bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Falschdarstellungen und Vorurteile
Vicarocha
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bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Di 15. Okt 2019, 17:47

Halli miteinander,

wie der ein oder andere mitbekommen haben mag, habe ich mich auf einen call for papers des bpb gemeldet und wurde engagiert, einen Artikel zum Thema "Aggressiv durch Mediengewalt? Stand und Probleme der Computerspielgewaltwirkungsforschung" für ein Online-Dossier über Computerspiele zu verfassen. Angesichts der Ereignisse der letzten Tage passt das zeitlich ja ganz gut.

Der Artikel ist mittlerweile fertig und im Grunde eine aktualisierte Kurzfassung der entsprechenden Ausführungen in meiner Diss. (in der Zweitauflage immerhin ca. 120 DIN A4-Seiten, TNR, Schriftgröße 12, 1 1/2-facher Zeilenabstand...). Der Artikel wird gerade noch von mir etwas gekürzt (sind aktuell ca. 15-16 DIN A4-Seiten, TNR, Schriftgröße 8, 1 1/2-facher Zeilenabstand...) und dann geht die Sache zum bpb.

Vorgabe war auch, ein Titelbild und mindestens ein weiteres Bild in den Artikel zu integrieren... und jetzt suche ich Bildmaterial. Da ich selbst nicht über gute Aufnahmemöglichkeiten und -kompetenzen verfüge, kommt ihr ins Spiel:

Bild 1: Ich brauche ein Titelbild unter dem Teaser zum Artikel... ich hatte shcon an Seehofer und Herrmann Arm in Arm gedacht. ;-) Es muss sollte aussagekräftig sein und Lust auf den Artikel machen.

Bild 2: Ein Bild soll "Gewaltakte" in "Super Mario Bros." (NES) und "Mortal Kombat 11" (PS4/Xbox One) gegenüberstellen, ob übereinander oder nebeneinander ist dabei egal. Ich bräuchte ein (a) Bild von dem Moment, wo Mario einem Gumba auf den Kopf springt und trifft oder vielleicht eines, wo einer der vielen Bosse in Lava fällt o.ä. und (b) ein Bild eines möglichst blutigen Fatality oder Brutality (wer gegen wen ist vollkommen egal). Das bild dient der Illustration der Bandbreite von virtueller Gewalt (die den Studien nach prrinzipiell identisch wirken soll).

Bild 3: Um die unbrauchbaren Spielepaarungen zu illustrieren, die in der empirischen Forschung zum Vergleich violenter und nicht-violenter Spiele genutzt werden, möchte ich auf Cicchirillo & Chory-Assad (2005) verweisen und eine Szene aus "Grand Theft Auto: Vice City" (ob violent oder nicht, ist eigtl. egal) vs. Tetris Worlds gegenüberstellen. Welche Plattform genutzt wird, ist egal, am besten die gleiche für beide.

Das vierte Bilderpaaar habe ich bereits selbst integriert.

Die Bilder sollten entweder frei nutzbar sein oder - und das ist, worum es eigtl. geht - von euch selbst angefertigt worden sein. Hat jmd. die Spiele und kann entsprechende Screenshots anfertigen?

Besten Dank! :)
"In the beginning there was violence. Cain slew his own brother Abel according to Genesis and he didn't even have a video tape recorder."
~ Gunnel ARRBÄCK

ShaneFenton
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von ShaneFenton » Di 15. Okt 2019, 19:14

Hi ! Just did googletrad your message, glad you'll be published soon. I can't really help you for the pictures, but the mention of Super Mario reminds me that in 1993, a French national newspaper blamed Super Mario for a hostage crisis : https://www.gamingsince198x.fr/wp-conte ... mario1.jpg
Excerpts (translated) hat geschrieben: “… Die Geiselnahme der Vorschule in Neuilly-sur-Seine ist aus zwei Gründen völlig neuartig. Zum einen gibt es keinen Präzedenzfall in den Annalen des französischen Schulwesens, und zum anderen könnte der Fall das erste dramatische Eindringen der Welt der Videospiele in die Wirklichkeit sein. Das psychologische Profil des Geiselnehmers, so wie es von den Verantworlichen der Kriminalpolizei beschrieben wird, scheint wahrhaftig das seines Suechtigen von “Super Mario”, Megamania, Zelda und anderen Spielen zu sein. Diese “Videospiele” sind aktuell der Renner und faszinieren sowohl Kinder als auch Erwachsene.”

“… Wir haben es mit einer sehr verwirrten Person zu tun, die aber gleichzeitig sehr intelligent ist. Einer Art Computer-Wahnsinnigen, der zweifellos seine Tat nach den Prinzipien der Rollenspiele entworfen hat. »

“… Wie in Rollenspielen sprechen die Teilnehmer in einer Geheimsprache. Sie bedeutet, dass sie dem von einem Geiselnehmer vorgeschriebenen Schema entsprechen. Wie in “Super Mario 2” schützt sich der Täter bei seinem Plan durch “Leben” – die der Kinder – und “Superkräfte” – die seiner Sprengkörper – und versucht, Goldstücke zu gewinnen.”

Vicarocha
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Di 14. Apr 2020, 13:47

Sooo, wenn kein Wunder geschieht, gibt das mit dem Artikel nichts.
Corona sei dank schreibe ich euch jetzt sehr, sehr, sehr viel. Es muss einfach mal raus!

Ich könnte soooo kotzen:
Die Frage, der ich dabei nachgehen wollte, war natürlich, ob gewaltdarstellende Computerspiele aggressiv machen oder gar zu gewalttätigem
Verhalten führen. In meinem Exposee habe ich dazu ausgeführt:
Dabei werden im Beitrag selbst (basierend auf einer aktualisierten Fassung meiner Dissertation) zunächst (1) die gängigen Mediengewaltwirkungstheorien und -modelle (Desensibilisierungshypothese, Lerntheorie, General Aggression Model etc.) hinsichtlich ihres Aussagegehalts und ihrer evidenten konzeptionellen Probleme sowie (2) die zentralen Fragestellungen der Disziplin hinsichtlich ihrer Plausibilität dargestellt. Darauf folgt eine Befassung mit den tatsächlichen Inhalten der quantitativen Computerspielgewaltwirkungsforschung, d. h. (3) eine Darstellung des generell üblichen Studiendesigns innerhalb der Disziplin auch anhand praktischer Beispiele, namentlich eine Darstellung der gängigen Methoden zur Operationalisierung von Computerspielgewaltexposition und -stimulus (unabhängige Variable) und (4) der Mediengewaltwirkungen (abhängige Variable). Überblicksartig werden sodann (5) die Befunde der einschlägigen Metaanalysen dargestellt, um (6) der Frage nach der praktischen Relevanz der Mediengewaltwirkungen nachzugehen, so dass (7) die Frage beantwortet werden kann, ob Gewalt darstellenden Computerspielen tatsächlich eine aggressions- resp. gewaltfördernde Wirkung attestiert werden kann. Diese Frage kann im Rahmen des Beitrages
begründet verneint werden.
Mit Ausstellung des Vertrages wurde diesem Vorhaben zugestimmt, ja im Vertrag selbst steht noch eindeutig, dass mein Artikel auf Grundlage des eingereichten Exposees zu erfolgen hat.

Nachdem ich meinen Auftragsartikel schon im Oktober eingereicht habe (womit ich der erste war...), bekam ich erst letzte Woche eine Rückmeldung. Ich solle den Artikel massiv überarbeiten, denn er sei zu lang (im Vertrag stehen bis zu 18000 Zeichen, mit dem für mich zuständigen Sachbearbeiter hatte ich daraufhin aber eine nach oben nicht definierte Grenze ausgemacht...), habe zu viele "Fremdwörter" und ungeklärte Abkürzungen etc., außerdem richte er sich deshalb nicht an die interessierte Öffentlichkeit.

Ich hatte den Artikel also in einem 13-14 Stündigen non-stop Schreibmarathon geändert, von ca. 60.000 auf 30.000 Zeichen (neue Höchstgrenze) gekürzt, Sätze vereinfacht, zurechtgestutzt und von "Fremdwörtern" etc. bereinigt, Abkürzungen herausgenommen usw.

Der Fokus blieb natürlich der gleiche: Eine Darstellung des Forschungsstands mit all seinen Problemen, auf das Basale hinuntergekürzt. Also eine Darstellung der problematischen Messung des Mediengewaltkonsums, der ebenso problematischen Vergleiche von gewaltdarstellenden mit nicht gewaltdarstellenden Spielen in Experimentalstudien, die fragwürdigen Messungen von Erregungen, negativer Emotionen, Desensibilisierungen, aggressiver Gedanken und aggressiven Verhaltens in den einschlägigen Studien und ein abschließendes Reümee mit Blick auf Metaanalysen und die praktische Relevanz der Forschungsergebnisse. Alles so, wie es im Exposee angekündigt wurde und so, dass es für Laien nachvollziehbar sein soll.

Dann kam die nächste Änderungs... "bitte": Ich solle doch den Teil zur Forschungsmethodik rausnehmen (also 13 von 16 Seiten...) und den Teil zu den Wirkungstheorien, den ich herausgenommen hatte, wieder einfügen, denn die wären ja zentral gewesen und wären der Beantwortung der Frage dienlich.

Spoiler: Sind sie nicht... Wenn ich nun aber den ganzen Methodikteil entferne und nur die paar Wirkungsthesen darstelle, dann nähern wir uns einer Antwort auf diese in meinem Exposee, der Überschrift und der Einleitung in meinen Artikel gestellten Frage nicht wirklich (es wäre ein Artikel zur Vorstellung einiger Mediengewaltwirkungstheorien mit – m.E. – fraglichem Mehrwert). Die Wirkungstheorien sind für die eigentliche Frage nach der Wirkung von Mediengewalt eben nicht von zentralem Interesse, ja sie liefern keine Antworten auf diese (außer wenn ich dazu überginge, die Stärken und Schwächen der Theorien herauszuarbeiten, was ich mir für das Publikum aber als ungleich uninteressanter vorstelle). Jede Theorie ist vollkommen belanglos, wenn sie empirisch nicht untermauert ist – und das sind diese Theorien nicht. Ich könnte deshalb ohne Methodikteil wieder gar nicht darlegen, welche Theorie sich wissenschaftlich mehrheitlich durchgesetzt hat. Selten finden sich in den Studien konkrete Bezugnahmen auf konkrete Theorien, eben auch, weil sich dessen Elemente forschungsmethodologisch nicht belegen lassen. Eben weil dieser Teil rein illustrativ und nicht zentral war, war dies das erste, was ich bei der Überarbeitung entfernte. Es geht uns doch um die Wirkung – handfeste Wirkung – von Gewalt in Spielen, nicht darum, was irgendwer, irgendwann dazu theoretisiert hat? Das wäre dann doch ein viel akademischerer Diskurs, oder?

Das habe ich dem Auftraggeber auch mal kommuniziert.

