Und wieder Panikmache

Falschdarstellungen und Vorurteile
Merkator
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Und wieder Panikmache

Beitrag von Merkator » So 10. Jan 2010, 19:53

Hallo zusammen. Bin mal wieder im KWICK rumgeschlichen und auf folgenden Artikel gestoßen. Die Dreckwerferei geht weiter.

"Sinnloses Rumgeballer": Einstieg in die Computersucht


Georgsmarienhütte (dpa) - Sie sitzen stundenlang am PC und vergessen dabei die reale Welt. Immer mehr Jugendliche - vor allem Jungen - gelten als computerspielabhängig.
Ein Teilnehmer der Deutschen Gaming Meisterschaften spielt "Couterstrike".
Quelle: dpa

Oft verläuft der Weg in die Abhängigkeit schleichend, wie bei anderen Süchten auch. Für Torben Berger (Anmerkung: Name geändert) war das Spielen am Computer anfangs bloß ein Zeitvertreib: "Ich hatte sonst nichts anderes zu tun", erzählt der 18-Jährige aus dem Landkreis Osnabrück. Mehr als ein Jahr lang war er dem berüchtigten Online-Computerspiel "Counterstrike" ("Gegenschlag") verfallen. Im Endstadium wollte er nicht mehr raus aus seinem Zimmer, nicht mehr arbeiten, mit anderen Menschen reden, essen oder sich gar waschen - nur noch spielen.

In "Counterstrike" bekämpfen sich zwei Gruppen. Die einen sind die Terroristen, die anderen Mitglieder einer Spezialeinheit der Polizei. Getötet wird mit Schusswaffen in allen Formen und Größen, Messern und Granaten. Was daran so faszinierend ist? "Im Nachhinein, wenn ich darüber nachdenke, eigentlich gar nichts. Es ist nur ein sinnloses Rumgeballer", sagt Torben. Als er "Counterstrike" vor anderthalb Jahren entdeckte, sah er dies noch anders. In der Firma, wo er damals seine Lehre absolvierte, fühlte er sich gemobbt: "Wenn ich nach Hause gekommen bin, war ich deswegen immer mächtig angefressen. Dann zog ich mich in mein Zimmer zurück, habe den Kopfhörer aufgesetzt und mich von der Melodie und den Geräuschen des Spiels ablenken lassen."


"Wenn man nicht regelmäßig online war..."

Die Flucht vor der Wirklichkeit dauert für Torben von Tag zu Tag länger. Schon bald sind es neun Stunden nach Feierabend. Der Lohn für seine Lehre als Anlagenmechaniker geht nun komplett fürs Spielen drauf. Geld, um abends mal auszugehen, ist keins mehr da. Aber für seine Freunde im realen Leben interessiert sich Torben eh nicht mehr. Seine Mitspieler in der virtuellen Gruppe setzen ihn mächtig unter Druck: "Wenn man nicht regelmäßig online war, wurde man rausgeschmissen und hat Minuspunkte bekommen oder das Ranking ist runtergegangen."

Dass etwas mit ihm nicht stimmt, merkt Torben immerhin irgendwann selbst. "Meine Hülle lebt, aber ich bin tot", gesteht er eines Tages seiner Mutter. Die Eltern sind geschockt. Wenig später erkrankt Torben ernsthaft, muss am Darm operiert werden. Der Arzt schreibt ihn für mehrere Wochen arbeitsunfähig. Insgeheim freut sich Torben, denn nun hat er noch mehr Zeit zum Spielen. "Wir haben uns den Mund fusselig geredet, aber an Torben war schon kein Herankommen mehr", erinnert sich Mutter Karin. Die besorgten Eltern versuchen Hilfe zu finden, zunächst jedoch vergeblich: "Die Ärzte wollten Torben bloß krankschreiben und dann sollte es wieder gehen."


Keine anerkannte Krankheit?

Die Sucht führt die Bergers nach Georgsmarienhütte zu Rainer Wonke von der Suchtberatungsstelle der Diakonie im Kreis Osnabrück. Der Experte für "pathologischen Mediengebrauch" zweifelt nicht, dass Torben stationäre Therapie braucht. Doch die Rentenkasse in Hannover, die den Klinikplatz bezahlen soll, stellt sich quer. "Man sagte uns, was ihr Sohn hat, ist ja keine anerkannte Krankheit. Wenn einige Leute mit dem PC nicht umgehen können, sind sie selbst schuld", erzählt Vater Jochen.

