bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Falschdarstellungen und Vorurteile
Rigolax
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Rigolax » Do 16. Apr 2020, 04:19

Vicarocha hat geschrieben:
Do 16. Apr 2020, 02:42
Und wenn sie irgendwo "wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie" ist - das sie Psychologin ist, habe ich ihr ja nicht in Abrede gestellt (einem Authoritätsargument werde ich aber auch nicht verfallen) -, ihr APuZ-Artikel ist trotzdem grauenhaft, d.h. stellt den Forschungsstand (auch schon 2011) bestenfalls verkürzend dar, tatsächlich aber eher verzerrt, ja inkorrekt.
Ich verstand "qualifiziert" als nach streng formellen Kriterien wie ein akademischer Abschluss in dem Bereich oder dazu geforscht/publiziert, aber du meinst das ja rein fachlich-inhaltlich, was auch natürlich geht.
Vicarocha hat geschrieben:
Do 16. Apr 2020, 02:42
Nehmen wir als Bsp. ihre Ausführungen zur Zugänglichkeit aggressiver Gedanken:
Dass es tatsächlich kurz nach dem Konsum gewalthaltiger Filme oder Spiele zu einer erhöhten Verfügbarkeit aggressiver Gedankeninhalte kommt, konnte wiederholt empirisch nachgewiesen werden. Häufig werden dazu in Laborstudien Reaktionszeitexperimente genutzt. Diese zeigen, dass Testpersonen im Anschluss an den meist nur wenige Minuten andauernden Gewaltkonsum schneller auf aggressives Wortmaterial reagieren, welches ihnen am Computer dargeboten wird, als auf neutrale Texte.
Diese Aussage führt dann als Beleg auch noch ausgerechnet folgende Studie an: Brad J. Bushman, Priming effects of media violence on the accessibility of aggressive constructs in memory, in: Personality and Social Psychology Bulletin, 24 (1998), S. 537-545.
Ihre anderen Äußerungen sind ähnlich und z.T. noch problematischer.

(...)

I. Möller ignoriert mit ihrer Behauptung (" konnte wiederholt empirisch nachgewiesen werden") einfach sämtliche so endemische wie offensichtliche Probleme der Forschung, die eben mehr als nur nahelegen, dass hier genau dieses eben nicht empirisch belegt wurde (und das fängt shcon dabei an, dass die entsprechenden Studien keine probaten Spielepaarungen nutzten...). Genau deshalb empfinde ich meinen Artikel ja als so wichtig, weil er auch Laien dazu befähigt, solche Aussagen wie die von I. Möller kritisch zu hinterfragen, ja zu dekonstruieren.
Vielleicht ist mein Verständnis von wissenschaftlicher Sprache zu beschränkt, aber sie sagt ja nicht, dass es empirisch an sich belegt wurde, dass "kurz nach dem Konsum gewalthaltiger Filme oder Spiele zu einer erhöhten Verfügbarkeit aggressiver Gedankeninhalte kommt", sondern halt, dass dass das "wiederholt empirisch nachgewiesen" wurde. Und das ist doch korrekt, jedenfalls aus Sicht entsprechender Studien. Vielleicht gibt's andere Studien, die das nicht so nachgewiesen haben (wollen), weiß ich nicht, und die ignoriert sie dann grob, aber das macht die Aussage an sich nicht "falscher".

