Links zur Presse (Stigma) #7

Falschdarstellungen und Vorurteile
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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Rigolax » So 11. Aug 2019, 19:38

Ich fand die ersten paar Videos von Sarkeesian ja ehrlich gesagt gute Debatten-/Meinungsbeiträge, also aus ihrer Reihe „Tropes vs Women in video games“. Da hatte sie einen legitimen Einwand und den auch imho gut begründet. Danach wurde es dann abgehobener und irgendwann konnte ich es auch nicht mehr nachvollziehen. Viel mehr habe ich mich nicht mehr damit beschäftigt, die Kritik an der Kickstarter-Finanzierung noch am Rande mitgekriegt. Daher weiß ich jetzt nicht, wie „gefährlich“ sie ist, na ja.

Diese Repräsentationsdebatte finde ich insgesamt aber schon nervig, ja toxisch trifft‘s gut. Z. B. letztens ein Kotaku-Artikel, der schon in der Überschrift toxisch war: https://kotaku.com/mordhaus-developers- ... 1836026804 ("Mordhau's Developers Are On Some Bullshit") Das hat gar nichts mehr mit Journalismus zu tun, das ist ja nur noch Agitation. Als ob es jetzt so schlimm gewesen wäre, selbst wenn die Entwickler einen „racial toggle“ eingebaut hätten, was da für ein Fass aufgemacht wird.

In dem Kontext nervt mich dieser Einwand, dass solch ein Spiel ja ohnehin nicht historisch korrekt wäre. Es muss ja wohl auch verschiedene Ebenen von historisch authentisch geben. Wenn z.B. jedes Hakenkreuz durch ein Eisernes Kreuz ausgetauscht wird, dann ist das halt befremdlich; imho ist es voll legitim, das als historisch inkorrekt abzulehnen. Und ähnlich ist’s halt, wenn man auf Seiten der Nazis in einem WW2-Shooter keine Schwarzen/schwarzen Frauen sehen will. Daraus kann man an sich doch keinen Rassismus/Sexismus ableiten, wie es aber immer direkt unterstellt wird.

Ich denke allgemein schon, dass ideologische Kritik geäußert werden darf, wie z. B. bei KCD. Dazu meinte ich im Thread hier ja schon mal etwas, bezogen auf eine gewisse Xenophobie im Spiel, die man diskutieren sollte. Dass die Entwickler (einflussreiche Teile des Entwicklerteams) auch ein politisches Statement setzen wollten, das halte ich eh für recht klar, wobei es an sich ja auch egal ist für die Interpretation des Werkes (wie war das, Tod des Autors?). Es gibt jedenfalls auch eine Quest, in der der Spielercharakter das Lesen lernt, in der ihm (auch dem Spieler) erklärt wird, was Bild- und Sachebene sind, das jede fiktive Geschichte eine dahinterliegende Intention habe… das ist schon eigentlich ein Wink mit dem Zaunpfahl imho, vielleicht aber auch ein Seitenhieb auf die Postmoderne.

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https://www.youtube.com/watch?v=_m7txM8wnt0 Video eines funk-Kanals, d.h. aus dem Rundfunkbeitrag finanziert: „Verursachen Videospiele Amokläufe?“ (spoiler: natürlich nicht). Verlink ich mal, weil darin einige Studien behandelt werden.

Übrigens mal hier geschrieben, da im Video auch Team Fortress 2 mal erwähnt wird: das hat 2017 in sowohl einer ungeschnittenen als auch geschnittenen Version eine 16er Freigabe erhalten. Ich hatte dazu vor paar Tagen die USK gebeten, mal ihre Datenbank klarer zu machen, weil vorher nur die 18er drinstand (ohne „low violence“-Hinweis) und eine 16er mit Low-Violence-Hinweis, d. h. diese Runterstufung ging da gar nicht draus hervor. Jedenfalls sind Cut- und Uncut-Version jetzt gleichberechtigt; hat imho eine gewisse Aussagekraft über die tatsächlich Wirkung von fiktiven Gewalteffekten, die sollte nämlich eigentlich recht gering sein für den Jugendmedienschutz.