Das Problem ist ja das Folgende: Wenn einmal einschlägige Studien in den Fokus der Medien geraten, dann scheint es so, als ob Journalisten maximal die Abstracts der Studien lesen, diese für bare Münze nehmen und als gesicherte Fakten dem Publikum präsentieren; z.B. gewaltarstellende Spiele machen aggressiv / machen nicht aggressiv. Da entsteht z.T. ein regelrechtes Tennisspiel zwischen beiden Positionen mit Einzelstudien u.ä., so dass niemand hinterher schlauer ist. Oder es wird behauptet, die Forschung zeige dies und jenes – was oft bestenfalls bis zur Verzerrung unpräzise oder nachweisbar falsch ist, wenn man sich in der Materie auskennt. Ein Problem, dem wir übrigens auch bei Wissenschaftlern in der Disziplin regelmäßig begegnen. Mein Ansinnen war und ist es nun, auch Laien nachvollziehbar darzustellen, was die Forschung zu dieser Frage eigentlich konkret sagen kann. Ich ging nach Akzeptanz meines Exposees und Erhalt des Vertrages davon aus, dass auch genau dies mein Arbeitsauftrag ist. Und ja, das möchte ich auch tatsächlich ohne jede Fachsimpelei aus dem Elfenbeiturm heraus machen, so allgemeinverständlich wie möglich.

Aber das geht halt nur auf diese Art und Weise, wenn ich nicht das machen will, was ich anderen vorwerfe: Behauptungen in den Äther blähen...

Ganz abgesehen davon finde ich übrigens den Ton, der mir da in den E-Mails entgegenschlägt, recht despektierlich...

Ja... wenn ich bedenke, was ich da so an Arbeit in den Artikel gesteckt habe und was das theoretisch für den Stundenlohn bedeutet, bin ich da ohnehin weeeit unter dem Mindestlohn mittlerweile, wenn ich überhaupt noch was anderes als 'ne 0 vor dem Komma stehen habe. Wenn ich den Stundenlohn ansetzen würde, den ich tatsächlich in meinem "real life"-Beruf bekomme, dann müssten die mir jetzt eh was jenseits der 4000 € zahlen.

Aber ich habe den Vertrag ja nicht des Geldes wegen unterschrieben, sondern weil ich wirklich Informations-/Aufklärungsarbeit leisten möchte, weil auch die BPB selbst in der Vergangenheit Artikel zum Thema rausgehauen hat, die grauenerregend waren (ein ganz, ganz shclimmes Teil z.B. von Ingrid Möller, die wohl mit am wenigsten von allen möglichen Autoren qualifiziert ist). Wobei der Artikel ja anscheinend für spielbar.de ist, nicht die BPB-Hauptseite selbst. Wird aus dem Vertrag so nicht ersichtlich.

Auf meine letzte überarbeitete Fassung, unter die ich noch ruhigen Gewissens meinen Otto setzen kann, kam erst heute eine Reaktion (mehr dazu unten). Meine bessere Hälfte meinte schon zu mir, dass sie sich gut vorstellen könnte, dass dennen da irgendetwas politisch/ideologisch nicht an meinem Artikel passt - immerhin zerlege ich einfach mal so die Grundlage des Jugendmedienschutzes hierzulande - und die deshalb jetzt etwas suchen, dass sie den Artikel nicht nehmen müssen. Tatsächlich sind die Änderungsforderungen absurd und zeugen davon, dass das ganze da recht planlos verläuft.

Ein paar Beispiele:

Nummer1:
In der vorletzten Mail wurde dann geschrieben: "In der Zusammenfassung könnten Sie dann die Implikationen für den pädagogischen Umgang mit Mediengewalt skizzieren." Nun bin ich aber kein Medienpädagoge, war das weder im Call for Papers, den Vorabsprachen oder dem Vertrag verlangt, noch habe ich mit irgendeinem Wort in meinem Exposee angedeutet, auch nur ansatzweise etwas in die Richtung machen zu wollen. Darauf habe ich den Herrn dann hingewiesen. Daraufhin die Antwort: "Ich verstehe, dass Sie sich nicht als Medienpädagoge begreifen. Ich halte es bei genauerer Betrachtung auch gar nicht für nötig, dass Sie Eltern handfeste Ratschläge mit auf den Weg geben. Das würde auch nicht der Ausrichtung des Dossiers entsprechen."

Nummer 2:
Ihm gefiel eine - aus den vorangegangenen Erläuterungen eigtl. logisch hervorgehende - Schlussfolgerung in meinem Artikel nicht: "So wird Gewalt oft nicht als komplexes Phänomen diverser Typen, Formen, Dimensionen, Sinnstrukturen, Dynamiken und Kontexte realisiert, sondern dank fehlender begrifflicher Unterscheidung kaum plausibel nahegelegt, Gewalt unterschiedlichster Art in Spielen wie SUPER MARIO BROS. bis MORTAL KOMBAT wirke prinzipiell identisch, unterscheide sich höchstens in der Wirkungsintensität.“ So meine Aussage. Seine Anmerkung: "Da es nicht plausibel wirkt, Mortal Kombat und Super Mario Bros. bezüglich der Gewaltinhalte gleichzusetzen, wäre hier eine Quelle dringend nötig, also die entsprechende Studie." Ja... darum geht es doch, dass es nicht plausibel ist. WTF? Ich habe die Aussage daraufhin in einem Quellenbeleg mit Studien zugeschüttet, in denen von Zaxxon bis Lamers schon alles als 'Gewaltspiel' definiert wurde... was aber nicht nötig war, weil der Satz 'ne logische Schlussfolgerung des vorangehenden Textes war.

Nummer 3:
Ich hatte nach der ersten Überarbeitungsaufforderung folgende Frage gestellt: "Ich gehe zudem schon davon aus, dass ich mich an die interessierte Öffentlichkeit wende, nicht nur mit der generellen Fragestellung, sondern auch mit der Art und Weise, wie ich diese zu beantworten suche - nämlich transparent, allgemein nachvollziehbar und ohne unbegründete Behauptungen über den Stand der Forschung informierend. Das geht aber nicht ohne einen Blick auf die Methodologie in der Disziplin, die ja gerade unter methodischen Defiziten leidet. Könnten Sie dort eventuelles Verbesserungspotenzial kurz skizzieren?"

Daraufhin antwortete er: "Zur Frage der Kritik an der Methodologie der Fachdisziplin: Auch hier liegen Sie richtig, wenn Sie hier Kürzungspotenzial vermuten. Abschnitte wie: [Zusammenfassung und insb. Probleme der neurobiologischen Versuche, Desensibiliserung ggü. Gewalt zu Messen, als Detailinformation zum Unterkapitel zur Erforschung von Desensibiliserungswirkungen] … können Sie durchaus streichen. Das richtet sich ja eindeutig an die Fachdisziplin selbst." Der von ihm zitierte Teil war tatsächlich sehr in Detail gehend, sehr spezifisch. Er wurde entsprechend von mir entfernt und auch im restlichen Artikel bin ich so allgemein geblieben, wie irgend möglich. Ich habe ja oben erwähnt, wie massiv ich das Teil zusammengestutzt habe.

Nun, ich weiß ja nicht, wie ihr sein Zitat interpretiert, aber ich habe auch beruflich mit Semantik, Kohärenz und Kohesion etc. zu tun und deutete seine Aussage so, dass ich genau das machen soll. Als er dann meine überarbeitete Fassung erhielt war seine Reaktion: "Der Textschwerpunkt liegt fast noch deutlicher als zuvor auf der Forschungsmethodologie. Ich hatte Ihnen eigentlich klar mitgeteilt, dass dies nicht in unserem Sinne ist. Im Call for Papers und in der Beauftragung haben wir Sie ja ebenfalls darauf hingewiesen. Sie könnten beide verbliebenen Punkte aus der Welt schaffen, wenn Sie den gesamten Forschungsteil (von „Die Messung des Gewaltkonsums“ bis einschließlich „Weitere Probleme der Forschung“) vollständig streichen. Stattdessen könnten Sie den zuvor eigentlich sehr zentralen Part zu den Mediengewaltwirkungstheorien wieder reinnehmen, denn genau dieser Part ist für die eigentliche Frage nach der Wirkung von Mediengewalt von zentralem Interesse."
:suicide:

Spoiler: Nein, das steht nicht im Call for Papers (s. https://www.spielbar.de/node/149986) und auch nicht im entsprechenden Vertrag. Da steht etwas von "Textbeiträge in wissenschaftlicher Qualität [...] an die interessierte Öffentlichkeit" und entsprechende sprachliche Einschränkungen, aber NICHTS von thematischen Einschränkungen. Aber genau die, will der gute Mann ja wohl hier aufziehen...

Nummer 4:
Daraufhin habe ich ihm u.a. geantwortet:
[quote}Was den Fokus auf die Methodologie betrifft: Da scheinen wir tatsächlich aneinander vorbeigeschrieben zu haben. Ich schrieb Ihnen ja, dass meine Fragestellung "Machen gewaltdarstellende Computerspiele aggressiv oder führen sie gar zu gewalttätigem Verhalten?" ohne Blick auf die Methodologie definitiv nicht zu beantworten ist. Das Problem ist ja das Folgende: Wenn einmal einschlägige Studien in den Fokus der Medien geraten, dann scheint es so, als ob Journalisten maximal die Abstracts der Studien lesen, diese für bare Münze nehmen und als gesicherte Fakten dem Publikum präsentieren; z.B. gewaltarstellende Spiele machen aggressiv / machen nicht aggressiv. Da entsteht z.T. ein regelrechtes Tennisspiel zwischen beiden Positionen mit Einzelstudien u.ä., so dass niemand hinterher schlauer ist. Oder es wird behauptet, die Forschung zeige dies und jenes – was oft bestenfalls bis zur Verzerrung unpräzise oder nachweisbar falsch ist, wenn man sich in der Materie auskennt. Ein Problem, dem wir übrigens auch bei Wissenschaftlern in der Disziplin regelmäßig begegnen. Mein Ansinnen war und ist es nun, auch Laien nachvollziehbar darzustellen, was die Forschung zu dieser Frage eigentlich konkret sagen kann. Ich ging nach Akzeptanz meines Exposees und Erhalt des Vertrages davon aus, dass auch genau dies mein Arbeitsauftrag ist. Und ja, das möchte ich auch tatsächlich ohne jede Fachsimpelei aus dem Elfenbeiturm heraus machen, so allgemeinverständlich wie möglich.
[...]
Wenn ich nun aber den ganzen Methodikteil entferne und nur die paar Wirkungsthesen darstelle, dann nähern wir uns einer Antwort auf diese in meinem Exposee, der Überschrift und der Einleitung in meinen Artikel gestellten Frage nicht wirklich (es wäre ein Artikel zur Vorstellung einiger Mediengewaltwirkungstheorien mit – m.E. – fraglichem Mehrwert). Ich muss Ihnen da doch widersprechen, dass dieser Part für die eigentliche Frage nach der Wirkung von Mediengewalt von zentralem Interesse ist, ja er liefert keine Antworten auf diese (außer wenn ich dazu überginge, die Stärken und Schwächen der Theorien herauszuarbeiten, was ich mir für das Publikum aber als ungleich uninteressanter vorstelle). Jede Theorie ist vollkommen belanglos, wenn sie empirisch nicht untermauert ist – und das sind diese Theorien (mit ansatzweiser Ausnahme des Katalysatormodells) nicht (s. Methodikteil). Ich könnte deshalb ohne Methodikteil wieder gar nicht darlegen, welche Theorie sich wissenschaftlich mehrheitlich durchgesetzt hat.
[...]
Eben weil dieser Teil rein illustrativ und nicht zentral war, war dies das erste, wass ich bei der Überarbeitung entfernte. Es geht uns doch um die Wirkung – handfeste Wirkung – von Gewalt in Spielen, nicht darum, was irgendwer, irgendwann dazu theoretisiert hat? Das wäre dann doch ein viel akademischerer Diskurs, oder?[/quote]