Längst hat Torben seine Lehrstelle eingebüßt. Der Beginn des neuen Lehrjahres und damit eine zweite berufliche Chance für ihren Sohn drohen zu verstreichen. Doch die Bergers lassen nicht locker, organisieren eigenmächtig den Klinikplatz und drohen der Rentenkasse, die ganze Geschichte an die Presse zu geben. Schließlich lenkt man in Hannover ein. In der Klinik wird Torben von "Hundert auf Null" abgebremst, muss lernen, sich zu öffnen. Anfangs weiß er nicht, wohin mit seinen Aggressionen. Doch dann entdeckt er die "Muckibude".


"Nur lachen oder weinen konnte er noch immer nicht."

Als die Eltern nach dreieinhalb Wochen erstmals zu Besuch dürfen, hat sich Torben verändert: "Er hat wieder geredet und man kam an ihn heran. In seinem Blick war wieder Leben. Nur lachen oder weinen konnte er noch immer nicht." Als Torben endlich heim kommt, sind alle guter Dinge. Er hat einen neuen Job - ein Praktikum. Doch kurz darauf muss er wieder zum Arzt. Sein Herz hat sich stark vergrößert. Als sein Chef davon erfährt, kündigt er Torben. Tatsächlich ist der junge Mann jedoch gesund, sein Herz durch das Fitness-Training nur wieder auf Normalgröße gewachsen. Mit diesen Neuigkeiten geht Torben zurück zu seinem Chef. Doch der hat inzwischen jemand neues eingestellt. Wie es jetzt für ihn weitergehen soll, weiß Torben nicht. Doch zumindest den Weg aus der Sucht hat er geschafft.


Online- und Computersucht

Computer- und Internetsucht ist nach Expertenangaben ein wachsendes Problem in Deutschland. Studien zufolge gelten drei bis sieben Prozent aller Internetnutzer bereits als süchtig. Ebenso viele sind als stark gefährdet einzuschätzen, heißt es im jüngsten Drogenbericht der Bundesregierung. Bei über 40 Millionen Internetnutzern muss demnach von zweieinhalb bis sechs Millionen Abhängigen ausgegangen werden.

Von der Abhängigkeit betroffen sind überwiegend junge Erwachsene und Jugendliche. Rund drei Viertel der Betroffenen sind männlich. Eine Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen unter 15 000 Schülern ergab, dass 16 Prozent der 15-jährigen Jungen täglich mehr als 4,5 Stunden am Computer spielen. Unterschieden werden drei Formen: Chatsucht, Rollenspiel- und Glücksspielsucht sowie Online-Sexsucht.

Wann professionelle Hilfe gesucht werden sollte: Wenn Partner- und Freundschaft kriseln, weil es oft Stress wegen des Computers gibt. - Wenn das Interesse an Offline-Geselligkeit merklich nach lässt. - Wenn man den Beruf zugunsten des privaten Vergnügens am Computers vernachlässigt. - Wenn sich Schlafmangel bemerkbar macht und die körperliche Kondition nachlässt, weil Bewegung an der frischen Luft fehlt - Wenn man sich immer mehr vom "alten Leben" abkapselt und das Gefühl entsteht, von Freunden, Kollegen oder der Familie nicht verstanden zu werden.

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Re: Und wieder Panikmache

Beitrag von sTr » So 10. Jan 2010, 20:36

Das schlimmste bzw. falscheste an dem Artikel ist meiner Meinung nach die Zahl der potentiell Computer-/Spielesüchtigen. Die liegt sicher nicht bei 3-7 Prozent, tendenziell niedriger.

Alles andere halte ich für ne gut erzählte Geschichte, ob wahr oder nicht tut nichts zur Sache. Bei jemanden der wirklich Computerspielsüchtig ist mag die Geschichte so verlaufen sein. Zu viel zocken, Job weg. Eltern haben ganz offensichtlich zu spät reagiert.