Übrigens noch als Newspost hier: Fornite hat jetzt mit BR-Mode offiziell die 12er. Via IARC kam für die Switch vor einem Jahr die 16er raus. Bei GameStar meinte man dazu damals: "Nun wissen wir, ab wie vielen Jahren man das Spiel spielen sollte." Tja, so kann man sich täuschen; wobei die Aussage natürlich immer Quatsch ist bei Alterseinstufungen, der GameStar-Autor, stellvertretend für viele hierzulande, die aber natürlich als Dogmen wahrnimmt. https://www.gamestar.de/artikel/fortnit ... 31172.html

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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Rigolax » Do 22. Aug 2019, 22:55

"Hakenkreuze sollen der Bildung dienen. In dem Computerspiel »Berlin 1936« kann man Adolf Hitler auf der Höhe seiner Macht spielen" https://www.neues-deutschland.de/artike ... ienen.html

Geht um "Berlin 1936", das heute aus dem deutschen Steam Store entfernt wurde. Laut dem zitierten Ersteller liegt das Spiel auch grad bei der BPjM. Auf Twitter wurde sich mal wieder etwas empört, daher erreichte es wohl die notwendige Aufmerksamkeit für einen Antrag/eine Anregung bei der BPjM.

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Der Indizierungstatbestand für "Verrohung durch Banalisierung des Nationalsozialismus" scheint ja schon irgendwie für so einen Fall gemacht... Der Entwickler ist insgesamt übrigens ein ziemlicher Troll, wenn man sich seine sonstigen Produktionen mal anguckt. IMHO fast ausgeschlossen, dass es ihm tatsächlich um Dokumentation oder Bildung ging, sondern vor allem um Schockwert. Anders als im vielleicht entfernt vergleichbaren Fall "1378 (km)".

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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Pyri » Fr 23. Aug 2019, 17:56

Rigolax hat geschrieben:"Hakenkreuze sollen der Bildung dienen. In dem Computerspiel »Berlin 1936« kann man Adolf Hitler auf der Höhe seiner Macht spielen" https://www.neues-deutschland.de/artike ... ienen.html

Also diesen ND-Artikel finde ich jedenfalls gut.
Die Fahrsequenz erinnert an das uralte österreichische Spiel "Oldtimer" (der ursprünglichen "Anno"-Macher), der Preis ist mit fast 17 Euro ziemlich hoch bemessen, und die Ästhetik wirkt zwar sehr elaboriert, insgesamt aber auch eher unfreiwillig komisch.
Und wieder stellt sich mir bei so einem Titel die Frage woher die Assets eigentlich stammen - in den Reviews gibt es dafür schon einen Hinweis, nur kann ich mit dem absolut nichts anfangen (hier in Österreich wurde das nicht gesperrt).
Und etwas Recherche zufolge ist der Autor wohl (doch) kein Nazi, nur recht naiv. Warum? Weil "Bildung" so nicht funktionieren kann. Zu sagen "ich halte mich da raus" und anstatt eines Statements Wikipedia-Artikel zu verlinken ist bei der "Sozialadäquanz" kaum vorgesehen. Das kann auch nicht wirklich mit Wissenschaftlichkeit gemeint sein und wird höchstens bei Partikularinteressen wie der Militärgeschichte (noch) akzeptiert, aber sicher nicht als Gesellschaftsdarstellung... Also wenn die Bundesprüfstelle keinen Hinweis auf "Kritik" findet, wie Darstellungen von Verfolgungen etc., wird der Titel hoffentlich indiziert werden - genauso wie dem entsprechende Bücher und Videos (Riefenstahls Film "Olympia" wurde etwa nach dem Krieg ja auch nur in einer "Adenauer"-Version aus den Fifties verfügbar gemacht, in welcher der Nationalsozialismus kaum vorkam).
Es soll zwar eine Taste geben mit welcher der Avatar umgebracht werden kann, also auf Knopfdruck quasi, aber dann kommt man (mitten in Berlin!?) zu einem Tor auf dem "Arbeit macht frei" draufsteht - was wohl Sachsenhausen sein soll, aber mir auf keinen Fall "authentisch" erscheint.
Zuletzt geändert von Pyri am Sa 24. Aug 2019, 00:11, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Rigolax » Fr 23. Aug 2019, 18:26