Nun lassen "explode", "murder" etc. auch nicht per se auf aggressivere Gedanken schließen (sie spricht auch nur von "Gedankeninhalten"), wie du ja schreibst, sondern es kommt auch auf den Kontext an, und dann sind die Probanden durch das Spielen von Titeln mit "Gewaltinhalten" vielleicht auch nur irgendwie geprimt dafür, aber nehmen wir das mal als gegeben an. Also das gewalthaltige Spiele kurzfristig zu aggressiveren Gedanken führen. Das alleine wäre ja halt auch noch nicht bemerkenswert, das wird erst durch ihren nächster Absatz doch relevant:

"Wenn solche Aktivierungseffekte auch hauptsächlich als sofortige Auswirkung gelten, so können sie doch auch langfristig eine Veränderung der kognitiven Strukturen bewirken. Eine häufig wiederholte Aktivierung aggressiver Gedankeninhalte führt über die Zeit zu einer Art chronischer Verfügbarkeit der entsprechenden Wissensstrukturen und kann so die Wahrnehmung und Interpretation der betreffenden Person in vielen sozialen Situationen nachteilig beeinflussen." Der Beleg dort verweist auf: "Craig A. Anderson, An update on the effects of playing violent video games, in: Journal of Adolescence, 27 (2004) 1, S. 113-122." Müsste ich jetzt lesen, um das zu beurteilen, hab aber keine Lust. Anderson kann ich zumindest grob einordnen.

Na ja, ist halt schwer als "Laie" (in dem Sinne ist wohl jeder Laie und Experte hier), die Studien richtig zu würdigen. Ist auch nciht so, dass die Autoren es einem unbedingt leicht machen, eher absichtlich schwer.

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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Do 16. Apr 2020, 10:23

