begründungen erhalten haben.

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Re: 2. Auflage: Dissertation

Beitragvon Vicarocha » Fr 27. Jul 2018, 03:09

@ Pyri:

Ich stimme zu. :)
Hatte durchaus auch überlegt, solche Aspekte mit aufzunehmen, dann wird die Kritik aber breiter gefächert, als ich es (hinsichtlich des Arbeitspensums) noch verantworten kann. Wenn die juristischen Hürden etc. dekonstruiert sind, dann verpuffen idiosynkratische Indignationen und das allseitige Naserümpfen im Nimbus der Meinungsvielfalt.... hoffentlich.

marcymarc hat geschrieben:Die Spruchpraxis der USK und der BPjM zeigt deutlich eine Liberalisierung, das ist aber eher dem Verschiebungseffekt ("moving goal post" in Bezug auf Gefährdungslage) geschuldet, als unbedingt der Zusammensetzung der Gremien. Sicher, die hat auch einen Einfluss aber insgesamt sind die beiden Rating-Organisationen schon daran interessiert einigermaßen verlässliche Einschätzungen zu geben, daher die Orientierung an vergangenen Entscheidungen.

Da würde ich entschieden widersprechen wollen: Die Indizierungsmaßnahme hat aufgrund ihrer Opazität in all den Jahrzehnten noch keine Rechtssicherheit entfalten können, ganz im Gegenteil erscheinen die Indizierungen geradezu willkürlich - war eine der zentralen Thesen meiner Diss. und neben dem Problem, dass die Indizizierungsmaßnahme nicht mit dem Forschungsstand zur Wirkung entsprechender Medien legitimiert werden kann (auch schon, weil die Prämissen falsch sind), einer der Hauptpunkte des Anstoßes. Und ich würde auch behaupten, dass dies - mehr oder weniger - gewollt ist; je opaker die Indizierungskriterien, desto größer die Schere im Kopf der Betroffenen.

Das Hauptproblem der Indizierungsmaßnahme ist die Existenz dieses Instruments. Aber darum soll es ja gar nicht gehen in der Neuauflage, die Grundaussage bleibt ja unangetastet.... neue Perspektiven sind aber gerne gesehen. :)


Mir gegenüber wurde ja auch bestätigt, dass die Indizierungsfrist vor dem Hintergrund geänderter Medienrealitäten eindeutig zu lang ist und der Gesetzgeber da auch hinter kommen würde, weil das vor Gericht (bei Gesetzesänderung) alleine schon wegen der Unverhältnismäßigkeit angreifbar würde. Sofern ich weiß wurde das Gesetz auch nie evaluiert, wie so viele andere auch nicht.

Das Hans-Bredow-Insistutut hat damals zumindest das Jugendmedienschutzsystem insg. evaluiert - tatsächlich war die Evaluation des neuen JuSchG bei seinem Inkrafttreten ja auch fest eingeplant; einer der vielen Gründe, warum ich die Initiative des KFN den Jugendmedienschutz nach Beauftragung durch das niedrsächsische Innenministerium evaluieren zu wollen damals kritisiert habe. Den Problemen beider Evaluationen habe ich mich in der Diss. gewidmet.

Ich glaube aber nicht, dass hier die Indizierungsfristen (du meinst die Mindestverweildauer auf dem index?) nach Auffassung der herrschenden Meinung als unverhältnismäßig angreifbar wären,, da man hier ja argumentiert, dass der Medienhabitus von Kindern und Jugendlichen nicht innerhalb ein und derselben Generation ändert, sondern frühestens mit der nächsten... da setzen die Probleme mit der Verhältnismäßigkeit m.E. ganz woanders an. ;(

Ich bin mir gerade nicht sicher, von welchen Entschlagnahmungen wir überhaupt Begründungen erhalten haben.

Naja, auf Anfrage bei den entsprechenden Gerichten sollte man die schon kriegen. Früher konnte man bei Technolex und Co. gut fündig werden, hat sich aber doch etwas geändert (zumidnest ist jetzt irgendwie überall alles kostenpflichtig). Möglicherweise sollte ich mal bei den entsprechenden Rechteinhabern (z.B. Turbine) nachfragen, die haben auch sicherlich ein Interesse an einer Generalkritik an § 131 StGB und Co., sollten sich also kooperativ zeigen. ;)
"In the beginning there was violence. Cain slew his own brother Abel according to Genesis and he didn't even have a video tape recorder."
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Re: 2. Auflage: Dissertation

Beitragvon Pyri » Fr 27. Jul 2018, 15:31

marcymarc hat geschrieben:Zur Einschätzungsprärogative (EP): Das ist ja das Paradox, dass sich der Gesetzgeber nach wie vor hinter einer (angeblich) uneindeutigen Forschungslage zur Medienwirkungsforschung "versteckt". Alleine die o.a. Änderung der Spruchpraxen zeigt aber ganz gut, dass in diesem Fall die EP überreizt, wenn nicht sogar missbräuchlich ins Feld geführt wird. Was ich meinte war, man könnte die Instanzen, bei denen die EP genutzt wird (in Urteilen, Gesetzesbegründungen, etc.) mal den geänderten Realitäten und Medien-(Nutzungs-)Realitäten untersuchen. Wenn gesagt wurde, River Raid sei sozialschädlich, wie kann sich das innerhalb einer Generation so schnell geändert haben? Geht damit die Erfüllung damals heraufbeschworener Horror-Szenarien einer militanten Jugend einher und wenn nicht, reicht das um die EP in Frage zu stellen?