Ja, den ND-Artikel finde ich auch tatsächlich nicht schlecht. Der ist alles in allem erstaunlich nüchtern, relativiert dann -- zu Recht -- auch die vermeintliche Gefahr des Spieles, aber bringt eben Kritik an.

Fehlerhaft ist meines Erachtens nach ja wohl (wie üblich) der rechtliche Teil bezogen auf den vorletzten Absatz; da wird (halt wie üblich) § 86a mit § 86 StGB verwechselt. Nun will ich nicht leugnen, dass es da gewisse Überschneidungen geben mag, aber wir dürften ja zustimmen, dass der eigentlich relevante Paragraph § 86a StGB ist, nämlich Abs. 1 Nr. 1 "im Inland Kennzeichen einer der in § 86 Abs. 1 Nr. 1, 2 und 4 bezeichneten Parteien oder Vereinigungen verbreitet oder öffentlich, in einer Versammlung oder in von ihm verbreiteten Schriften (§ 11 Abs. 3) verwendet". Der Schriftenbegriff des StGB ist ja bekannt. Da vollends mit § 86 zu argumentieren ist schon schräg. Die Autorin greift da offenbar auf ihren Artikel über Nazi-Devotionalien zurück (EDIT: Nach § 86 Abs. 2 StGB können "Propagandamittel" auch wohl nur "Schrifen" sein, also ist das da auch komplett daneben afaik).

Amüsant finde ich, dass der Ersteller im Laufe des Textes "El Oliver" genannt wird. Ganz so, als wäre "Mac El Oliver" nicht ein Pseudonym. Offenbar ist das auch irgendwie eine Meme aus einem YouTube-Kanal, habe das noch nicht ganz durchblickt. Sein Facebook-Avatar ist jedenfalls ein Stock-Image (obviously). Ich finde von dem Hersteller nichtmal ein Impressum, ich tat mich gar schwer, eine E-Mail von dem zu finden und wunderte mich, wie ND und gar die BPjM ihn kontaktiert haben mag. Erstere vlt. via Facebook...aber dann fiel mir nochmal auf, dass er in einem Forumsthread auf eine Nutzerfrage eine Mail-Adresse postete; vlt. hat die BPjM tatsächlich ihn so erreicht, keine Ahnung.

Für einen Nazi halte ich den Entwickler auch nicht. Ich finde schon die Evaluation der "Tester" von gaming-grounds im ND-Artikel, wonach das Spiel eine "überteuerte Form von verherrlichtem Nationalsozialismus" sei, etwas überzogen. Sicherlich, darf man schon denken. Ich hab das Spiel ja auch nicht gespielt, sondern nur die vorliegenden Materialien gesichtet, aber imho zielt der Entwickler offensichtlich (nur) auf Shock Value ab, will mit dem Spiel polarisieren, vielleicht auch etwas "abhitlern", jetzt, wo vermeintlich ja NS-Symbole in Videospielen erlaubt wären, der vermeintliche Tabubruch, wie in den USK-Leitkritieren gemeint. Dass da noch etwas Geld mitgenommen werden soll, dafür spricht dann der doch relativ hohe Preis. Jedenfalls haben einige Leute, von denen ich weiß, dass sie sonst sehr viel Zeug mitnehmen, nur weil aus dem Store genommen werden könnte, das Spiel nicht gekauft; das war vielleicht selbst denen zu blöd.