Ich verstand "qualifiziert" als nach streng formellen Kriterien wie ein akademischer Abschluss in dem Bereich oder dazu geforscht/publiziert, aber du meinst das ja rein fachlich-inhaltlich, was auch natürlich geht.
Ja, einen solchen Qualifikationsbegriff lehne ich ja strikt ab, weil der lediglich zu Autoritätsargumenten resp. einem hermetischen Diskurs verführt, zusätzlich zu den bereits vorgebrachten Vorbehalten. Zum Thema schrieb ich damals in meiner Diss. schon: "Bereits HUESMANN/TAYLOR 2003 stellten die Kompetenz von Kritikern in Frage, insofern sie selbst noch keine Mediengewaltwirkungsstudien vorgestellt hatten. Nach einer solchen Logik wäre aber bspw. auch eine Kritik der parawissenschaftlichen Ufologie nur seitens Ufologen selbst angemessen. I.d.S. auch ANDERSON/GENTILE 2008, die von den Kritikern u.a. einen Doktorgrad in einer probaten (empirischen) Wissenschaft und "multiple publications in top-ranked, peer-reviewed journals, based on original empirical data gathered to examine media violence effect" forderten" (S. 85). Ich bin da froh, dass man bei spielbar.de wenigstens nicht auf diesen Trichter gekommen ist...
Vielleicht ist mein Verständnis von wissenschaftlicher Sprache zu beschränkt, aber sie sagt ja nicht, dass es empirisch an sich belegt wurde, dass "kurz nach dem Konsum gewalthaltiger Filme oder Spiele zu einer erhöhten Verfügbarkeit aggressiver Gedankeninhalte kommt", sondern halt, dass dass das "wiederholt empirisch nachgewiesen" wurde. Und das ist doch korrekt, jedenfalls aus Sicht entsprechender Studien. Vielleicht gibt's andere Studien, die das nicht so nachgewiesen haben (wollen), weiß ich nicht, und die ignoriert sie dann grob, aber das macht die Aussage an sich nicht "falscher".
Ähm... wo soll denn beim ersten Satz der Unterschied zwischen beiden Aussagen sein?!
Und nein, das ist eben nicht korrekt und zeugt bei I. Möller - wie bei viel zu vielen ihrer Zunft, auch über das Thema Mediengewaltwirkungsforschung hinaus - von einem extrem defizitären Wissenschaftsverständnis, das mich eigtl. bereits deren Wissenschaftlichkeit im Gros anzweifeln lässt. Auch dazu kritisierte ich in meiner Diss. die unkritisch-affirmative "Studienauswahl seitens der Forscher [...], die die [...] endemischen, so evidenten [...] wie gravierenden Defizite der referierten Studien gar nicht erst realisieren u./o. gar ignorieren (als orientierten sich die Autoren nur an den Abstracts der Studien) [...]" (S.20). Zum wissenschaftlichen Arbeiten gehört es nunmal auch, als Wissenschaftler nicht einfach das Abstract anzuschauen und die dort postulierten Ergebnisse ungeprüft für bare Münze zu nehmen, sondern deren Methodologie einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Dieser Blick in den Methodenteil der Studien ist obligatorisch und hätte im konkreten Fall (und in den anderen einschlägigen Studien) gezeigt, dass die Ergebnisse unhaltbar sind. Dass das I. Möller natürlich auch bei genauerer Betrachtung der Forschung - die ich ihr sogar zutraue - selbst nicht auffällt, verwundert da aber nicht, da se exakt dieselben Fehler ja auch in ihren Studien begeht. Korrekt wäre ihre Aussage nur gewesen, wenn sie bspw. geschrieben hätte, dass mehrere Studien behaupten(!), diese Zusammenhänge empirisch belegt zu haben. Ein kleiner, aber ganz gravierender Unterschied. Genau um diesen Unterschied ging es mir ja mit meinem BPB-Artikel.
Nun lassen "explode", "murder" etc. auch nicht per se auf aggressivere Gedanken schließen (sie spricht auch nur von "Gedankeninhalten")
Das ist dasselbe... :geek:
"Wenn solche Aktivierungseffekte auch hauptsächlich als sofortige Auswirkung gelten, so können sie doch auch langfristig eine Veränderung der kognitiven Strukturen bewirken. Eine häufig wiederholte Aktivierung aggressiver Gedankeninhalte führt über die Zeit zu einer Art chronischer Verfügbarkeit der entsprechenden Wissensstrukturen und kann so die Wahrnehmung und Interpretation der betreffenden Person in vielen sozialen Situationen nachteilig beeinflussen." Der Beleg dort verweist auf: "Craig A. Anderson, An update on the effects of playing violent video games, in: Journal of Adolescence, 27 (2004) 1, S. 113-122." Müsste ich jetzt lesen, um das zu beurteilen, hab aber keine Lust. Anderson kann ich zumindest grob einordnen.
Ja, das ist die sog. Stimulationshypothese, deren Unzulänglichkeiten ich in meiner Diss. ja auch dargestellt habe (s. S.22f.). Was die entsprechende Quellstudie angeht, einfach mal in meiner Diss. nach "ANDERSON 2004" suchen, da findet man dann genug über deren Qualität heraus. Ungeachtet dessen leigt ja auch hier der Hund begraben: I. Möller stellt eine Hypothese, die ja eben nicht(!) empirisch geprüft ist, als Fakt dar: Wo ja schon die Erhöhung der Zugänglichkeit aggressiver Gedanken gar nicht empirisch belegt ist (s.o.), mangelt es erst recht am Beleg der "langfristig[en] [...] Veränderung der kognitiven Strukturen". Wieder etwas, was per Definitionem zutiefst unwissenschaftlich ist.

Und das sind ja nicht mal die problematischsten Aussagen im Artikel von I. Möller, ich habe das Bsp. der Ausführungen zur Zugänglichkeit aggressiver Gedanken nur gewählt, weil ich weiter oben schon den entsprechenden Absatz aus meinem Artikel zitiert hatte und sich das zur Kontrastierung anbot. Gerne würde ich ihren Artikel Schritt für Schritt mit meinem abgleichen, aber wer weiß, ob und in welcher Form eminer denn publiziert wird etc., also erstmal abwarten.