Daraufhin er:
In der Rückmeldung zum Exposé hatten wir Sie übrigens noch einmal explizit darauf hingewiesen, dass dies „keine Forschungsarbeit, sondern ein Informationstext für interessierte Bürger/innen“ werden muss. Zu den Medienwirkungstheorien: Aus Ihrer Sicht wirken diese illustrativ, jedoch müssen Sie sich Leser vorstellen, die nicht wie Sie mitten in der Forschung stecken. Die Leser haben – im Idealfall – unsere Grundlagentexte gelesen, die sich u.a. mit der Geschichte, dem Markt, der Technologie, den Genres und dem Spielalltag auseinandersetzen. Ohne die Medienwirkungstheorien zu kennen, die ja in den von Ihnen kritisierten Studien mehr oder weniger überprüft werden sollten, ist für diese Leser der Part zur Methodologie ebendieser Studien nicht anschlussfähig. Wenn Sie stattdessen der Auffassung sind, dass diese Theorien allesamt nicht haltbar sind, dann können Sie das ja darlegen.
Mit meiner ultimativen Textfassung habe ich ihm dann viel, sehr viel geschrieben - wie gesagt, bis heute ohne Antwort: Dass ich auch den Methodikteil stark überarbeitet hätte, sprachlich und inhaltlich, "ihn so weit gekürzt, zusammengefasst etc. [...], wie es geht, ohne die zentralen Aussagen zu löschen, die zur Beantwortung der Artikelfrage m.E. zwingend notwendig sind. Da ist keine Detailkritik mehr. [...] Dass das Thema auch die Öffentlichkeit interessiert - auch in dieser Form -, belegt ja schon der Umstand, dass google.de bei einschlägigen Suchbegriffen unzählige für die Laienwelt (in Tageszeitungen, Blogs, online-Ratgebern etc.) aufbereitete Ergebnisse zu dem Thema präsentiert (bei 'spiele gewalt wirkung' sind es eben Mal 7.550.000 Treffer…), die sich auch sehr, sehr, sehr oft in ähnlicher Form und in ähnlichem Aufbau an die Leser wenden. Übrigens auch regelmäßig ohne jede Thematisierung der Wirkungstheorien. Ich habe da tatsächlich Leser im Kopf, die komplett ohne Vorahnung zu der Materie an die Thematik gelangen und ich kann beim wirklich aller-, allerbesten Willen nicht nachvollziehen, wieso Sie davon ausgehen, der Methodikteil sei ohne Wirkungstheorienteil "nicht anschlussfähig". Zumal die zentrale Hypothese des Forschungscorpus doch ganz am Anfang des Artikels steht: Spielegewalt führt zu aggressivem Verhalten. Und auch die anderen Hyopthesen bzw. Forschungsfragen sind klar (Führt Spielegewalt zu Erregung, aggressiven Gedanken, Emotionen u./o. Abstumpfungen?). Das liefert doch den Anschluss. Wieso sollte es für einen interessierten Leser da notwendig(!) sein, zu wissen, wie Wissenschaftler z.B. mögliche sozial-kognitive Lernprozesse oder die Reziprozität von Erregung, kognitiven Verzerrungen und Desensibilisierung bei der Entstehung von Verhalten theoretisieren usw.? Ganz zu schweigen davon, dass eine Dekonstruktion dieser Theorien ein deutlich akademischeres und schwerer nachvollziehbares Unterfangen ist, als die Darstellung der konkreten Probleme der empirischen Forschung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie sich das vorstellen."

Dazu noch: "Übrigens, um meine Argumentation noch zu untermauern: Wie erwähnt widmen sich eine ganze Reihe an die interessierte Öffentlichkeit gerichtete Beiträge diesem Thema, in dieser oder ähnlicher Art (und ohne Wirkungstheorie). Anstelle vieler fand z.B. letztes Jahr das einschlägige YouTube-Video von Mai Thi Nguyen-Kim (die neue Quarks-Moderatorin) recht viel Beachtung (https://www.youtube.com/watch?v=_m7txM8wnt0), wohlgemerkt nicht auf ihrem Privatkanal, sondern einem öffentlich-rechtlichen Angebot von "funk". Die gute Frau scheint da die gleiche Perspektive zu vertreten, wie ich, wenn es um die Wichtigkeit der Darlegung der Forschungsmethodik geht. Ich versorge Sie gerne mit weiteren Beispielen, falls das einem Change of Heart hilft. Die BPB selbst hat dazu in der Vergangenheit ja auch Beiträge rausgebracht. :)"

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Heute kam dann endlich eine Antwort:
[...] Zwischenzeitlich haben wir Ihre Neufassung gelesen. Leider muss ich feststellen, dass wir uns ein wenig im Kreis drehen. Es tut mir leid, dass wir offenbar aneinander vorbeireden.
 
Unser Wunsch war es, dass Ihr Artikel einen anderen Schwerpunkt erhält: weg von der methodologischen Detailkritik, hin zur tatsächlichen Beantwortung der von Ihnen formulierten Leitfrage zum Beispiel entlang der einschlägigen Theorien.
 
Stattdessen haben Sie die allgemeine Vorstellung der Theorien sogar herausgekürzt und am methodologischen Teil weitestgehend festgehalten, sodass sich die Gewichtung sogar in die falsche Richtung verschoben hat.
 
Es ist nun an der Zeit, Ihren heißgeliebten Methodologie-Teil radikal zu kürzen, auch wenn es Ihnen weh tut („Kill your darlings“). Ich sehe ansonsten keine Möglichkeit, wie wir hier sonst zusammenfinden. Bitte beachten Sie dazu auch noch einmal meine untenstehenden Anmerkungen (in der Mail vom 1.4.). Hier noch einige weitere Hinweise, die Ihnen vielleicht helfen:
 
• Reduzieren Sie die Textlänge wenn möglich auf gut die Hälfte
• Schreiben Sie nicht für die Forschung, sondern für Menschen, die über Allgemeinwissen zum Thema verfügen (interessierte Öffentlichkeit). Führen Sie diese Leser durch den Text, indem Sie Interesse wecken und Anschlüsse herstellen (roter Faden).
• Drücken Sie sich so einfach und allgemeinverständlich wie möglich aus.
• Verzichten Sie auf kreative Wortschöpfungen wie „seltenst“ oder „schlechtestenfalls“
• Wählen Sie aus der Vielzahl an Quellen je die einschlägigsten aus.
 
Bitte bedenken Sie, dass wir uns redaktionsintern schon sehr intensiv mit Ihren Textversionen auseinandergesetzt haben und dies mittlerweile unsere Zeitressourcen zu sprengen droht. Daher gebe ich Ihnen hiermit die letzte Möglichkeit, den Text entsprechend unserer Anmerkungen anzupassen. [...][/quote}

Ganz ehrlich, das sit mir jetzt alles zu doof. Ich habe das hier geantwortet, damit ist der Kuchen für mich gegessen:

[quote}[...]Ich finde es ebenfalls bedauerlich, dass wir uns leider im Kreis zu drehen scheinen und wohl nicht zusammenkommen können. Ich zolle dem durchaus Respekt, dass Sie sich so intensiv mit meinem Artikel auseinandersetzen und kann mir vorstellen, dass die anderen Beiträge des Exposees nicht diese Intensivbetreuung erfahren haben. Wenn dem so ist, muss ich mich aber natürlich auch fragen, warum das dann bei meinem Artikel der Fall ist.

Leider kann ich mich dabei jedoch nicht des Eindrucks erwehren, dass es hier um ein grundlegenderes, aber unausgesprochenes Problem gehen könnte, dass Sie mit meinem Artikel zu haben scheinen: Ich kann nur spekulieren, ob es mglw. der Tenor / das Resümee des Artikels (auch wenn dieses eindeutig belegt ist und kaum Gegenstand Ihrer Kritik war), der mit der Länge des Artikels verbundene Preis desselben (was ich mir eigentlich kaum vorstellen kann) oder Dgl. ist. Jedenfalls empfinde ich es als äußerst irritierend, dass Sie…

… leider nicht auf meine (sehr ausführlichen) Ausführungen eingehen, warum eine allg. Vorstellung der Theorien der Mediengewaltwirkungen die Beantwortung der Leitfrage ("Aggressiv durch Mediengewalt?") denklogisch nicht leisten kann (und damit, wenn es um notwendige Textkürzungen geht, entbehrlich ist) und nur mit einer (im Rahmen des Möglichen umfassenden) Analyse der Methodologie möglich ist. Jedenfalls dann, wenn es das Anliegen ist, dass man seine Leser aufklären möchte (und ich nehme an, das ist doch die eigtl. Intention).

… sich von E-Mail zu E-Mail immer mehr einen Artikel von mir wünschten, der vom vertraglich Vereinbarten immer weiter abwich: Mein Exposee – als Grundlage meiner Beauftragung Ihrerseits – war bzgl. des zu erwartenden Inhalts unzweideutig und auch unser Vertrag legt fest, dass dieses Exposee die Basis meines Artikels sein soll (woran ich mich gehalten habe). Wir haben eben keinen Artikel zu(m Für und Wider der) Mediengewaltwirkungstheorien vereinbart. Sie wollen also nichts weiter, als lediglich einen komplett anderen als den vereinbarten Artikel. Auch unter Berücksichtigung des Zeitpensums, welches in die Erstellung und (zweimalige) Überarbeitung des Artikels bereits geflossen ist, ist das nicht mehr angemessen, denn auch ich habe mich (offensichtlich) sehr intensiv mit meinem Artikel auseinandergesetzt und möchte diesen – wie vorletztes Mal kundgetan, eigentlich jetzt so belassen. Meine scherzhafte Anmerkung zu Beginn meiner vorletzten E-Mail hatte da auch etwas Wahres: Selbst bei voller Vergütung des Artikels wäre mein Stundenlohn jetzt schon sehr, sehr, sehr weit unter dem Mindestlohn. Aber ich habe ja schon angemerkt, dass es mir kein finanzielles, sondern ein aufklärerisches Anliegen war, diesen Artikel zu schreiben.

… Ihre Wünsche spontan zu ändern scheinen, so bspw. als ich doch bitte ein medienpädagogisches Resümee verfassen sollte, dann aber – auf meinen Hinweis hin, dass dies unangemessen sei – doch nicht mehr. Auch zu nennen hier und da dann ad hoc-Anmerkungen, dieses oder jenes doch auch zu ändern, wie z.B. den Umfang der Quellenverweise (mal ist deren Länge kein Problem, mal ist sie es…).