Kurios ist jedenfalls aber noch das angedachte "Mission Update": "The 'Enemies of the Reich' section will feature the 5 criminals you can find across the city." https://steamcommunity.com/games/109144 ... 0642580377 Ich weiß ja nicht, in welche Richtung das noch gehen soll. Na ja. Und im Steam-Forum hat ein Typ ziemlich klar den Holocaust geleugnet, speziell Auschwitz II als Vernichtungslager, der Post wurde dann aber irgendwie gelöscht, der User aber nicht gesperrt (sehe ich an anderen Posts von dem, sonst würde da "Banned" stehen). Momentan gibt's noch einen anderen Thread eines Nutzers, der doch auch recht deutlich, eh, den Holocaust in Frage stellt, und auf den der Dev geantwortet hat. Na ja.

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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Pyri » Sa 24. Aug 2019, 00:38

Rigolax hat geschrieben:Kurios ist jedenfalls aber noch das angedachte "Mission Update": "The 'Enemies of the Reich' section will feature the 5 criminals you can find across the city." https://steamcommunity.com/games/109144 ... 0642580377 Ich weiß ja nicht, in welche Richtung das noch gehen soll.

Über die seltsame Motivation dahinter kann zwar weiter spekuliert werden, nur der historische Anspruch ist so schon getrost zu vergessen: Pervitin wurde 1936 noch nicht verkauft.
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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Rigolax » So 25. Aug 2019, 21:37

"Streicht die Subventionen für Videospiele!" https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ ... 49537.html

Bester Teil ist definitiv, dass ja kein Mangel an Videospielen herrschte, da ausländische Produktionen sich schnell übersetzen ließen, "schließlich geht es darin oft um Phantasiewelten mit Phantasiesprache". Das ist, ja, schon imho eine eher, eh, verschrobene Vorstellung der Gaminglandschaft. Ich werfe mal die steile These in den Raum, dass der Großteil der erfolgreichsten ausländischen Produktionen keine "Phantasiesprache" hat, was auch immer das sein soll (orkisch?), und ein nicht geringer Teil gar nicht in "Phantasiewelten" spielt. Aber egal.

Noch ein paar interessante Artikel: "Ist Hakenkreuz gleich Hakenkreuz ? Der Umgang des staatlichen Jugendschutzes mit verfassungsfeindlichen Symbolen im Digitalen Spiel 1985-1994" vom Arbeitskreis Geschichtswissenschaft und Digitale Spiele https://gespielt.hypotheses.org/3208

”Column: In the Trump era, can videogames about killing Nazis be just ‘for fun’?" https://www.latimes.com/entertainment-a ... p-politics Through the Darkest of Times hat's in die LA Times geschafft.

---

Zu Berlin 1936 und historischer Korrektheit/Authentizität: Im Hauptmenü des Spieles wurde auch die Frakturschrift afaik falsch verwendet, ein langes s stand am Silbenauslaut.
Interessanter Weise sperrt YouTube (manche) Videos zu dem Spiel.

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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Vicarocha » Di 27. Aug 2019, 15:44

Rigolax hat geschrieben:"Streicht die Subventionen für Videospiele!" https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/ ... 49537.html

Bester Teil ist definitiv, dass ja kein Mangel an Videospielen herrschte, da ausländische Produktionen sich schnell übersetzen ließen, "schließlich geht es darin oft um Phantasiewelten mit Phantasiesprache". Das ist, ja, schon imho eine eher, eh, verschrobene Vorstellung der Gaminglandschaft. Ich werfe mal die steile These in den Raum, dass der Großteil der erfolgreichsten ausländischen Produktionen keine "Phantasiesprache" hat, was auch immer das sein soll (orkisch?), und ein nicht geringer Teil gar nicht in "Phantasiewelten" spielt. Aber egal.


Folgendes habe ich unter dem entsprechenden FB-Eintrag hinterlassen (i know, I know... Perlen vor die Säue):

Überlegenheitsdünkelnder Kulturelitarismus par excellence: FAZ-Autorin Anna Steiner möchte die Subventionierung von Computerspielen gestrichen wissen und demonstriert gleichermaßen Ignoranz und Agnosie ggü. dem Kulturgut Computerspiele wie auch der misslichen Lage des einschlägigen dt. Kulturbetriebs.