Bleibt nur festzuhalten, das der I, Möller-Artikel eben anders als behauptet keinen "Überblick über den aktuellen Stand der psychologischen Forschung zu den kurz- und langfristigen Auswirkungen des Konsums gewalthaltiger Medieninhalte auf das Aggressionspotenzial" geboten hat.
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Rigolax » Do 16. Apr 2020, 13:28

Vicarocha hat geschrieben:
Do 16. Apr 2020, 10:23
Ich verstand "qualifiziert" als nach streng formellen Kriterien wie ein akademischer Abschluss in dem Bereich oder dazu geforscht/publiziert, aber du meinst das ja rein fachlich-inhaltlich, was auch natürlich geht.
Ja, einen solchen Qualifikationsbegriff lehne ich ja strikt ab, weil der lediglich zu Autoritätsargumenten resp. einem hermetischen Diskurs verführt, zusätzlich zu den bereits vorgebrachten Vorbehalten. Zum Thema schrieb ich damals in meiner Diss. schon: "Bereits HUESMANN/TAYLOR 2003 stellten die Kompetenz von Kritikern in Frage, insofern sie selbst noch keine Mediengewaltwirkungsstudien vorgestellt hatten. Nach einer solchen Logik wäre aber bspw. auch eine Kritik der parawissenschaftlichen Ufologie nur seitens Ufologen selbst angemessen. I.d.S. auch ANDERSON/GENTILE 2008, die von den Kritikern u.a. einen Doktorgrad in einer probaten (empirischen) Wissenschaft und "multiple publications in top-ranked, peer-reviewed journals, based on original empirical data gathered to examine media violence effect" forderten" (S. 85). Ich bin da froh, dass man bei spielbar.de wenigstens nicht auf diesen Trichter gekommen ist...
Nur kann man Ufologie nicht studieren. :P Dass die eine Vorauswahl treffen, um manche Cranks gar nicht erst beachten zu müssen, fände ich nicht komplett fragwürdig, es ging aber wohl eher darum, ihren vermeintlich elitären Zirkel da zu wahren.

An sich gilt aber nach meinem Verständnis ja (auch), dass es in der Wissenschaft prinzipiell egal sein sollte, wer was sagt, sondern nur das zählt, was tatsächlich gesagt oder festgestellt wurde.
Vicarocha hat geschrieben:
Do 16. Apr 2020, 10:23
(...) Korrekt wäre ihre Aussage nur gewesen, wenn sie bspw. geschrieben hätte, dass mehrere Studien behaupten(!), diese Zusammenhänge empirisch belegt zu haben. Ein kleiner, aber ganz gravierender Unterschied. Genau um diesen Unterschied ging es mir ja mit meinem BPB-Artikel.
Sie glaubt ja wohl, dass es stimmt. Wenn sie das so fest glaubt, kann sie es an sich ja als Fakt behaupten, scheint mir erstmal legitim. Ihre Stimme ist eben auch nur eine von vielen, der Text bei der bpb eher persuasiv und nicht wissenschaftlich. Irreführend kann es natürlich dennoch sein, unwissenschaftlich ist es so wie so. (EDIT: Und nicht mehr "agnostisch", um darauf zurückzugreifen...)
Vicarocha hat geschrieben:
Do 16. Apr 2020, 10:23
Nun lassen "explode", "murder" etc. auch nicht per se auf aggressivere Gedanken schließen (sie spricht auch nur von "Gedankeninhalten")
Das ist dasselbe... :geek:
Im Grunde Semantik, aber für mich sind Gedanken und Gedankeninhalte nicht unbedingt dasselbe. Letzeres klingt schon viel technischer. Was ist denn hier der aggressive Gedankeninhalt, das Wort "explode" wohl. Ein aggressiver Gedanke wäre für mich weniger ein Wort, sondern die Absicht, jemanden demnächst in die Fresse zu schlagen. Vielleicht haben die das bewusst so formuliert, um nicht direkt den Schluss von "Gedankeninhalten" auf "Gedanken" zu haben, aber was weiß ich.

