von Pyri » Do 8. Mär 2012, 17:16
@Gordon
Mein Problem mit dem Begriff ist eigentlich genau (auch) eine Definition wie sie Patrik angesprochen hat.
Denke sogar man kann sagen, dass es in Videospielen immer um Problemlösungen geht. Ganz banale, vielleicht auch triviale Dinge. Wie von A nach B zu gelangen. Eine gewisse Zeit lang es wo auszuhalten, eine Situation zu überstehen. Oder sich möglichst schnell wohin zu bewegen - etwa bei Rennspielen. Doch darum soll es bei "Serious Games" ja eher auch nicht gehen.
Also wird man das Problem so schon irgendwie eingrenzen müssen - eher von einem gesellschaftlichen Problem zum Beispiel reden.
Ich kenne dabei eher noch die Definition wonach es sich um games handelt welche "designed around a purpose" sind.
Das passt dann auch für mich noch gerade so, am ehesten - damit komme ich klar, aber was heißt das: wohl dass es sich um so etwas wie "Public Service Announcements" dabei handeln soll. Und was ist das? Eine besondere Form der Werbung. Keine Werbung für Cafe, sondern gegen Welthunger zum Beispiel, gibts auch wirklich als Serious Game (Food Force), oder um keinen Alkohol zu trinken und Auto zu fahren, usw.
Nur was darf dann das sein: ich bin zum Beispiel zwar nicht der einzige der demnach etwa sagt, dass "America's Army" ein so sehr erfolgreiches Serious Game ist, aber da werden sich auf der Ebene des "Public Service" zumindest auch jede Menge Leute finden lassen die das in Frage stellen werden. Wo es dann wiederum auf das Anliegen ankommt, welches für die (eigene) Sache ein Serious Game für etwas zu schaffen legitim erscheint. Das heißt, dass auch auf dieser Ebene bereits potentiell selektiert wird.
@Aginor
Den Unterschied zwischen "seriös" und "ernst" verstehe ich aber nicht. "Seriös" und "ernst" wurde doch immer eher synonym im Unterschied zu Unterhaltung verwendet. So wie zwischen Ernster Musik und Unterhaltungsmusik. Da war erstere auch immer "seriöser". Zwischen Dietrich Fischer-Dieskau und Johannes Heesters. Viele gerade Schauspielkarrieren zeugen in Deutschland von dieser Unterscheidung, von einem Leiden darunter. Etwa ein Harald Juhnke der sich an "ernsten" Rollen versucht.
Dem Leiden eines Fernsehkasper zum Beispiel, in einer Welt die strikt auch zwischen Komödie, Komik und anderem Schauspiel unterscheidet. Nur wenigen gelang es bislang da etwas für eine Öffentlichkeit einzubrechen - Harald Schmidt und Charlotte Roche betrachte ich diesbezüglich weiterhin als Ausnahmen. Obwohl ich mich mit dem deutschen Fernsehen und Theater heutzutage zugegebenermaßen kaum mehr beschäftige - kann sein, dass ich da auch etwas übersehen habe. Eine andere Entwicklung.
Nun, das ist das deutsch(sprachig)e Problem - der von mir kritisierte Umgang mit Serious Games betrifft hingegen die gesamte, das heißt internationale, Industrie.
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Denn grundsätzlich noch: um nicht falsch verstanden zu werden - ich bin NICHT GEGEN Serious Games.
Im Gegenteil, ich würde mir sogar noch viel mehr und vor allem viel größere Projekte diesbezüglich wünschen.
Bloß sehe ich (jetzt schon) wie darüber selektiert wird: keinEr der großen drei KonsolenherstellerInnen würde da etwas heutzutage schon auf die Marktplätze lassen. Wohl nicht einmal Valve mit Steam. Obwohl bei Steam zuletzt auch Free-to-Play forciert wurde. Vor allem wohl weil sie als zu politisch imaginiert werden.
Mir geht es im Gegenteil jedoch darum, dass Videospiele politischer werden - dass ein Nintendo ein "Imagination is the Only Escape" eben zulässt und nicht verhindert.
Dass anderes zugelassen wird -
Und keine eigenen Vertriebswege, ein eigener Festival-Zirkus um Serious Games aufgezogen wird - einer der sich vom Rest der Industrie und deren "Spielspaß" abschottet. Man braucht zum Beispiel doch nur schauen von wem ein Jens Stober in seinen Arbeiten unterstützt wurde - es sollte doch kein Problem sein, dass dessen Werke auch auf Steam offiziell angeboten werden. Dass Valve so etwas auch unterstützt, wenn schon deren Engine verwendet wird und (andere) Mods gegebenenfalls auch akzeptiert werden, sogar übernommen. Wie CS
Oder haben die hiesig etablierten Firmen wie Banken oder Versicherungen etwa (auch) was dagegen mit anderen Videospielen in Verbindung gebracht zu werden? Abgesehen von Valve zum Beispiel. Das sind Fragen mit denen ich mich beschäftige.
