
Bisher hat sich das freie Betriebssystem Linux nicht als Spiele-System hervor getan. Spielen unter Linux bedeutete bisher: Mäßig aussehende Open-Source-Spiele, verspätet veröffentlichte Umsetzungen von Windows-Titeln oder nervige Frickelei mit Emulatoren. Das ändert sich momentan. Im letzten Jahr gab es einige große Neuigkeiten, die 2013 released werden sollen.
Die großen Hersteller entwickelten in der Vergangenheit ihre Titel meist ausschließlich für Windows-Plattformen oder Konsolen. Wer eine Mac-Version anbot (wie beispielsweise Blizzard), war schon ein Exot. Nur sehr, sehr wenige Spiele wurden für Linux veröffentlicht. Früher waren das vor allem die Titel von id Software oder Epic Games. Aber selbst die haben das in den letzten Jahren eingestellt[].
Das Argument ist immer das selbe: Die Kundschaft sei nicht groß genug. Die Kosten für eine Portierung lohnten sich nicht. Dabei glauben viele Linux-Anhänger, dass eine ansehnliche Anzahl Spiele das einzige ist, was Linux noch zum Durchbruch als Desktop-Plattform fehlt.
Denn die Vorteile von Linux liegen auf der Hand: Es ist kostenlos erhältlich, schnell, stabil und sicher. Daher ist es in anderen Bereichen auch längst Marktführer, zum Beispiel als Server-Betriebssystem (weit über 60% der Server im Web laufen mit Linux[]) oder auf Mobiltelefonen (Android ist auf etwa 75% der verkauften Smartphones installiert[]).
Im Desktop-Bereich gibt es mit Ubuntu seit einiger Zeit eine enorm einsteigerfreundliche Distribution, die sich mit der grafischen Benutzeroberfläche „Unity“ eher an Mac OS X als an Windows orientiert. Und die meisten populären Anwendungen aus der Linux-Welt haben den Windows-Desktop schon längst erobert: Firefox, Chrome, Thunderbird oder LibreOffice sind fast jedem ein Begriff. Fehlt es also nur an Spielen?
Dass so wenige Leute Linux auf dem Desktop nutzen, mag auch am Fehlen von Spezialsoftware (wie z.B. Photoshop), an fehlender PR für Linux oder schlicht an der Bequemlichkeit der Leute (Windows ist auf jedem Rechner vorinstalliert) liegen.
Zumindest die Leute, die sich bisher wegen fehlender Spiele-Unterstützung von Linux fern gehalten haben, könnten sich das nochmal überlegen. Denn im letzten Jahr gab es einige tolle Ankündigungen, über die Linux-Gamer sich gefreut haben!
Was ist 2012 alles passiert?
Abseits der Blockbuster-Titel wie Call of Duty oder Starcraft haben sich in den letzten Jahren vermehrt Indie-Spiele etabliert. Durch die Möglichkeiten der digitalen Distribution im Internet und neuen Finanzierungsmöglichkeiten wie Kickstarter können kleinere Entwickler-Studios ihre Spiele selbst finanzieren und vertreiben. Dadurch sind sie nicht mehr von großen Publishern abhängig und können viele Dinge selbst bestimmen. Und Indie-Studios scheinen Linux zu lieben, denn die meisten entwickeln plattformunabhängig für Windows, Linux und Mac. Viele der durch Kickstarter finanzierten Spiele wurden auch für Linux angekündigt.
Das es eine Nachfrage nach Spielen für Linux gibt, zeigt auch die Seite www.humblebundle.com . Dort werden regelmäßig die Spiele-Compilations „Humble Indie Bundle“ verkauft, bei denen der Käufer selbst den Preis bestimmt. In die Bundles werden nur Spiele aufgenommen, die für alle drei Plattformen (Windows, Mac, Linux) verfügbar sind. Laut der Statistik des Betreibers zahlen Linux-User mit etwa 10$ am Meisten für ein Bundle. Der allgemein gezahlte Durschnittspreis liegt bei 6,70$.

Das Indie-Spiel Limbo erschien im Humble Indie Bundle auch für Linux.