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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Do 16. Apr 2020, 14:14

Dass die eine Vorauswahl treffen, um manche Cranks gar nicht erst beachten zu müssen, fände ich nicht komplett fragwürdig, es ging aber wohl eher darum, ihren vermeintlich elitären Zirkel da zu wahren.
Ja, definitiv Letzteres war die Absicht. Aus meiner (überarbeiteten) Diss.:
Oftmals sind die entsprechenden Forscher offenbar auch nicht an einem kritischen Wissenschaftsdiskurs, sondern vielmehr an einem homogenen, ja hermetischen (und i. d. S. nicht mehr wissenschaftlichen) Diskurs ohne die Beteiligung von Kritikern interessiert und dass umso mehr, je mehr die vermeintlichen Belege einer aggressionsfördernden Wirkung gewaltdarstellender Computerspiele und die Forschung insg. durch den tatsächlichen Forschungsstand in Frage gestellt werden. Immerhin geht es nicht nur um die Präservierung einer wissenschaftlichen, ggf. auch moralischen Deutungshoheit innerhalb des entsprechenden Wissenschaftsdiskurses wie auch in der Öffentlichkeit, sondern z. T. um nichts weniger als die eigene wissenschaftliche Karriere, die oftmals (insb.) auch auf Jahren und Jahrzehnten entsprechender Wirkungsforschung basiert. (...) Ein paar medienkritischere Autoren suchen zudem andere Wege als den der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Kritik an der Mediengewaltwirkungsforschung und führen regelrechte Abwehrschlachten (auch ad hominem), nicht ohne der Gegenseite selbst vorzuwerfen, dass sie einen Wissenschaftsstreit inszeniere. Bereits Kunczik (1975) monierte, dass sich die "Intoleranz der Argumentation" nicht nur in einer gewissen Apologetik zeige, "sondern zugleich Studien, die keine negativen Effekte belegen, als mehr oder weniger unwissenschaftlich abgekanzelt werden." Obligatorisch ist bspw. der Vorwurf, dass die Kritik an der Mediengewaltwirkungsforschung außerwissenschaftlich motiviert, ja korrumpiert sei. Huesmann (2010) bspw. argumentierte, dass die Kritiker der Computerspielgewaltwirkungsforschung nicht zu einer Kritik an dieser Forschung qualifiziert wären, "either because playing these games is an important part of their identity (e. g., Ferguson; Jenkins) or because they have been funded by the media industry (e. g., Freedman) […]."

(Und dann der bereits zitierte Teil von mir...)

Es sollte eben, wie du sagst, primär um die Argumente gehen. Dass da dann irgendwo ein Indiz für Expertise sein sollte, kann ich auch nachvollziehen, aber da sollte man die Forschungsdisziplinen auch nicht so moloithisch-arkan wahrnehmen, wie das in der Öffentlichkeit leider oft der Fall war. Ich habe wie gesagt früher durchaus ein par Mal lesen müssen, wieso ich mich denn überhaupt damit beschäftige, ich sei ja kein Jurist, Psychologe etc., sondern Politologe und hätte deshalb per se keine Ahnung von dem Thema (ich bin jetzt einfach mal so arrogant und behaupte, dass ich bspw. mehr Ahnung von der Materie habe, als das Gros der Psychologen hierzulande... hat auch mit der Qualität des Psychologiestudiums an vielen Fakultäten dieses Landes zu tun, ist aber ein andere Thema).
Sie glaubt ja wohl, dass es stimmt. Wenn sie das so fest glaubt, kann sie es an sich ja als Fakt behaupten, scheint mir erstmal legitim. Ihre Stimme ist eben auch nur eine von vielen, der Text bei der bpb eher persuasiv und nicht wissenschaftlich. Irreführend kann es natürlich dennoch sein, unwissenschaftlich ist es so wie so. (EDIT: Und nicht mehr "agnostisch", um darauf zurückzugreifen...)
Das ist ja das Problem: Sie hat den Artikel als vmtl. Expertin (und ja, ich bin mir bewußt, dass ich oben kritisertes nun selbst mache... allerdings mit einiger Begründung) beauftragt und hat den Anspruch formuliert, einen "Überblick über den aktuellen Stand der psychologischen Forschung zu den kurz- und langfristigen Auswirkungen des Konsums gewalthaltiger Medieninhalte auf das Aggressionspotenzial" zu leifern, kein Glaubensbekenntnis (und das auch noch - eigtl. - wider besseren Wissens... falls nicht das, dann eben Aufgrund von Unvermögen, was danna uch wieder gg. eine Expertise spräche).
Im Grunde Semantik, aber für mich sind Gedanken und Gedankeninhalte nicht unbedingt dasselbe. Letzeres klingt schon viel technischer. Was ist denn hier der aggressive Gedankeninhalt, das Wort "explode" wohl. Ein aggressiver Gedanke wäre für mich weniger ein Wort, sondern die Absicht, jemanden demnächst in die Fresse zu schlagen. Vielleicht haben die das bewusst so formuliert, um nicht direkt den Schluss von "Gedankeninhalten" auf "Gedanken" zu haben, aber was weiß ich.
OK, so könnte man das natürlich tatsächlich auch verstehen. Im Lichte des Aussagegehalts der Stimulationshypothese und der einschlägigen Forschung ist das dann aber doch synonym zu nehmen. Da geht es nicht darum, dass man da ein Wort im Geiste 'aufblitzen' hat, sondern um Gedanken an Verhalten.
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Rigolax » Mo 20. Apr 2020, 19:50