Diese EP kann doch kein Problem sein - sie ist in der Form wie sie seit jeher vorgebracht wird doch sowieso nur ein Platzhalter, mangels eindeutigerer Alternativen. Unter diesem Eindruck einer Vorsichtsmaßnahme steht schließlich sämtlicher Jugendmedienschutz, überall auf der Welt. Worauf sonst sollte dieser in Hinblick auf negativ gedachte "Gefahren", und/oder eine angenommene "Schädlichkeit" von Inhalten, auch basieren?
Und wenn jetzt mehr und mehr Untersuchungen auf den Trichter gekommen sind, dass die Korrelation zwischen medialen Gewaltdarstellungen und realer Gewalt nicht signifkant ist, wird das längerfristig auch keinen Einfluss auf die Existenz von Kennzeichnungen etc. haben, ich glaube das wurde da nicht bedacht... Es geht ja nicht nur um die hohen Freigaben, sondern auch um die niedrigen - zwischen etwa USK-0 und USK-6 bei "Super Mario" und Co., mit denen ich mich in den letzten Jahren ehrlich gesagt auch wesentlich mehr beschäftigt habe -, und ist eine Frage von gesellschaftlichem Konsens ob Kinder und Jugendliche vor derlei Inhalten (trotzdem) geschützt werden sollen, Eltern darauf aufmerksam werden sollten usw. Das ist schlicht eine Wertfrage.
Bei "River Raid" kann es kaum um eine veränderte "Medienrealität" gehen, wenn damit etwa Ähnliches verglichen werden soll - anders als beim Medium Realfilm. Vielmehr wird der technische Fortschritt gemeint sein, ob das Wasser, ein Kriegsszenario überhaupt noch als solches erkannt wird, die Frage ob sich bewegende Blöcke auf einem Bildschirm ästhetisch überhaupt noch als Militärgeräte wahrgenommen werden, etc. Die gegenteilige Änderung von "jugendgefährdend" zu jugendfrei (sogar ohne Altersbeschränkung) ist afaik in dem Fall ja jetzt schon zehn Jahre her. Ob eine Generation mikrosoziologisch zwei Jahre andauert, oder im Makro-Bereich da offenbar von 30 Jahren ausgegangen wird?
Was ich schon feststelle, und dahingehend schränke ich das was ich vorgestern schrieb noch etwas ein, ist, dass weniger strafrechtliche Relevanz mehr festgestellt wird, einmal festgestellte mehr revidiert wird - am "Index" mehr von B nach A umgelagert wurde. Sowohl bei Videospielen, als auch im Filmbereich. Da stelle ich schon positiv eine größere Sensibilisierung fest. Ansonsten finde ich die Akzeptanz von Begriffen wie "gewaltbeherrscht" oder "jugendbeeinträchtigend" immer noch schwieriger.
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Re: 2. Auflage: Dissertation

Beitragvon marcymarc » Fr 27. Jul 2018, 23:10

Naja für bestimmte Altersgruppen lässt sich eine Mediengewaltwirkungsforschung gar nicht anstrengen, weil es aufgrund der Einschätzungsprärogative (übrigens hier mehr der Eltern) unmoralisch wäre, die Versuche durchzuführen. Ich bin schon der Meinung, dass das Alter ne eindeutige Rolle in der Dauer der Nachwirkung von Bildern und Motiven spielt, aber ich gehe ohne Begleiterscheinungen sozialer Art nicht von Dauerschädigung aus. Ich bin aber auch kein Kinderpsychologe. Ich kann nur mit empirischen (Laien-)Wissen und Erfahrung mit Spielen und Jugendlichen ab 12 Jahren (meine eigene Erfahrung) aufwarten. Insofern halte ich Jugendschutz nach wie vor für sinnvoll, aber eben gerade nicht auf Kosten der Erwachsenenunterhaltung oder der Kunstschaffenden mit erzwungener Selbstzensur.

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Re: 2. Auflage: Dissertation

Beitragvon Patrik » So 29. Jul 2018, 07:52

Zur EP: Wichtig sind ja nicht nur die Wahrschenlichkeiten, richtig oder falsch zu liegen, sondern ganz besonders auch die Kosten der beiden Optionen. So halte ich es als Vater für sehr vertretbar, meinem Kind noch einige Zeit (vielleicht bis zur Vorschule) keine Videospiele zugänglich zu machen. Im besten Fall wäre es vermutlich unterhalten, im schlechtesten nimmt es aktuell Zeit für die motorische Entwicklung, die noch einfacher als später ist. (Für das Argument brauche ich keine Gewaltdarstellung.) Wie sich das im Laufe des Kindsalters ändert, kann ich noch nicht einschätzen. Wichtiges Kriterium ist erst einmal, ob ich das Gefühl habe, dass mein Kind einem Spiel inhaltlich folgen kann.
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