… Vereinbarungen zwischen Ihnen und mir zu meinen Ungunsten ausgelegt werden. Hier zu nennen ist die per E-Mail zunächst nach oben hin prinzipiell geöffnete Limitation der Zeichen – die ja nicht so gemeint gewesen sei (was ich auch durchaus glauben kann, was dann allerdings trotzdem opak kommuniziert wurde) –, die Neufestsetzung eines Zeichenlimits auf 30.000 Zeichen und jetzt die Forderung, von der Zeichenzahl der aktuellen Inkarnation meines Artikels abermals – wenn möglich – auf die Hälfte zu kürzen (also von aktuell ca. 27000 auf 13500 Zeichen, also nochmal deutlich unter der Zeichenmenge, die im Vertrag steht...).

… Ihre Kritik wiederholen, obwohl – mit Ausnahme des vmtl. „Theorien vs. Methodik“-Problems (s.o.) – sämtliche Kritikpunkte ausgeräumt wurden: Der Text wurde massiv gekürzt und sprachlich auf allen Ebenen so sehr vereinfacht, wie irgend möglich (ohne in sog. "einfache Sprache" zu verfallen). Da mangelt es mir schlichtweg an konkreten Beispielen, wo die Allgemeinverständlichkeit nicht mehr gewährleistet sein soll und womit sich Ihre Suggestion befeuert, ich schriebe mit diesem Artikel für die Forschung (ich empfehle hier die Kontrastierung mit meiner Diss., um des Unterschieds gewahr zu werden). Wir haben hier doch die "interessierte Öffentlichkeit" vor Augen [und kann mir als Lehrer ziemlich gut vorstellen, wo bspw. die kognitiven Kompetenzen Jugendlicher und junger Ewachsener zu verorten sind – an deren Verständnishorizont habe ich mich bei den letzten beiden Fassungen auch maßgeblich, tatsächlich auch unter Rücksprache mit meinen Schülern(!) - orientiert; wenn jene den Artikel verstehen, sollten das Erwachsene im Allgemeinen doch auch]. Was traue ich dieser zu, das Sie ihr absprechen?

… mir jetzt bei "seltenst" oder "schlechtestenfalls" salopp "kreative Wortschöpfungen" unterstellen!

… mir ggü., um ehrlich zu sein, zumindest in unseren ersten E-Mails – das hat sich eindeutig gebessert – einen m.E. unverdient despektierlichen Ton anschlugen und mir da der Eindruck entstand, dass nicht auf Augenhöhe (wie es so schön scheint) kommuniziert werden sollte. Ich habe dies aber dem geschriebenen Wort und dessen Tücken geschuldet.

… nun suggerieren, mein Text habe keinen "roten Faden". Von allen Vorwürfen ist das tatsächlich derjenige, den ich am gravierendsten wahr-, ja fast schon persönlich nehme. Wo mangelt es dem Artikel an Kohäsion? Wenn Sie den Artikel schlichtweg nicht interessant finden, dann wäre das ein andere Problem, aber da würde ich mich auch fragen wollen, warum Sie mich dann dahingehend beauftragt haben und inwiefern das für die interessierte Öffentlichkeit von Belang wäre, ganz abgesehen von der Subjektivität von Interessiertheit.

Auch wenn zur Beantwortung der Leitfrage die Schwerpunktverlegung auf den Theorienteil m.E. weder möglich noch redlich ist (ich möchte den Lesern ungern ein "O" für ein "U" vormachen), ich müsste ja auch mit meinem Namen dafür bürgen, könnte man den Text natürlich noch weiter kürzen, was allerdings dann wohl tatsächlich auf Kosten der Kohärenz ginge, zumal mir keine Alternative einfällt, die nicht darauf hinausläuft, dann nur noch einfache Tatsachenbehauptungen zu bieten (mit Quellenbeleg selbstverständlich). Also anstatt darzulegen, warum die Forschung den Nachweis der Förderung aggressiver Gedanken (methodisch) schuldig geblieben ist, einfach zu behaupten, dies sei so. Entschuldigung, aber das trägt m.M.n. nicht zur strapazierbaren Förderung/Bildung mündiger (und d.h. auch informierter) Bürger bei. Das wäre die von Ihnen angemahnte "falsche Richtung", weshalb auch die angekündigte "Variante B" des Artikels meinerseits nicht vollendet werden konnte und die Ihnen vorliegende "Variante A" die ultimative Fassung des Artikels bleiben muss [sofern man ihn nicht verlängert(!), um den Theorienteil wieder zu illustrativen Zwecken zu ergänzen).

Alles sehr bedauerlich und für mich eigtl. auch ein Indiz, dass ich es Ihnen wohl gar nicht recht machen könnte, so sehr ich es auch versuchte (und ich habe es wirklich sehr, sehr, sehr ausgiebig versucht). Ich befürchte, das Haar in der Suppe, würde noch gefunden werden oder man beklagte sich, dass es keine Tomatensuppe ist, obwohl Erbsensuppe bestellt wurde.

Umso bedauerlicher, dass hiermit – zumindest in dem Format – den Lesern die Chance genommen wurde, sich allgemeinverständlich, aber profund mit der Leitfrage auseinandersetzen zu können (und z.B. ein Gegengewicht zu dem – mit Verlaub – unsäglichen ApuZ 3/2011-Artikel von Ingrid Möller, "Gewaltmedienkonsum und Aggression", bei der BPB zu haben…).

Wie bereits geschrieben: Sehr bedauerlich.
Da bleibt mir nur die anfangs schon skizzierte Frage, warum ich denn mit der Anfertigung des Artikels überhaupt in erster Linie beauftragt wurde, wenn man dann doch eigentlich etwas komplett anderes haben wollte. Dies erschließt sich mir leider nicht.[...]
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marcymarc
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von marcymarc » Mi 15. Apr 2020, 08:10

Nach den Schilderungen zu urteilen, drängt sich der Verdacht auf, hier solle eine Bestätigung der derzeitig in der Einschätzungsprärogative propagierte Auffassung eines Konsens für eine eindeutig negative Wirkung des Konsums gewalthaltiger Medien gefunden werden.
Den Auftrag hatte ich jedenfalls auch so verstanden einen Überblick zu geben über den Stand der Forschung. Was Dein Kontakt darunter versteht ist anscheinend "zähle die Anzahl Studien auf die dafür und dagegen sind und ordne diese in den derzeit gelebten Jugendmedienschutz ein", verbunden mit der Erwartung, dass der Artikel von Möller die gewünschte Marschrichtung sein sollte. Da passt natürlich die Unterscheidung nach methodisch sinnvollen und weniger aussagekräftigen Studien nicht ins Bild. Der Leser solle eindeutig erfahren, dass negative Wirkung bestätigt ist oder das zumindest die Einschätzungsprärogative in derzeitiger Form bestand haben sollte, da die Lage nicht eindeutig ist.

Wenn andere Artikel der bpb auch so zustande kommen bzw. politisch opportun zurechtgestutzt werden, dann sind die wirklich nicht mehr unabhängig.

Vicarocha
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Mi 15. Apr 2020, 13:39

Das hat mir jmd. dazu gesschrieben:
https://www.youtube.com/watch?v=WpE_xMR ... e=youtu.be
... passender geht 's eigtl. nicht mehr. :)

Es kamen übrigens noch zwei E-Mails gestern.

Nr. 1
Hallo Herr Portz,

ich kann Ihren Ärger über unsere Redigatschleifen durchaus nachvollziehen. Mir ergeht es ja genauso: genau wie Sie muss ich mit meiner Arbeitszeit sinnvoll haushalten. Übrigens war mir zu keiner Zeit daran gelegen, in irgendeiner Weise despektierlich zu wirken. Auf der anderen Seite kann ich nicht einfach einen Artikel durchwinken, der nicht unseren Vorgaben entspricht und damit im Gesamtkontext aus der Reihe fällt.

Bezüglich des Artikels sehe ich kein unausgesprochenes Problem. Wir halten Ihren Artikel an sich für fachkundig und fundiert. Jedoch geht er mit seiner Ausrichtung auf die Forschung am beauftragten Thema vorbei. Sie haben im Exposé eine Leitfrage formuliert, die Sie im entstandenen Text nicht beantworten. Eine agnostische Antwort genügt nicht, denn in der Beauftragung steht zudem: „Der Artikel dient dem Wissenstransfer an die interessierte Öffentlichkeit, nicht der Forschung.“ Sie haben diesen Punkt aller Hinweise zum Trotz ignoriert. Insofern wurde das zugrundeliegende Problem sehr umfangreich und auch bereits mit der Beauftragung ausgesprochen.

Die Frage ist nun, wie wir weitermachen. Ich hatte Ihnen ja unten – so wie es in solchen Problemfällen üblich ist – eine finale Gelegenheit zur Nachbesserung gegeben. Wenn Sie diese Gelegenheit nicht wahrnehmen wollen, so kann ich das angesichts der vertrackten Lage nachvollziehen.
Damit war der Kuchen für mich eigtl. gegessen.
Ich finde es bezeichnend, dass hier wieder geschrieben wurde, ich würde die Leitfrage nicht beantworten. Ich zitiere einfach mal aus dem Artikel:
Seite 1:
Machen gewaltdarstellende Computerspiele aggressiv oder führen sie gar zu gewalttätigem Verhalten? [...] Wie strapazierbar dieser Ursache-Wirkungszusammenhang zwischen Spielegewalt und Aggressionen aber tatsächlich ist, soll im Folgenden diskutiert werden.
Dann erfolgt:

(a) eine Skizzierung der Wirkungsfrage,

(b) eine Analyse der Messung des "Gewaltkonsums" in Korrelations- und Experimentalstudien (also eine Darstellung, wie die Forschung dazu kommt, z.B. "Grand Theft Auto: Vice City" und "Tetris Worlds" für prinzipiell dieselben Spiele zu halten, die sich nur in der Frage der Gewaltdarstellung voneinander unterschieden),

(c) eine Analyse, wie konkret Wirkungen von "Spielegewalt" (also die vmtl. Steigerung von Erregung, aggressiven Gedanken und Emotionen, einer Abstumpfung, aggressiven u./o. gewalttätigen Verhaltens( gemessen wird und warum die Studien dabei problematisch sind,

(d) eine praktische Bewertung der Forschungsbefunde (mit Bezug auf die Problematik nur statistisch Signifikanzen zu berichten und einer Auswertung von Effektstärken, ohne dabei wissenschaftstheoretisch zu werden, aber unter Beachtung der Metaanalysen),

(e) einer kurzen Auflistung weiterer Probleme der Forschung,

(f) die Zusammenfassung.
Seite 13:
Ein großes Problem bei der Beantwortung der Frage, ob Spielegewalt aggressiv macht und ob dies ein gesellschaftliches Problem darstellt, ist, dass viele der ForscherInnen die hier dargestellten Forschungsprobleme, so offensichtlich sie auch sein mögen, zu ignorieren oder zumindest nicht realisieren scheinen, ja wiederholen. Und das seit Jahrzehnten. Dies erklärt die große Menge an Studien, die einen entsprechenden Wirkungszusammenhang belegt haben wollen. Jedoch ist jedes einzelne dieser Probleme so gravierend, dass die Ergebnisse der betroffenen Studien bedeutungslos werden können. Im Extremfall könnte man argumentieren, dass die Wirkung von Spielegewalt noch gar nicht wirklich untersucht wurde. Studien, die sich bemühen, diese Probleme zu lösen, zeigen aber, dass je mehr der und je besser diese Probleme angegangen werden, die im Schnitt kleinen bis mittleren Effekte noch weiter schrumpfen. Ungeachtet unzähliger anderslautender Behauptungen in der Öffentlichkeit, den Medien und entsprechender Studien selbst, hat sich die Debatte damit nach Ansicht mancher Forscher darauf reduziert, ob solche Spiele keine oder fast keine Aggression verursachen. So oder so gibt es keine Anhaltspunkte dafür, das Spielegewalt SpielerInnen spürbar aggressiv werden lässt.
Das soll die Frage also nicht beantwortet haben? Das sei "agnostisch"... ich finde es tatsächlich ziemlich konkret, was hier die Antwort ist (und meinerseits war dieses Resümee tatsächlich als ganz konkrete Gegenposition zur in der öffentlichen Kommunikation des Forschungsstands oft vorzufindenen Agnosie geplant).