Sie zitiert zwar Felix Falks zutreffende Einschätzung, dass "Rahmenbedingungen zur Spiele-Entwicklung [...] in Deutschland nicht konkurrenzfähig“ sind, versteht die Problematik allerdings nicht. Stattdessen schreibt sie: "Es gibt aber auch Argumente, die gegen eine staatliche Förderung der Branche sprechen. Es sind die besseren. Erstens muss man sie nicht mehr päppeln, da sie auch so schon rasch wächst. Der Umsatz der Spieleentwickler betrug im vergangenen Jahr mehr als 4,7 Milliarden Euro, ein Plus von 5 Prozent. In den Jahren zuvor war die Branche jeweils zweistellig gewachsen. Im ersten Halbjahr 2019 ist der Umsatz mit Games, Konsolen und Zubehör auf 2,8 Milliarden Euro gestiegen, um stolze 11 Prozent. Auch für die Zukunft erwarten die Hersteller ein solides Wachstum, die Nachfrage ist da. 34 Millionen Deutsche spielen Videospiele. Ihr Durchschnittsalter ist inzwischen auf 36 Jahre gestiegen. Das verspricht ordentlich Kaufkraft."

Gem. GAME, dem Bundesverband der deutschen Games-Branche e.V., erzielte die Spielebranche alleine in Deutschland 2017 einen Umsatz von 3,3 Milliarden Euro. Deutschland ist somit zwar der größte europäische und (in dieser Reihenfolge) nach der Volksrepublik China, den Vereinigten Staaten von Amerika, Japan und der Republik Korea der fünftgrößte Absatzmarkt(!) für Computerspiele weltweit, aber am internationalen und nationalen Absatz sind Spiele aus dt. Produktion so gut wie unbeteiligt:

"Die schwierige Situation der Games-Branche in Deutschland zeigt sich auch an ihrem Umsatzanteil auf dem Heimatmarkt: Während der Games-Markt in Deutschland 2017 abermals Rekordumsätze verzeichnete, ist der Marktanteil heimischer Spiele-Entwicklungen erneut gesunken: 2016 entfielen noch 6,4 Prozent des Umsatzes auf Titel aus Deutschland. 2017 waren es sogar nur noch 5,4 Prozent. Das entspricht rund 119 Millionen Euro bei einer Marktgröße von über 2,2 Milliarden Euro (Gesamtmarkt ohne Hardware, Gebühren für Online-Netzwerke und Hybrid Toys). Zum Vergleich: Im Bereich der Kinofilme liegt der Anteil deutscher Produktionen an den deutschen Kinokassen bei rund 24 Prozent" (https://www.game.de/wp-content/uploads/ ... e-2018.pdf, S.26).

Das ist nicht nur aus wirtschaftlicher Perspektive offensichtlich problematisch - es geht nicht nur um Arbeitsplätze, Steuereinnahmen u.ä. - , sondern insb. auch aus kultureller. Gerhard Florin, der ehem. Executive Vice President und General Manager International Publishing der Electronic Arts Inc., betonte bereits vor 14 Jahren(!), dass Computerspiele das "wichtigste kulturelle Medium dieses Jahrhunderts" sind, so dass er warnt: "Wenn wir uns weigern, Computerspiele als legitime Kunst anzuerkennen, riskieren wir ein Jahrhundert der kulturellen Stille" [zit. n.: Graff, Bernd (2005): Neue Medien – alte Vorwürfe. Analphabeten des Bilder-Blutes. Online: <http://www.sueddeutsche.de/kultur/neue-medien-alte-vorwuerfe-analphabeten-des-bilder-blutes-1.426529>, Stand: 02.10.2012].

Die Entwicklung von (AAA-)Computerspielen ist mittlerweile i.d.R. eine Multimillionen-Euro-Angelegenheit, die in Dtld. der staatl. Förderung bedarf, weil es hierzulande an entsprechenden Strukturen etc. mangelt, um solche Projekte zu realisieren. Deutschland gerät damit auch kulturell international immer weiter auf das Abstellgleis. Bald ist nicht mehr nur der Zug abgefahren, sondern der ganze Bahnhof......... Deshalb: Die Förderung ist dringend notwendig!