Eine europäische Welt der Videospiele könnte sich mit diesen Arbeiten auch von den USA einmal abgrenzen, wo auch solche Serious Games außerhalb universitärer Einrichtungen kaum Unterstützung durch Firmen finden - meinem Eindruck nach. Da könnte auch eine andere europäische Kultur und Identität für Videospiele allgemein geschaffen werden.
Nur ein Wille dafür müsste eben schon da sein.
Und da komme ich auch gerne auf mein "Stigma Videospiele"-Thema zurück: die leidige "Gewalt".
Wie verwenden traditionelle Videospiele "Gewalt" und wie könnten Spiele abseits von Genre-Konventionen mit dem Thema noch umgehen. So schön Genre, Sicherheit und Fantasie, auch ist, so gäbe es doch noch ganz andere Möglichkeiten Gewalt konkret zu thematisieren.
Dabei gibt es jetzt schon sicherlich "Serious Games", auf Steam und Co. Den Unfall aus "Trauma" zum Beispiel
Wie verwendet da etwas aber auch die Videospielpresse in Deutschland oft: ich erinnere mich nur allzu gut daran wie dereinst bei der GamePro sich dezidiert geweigert wurde ein "Heavy Rain" überhaupt als Videospiel anzuerkennen.
Und das waren dieselben Leute welche sich über "Modern Warfare 2" empört haben.
Seit "Trespasser" 1998 beobachte ich dieses Treiben schon: 2004 als "Larry 8" nicht von Al Lowe erschien hat es auch geheißen, dass das kein Adventure wäre weil es mit seinen iterativen Minispielen nicht dem gängigen Lucasarts/Sierra-Schema entsprach. Schon bei der deutschen Stimme von Larry, dem Komiker Oliver Pocher, hat man sich offenbar etwas anderes vorgestellt, nämlich dass dieser für seine Rolle doch seine Stimme verstellen wird müssen. Alles ganz bestimmte Erwartungshaltungen. Wie soll sich da etwas weg von schnöden Produkttests bewegen, wie es ein Christian Schmidt gefordert hatte, wenn schon so an Konventionen festgehalten wird. Und ansonsten vielleicht gegebenenfalls bloß noch (andere) Ressentiments hinzukommen?
Auch heuer Anfang des Jahres bei "Amy" wieder - und jetzt wohl auch bei "I AM Alive": dabei haben immer nur ganz wenige Spiele Gewalt überhaupt so explizit thematisiert wie "Amy" oder "I AM Alive".
Daneben fallen mir eigentlich nur die vier "Manhunt" und "Condemned" ein, wobei es natürlich schwierig für mich ist darüber in einem Land zu schreiben in dem den Menschen augenscheinlich so wenig Eigenverantwortung über ihr auch virtuelles Handeln zugetraut wird, dass eine Belohnung für "Gewalt" beständig affirmativ interpretiert wird. Für mich ist das ja eher eine moralische Herausforderung: zu fragen weshalb Menschen dafür überhaupt belohnt werden möchten. Die Beschreibung eines Dilemmas. Weshalb soll Gewalt konsumierbar gemacht werden in Videospielen? Was ist das für eine Unterstellung und auf welches Menschenbild deutet diese hin. Stattdessen meint man in Deutschland anscheinend immer, in meinen Augen höchst unreflektiert bezüglich der eigenen Vergangenheit und nur vorgeblich dieser gewahr, dass man für Gemetzel nicht ausgezeichnet werden sollte. Gerade das verhindert werden soll - dass Videospiele einem sagen sollen was gut und was falsch wäre, immer auf das Richtige hinweisen. So wie es am Ende ja, für mich völlig unverständlich, leider auch ein Stober tat. Und das noch moralisch-didaktisch-pädagogisch für sich in Anspruch genommen hat: doch gerade das kann es aus meiner Sicht eben nicht sein. Es kann nicht sein, dass den Menschen die Arbeit abgenommen wird zu erkennen was richtig und was falsch wäre.
Ubi Soft hat sich offensichtlich (auch) nicht getraut aus der sehr konzeptionellen Idee von "I AM Alive" ein Retail-Produkt zu gestalten. Ein richtig großes Videospiel zu machen indem Konfrontationen mit KombatantInnen nicht unbedingt gefunden werden, sondern mitunter eher auch vermieden werden sollten. Und zwar nicht, weil die Gegnerschaften zu schwierig oder so sind, sondern weil es einfach auch keinen Sinn macht zu kämpfen.