Abgesehen davon halte ich es generell für problematisch, hier einen Widerspruch zwischen einer "agnostische[n] Antwort" und der Beauftragung ("Der Artikel dient dem Wissenstransfer an die interessierte Öffentlichkeit, nicht der Forschung.") zu sehen, zumal der gute Herr, trotz mehrfacher Erläuterungen, einfach nicht verstehen kann u./o. will, dass mein Artikel kein Forschungsartikel ist und darauf beharrt, er hätte von Anfang an klargemacht, ich dürfe das nicht so tun, wie ich es tat (was Unfug ist).

Der gute Mann hätte es auch bei dieser E-Mail belassen sollen, aber ca. 2 Stunden später kam dann noch was, das ich euch jetzt erspare. Da geht es m.E. um pure Rabulistik. Nur soviel daraus:
… leider nicht auf meine (sehr ausführlichen) Ausführungen eingehen, warum eine allg. Vorstellung der Theorien der Mediengewaltwirkungen die Beantwortung der Leitfrage ("Aggressiv durch Mediengewalt?") denklogisch nicht leisten kann (und damit, wenn es um notwendige Textkürzungen geht, entbehrlich ist) und nur mit einer (im Rahmen des Möglichen umfassenden) Analyse der Methodologie möglich ist. Jedenfalls dann, wenn es das Anliegen ist, dass man seine Leser aufklären möchte (und ich nehme an, das ist doch die eigtl. Intention).
Ein Leser, welche die Wirkungstheorien nicht kennt, kann auch nicht Ihre methodologische Kritik an der Forschung nachvollziehen, welche diese Theorien ja gerade überprüfen will. [...]

… Ihre Kritik wiederholen, obwohl – mit Ausnahme des vmtl. „Theorien vs. Methodik“-Problems (s.o.) – sämtliche Kritikpunkte ausgeräumt wurden: Der Text wurde massiv gekürzt und sprachlich auf allen Ebenen so sehr vereinfacht, wie irgend möglich (ohne in sog. "einfache Sprache" zu verfallen). Da mangelt es mir schlichtweg an konkreten Beispielen, wo die Allgemeinverständlichkeit nicht mehr gewährleistet sein soll und womit sich Ihre Suggestion befeuert, ich schriebe mit diesem Artikel für die Forschung (ich empfehle hier die Kontrastierung mit meiner Diss., um des Unterschieds gewahr zu werden). Wir haben hier doch die "interessierte Öffentlichkeit" vor Augen [und kann mir als Lehrer ziemlich gut vorstellen, wo bspw. die kognitiven Kompetenzen Jugendlicher und junger Ewachsener zu verorten sind – an deren Verständnishorizont habe ich mich bei den letzten beiden Fassungen auch maßgeblich, tatsächlich auch unter Rücksprache mit meinen Schülern(!) - orientiert; wenn jene den Artikel verstehen, sollten das Erwachsene im Allgemeinen doch auch]. Was traue ich dieser zu, das Sie ihr absprechen?
Wie ich unten bereits aufrichtig anerkannt habe, haben Sie die Formulierungen im Artikel bereits substanziell verschlankt. Es geht stattdessen um die inhaltliche Ausrichtung. Eine Detailkritik an der Forschung dient ebendieser. Daran ändert die sprachliche Gestaltung nichts. Ich habe Sie wiederholt aufgefordert, die Leitfrage zu beantworten. Damit ist nicht gemeint, dass Sie, wie Sie unten schreiben, den Lesern „ein ‚O‘ für ein ‚U‘ vormachen“ sollen, wenn für Sie die Frage nicht eindeutig zu beantworten ist; zumindest müssen Sie die Frage jedoch inhaltlich erörtern und diskutieren. Das ist ja gerade die Aufgabe der politischen Bildung: unzweifelhafte Grundlagen vermitteln, auf dieser Basis kontroverse Standpunkte diskutieren und so zu einer eigenständigen Meinungsbildung befähigen. Nicht die Aufgabe von politischer Bildung ist, Forschung zu betreiben, was Sie letztlich im Artikel inhaltlich tun.

… mir jetzt bei "seltenst" oder "schlechtestenfalls" salopp "kreative Wortschöpfungen" unterstellen!
Wie würden Sie dies nennen? Im Duden habe ich diese Wörter jedenfalls nicht gefunden.

… nun suggerieren, mein Text habe keinen "roten Faden". Von allen Vorwürfen ist das tatsächlich derjenige, den ich am gravierendsten wahr-, ja fast schon persönlich nehme. Wo mangelt es dem Artikel an Kohäsion? Wenn Sie den Artikel schlichtweg nicht interessant finden, dann wäre das ein andere Problem, aber da würde ich mich auch fragen wollen, warum Sie mich dann dahingehend beauftragt haben und inwiefern das für die interessierte Öffentlichkeit von Belang wäre, ganz abgesehen von der Subjektivität von Interessiertheit.
Ich habe ja bereits zur Genüge ausgeführt, dass Sie eine Leitfrage stellen, diese jedoch nicht beantworten. Stattdessen verlieren Sie sich in Detailkritik an einer Vielzahl von Studien. Diese müssen Sie kurz und prägnant zusammenfassen und sich dann der Beantwortung der eigentlichen Frage widmen. Das habe ich im Kern mit „roter Faden“ gemeint. Und ja, Sie haben Recht damit, dass Interessiertheit subjektiv ist. Folglich haben Sie ein anderes Interesse als wir und unsere Leser. Ich habe Sie daher darum gebeten, den inhaltlichen Fokus zu verschieben. Dem sind Sie wiederholt nicht nachgekommen.
... ich meine, was soll man da noch großartig sagen? Abgesehen davon, dass mir der Konjunktiv an den entsprechenden Stellen shcon aufgefallen ist, kommen wir ja nicht mal hinsichtlich Semantik und Grammatik auf einen grünen Zweig, von inhaltlichem Verständnis meiner Argumente ganz zu schweigen, garniert mit klar widerlegten Behauptungen, dieses oder jenes sei oder sei nicht kommuniziert worden.

Ich bin mir da gar ncith sicher, ob man da auf eine "Bestätigung der derzeitig in der Einschätzungsprärogative propagierte Auffassung eines Konsens für eine eindeutig negative Wirkung des Konsums gewalthaltiger Medien" abzielt oder ob da tatsächlich einfach ein profunder Mangel an Verständnis meines Artikels (Stichwort: "roter Faden") und vonm Wissenschaft/Forschung u./o. dem, was für die "interessierte Öffentlichkeit" von Interesse ist, vorliegt.

Ich werde den Artikel nun der "Jugend Medien Schutz"-Report, vielleicht der APuZ oder gar der GameStar (da bin ich im Expertenregister) feilbieten.
Schade drum...

Übrigens, hier mal zur Verdeutlichung, was denn diese "Detailkritik" ist, in die ich mich verlieren würde:
Untersuchungen der Zusammenhänge zwischen Spielegewalt und Aggressionen basieren auf Vergleichen von (Viel-)SpielerInnen gewaltdarstellender Spiele (Versuchsgruppe) mit Wenig-/NichtspielerInnen (Kontrollgruppe). Ist die Versuchsgruppe aggressiver als die Kontrollgruppe, könnte dies dem Gewaltkonsum zuzuschreiben sein. Manchmal ist unklar, wie in beide Gruppen unterschieden wird. Messungen dieses Konsums basieren aber meist auf Selbst-, Bezugsgruppen-, Lehrer- oder Elternangaben zur Nutzung von Computerspielen. Teilweise werden höhere Computerspielzeiten oder Nutzungshäufigkeiten bestimmter Genres irrig mit höherem Gewaltkonsum gleichgesetzt. Oder ProbandInnen werden Listen mit gewaltdarstellenden Spielen präsentiert, für die sie ihre Nutzungshäufigkeiten angeben sollen; je mehr und länger sie diese spielen, desto höherer sei ihr Gewaltkonsum. Auch lässt man sie ihre Lieblingsspiele angeben (und wie oft sie diese in einem bestimmten Zeitraum spielten), um sie selbst, die ForscherInnen oder unabhängige Dritte (KodiererInnen) die Quantität u./o. Qualität der Gewalt einschätzen zu lassen oder deren Altersfreigaben zu ermitteln; je mehr (und öfter) sie Spiele mit höheren Gewalteinschätzungen oder Altersfreigaben angeben, desto höher sei ihr Gewaltkonsum.
Problematisch ist, dass Selbst-/Elternangaben angeben könnten, wie gut man ich an bestimmte Spiele erinnert, nicht deren Nutzungshäufigkeit. Auch können ProbandInnen im Erhebungszeitraum andere gewaltdarstellende Spiele (öfter) spielen, die nicht Teil dieser Listen, die nicht ihre Lieblingsspiele sind oder niedrigere Altersfreigaben haben. Identische Konsumwerte müssen also keinen identischen Gewaltkonsum und hohe keinen höheren Konsum als niedrige Werte belegen. Auch Medientagebücher, in die ProbandInnen die tägliche Spielzeit ihrer Spiele eintragen, werden kaum genutzt und könnten die Kritik nicht entkräften: Dank ihrer Interaktivität ist in Computerspielen Gewalt meist optional, Spielstil und -kompetenzen der SpielerInnen bestimmen ihre Quanti- und Qualität. Deshalb sagt das Spielen gewaltdarstellender Spiele nichts über Quanti- und Qualität des Gewaltkonsums aus.
Ja... scheint mir auch für den Durchschnittsbürger überhaupt nicht nachvollziehbar und total irrelevant für die Bantwortung der Ausgangsfrage zu sein.........