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Re: Und wieder Panikmache

Beitrag von Patrik » So 10. Jan 2010, 21:25

Der Artikel ist in mehrerlei Hinsicht falsch, weist allerdings auch auf ein tatsächliches Problem hin.
Der Lohn für seine Lehre als Anlagenmechaniker geht nun komplett fürs Spielen drauf.
Eindeutig ein Fehler. Musste der seine Waffen in CS mit echtem Geld bezahlen?
Studien zufolge gelten drei bis sieben Prozent aller Internetnutzer bereits als süchtig.
Ich kenne Zahlen mit 0,3% bis 3% der Computerspieler. Wenn es deutlich mehr Spieler als Internetnutzer gibt, was ich nicht glaube, ist das maximal böse hingerechnet. Das sind übrigens etwa so viele Menschen, wie z.B. auch putzsüchtig sind.
Eine Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen unter 15 000 Schülern ergab, dass 16 Prozent der 15-jährigen Jungen täglich mehr als 4,5 Stunden am Computer spielen. Unterschieden werden drei Formen: Chatsucht, Rollenspiel- und Glücksspielsucht sowie Online-Sexsucht.
Chaten und Cyber-Sex. Die neuen Trend-Spiele. Die Zahlen halte ich aber für möglicherweise authentisch. 5 Stunden Fernsehen sind bei Leuten, die keinen Computer haben, auch durchaus normal. Und Jugendliche mit Computer haben in der Regel weniger Interesse am TV.
"Man sagte uns, was ihr Sohn hat, ist ja keine anerkannte Krankheit. Wenn einige Leute mit dem PC nicht umgehen können, sind sie selbst schuld", erzählt Vater Jochen.
Das ist in der Tat ein echtes Problem. Es gibt Computersucht — ebenso wie man nach Spielautomaten süchtig sein kann. Ironischerweise wird aber Automatensucht mit Unterstützung der Kasse bezahlt.

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Re: Und wieder Panikmache

Beitrag von sTr » So 10. Jan 2010, 23:11

Patrik S. hat geschrieben:Der Artikel ist in mehrerlei Hinsicht falsch, weist allerdings auch auf ein tatsächliches Problem hin.
Der Lohn für seine Lehre als Anlagenmechaniker geht nun komplett fürs Spielen drauf.
Eindeutig ein Fehler. Musste der seine Waffen in CS mit echtem Geld bezahlen?
Naja, man kann mit CS auch gut Geld ausgeben. Schicker PC, Clanserver, Server für Webseite, Teamspeak, IRC-Bouncer, ESL Premiummitgliedschaft, ESL-TrustedMembership usw.

ok ist nicht wirklich die Welt. Höchstens 40 Euro im Monat in nem großen ungesponsorten Clan. Auf jedenfall nicht genug um sein gesamtes Einkommen zu verticken. Das Vorurteil, das Computerspielen arm macht wurde wahrscheinlich von den MMO-Spielen übernommen.

Zahlen bzgl. der Computersucht gibt es verschiedene. Die Grenz bis hoch zu 7% ließt man öfters, basiert aber auf einer anderen Berechnungsgrundlage als die 0,3-3% (Wann ist man süchtig, 3 Stunden pro Tag? 4? 5? 6? 7? 12? 15? Zählt "PC an" als Computerspielen, wenn gleichzeitig auch TV geschaut wird? usw.)

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Re: Und wieder Panikmache

Beitrag von Dekar » Mo 11. Jan 2010, 08:31

Kwick sieht irgendwie nicht wie ein Newsportal aus. Wo ist denn dieser Artikel veröffentlicht worden?

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Re: Und wieder Panikmache

Beitrag von AssMan » Mo 11. Jan 2010, 09:04

Den Artikel findet man zB auch hier:
http://www.n-tv.de/wissen/dossier/Weg-i ... 68627.html

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Re: Und wieder Panikmache

Beitrag von Sandra Uhling » Mo 11. Jan 2010, 12:37

Hi,
interessant finde ich diese beiden Sachen:
"Ich hatte sonst nichts anderes zu tun", [...]
In der Firma, wo er damals seine Lehre absolvierte, fühlte er sich gemobbt: "Wenn ich nach Hause gekommen bin, war ich deswegen immer mächtig angefressen.

