Fragen an Petra Meier (BPjM) für gamescom-Treffen

Rey Alp
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Re: Fragen an Petra Meier (BPjM) für gamescom-Treffen

Beitragvon Rey Alp » Sa 26. Aug 2017, 16:05

Das mit der Jugendpornographie ist finde ich ein gutes Beispiel: Für einen Jugendlichen dürfte es kaum gefährdend sein, sich oder ein Foto, dass ihn "teilweise unbekleidet in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung" zeigt - vielleicht noch sogar mit seiner Freundin zusammen - anzusehen: Also Sex mit seiner Freundin wäre unschädlich, aber ein Foto davon für ihn nicht? Der von dir angesprochene Schutzgedanke, dass Jugendliche durch die Beschränkungen davon abgehalten werden sollen, sich selbst emotional und wirtschaftlich ausbeuten zu lassen, ist interessant, aber ich war davon ausgegangen, dass der Gedanke hinter dem Verbot der Kinder- und Jugendpornographie ist, dass entsprechende Neigungen bei Erwachsenen nicht (durch den Konsum derartiger Inhalte) verstärkt werden sollen, weil man befürchtet, dass sie diesen sonst irgendwann vielleicht sogar auch in strafrechtlich relevanter Weise real nachgehen könnten. Ich habe die Jugendgefährdung bei der Indizierung immer so verstanden, dass sie Jugendliche davor schützen soll, durch den Konsum von Inhalten unmittelbar selbst in ihrer Entwicklung geschädigt zu werden (d. h. eine nachteilige Persönlichkeitsentwicklung begünstigt wird). Sicherlich ist es für Jugendliche gefährdend, wenn es mehr Personen gibt, die sie sexuell Missbrauchen wollen, doch das dürfte nicht der Hintergrund des § 18 JuSchG, sondern des 184c StGB sein.

Davor, durch Erwachsene nicht sexuell ausgebeutet zu werden, schützt auch schon der § 180 StGB - dafür braucht es die Indizierung nicht.

Wie ich auch im Blog geschrieben habe: Nur weil ich bei Begriffen als Tatbestandsmerkmale schwarz/weiß denke heißt dass nicht, dass ich die Begriffe unabhängig von Tatbestandsmerkmalen irgendwie definiert haben wollen würde. Da hat jeder seine eigene Meinung und ich rede da niemanden hinein.

Rigolax
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Re: Fragen an Petra Meier (BPjM) für gamescom-Treffen

Beitragvon Rigolax » So 27. Aug 2017, 16:57

Laut BPjM in Bezug auf Posendarstellungen:

Solche Darstellungen gefährden Kinder und Jugendliche, weil sie einen Eindruck der Normalität des sexuellen Umgangs von Erwachsenen mit Minderjährigen vermitteln und die kindliche Neugier wecken.


http://www.bundespruefstelle.de/bpjm/Ju ... ungen.html

Rey Alp
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Re: Fragen an Petra Meier (BPjM) für gamescom-Treffen

Beitragvon Rey Alp » So 27. Aug 2017, 18:58

Danke, wusste ich nicht, verstehe ich aber auch nicht: wenn eine 17 jährige ein derartiges photo von sich bei facebook postet um ihren Freundeskreis zu beeindrucken - was haben da erwachsene mit zu tun?

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Re: Fragen an Petra Meier (BPjM) für gamescom-Treffen

Beitragvon Patrik » So 27. Aug 2017, 20:27

Bin noch nicht dazu gekommen, die Zusammenfassung des Gesprächs ins Reine zu schreiben, es sind aber schon ein paar interessante Aspekte enthalten. Die Stoßrichtung ist, ob das Medium eine Identifikation mit dem Gezeigten zulässt und somit als (schlechtes) Vorbild dienen kann. Maßstab ist dabei die Annahme eines “gefährdungsgeneigten” Jugendlichen.
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Re: Fragen an Petra Meier (BPjM) für gamescom-Treffen

Beitragvon Pyri » Mo 28. Aug 2017, 18:55

Rey Alp hat geschrieben:Danke, wusste ich nicht, verstehe ich aber auch nicht: wenn eine 17 jährige ein derartiges photo von sich bei facebook postet um ihren Freundeskreis zu beeindrucken - was haben da erwachsene mit zu tun?

Facebook ist wie andere Social Media nunmal kein geschlossener Ort, der nur für Jugendliche existieren würde. Selbst bei anderen, sozial dezidierten Plattformen wie schülerVZ ist so etwas nicht leicht umzusetzen - nur schwer zu gelingen, sobald sie etwas größer (unüberschaubar) wurden - und vor allem, was meiner Einschätzung nach gern übersehen wird, wenn sie kostenlos sind (!).

Und der Jugendschutz sorgt sich dann vor allem um die Perspektive eines Erwachsenen als Eindringling in diese Welt(en).
Mag sein, dass es dazu noch andere Strafrechtsnormen auch gibt, aber Kinder und Jugendliche vor sexueller Ausbeutung so zu schützen ist zweifellos und in jedem Fall auch bei diesen Normen ein vordringliches Anliegen.
Zugespitzt formuliert: Pädophile sind im Umgang mit Minderjährigen tendenziell daran interessiert ihr Verhalten und das erwartete/erwünschte Verhalten ihrer Opfer als "normal" erscheinen zu lassen, deshalb gab/gibt es dort politisch ja auch Versuche über Zuschreibungen wie "pädosexuell" - analog zu homosexuell - Anerkennung zu finden, indem das Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen etwa ignoriert oder geleugnet wird. Wobei die Idealisierung eines solchen Verhaltens (Stichwort Vorbildwirkung) natürlich noch schlimmer wäre.