Edit:
Aber ja, es geht komplizierter. Hier der mit weitem Abstand komplizierteste Absatz des Artikels:
Ob Spielegewalt zu aggressiven Gedanken führt, wird ebenfalls untersucht. Die Zugänglichkeit aggressiver Gedanken wird unterschiedlich gemessen, mittels (a) Lesegeschwindigkeitstest, bei dem 'aggressive' Wörter (murder etc.) schnellstmöglich ausgesprochen werden sollen, (b) Entscheidungstest, bei dem den ProbandInnen 'aggressive', neutrale und Pseudowörter präsentiert werden und sie entscheiden müssen, ob das Wort ein reales oder ein Pseudowort ist, (c) Wortergänzungstest, bei dem mehrdeutige Lückenwörter, die je nach eingesetztem Buchstaben eine aggressive oder neutrale Bedeutung haben sollen (z.B. explo_e → explode oder explore), vervollständigt werden müssen, (d) Assoziationstest, bei dem die ProbandInnen die Ähnlichkeit von Wortpaaren bewerten müssen und (e) Gedankenauflistungstest, bei dem sie ihre Gedanken niederschreiben müssen. Je schneller die ProbandInnen 'aggressive' Wörter aussprechen oder als real identifizieren, je mehr Lückenwörter sie als 'aggressive' Wörter vervollständigen, je mehr Paare aus mehrdeutigen und 'aggressiven' Wörtern sie als ähnlich beurteilen und je mehr Wörter durch KodiererInnen als feindselig aufgeladen, Ausdruck negativer Gemütsregungen, Obszönität, Beleidigung, Referenz an Waffen, die Zerstörung von Eigentum oder physische Schädigung gedeutet werden, desto zugänglicher seien aggressive Gedanken. Fraglich ist aber, ob diese Tests aggressive Gedanken messen, denn hier werden zusammenhanglose Wörter als aggressiv bewertet, die nicht automatisch aggressiv sind: Wörter wie "murder", "explode", "Sarg", "Messer", "Wut" etc. erhalten ihre Bedeutung erst durch ihre Kontexte (Gestik, Mimik, Äußerungszusammenhänge etc.)
Zum Mitschreiben. Der gute Mann traut euch nicht zu, das zu verstehen... oder zumindest nicht, sofern ich nicht z.B. das General Aggression Model oder die Priming-Theorie erläutere, denn ohne dgl. sei eine Ausführung wie die zitierte ja "nicht anschlussfähig"; als ob diese Ausführung nicht für sich stünde.
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von marcymarc » Mi 15. Apr 2020, 17:36

Naja, wir hier sind als Zielgruppe bestimmt nicht gemeint, aber geschenkt.

Es geht ihm anscheinend darum, dass eine Besprechung von Methodiken und deren Unzulänglichkeiten im Einzelnen eine rein wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist und das ist auch leider die typische Sicht, die Otto Normalbürger und Medien von Studien im Allgemeinen haben. Ich glaube der gute Herr denkt, dass die breite Leserschaft nicht an Detailfragen, wie die Ergebnisse zustande kamen, interessiert ist, sondern einfach den fertigen Forschungsstand serviert bekommen möchte. Dass das eine ziemlich begrenzte Sicht auf Forschung im Allgemeinen und Studienergebnisse im Speziellen ist, ist leider der Berichterstattung im Allgemeinen über Jahrzehnte zu verdanken, aber auch die Schuld der Forschung, dass sich meist nur um Kommunikation im Kollegenkreis gekümmert wurde und das Marketing im Bereich Forschung und die Forschungskommunikation ein sehr junges Umfeld ist (MaiLabs Video dazu fasst es für Laien doch recht gut zusammen). Ich kann mir auch vorstellen, dass eine zu große Anzahl an Praxisbeispielen eher verwirrt als dienlich ist.

In Deiner Diss beschäftigst Du Dich aber eben vorrangig mit genau dieser Methoden-Problematik. Da im Exposee ja das Fazit vorweggenommen ist, kann ich mir doch nicht wirklich vorstellen, dass dies tatsächlich der Stein des Anstoßes ist.

Um den Herrn und seiner Sicht genüge zu tun (ich weiß, dazu muss man zwangsläufig an der Präzision etwas Federn lassen), könnte man ein paar fundierte Thesen bzgl. allgemein Methodiken an Punkt 3 des Artikels postulieren, die mit entsprechenden Quellennachweisen evtl. zum weiteren Lesen anregen, zumindest aber als Primer dienen um nachher darzustellen, dass Gewaltwirkungsforschung nur unter sehr engen Grenzen Sinn ergibt und kaum belastbare Ergebnisse schafft (Deine Ausführungen im Artikel dazu kenne ich noch nicht).

- Gewalt bzw. Aggressionsgrade/-Arten nicht eindeutig definierbar.
- Gewalt ist in der Forschung nicht messbar (da Gedanken bzw. Potenziale situationsabhängig, sozialisierungsbedingt und höchst subjektiv sind sowie moralethisch nicht in einer Studie auslebbar gestaltet werden können)
- Studien daher oft auf Selfreporting und fragwürdige Analogietests zurückgreifen
- Vergleichbarkeit zwischen Probanden und eingesetzten Testmitteln mit sehr viel Bedacht gewählt werden muss, was oft nicht geschieht (Mortal Kombat vs. Dance Dance Revolution)
- nur wirklich Longitudinalstudien daher etwas bringen um alle Nebeneffekte auszuschließen bzw. als Kausale Kette identifizieren können (Soziales Umfeld, Familie, wirtschaftliche Situation), diese im erforderlichen Umfang mit der Erhebung alle Nebeneffekte kaum finanzierbar sind und am auch Reporting-Problem leiden
- kulturelle Vergleiche (Japan vs. USA) zwangsläufig in die Irre führen, da ebenso nicht vergleichbar.

Somit auch die in 1 vorgestellten Theorien ins Leere laufen, da sie nicht falsifizierbar sind.

Ich hatte ihn zumindest nicht so verstanden, dass gar nicht auf die Methoden einzugehen ist.

Falls ihm das immer noch nicht reicht. dann tatsächlich ablehnen und evtl. mit Youtubern oder den von Dir genannten outlets eine neue Kommunikationsplattform für den Artikel (als Interview) suchen.

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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Rigolax » Mi 15. Apr 2020, 17:47

Na ja schade, wäre ein gutes Kontrastprogramm zum Thema Medienwirkung(sforschung) angesichts der sonstigen Artikeln dort gewesen.

Ob die mit deinem Text ideologisch oder politisch ein Problem hatten, eher politisch opportune Artikel wollten, bezweifel ich eher, aber der Gedanke ist natürlich naheliegend. Vielmehr dürfte es eher an potentiell akademisch qualifizierten Autoren fehlen, die diese Kerbe dort bedienen würden/könnten, denke ich, also sind die eher froh gewesen.

Fragwürdig imho vom Fall hier auf ein allgemeines Problem bei der bpb zu schließen. Quasi so als ob man suggerieren würde, dass es bei BPjM ein größeres Problem geben könnte, weil jemand in einer Pressemitteilung von denen mal bei Wikipedia plagiiert hat.

Ich wunderte mich ehrlich gesagt jedenfalls doch, dass sie einen Politikwissenschaftler (stimmt?) dort über den Forschungsstand schreiben lassen wollten, der ja eher auf psychlogischen Befunden basiert. Nicht, dass ich an entsprechender Qualifikation zweifel, aber ich hätte gedacht, die würden Experten für ein genau entsprechendes Feld haben wollten, alleine schon weil es auf den Durchschnittsleser persuasiver wirkt?

"Eine agnostische Antwort genügt nicht (...)" find ich ja lustig, da es doch keine ultimativ letzten "Antworten" für die Medienwirkungsforschung geben kann. Eine "Antwort" kann doch nur agnostisch sein, also zweifelnd und von (dem Hinweis auf) Unkenntnis geprägt? Oder wie ist das gemeint?

Die APuZ wird ja auch von der bpb herausgegeben. Landet das dann bei demselben Redigat? Runde 2?

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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Mi 15. Apr 2020, 19:33

@ marcymarc:
Na... doch, doch, wir sind hier auch die interessierte Öffentlichkeit, zumindest sind wir nicht alle das Fachpublikum. Dem Gros des potenziellen Publikums haben wir aber hier zumindest tatsächlich voraus, uns mit der Materie befasst zu haben, meine Ausführungen sollten aber auch für einen völlig unbescholtenen Leser verständlich gewesen sein.
Es geht ihm anscheinend darum, dass eine Besprechung von Methodiken und deren Unzulänglichkeiten im Einzelnen eine rein wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema ist und das ist auch leider die typische Sicht, die Otto Normalbürger und Medien von Studien im Allgemeinen haben. Ich glaube der gute Herr denkt, dass die breite Leserschaft nicht an Detailfragen, wie die Ergebnisse zustande kamen, interessiert ist, sondern einfach den fertigen Forschungsstand serviert bekommen möchte. Dass das eine ziemlich begrenzte Sicht auf Forschung im Allgemeinen und Studienergebnisse im Speziellen ist, ist leider der Berichterstattung im Allgemeinen über Jahrzehnte zu verdanken, aber auch die Schuld der Forschung, dass sich meist nur um Kommunikation im Kollegenkreis gekümmert wurde und das Marketing im Bereich Forschung und die Forschungskommunikation ein sehr junges Umfeld ist (MaiLabs Video dazu fasst es für Laien doch recht gut zusammen). Ich kann mir auch vorstellen, dass eine zu große Anzahl an Praxisbeispielen eher verwirrt als dienlich ist.
Ja, genau das glaube ich auch. Wobei ich mich trotzdem nicht des Verdachts erwehren kann, dass da - zumindest hintergründig - noch etwas steckt. Vielleicht waren meine drei Nachfragen über das letzte halbe Jahr verteilt, wie denn der Stand der Dinge ist, einfach zu 'aufdringlich' (ich neige ja dazu, viel zu schreiben), wer weiß. Aber selbst, wenn es nur an dem von dir Spekulierten liegt, halte auch ich das schon für... naja... tragisch irgendwie und eine Fehleinschätzung seinerseits. Darum ging es ja auch in meiner Korrespondenz mit ihm.

Was deine Vorschläge angeht: Die Punkte fanden sich ja in meinem Artikel, in dem (oder geringerem) Detailgrad, wie die Leseproben, die ich oben reingestellt habe. Da divergieren er und ich ja schon bei dem Punkt, was "Detailfragen" denn ausmacht (s.u.). Das der Methodenkritik evtl. noch eine kümmerliche Restexistenz seinerseits zugebilligt worden wäre, ist möglich, ist aber auch genau das, was ich nicht wollte und nicht für zielführend halte und tatsächlich hieß es ja auch, ich solle den gesamten Methodenteil einfach löschen, so hieß es zu Beginn (nach Einreichung der 2. Fassung: "Sie könnten beide verbliebenen Punkte aus der Welt schaffen, wenn Sie den gesamten Forschungsteil (von 'Die Messung des Gewaltkonsums' bis einschließlich 'Weitere Probleme der Forschung') vollständig streichen. Stattdessen könnten Sie den zuvor eigentlich sehr zentralen Part zu den Mediengewaltwirkungstheorien wieder reinnehmen, denn genau dieser Part ist für die eigentliche Frage nach der Wirkung von Mediengewalt von zentralem Interesse."