Steiner kommt diese Problematik aber erst gar nicht in den Sinn. Hier wird ihr Überlegenheitsdünkeln offenbar: "Drittens ist die Einordnung von Videospielen als schützenswertes Kulturgut, die zur Rechtfertigung von Fördermitteln herangezogen wird, fragwürdig. Stehen Spiele wirklich in einer Reihe mit Literatur und Kunst? Oder geht es dabei nicht vielmehr ums schnöde Unterhaltungsgeschäft?"
Die Dichotomisierung resp. Antonymisierung von Kulturgütern und Unterhaltungswerken ist nicht strapazierbar, zeugt von einem kaum bis gar nicht reflektierten Kulturbegriff der Autorin. Einmal weitergedacht: Schlössen sich beide Kategorien aus, negierte dies auch das Gros der Kulturgüter, die selbst aus überlegenheitsdünkelnder Perspektive der Vertreter einer vmtl. Hochkultur als kanonisch gelten - auch ein Shakespear schrieb zu Unterhaltungszwecken (und sogar aus kommerziellen Gründen und - man mag es kaum glauben - bediente gar gewaltdarstellende Sujets). Evtl. Verweise auf qualitative Unterschiede u.ä. (Shakespeares Werke seien Hochkultur, weil sie qualitativ hochwertig sind, aber Computerspiele nicht, weil sie qualitativ minderwertiger seien u.ä. Pseudoargumente) sind auch lediglich gustatorischer Art demonstrieren ein zirkuläres, überlegenheitsdünkelndes Denken. Und ja, Computerspiele sind per se(!) Kunstwerke und damit automatisch per se Kulturgüter (s. http://publications.rwth-aachen.de/reco ... s/4847.pdf, S.97ff.), das ist keine Debatte, die noch geführt werden muss.

Die Frage der Autorin stellt insg. nur eine atavistische Dichotomisierung in Hoch- und Populärkultur dar, wie wir sie in Deutschland seit Ewigkeiten kennen.

Als besonderes Bonmot gibt es noch ein kryptischeres Argument: "Aber es gibt keinen stichhaltigen Grund, Staatsgeld in eine beliebige Nischen-Branche zu stecken, die es aus eigenen Kräften nicht schafft, auf dem Markt Gewicht zu erlangen. [...] Es würde ohne sie keinen Mangel an Videospielen geben, ausländische Produktionen lassen sich meistens schnell übersetzen, schließlich geht es darin oft um Phantasiewelten mit Phantasiesprache."
Die Autorin hat nicht nur die skizzierte Problematik der Angelegenheit offensichtlich nicht verstanden, sondern versteht auch insg. nicht viel von Computerspielen.

Aber der kulturhygienische Eifer endet nicht bei Computerspielen: "Es wäre allerdings nur konsequent, zusammen mit der Staatshilfe für die Spielefirmen auch die Förderung der Filmbranche schleunigst auslaufen zu lassen. Oder ist es tatsächlich ein förderwürdiges Kulturgut, wenn etwa in „Fack ju Göthe“ ein paar halbwegs lustige Schauspieler einen Klamauk mit sehr weit hergeholtem Bezug zu Johann Wolfgang von Goethe auf die Leinwand bringen? Dann allerdings ist „Trüberbrook“ es auch." Kulturhygiene noch und nöcher...
"In the beginning there was violence. Cain slew his own brother Abel according to Genesis and he didn't even have a video tape recorder."
~ Gunnel ARRBÄCK

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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Pyri » Mi 28. Aug 2019, 20:41