Solange corona-bedingt ggf. noch ein Mehr an Zeit besteht: Hast du vielleicht was zur Metaanalyse von Kunczik von 2013 auf Lager? Ggf. im Zuge der Aktualisierung deiner Dissertation, die afaik ja noch nicht veröffentlicht wurde.

Ich komm darauf, weil im "Gefährdungsatlas" der BPjM auf diese Analyse rekurriert wird:
Eine (Meta-)Analyse von Forschungsbefunden und Langzeitstudien verweist auf die relativ unstrittige Einschätzung von Risikopotenzialen der Konfrontation mit Gewaltdarstellungen und -handlungen bezüglich eines negativen Einflusses auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auf kognitiver, emotionaler und auf Verhaltensebene (Kunczik 2013), wie zum Beispiel Auswirkungen auf das Wohlbefinden, das Verhalten (Ängstigung, Verstörung) und die Minderung der Empathiefähigkeit
https://www.bundespruefstelle.de/blob/1 ... s-data.pdf (S. 105)

Zur den davor erfolgten Bemühungen von Herrn Kunczik findet sich ja einiges in deiner Dissertation, aber vielleicht ist noch etwas bemerkenswert an dem Teil von 2013, auch im Kontext warum/wieso/weshalb sich im "Gefährdungsatlas" gerade dieses herausgepickt wurde.

Ich find die Formulierung da ja mal wieder total für die Tonne. Leider unterminieren die damit die anderen Aspekte, die sie ansprechen; es gibt ja durchaus "Gefahren" für insb. Kinder isnb. im Internet, die es absolut lohnt, sachlich zu diskutieren...

Danke auch für die Ausführungen zuvor.

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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Di 21. Apr 2020, 19:19

Ja, das Ding von Kunczik war halt - er ist ja vor einiger Zeit verstorben - soweit ich das jetzt überblicke/erinnere, nur ein Update seiner fortlaufenden Publikationen zu dem Thema. Prinzipiell ist sein Material auch sehr brauchbar, würde ich als 'Einstieg' auch empfehlen, mache ich mit seinen älteren Publikationen ja auch in meiner Diss., denn sie leifern gutes Überblickwissen. Aber ich finde ihn an vielen Stellen zu unkritisch: Er benennt oft sehr konkret die Defizite der Forschung, nur um sie an anderer Stelle wieder zu ignorieren (und - wie bei mir - entsprechend die referierten Resultate in Frage zu stellen).