---

@ Rigolax:
Fragwürdig imho vom Fall hier auf ein allgemeines Problem bei der bpb zu schließen.
Mache ich ja auch nicht, das ist das Resort spielbar.de, das ist schon ordentlich vom Rest der BPB getrennt. Deshalb droht mir bei der APuZ auch nicht, wieder mit der entsprechenden Redaktion konfrontiert zu werden... wobei man natürlich nicht weiß, wie die so untereinander miteinander sind (ungeachtet dessen, dass das Thema aktuell wohl kaum im Fokus der APuZ ist...).
Ich wunderte mich ehrlich gesagt jedenfalls doch, dass sie einen Politikwissenschaftler (stimmt?) dort über den Forschungsstand schreiben lassen wollten, der ja eher auf psychlogischen Befunden basiert. Nicht, dass ich an entsprechender Qualifikation zweifel, aber ich hätte gedacht, die würden Experten für ein genau entsprechendes Feld haben wollten, alleine schon weil es auf den Durchschnittsleser persuasiver wirkt?
Ah, sowas habe ich in der Vergangenheit shcon das ein oder andere Mal gehört. ;-)
Ich habe da ein Schmankerl aus meiner (überarbeiteten) Diss., das dazu passt:
Ein fragwürdiges Wissenschaftsverständnis demonstrieren auch Bushman & Huesmann (2014), die die Kredibilität des 'Millet Brief' zusätzlich damit negieren wollen, dass einer der Unterzeichner, Marcus Schulzke, damals Doktorand der Politologie an der State University of New York in Albany und demnach gem. Perspektive der Autoren als Politikwissenschaftler per se nicht hinreichend für eine Positionierung zum Forschungsstand qualifiziert war. Aus dieser Argumentation spricht ein Wissenschaftsverständnis, das die eigene Disziplin der Psychologie (oder zumindest die der Mediengewaltwirkungsforschung) eben nicht mehr als akademisch generell nachvollziehbare Wissenschaft, sondern als exkl. Arkanum definiert, das sich nur einigen Auserwählten offenbart.
Oder anders: Psychologie ist keine Raketenwissenschaft, die Methoden und Techniken empirischer Forschung waren auch Teil meines Curriculums (wenngleich Stochastik und hier insb. die Statistik rein fakultativ war und ich mir dgl. so angeeignet habe), immerhin ist das das Grundhandwerkszeug z.B. eines Soziologen... und darin habe ich ja auch einen Abschluss. Das ist aber gar nicht notwendig, denn die z.T. vorzufindenen meßtheoretischen, kalkulativen Probleme in der einschlägigen Forschung greife ich ja gar nicht auf, sondern nur allgemein nachvollziehbare, denklogische Probleme (z.B. den erwähnten Umstand, dass GTA:VC nicht dasselbe Spiel ist wie Tetris Worlds). Es ist eher verwunderlich, dass einem Gros der Psychologenzunft diese evidenten Probleme überhaupt nicht aufzufallen scheinen (Déformation professionnelle?) und auch wissenschaftstheoretisch da oft große Lücken zu klaffen scheinen.
"Eine agnostische Antwort genügt nicht (...)" find ich ja lustig, da es doch keine ultimativ letzten "Antworten" für die Medienwirkungsforschung geben kann. Eine "Antwort" kann doch nur agnostisch sein, also zweifelnd und von (dem Hinweis auf) Unkenntnis geprägt? Oder wie ist das gemeint?
Ja, wissenschaftstheoretisch auch schon ganz, ganz, ganz problematisch und m.E. auch ein Kontrafaktum zum Anspruch der politischen Bildung. Aber so tief wollte ich ja gar nicht gehen, der Stand der Forschung ist nun eindeutig genug, um sagen zu können, was ich in meinem Artikelresümee ja auch sagte. Ich glaube eher, dass er ein 'nichts genaues weiß man nicht' meinte, das ich angeblich geliefert hätte (was ggf. ja auch völlig legitim gewesen wäre; s.u.).

---

Die Sache war vor seinen beiden letzten Mails jedenfalls gestern schon für mich gegessen, habe ihm heute Mittag folgendes geschrieben:
vielen Dank für ihre Antwort(en), aber sofern das aus meiner letzten E-Mail nicht ersichtlich war, so möchte ich diese letzte Gelegenheit zum Regidieren aus den genannten Gründen tatsächlich leider nicht mehr wahrnehmen.

Ungeachtet dessen, dass mir der Konjunktiv in Ihren Äußerungen durchaus nicht verborgen blieb und ich nicht von "unumstößliche[n] Anweisung[en]" ausging – wenngleich solche 'konstruktive Vorschläge'/'Ratschläge' natürlich immer auch eine gewisse Erwartungshaltung transportieren –, sehe ich das Problem auch hier:
Beim zurückliegenden und zu erwartenden Hindernislauf stolpern wir bedauerlicherweise nicht nur über unüberwindbare textbezogene und perspektivische Hürden (Einschätzungen/Definitionen des Zielpublikums, wissenschaftlicher u. öffentlichkeitswirksamer Artikel und von Detailkritik u. notwendigem Mindestmaß der Erläuterungen, der Angemessenheit unterschiedlicher Ansätze zur Lösung der Leitfrage etc.), sondern bereits in unserer ausführlichen Korrespondenz über semantische (Ambiguität resp. Opazität dessen, was kommuniziert wurde oder worden sein soll vs. dessen vmtl. Eindeutigkeit; Interpretationen desselben; Vertragsauslegungen etc.) und selbst grammatische (deskriptive Korpuslinguistik vs. präskriptive Linguistik etc.) Stolpersteine, ganz zu schweigen von (insb. aus der Semantik resultierenden) reziproken Schuldzuweisungen, so dass hier ein Marathonlauf ansteht, den ich nicht antreten will.

Einzig den Punkt "roter Faden" möchte ich abermals aufgreifen.
Sie schrieben: "Sie haben im Exposé eine Leitfrage formuliert, die Sie im entstandenen Text nicht beantworten. Eine agnostische Antwort genügt nicht, denn in der Beauftragung steht zudem: 'Der Artikel dient dem Wissenstransfer an die interessierte Öffentlichkeit, nicht der Forschung.' Sie haben diesen Punkt aller Hinweise zum Trotz ignoriert."

Da werde ich Ihnen nach wie vor entschieden widersprechen. Ungeachtet Ihrer Erläuterungen zur "Aufgabe der politischen Bildung" (der ich mir sehr wohl bewusst bin und von der ich der Meinung bin, sie erfüllt zu haben – aber da drehen wir uns auch im Kreise), steht in meinem Artikel doch folgendes:
"Machen gewaltdarstellende Computerspiele aggressiv oder führen sie gar zu gewalttätigem Verhalten? [...] Wie strapazierbar dieser Ursache-Wirkungszusammenhang zwischen Spielegewalt und Aggressionen aber tatsächlich ist, soll im Folgenden diskutiert werden" (Seite 1).

Danach erfolgen m.E. notwendige Erläuterungen zur Beantwortung der Frage, die dann auch erfolgt:
"Ein großes Problem bei der Beantwortung der Frage, ob Spielegewalt aggressiv macht und ob dies ein gesellschaftliches Problem darstellt, ist, dass viele der ForscherInnen die hier dargestellten Forschungsprobleme, so offensichtlich sie auch sein mögen, zu ignorieren oder zumindest nicht realisieren scheinen, ja wiederholen. Und das seit Jahrzehnten. Dies erklärt die große Menge an Studien, die einen entsprechenden Wirkungszusammenhang belegt haben wollen. Jedoch ist jedes einzelne dieser Probleme so gravierend, dass die Ergebnisse der betroffenen Studien bedeutungslos werden können. Im Extremfall könnte man argumentieren, dass die Wirkung von Spielegewalt noch gar nicht wirklich untersucht wurde. Studien, die sich bemühen, diese Probleme zu lösen, zeigen aber, dass je mehr der und je besser diese Probleme angegangen werden, die im Schnitt kleinen bis mittleren Effekte noch weiter schrumpfen. Ungeachtet unzähliger anderslautender Behauptungen in der Öffentlichkeit, den Medien und entsprechender Studien selbst, hat sich die Debatte damit nach Ansicht mancher Forscher darauf reduziert, ob solche Spiele keine oder fast keine Aggression verursachen. So oder so gibt es keine Anhaltspunkte dafür, das Spielegewalt SpielerInnen spürbar aggressiv werden lässt" (Seite 13). (Herv. d. mich)

Ich erkenne nicht, wie dies die Frage nicht beantwortet haben soll oder 'agnostisch' sei. Tatsächlich finde ich die Antwort ziemlich konkret (und meinerseits war dieses Resümee auch tatsächlich als ganz konkrete Gegenposition zur in der öffentlichen Kommunikation des Forschungsstands oft vorzufindenen – forschungstechnisch aber nicht vertretbaren – Agnosie geplant).
Abgesehen davon halte ich es generell für problematisch, hier einen Widerspruch zwischen einer "agnostische[n] Antwort" und der Beauftragung ("Der Artikel dient dem Wissenstransfer an die interessierte Öffentlichkeit, nicht der Forschung."), wenn eine "agnostische Antwort" den zu transferierenden Wissenstand denn ausmachen würde, ja das Einzige wäre, was man redlicherweise antworten könnte. Mut zur Lücke, müsste es da heißen, wäre denn das das Einzige, was zutreffend wäre.

Nun wünsche ich Ihnen dennoch viel Erfolg mit Ihrem Dossier, sofern ich ja auch jedes aufklärerische Vorhaben beim Thema Computerspiele befürworte, dem laut Gerhard Florin (ehem. Executive Vice President und General Manager International Publishing von EA) "wichtigste[n] kulturelle[n] Medium dieses Jahrhunderts", mit dem wir uns gerade in Deutschland nach wie vor so schwer zu tun scheinen. Und ich kann da nur die Hoffnung äußern, nicht irgendwann von Ihrer Seite doch noch von irgendwem die (unwidersprochene) "agnostische Antwort" auf die gegenständliche Leitfrage lesen zu müssen (wie das so oft der Fall bei diesem Thema ist, auch in der Forschungsliteratur) oder – schlimmer noch – die Antwort, die Forschung "demonstriere konstant, zweifelsfrei und ausnahmslos, Spielegewalt erhöhe die Wahrscheinlichkeit aggressiven, ja gewalttätigen Verhaltens" (s. der Verweis auf Ingrid Möller). ich weiß ja um den Corpus an Artikeln jeder Coleur, die da im deutsprachigen Raum existieren.
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Rigolax » Mi 15. Apr 2020, 21:06

Vicarocha hat geschrieben:
Mi 15. Apr 2020, 19:33
@ Rigolax:
Fragwürdig imho vom Fall hier auf ein allgemeines Problem bei der bpb zu schließen.
Mache ich ja auch nicht, das ist das Resort spielbar.de, das ist schon ordentlich vom Rest der BPB getrennt. Deshalb droht mir bei der APuZ auch nicht, wieder mit der entsprechenden Redaktion konfrontiert zu werden... wobei man natürlich nicht weiß, wie die so untereinander miteinander sind (ungeachtet dessen, dass das Thema aktuell wohl kaum im Fokus der APuZ ist...).
Der Satz war an eine Aussage einer anderen Person hier im Thread gerichtet, die genau das in den Raum gestellt hatte. Vielleicht dortig zu viel Deus Ex gespielt; könnte man ja mal die Medienwirkungsforschung zu befragen??

Dass das unter spielbar.de fällt, wusste ich nicht. hattest du sogar schon geschrieben, woops: "Wobei der Artikel ja anscheinend für spielbar.de ist, nicht die BPB-Hauptseite selbst. Wird aus dem Vertrag so nicht ersichtlich."