Ich denke die Kritik der Autorin geht an dieser Realität von Videospielen in Deutschland ohnedies komplett vorbei - was gerade auf der diesjährigen Gamescom (wieder) deutlich wurde: Yager sollte in Berlin ja irgendwann mal "Dead Island 2" umsetzen - was aber jedenfalls irgendwie nicht funktioniert hat - setzt dafür offenbar lieber ihr eigenes (F2P?-)Ding durch. Wobei die kommerziellen (AAA-)Produktionen, welche da im Auge sind, im Land aus meiner Sicht überhaupt nicht entwickelt werden - in dieser Generation insgesamt auf der Welt aufgrund einer wohl unerwarteten Kostenexplosion schon überschaubar wurden (ein Trend der weiterhin anhalten dürfte). Und Videospiele als Service, wie sie anscheinend halt auch Yager erneut plant, halte ich ohnehin für keine Kandidaten dafür... Hinzu kommt im EU-Raum hoffentlich immer noch die europäische Ebene. Siehe CD Projekt (Red): "Blood & Wine" wurde zwischen 2014 und 2017 dort etwa mit 150.000 Euro subventioniert https://ec.europa.eu/programmes/creativ ... -MED-DEVVG "Cyberpunk 2077" taucht in der Datenbank (noch) nicht auf. Darüber kann schon mal nachgedacht werden meine ich, zumal sich große Spiele mit diesen Summen sowieso nicht finanzieren lassen. Ob andere, wie Quantic Dream in Paris unter der Ägide von Sony, oder Blue Byte nach der Übernahme durch Ubisoft, auch öffentliche Gelder kassiert haben, kann ich ebenfalls nicht sagen.
Die Frage bleibt was sich bezahlt lassen werden soll: das "Produkt", oder der Standort? Und wenn Konzerne wie Sony vor ein paar Jahren "Shenmue 3" bewerben, aber nicht bereit sind zu bezahlen - das lieber die "Crowd" machen lassen - ergeben sich bei der Finanzierung von Videospielen noch ganz andere Probleme. Von einem "Star Citizen" zu reden fange ich da gar nicht erst an.
Ich denke es sollten in erster Linie Inhalte gefördert werden, bei denen ein öffentliches Interesse besteht - und halte es bei diesem Sendungsbewusstsein da (ausnahmsweise) mit Gerd Bacher: unterscheide diesbezüglich strikt zwischen "public broadcasting", und "commercial broadcasting".

Nachtrag: nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen - bei "Trüberbrook" bestand dieses öffentliche Interesse in jedem Fall, da das Spiel ein Deutschland abbildet wie es so noch in keinem anderen Videospiel davor zu sehen war. Ähnliches gilt für den Filmbereich: den Schulfilm, der kaum mehr als eine Aktualisierung der "Lümmel von der ersten Bank" darstellt, hätte ich auch nicht gefördert. Genau das meinte ich mit meiner Kritik an den EU-Förderungen.
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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon ShaneFenton » Di 3. Sep 2019, 15:42

Last month, there was a report by Dr. Peter Fischer rejecting the idea that eSport could be a sport (or at least, that's what I understood, correct me if I'm wrong). Long-time anti-killerspiele crusaders Sabine Schiffer and Günther Huber (from the association Mediengewalt e.V.) were so pleased they published a press release about it : http://mediengewalt.eu/downloads/201908 ... uetzig.pdf

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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon ShaneFenton » Di 3. Sep 2019, 16:00

Werner Hopf passed away (source : the IMV/Mediengewalt press release I previously mentioned).

He was a school psychologist operating mainly in Munich. He wrote articles on (and against) media violence since the early 90's, but he came into the public eye after the Amoklauf in Erfurt, joining forces with Dr. Rudolf Hänsel against "killerspiele". In 2008, he published (with Günther Huber and Rudolf Weiß) a longitudinal study on media violence. He also co-signed the "Kölner Aufruf gegen Computergewalt" and co-founded the association Mediengewalt e.V. In 2010, he, along with Rudolf Weiß, clashed the Piratenpartei and VDVC when they criticized Hardy Schober's (then-President of the AAW) decision to call for a "killerspielverbot".

He was a long-time adversary, if not an enemy. Since 2010 we haven't learnt much from him, and frankly I didn't miss him. But now he passed away, I feel a bit sad. I didn't like him, but I respected him.


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