Das die BPjM auf ihn rekuriert, ist so 'ne Sache: Das Teil ist ja keine "(Meta-)Analyse", das ist eine Überblickarbeit, ein Literaturreview, 'ne Zusammenfassung et., aber keine Metaanalyse z.B. im psychologisch-forschenden Sinn. Das die BPjM ihn hernimmt, ist aber auch nicht verwunderlich, waren seine Arbeiten zum Thema mit Atrid Zipfel doch auch arbeiten für daas Ministerium etc. Die BPjM hat aber - neben einer affirmativen Selektion ihrerseits - auch die Tendenz, Arbeiten aus ihrem Kontext zu reissen oder als Legitimation herzunehmen, wo diese Arbeiten eigtl. den Ansatz der BPjM komplett unterminieren (s. Fn. 589 auf S. 109 meiner Diss.).

Davon ab: Selbst wenn Kunczik eine " Minderung der Empathiefähigkeit" durch Gewaltdarstellungen behauptet hätte (was ich ihm durchaus zutraue), würde das dem Forschungsstand tatsächlich nicht entsprechen.
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Mi 29. Apr 2020, 12:17

Nachtrag:
- Immer noch keine Reaktion der JMS-Report.
- Die APuZ hat abgelehnt, weil sie bereits letztes Jahr eine Ausgabe zum Thema "Gaming" hatten (die aber thematisch nichts in die Richtung meines Artikels behandelte)
- Ich habe den Artikel nun bei der BPJMAKTUELL eingereicht... ich bin gespannt. ^^
- Falls das nichts gibt, überlege ich, die JMS-Report noch mal zu nerven oder die "Kinder- und Jugendschutz in Wissenschaft und Praxis" zu wählen...
- Andere Ideen?
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Rigolax » Mi 29. Apr 2020, 12:56

Ich weiß jetzt auch nichts weiter für die schriftliche Primärverwertung in solchen Journals, aber wenn du das "populär" verbreiten willst, böte sich vielleicht auch The Pod an. Dahinter stehen ja 3 der bekanntesten deutschen Spielejournalisten (Gebauer, Peschke, Stange), afaik der bestfinanzierte Spielepodcast durch Crowdfunding. Die hatten vor nicht langer Zeit ein Special "Wissenschaftliche Studien verstehen" (hinter der Paywall), wo es u.a. um die vielleicht berüchtigste Studie von Carnagey/Anderson/Bushman ging: https://www.gamespodcast.de/2019/06/11/ ... en-teil-1/ https://www.gamespodcast.de/2019/06/14/ ... en-teil-2/ IIRC wurde da auch einiges an Kritik vorgebracht, aber insgesamt weniger deutlich als bei dir. 2017 (kostenlos) gab es auch mal was zur Wirkung von Gewalt: https://www.gamespodcast.de/2017/01/02/ ... on-gewalt/ IIRC war das recht ergebnisoffen, aber natürlich skeptisch.

Du hattest ja mal podcastmäßig etwas gemacht, daher der Hinweis. Außerdem haben die in deren News-Format schon mal Artikel von mir verlinkt, daher sind die mir natürlich auch schon höchstsympatisch. ;) Ne, auch allgemein mag ich deren Kram. Wenn du keine Lust hast, dir da ein Abo zu holen für die paar Folgen, schreib mich btw an.

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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von Vicarocha » Do 30. Apr 2020, 10:30

Nette ideen, aber ich wollte ja in Textform was zitierbares für die Nachwelt schaffen. ;)
Ein Wunder ist geschehen, gestern nach 20:00 Uhr hat sich die JMS-Report gemeldet: Sie nehmen den Artikel, die Fußnoten müssen nur etwas gekürzt werden (habe ich dann gestern noch gemacht)! :)
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Re: bpb-Artikel zur Computerspielgewaltwirkungsforschung

Beitrag von marcymarc » Do 30. Apr 2020, 16:20

Super! Prima! Freude!

Nehmen sie ihn auch so, wie von Dir geschildert?

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