(...)
Oder anders: Psychologie ist keine Raketenwissenschaft, die Methoden und Techniken empirischer Forschung waren auch Teil meines Curriculums (wenngleich Stochastik und hier insb. die Statistik rein fakultativ war und ich mir dgl. so angeeignet habe), immerhin ist das das Grundhandwerkszeug z.B. eines Soziologen... und darin habe ich ja auch einen Abschluss. Das ist aber gar nicht notwendig, denn die z.T. vorzufindenen meßtheoretischen, kalkulativen Probleme in der einschlägigen Forschung greife ich ja gar nicht auf, sondern nur allgemein nachvollziehbare, denklogische Probleme (z.B. den erwähnten Umstand, dass GTA:VC nicht dasselbe Spiel ist wie Tetris Worlds). Es ist eher verwunderlich, dass einem Gros der Psychologenzunft diese evidenten Probleme überhaupt nicht aufzufallen scheinen (Déformation professionnelle?) und auch wissenschaftstheoretisch da oft große Lücken zu klaffen scheinen.
Mal dazu, was meinst du damit zuvor im Thread: "ein ganz, ganz shclimmes Teil z.B. von Ingrid Möller, die wohl mit am wenigsten von allen möglichen Autoren qualifiziert ist."? Laut der Info bei der Autorin im Artikel da https://www.bpb.de/apuz/33548/gewaltmed ... aggression war sie ja "wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie".

Wundert mich grad nur.

Vicarocha
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Do 16. Apr 2020, 02:42

Der Satz war an eine Aussage einer anderen Person hier im Thread gerichtet, die genau das in den Raum gestellt hatte.
War mir schon klar! ;-)
Mal dazu, was meinst du damit zuvor im Thread: "ein ganz, ganz shclimmes Teil z.B. von Ingrid Möller, die wohl mit am wenigsten von allen möglichen Autoren qualifiziert ist."? Laut der Info bei der Autorin im Artikel da https://www.bpb.de/apuz/33548/gewaltmed ... aggression war sie ja "wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie".

Wundert mich grad nur.
Und wenn sie irgendwo "wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie" ist - das sie Psychologin ist, habe ich ihr ja nicht in Abrede gestellt (einem Authoritätsargument werde ich aber auch nicht verfallen) -, ihr APuZ-Artikel ist trotzdem grauenhaft, d.h. stellt den Forschungsstand (auch schon 2011) bestenfalls verkürzend dar, tatsächlich aber eher verzerrt, ja inkorrekt.

Nehmen wir als Bsp. ihre Ausführungen zur Zugänglichkeit aggressiver Gedanken:
Dass es tatsächlich kurz nach dem Konsum gewalthaltiger Filme oder Spiele zu einer erhöhten Verfügbarkeit aggressiver Gedankeninhalte kommt, konnte wiederholt empirisch nachgewiesen werden. Häufig werden dazu in Laborstudien Reaktionszeitexperimente genutzt. Diese zeigen, dass Testpersonen im Anschluss an den meist nur wenige Minuten andauernden Gewaltkonsum schneller auf aggressives Wortmaterial reagieren, welches ihnen am Computer dargeboten wird, als auf neutrale Texte.
Diese Aussage führt dann als Beleg auch noch ausgerechnet folgende Studie an: Brad J. Bushman, Priming effects of media violence on the accessibility of aggressive constructs in memory, in: Personality and Social Psychology Bulletin, 24 (1998), S. 537-545.

... und nun vergleichen wir das mit den meinigen Ausführungen zu dem Bereich (s.o.):
Ob Spielegewalt zu aggressiven Gedanken führt, wird ebenfalls untersucht. Die Zugänglichkeit aggressiver Gedanken wird unterschiedlich gemessen, mittels (a) Lesegeschwindigkeitstest, bei dem 'aggressive' Wörter (murder etc.) schnellstmöglich ausgesprochen werden sollen, (b) Entscheidungstest, bei dem den ProbandInnen 'aggressive', neutrale und Pseudowörter präsentiert werden und sie entscheiden müssen, ob das Wort ein reales oder ein Pseudowort ist, (c) Wortergänzungstest, bei dem mehrdeutige Lückenwörter, die je nach eingesetztem Buchstaben eine aggressive oder neutrale Bedeutung haben sollen (z.B. explo_e → explode oder explore), vervollständigt werden müssen, (d) Assoziationstest, bei dem die ProbandInnen die Ähnlichkeit von Wortpaaren bewerten müssen und (e) Gedankenauflistungstest, bei dem sie ihre Gedanken niederschreiben müssen. Je schneller die ProbandInnen 'aggressive' Wörter aussprechen oder als real identifizieren, je mehr Lückenwörter sie als 'aggressive' Wörter vervollständigen, je mehr Paare aus mehrdeutigen und 'aggressiven' Wörtern sie als ähnlich beurteilen und je mehr Wörter durch KodiererInnen als feindselig aufgeladen, Ausdruck negativer Gemütsregungen, Obszönität, Beleidigung, Referenz an Waffen, die Zerstörung von Eigentum oder physische Schädigung gedeutet werden, desto zugänglicher seien aggressive Gedanken. Fraglich ist aber, ob diese Tests aggressive Gedanken messen, denn hier werden zusammenhanglose Wörter als aggressiv bewertet, die nicht automatisch aggressiv sind: Wörter wie "murder", "explode", "Sarg", "Messer", "Wut" etc. erhalten ihre Bedeutung erst durch ihre Kontexte (Gestik, Mimik, Äußerungszusammenhänge etc.). (...) Ungeachtet uneindeutiger Resultate dieser Studien ist ein weiteres Problem, dass erhöhte Zugänglichkeiten aggressiver Gedanken oder erhöhte feindselige Wahrnehmungsverzerrungen nicht als Belege der Entwicklung aggressiven Verhaltens gedeutet werden.
Garniert wird das ganze im Artikel übrigens durch etliche Quellenverweise.

Ihre anderen Äußerungen sind ähnlich und z.T. noch problematischer.

I. Möller ignoriert mit ihrer Behauptung (" konnte wiederholt empirisch nachgewiesen werden") einfach sämtliche so endemische wie offensichtliche Probleme der Forschung, die eben mehr als nur nahelegen, dass hier genau dieses eben nicht empirisch belegt wurde (und das fängt shcon dabei an, dass die entsprechenden Studien keine probaten Spielepaarungen nutzten...). Genau deshalb empfinde ich meinen Artikel ja als so wichtig, weil er auch Laien dazu befähigt, solche Aussagen wie die von I. Möller kritisch zu hinterfragen, ja zu dekonstruieren.

Aber das wundert nicht, ist sie doch selbst Autorin einer Reihe von Studien, die ich shcon öfter als prototypisch für die Probleme der Disziplin bezeichnet habe. Obwohl auf die Probleme XYZ z.T. seit Jahrzehnten hingewiesen wurde, reproduziert sie diese in ihren Studien. Ich habe vor geraumer Zeit schon ihre Forshcung kommentiert, hier z.B. ihre Dissertation:
https://vdvc.de/forum/viewtopic.php?f=7 ... ler#p16955
Etwas weniger ausführlich auch hier:
http://forum.4pforen.4players.de/viewto ... =45{/quote]

Nicht zu vergessen, dass sie Koautorin einer ganzen Reihe extremst problematischer Studien von Barbara Krahé war. Einfach mal in meiner Diss. die beiden Nachnamen suchen und gucken, welche Forshcungspraktiken etc. damit in Verbindung gebracht werden.

Als kl. Schmankerl zu B. Krahé hier ein kleiner Absatz aus meiner überarbeiteten Diss.:
So proklamierte bspw. der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V. (BDP) unter der Überschrift "Einfluss von Killerspielen auf Gewaltbereitschaft – Nicht Mythos sondern Realität!" noch im August 2016 salopp eine Kausalbeziehung zwischen dem Spielen gewaltdarstellender Computerspiele und nicht nur dem aggressiven Verhalten, sondern sogar der "Gewaltbereitschaft" der Spieler, ja man stellte diese Spiele gar als "Erklärungsbeitrag" für "Amoktaten" dar:

Die langfristigen Effekte von Killerspielen auf die Bewertung von Gewalt und die Gewaltbereitschaft werden noch immer vielfach bezweifelt. Während Gewalterfahrungen in der Familie und im Umfeld als relevant für die Erklärung gewalttätigen Verhaltens gesehen werden, wird der Einfluss von Gewaltdarstellungen in den Medien auf die Aggressionsbereitschaft [...] geleugnet. Amoktaten und ähnliche Formen extremer Gewalt sind sehr selten und nur durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren erklärbar. "Die Erfahrung von Gewalt in der virtuellen Realität, sei es durch Killerspiele oder durch Horrorvideos, können dazu ebenfalls einen Erklärungsbeitrag leisten, wie wissenschaftlich belegt ist", erläutert Prof. Dr. Barbara Krahé, die für ihre Forschung in diesem Bereich 2015 mit dem Deutschen Psychologiepreis ausgezeichnet wurde. "Genau wie die Produktwerbung im Fernsehen das Kaufverhalten im Supermarkt beeinflusst, wirkt sich das Töten und Verletzen im Rahmen von Killerspielen auf Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen im echten Leben aus. Gewalterfahrungen im realen Leben und in den Medien verstärken sich gegenseitig und führen nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig zu einer positiven Bewertung von Gewalt." Sie plädiert dafür, über Mediengewalt und die aggressionsfördernde Wirkung von Killer-Spielen angemessen auf Grundlage des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes zu informieren.

Ungeachtet des konspirativen Duktus des Verbands und der Verwendung des für den öffentlichen Diskurs, die Politik, Forschung und Rechtsprechung gleichermaßen ungeeigneten Pejorativums "Killerspiele" [...], ignorierten der BDP und sein Spiritus Rector Barbara Krahé diesen Erkenntnisstand allerdings, wie noch im Folgenden dargestellt wird. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Letztere insb. auch für ihre Mediengewaltwirkungsstudien zur Preissträgerin ernannt worden ist, der Deutsche Psychologie Preis aber eigtl. nur für herausragende Leistungen in der psychologischen Forschung, die sich durch hohe praktische Bedeutung auszeichnen, verliehen wird. Die einschlägigen Studien unter ihrer Mitwirkung haben die Disziplin aber methodisch nicht vorangebracht, geschweige denn die zitierte Kausalbeziehung zwischen medialer und realer Gewalt verifiziert, sie haben im Gegenteil das Gros der endemischen Probleme der antezedierenden Forschung ignoriert, reproduziert und durch neue fehlsame Methodik erweitert, ja mithin sind sie selbst ein Paradebeispiel für diese Probleme und bestenfalls als redundant zu bezeichnen [...]. Die vom BDP präsentierte Argumentationsfigur ad verecundiam verfängt also nicht.
tl:dr
Ich wüßte jetzt nicht, wie ein akademischer Grad, die Mitgliedschaft in einer Organisation oder die Publikation einschlägiger Werke in diesem oder jenem Journal Autoren automatisch zu Experten erheben würden, wenn die gegenständlichen Publikationen, Äußerungen etc. doch jede Expertise Lügen strafen. ;-) Das solche leute dann trotzdem ihren Unfug in die Welt posaunen, leigt eben auch an der Autoritätsgläubigkeit in weiten Teilen der Bevölkerung.
"In the beginning there was violence. Cain slew his own brother Abel according to Genesis and he didn't even have a video tape recorder."
~ Gunnel ARRBÄCK

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