In der Nachbarstadt wird zum Beispiel viel Geld für ein Museum ausgegeben das wohl niemand wirklich benötigt. Für die Kids, Jugendlichen und andere soziale Dinge, fehlt es an Geld. In der Schule wird ja auch nicht mehr gelernt, das man selber aktiv sein kann und eine eigene Meinung haben sollte ...

Mobbing wird auch oft nicht ernst genommen.
Game Accessibility - because everyone wants to save the universe!
... oder wie man seine Zielgruppe erweitert und seine Hauptzielgruppe weniger frustriert

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Re: Und wieder Panikmache

Beitrag von Merkator » Mo 11. Jan 2010, 13:04

Dekar hat geschrieben:Kwick sieht irgendwie nicht wie ein Newsportal aus. Wo ist denn dieser Artikel veröffentlicht worden?
Ne, das ist auch kein Newsportal. Die veröffentlichen aber auch aktuelle Nachrichten. Die Quelle ist die dpa. (Deutsche Propaganda Agentur, wie ich sie auch gerne nenne).

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Re: Und wieder Panikmache

Beitrag von buzzti » Mo 11. Jan 2010, 21:00

Ich hab genau diesen Artikel in leicht abgeänderter Form in meiner lokalen Zeitung (Hohenloher Zeitung) auch gesehen. Vermutlich handelt es sich um eine konstruierte Story, ich versuch das kurz zu erklären:

- Beim ersten lesen dachte ich an einen intensiven WoW-Spieler: Ich bin kein CS-Spieler, aber ich dachte immer CS hat keine "Melodie"? Gibt es überhaupt Soundtrack in CS? Und diese "Minuspunkte" aus der "virtuellen Gruppe" hören sich auch eher nach WoW-Raid-Gilden an - aber wie gesagt, bei CS kenn ich mich nicht aus.

- Ich denke man hat den Artikel über CS geschrieben, da man hier das "sinnlose Rumgeballer" leichter verkaufen kann.

- Der Teil mit der Muckibude stand soweit ich weiß nicht in meiner Version, vielleicht weil der Bericht im Kinderteil war und dort nichts von Aggressionen abbauen stehen sollte? Eher wahrscheinlich: Wegen dem Layout musste der Bericht gekürzt werden. Außerdem kann ich mich nicht an die Story mit dem kleinen Gamer-Herz oder dem "nicht lachen oder weinen" erinnern.

Ich unterstell der dpa mal nicht, dass der ganze Artikel gestellt sei, aber ich denke es ist eine Mischung aus Online-Spiel-Sucht und Mediengewalt-Kritik, dafür müssen nunmal WoW und CS herhalten.

Wenn schon ein Artikel mit "immer mehr" anfängt, geht es meistens in eine kulturpessimistische Richtung... und von wegen "bereits 3 - 7 % Internetsüchtig"... und es werden immer mehr! Wann schaltet endlich jemand dieses Internet ab?

Sandra Uhling
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Re: Und wieder Panikmache

Beitrag von Sandra Uhling » Do 14. Jan 2010, 12:28

Vorschlag: Linkliste: www.computersucht-berlin.de

"Computerspielen nicht verteufeln
Spielt ihr Kind exzessiv am Computer, hilft es nicht, wenn Eltern das spiel verteufeln. Sätze wie "Das Spiel ist daran schuld, dass du sitzen geblieben bist" führten eher zu mehr Streit in der Familie, erläutert Jannis Wlachojiannis von "Lost in Space", der Beratung für Computerspiel- und Internetsüchtige des Caritasverbandes Berlin. Eltern sollten versuchen, mit ihrem Kind eine einvernehmliche Lösung über die Spieldauer zu finden. Gut sei, wen sich Betroffene und angehörige auf einen bestimmte Stundenzahl pro Woche einigen. Die sollte sich der Spieler aber selbst einteilen können. Wichtig sei, dass die Eltern auf die Einhaltung achten. Das lasse sich durch Software schützen."
Quelle: Westfälische Nachrichten, 14.01.2010

Bemerkung von mir:
Problematisch wird es, wenn man nicht unterscheiden kann, ob die Medien für Freizeit oder für die Schule verwendet werden. Was könnten Eltern da tun?
Game Accessibility - because everyone wants to save the universe!
... oder wie man seine Zielgruppe erweitert und seine Hauptzielgruppe weniger frustriert

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