Das hört man hier vielleicht nicht gern, aber das Phänomen ist ja auch von herkömmlichen Gaming Communities bekannt: je offener und freier die Gaming Communities sind, desto anfälliger sind sie für Korruption. Am PC verzichtet etwa GOG.com zwar noch auf das dort übliche DRM, dafür befindet sich ihr gesamter Katalog bekanntermaßen auch 1:1 auf einschlägigen Piraterie-Seiten: je mehr Potential in der Nutzung von etwas besteht, desto höher ist die Chance eines Missbrauchs.
Und der Rest bleibt Sozialromantik.
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Re: Fragen an Petra Meier (BPjM) für gamescom-Treffen

Beitragvon Themores » Di 27. Nov 2018, 17:20

warum bei diesen Titeln, aber nicht bei ähnlichen Titeln oder den Vorgängern?

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Re: Fragen an Petra Meier (BPjM) für gamescom-Treffen

Beitragvon Rigolax » Di 27. Nov 2018, 18:08

Themores hat geschrieben:warum bei diesen Titeln, aber nicht bei ähnlichen Titeln oder den Vorgängern?


Um das mal aufzuklären, soweit die Lage bekannt ist.

Im April hat ein freier Autor für die GameStar einen Report verfasst, der sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Leider ist der hinter einer Paywall: https://www.gamestar.de/artikel/verscha ... 28817.html Ich hab den aber gelesen.

Im Mai hat der Autor bei PcGames allerdings einen ähnlichen Artikel veröffentlicht. Der ist öffentlich verfügbar und beantwortet die Kernfrage. http://www.pcgames.de/Spiele-Thema-2391 ... z-1255622/ ("Anpassung der Maßstäbe")

So heißt es:

Elisabeth Secker [Geschäftsführerin der USK, Anm. d. Verf.] erklärt: "Die Spruchpraxis der USK-Gremien orientiert sich neben der Einbeziehung von gesellschaftlichen Werte-Debatten auch immer ganz klar an der aktuellen Rechtslage. Öffentliche Debatten um Änderungen und Verschärfungen des Sexualstrafrechts 2015/2016 (dabei besonders die Debatten um Änderungen des StGB, §184b und §178 f Verbesserungen des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung) führen natürlich zu einer erhöhten Sensibilisierung der Gremien und in Folge entsprechender Diskussionen dann zu einer sensibleren Spruchpraxis."


Der Autor resümiert, dass Gal Gun: Double Peace oder ähnliche Titel heute vielleicht keine Kennzeichnung mehr bekämen (man erinnere sich, der erste Teil bekam eine "USK 16").

Im Report bei der Gamestar wird auch Lidia Grashof (Ständige Vertreterin der Obersten Landesjugendbehörden bei der USK) zitiert. Auch sie räumt ein, dass es grundsätzlich möglich sei, dass ältere Titel heute keine Kennzeichnung mehr bekämen.

---

Um das zusammenzufassen: Die USK-Gremien legen mit Verschärfung des Sexualstrafrechts den generell durchaus definierten Posendarstellungstatbestand im Jugenschutzgesetz nun weiterreichender aus, ohne dass dieser direkt verschärft wurde. Der Hintergrund ist sicherlich, dass die Kritieren ohnehin schwammig sind, die der "einfachen" Jugendgefährdung noch weiter, und einem gesellschaftlichen Wandel unterliegen. Meist geht dieser in Richtung Liberalisierung, siehe Gewaltdebatte, der Streitpunkt "Posendarstellung" zeigt allerdings, dass es sich auch restriktiver entwickeln kann.

Die BPjM hat bisher Valkyrie Drive: Bhikkhuni und Criminal Girls 2 indiziert (auf A).

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Re: Fragen an Petra Meier (BPjM) für gamescom-Treffen

Beitragvon Pyri » Do 29. Nov 2018, 22:34

Also ich gehe nun davon aus, dass auch das erste "Gal Gun" in Deutschland strafrechtlich relevant ist - bzw. die BPjM es dafür hält.
Wir hatten ja schon oft die Debatte was das bedeutet und ich meine immer noch, dass sie sich da irrt - solange dies kein unabhängiges Gericht (ebenfalls) festgestellt hat.
Aber die Behörde verfügt über gewisse Kompetenzen auch allein - das ist klar. Nur: aus meiner Sicht wäre der nächste Schritt, dass die Freiwilligen Selbstkontrollen und die OLJB darauf reagieren. Warum tun die das nicht?
Es wirkt so, als ob ein einmal vergebenes Kennzeichen sakrosankt wäre - auch wenn sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen geändert haben, bzw., wie in dem Fall, die Auslegung derselben. So als ob da nichts vorgesehen wäre - für diese Fälle.

Dabei ist das Gesetz doch eindeutig, dahingehend dass die Kennzeichen nicht über dem Strafrecht stehen. Hinzu kommt, dass die BPjM nur auf Antrag aktiv wird und für nicht-gekennzeichnete Spiele kaum Anträge gestellt zu werden scheinen - obwohl die Kommunikation zwischen Freiwilligen Selbstkontrollen und Behörde zu funktionieren scheint wird der Jugendschutz da selbst nicht aktiv, obwohl er es wiederum doch werden könnte. Weshalb wird er das aber nicht, also warum kümmert sich kein Jugendamt darum?
Abgesehen davon ist der eigentlich Skandal aus meiner Sicht, dass aus wirtschaftlichen Gründen die einmal erfolgte Kennzeichnung nicht angetastet wird. Ich meine: das würde ja auch sichtbarer machen was da eigentlich passiert (und im besten Fall endlich eine echte Diskussion auslösen können).
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