Einer der größten Distributionskanäle für Indie-Games (aber auch für viele andere Games) ist die Online-Plattform Steam von Valve. Diese war bisher für Windows und Mac erhältlich. Doch im letzten Jahr gab es sehr viel Bewegung Richtung Linux. Bereits im März fing Valve an, erfahrene Linux-Entwickler zu suchen und einzustellen []. Es wurde bekannt, dass sie mit Nvidia, AMD und Intel zusammen arbeiten, um die Performance der Linux-Grafiktreiber zu verbessern. Außerdem knüpften sie Kontakte zu Canonical (der Firma, die Ubuntu entwickelt). Und im Juli verkündete Valve schließlich offiziell, dass sie an Steam for Linux arbeiten und bereits Left 4 Dead 2 auf Ubuntu portiert haben []. Im November startete ein geschlossener Beta-Test und bereits im Dezember folgte der offene Beta-Test []. Bisher stehen bei Steam 64 Spiele für Linux zum Kauf und Download bereit, darunter Team Fortress 2, Serious Sam 3, Postal 2 und seit einigen Tagen auch Half-Life 1 []. Fast wöchentlich kommen neue dazu.
Außerdem kündigte Valve letztes Jahr an, 2013 eine eigene Spielekonsole namens „SteamBox“ auf den Markt zu bringen. Seit Anfang Januar steht fest, dass diese Linux als Betriebssystem nutzen wird []. Damit würde Valve auch viele große Hersteller zwingen, ihre Spiele für Linux zu veröffentlichen, wenn sie diese auf die SteamBox bringen möchten.

Shadow Gun ist eines der Spiele, die auf der Unity-Engine basieren und nun auch für Linux verfügbar sind.
Aber nicht nur bei Valve tut sich etwas. Auch andere Hersteller haben im letzten Jahr Linux für sich entdeckt. Im November wurde die Unity-Engine in Version 4.0 veröffentlicht und brachte erstmals Linux-Unterstützung mit. Unity ist neben der Unreal Engine eine der beliebtesten Game Engines weltweit und hat über 500.000 registrierte Entwickler []. Bisher unterstützte sie Windows, Mac, iOS, Android, Xbox 360, Playstation 3, Nintendo Wii und Webbrowser als Gaming-Plattformen. Nun ist Linux dazugekommen. Im Prinzip kann nun jedes Spiel, was die Engine nutzt, auch für Linux herausgebracht werden.
Weiterhin hält sich hartnäckig das Gerücht, 2013 würde Blizzard ein Spiel für Linux veröffentlichen []. Wahrscheinlich wird es World of Warcraft sein, von dem es seit Jahren einen Blizzard-internen Linux-Port gibt, der nie an die Öffentlichkeit gegeben wurde.
Woher kommt das plötzliche Interesse an Linux?
Valve-Chef Gabe Newell gab im letzten Jahr ein Interview, in dem er Windows 8 als „Katastrophe“ bezeichnete []. Das ist erstaunlich, denn Newell war früher selbst bei Microsoft beschäftigt und hat der Plattform bisher die Treue gehalten. Er befürchtet jedoch eine zunehmende Kontrolle seitens Microsofts, die die Offenheit von Windows gefährden würde. Früher war Windows seiner Meinung nach offen, in dem Sinne, dass jeder Software dafür entwickeln und verkaufen konnte. Durch den Erfolg von Apple in den vergangenen Jahren hat Microsoft gesehen, wie profitabel ein geschlossenes System sein kann. Apples iOS (iPhone, iPad) lässt nur Software-Installationen über den App-Store zu und in den kommen nur von Apple geprüfte und freigegebene Programme. Dabei verdient Apple an jedem Download mit. Diese Kontrolle hat Microsoft sich zum Vorbild gemacht und mit Windows 8 ebenfalls einen Software-Store eingeführt. Valve befürchtet eine Ausweitung dieser Mechanismen, um die Konkurrenz (wie Steam) auszuschließen. Also sieht sich das Unternehmen gezwungen, sich nach neuen Plattformen umzusehen.
Sie sind damit aber nicht die einzigen. Auch Blizzard hat sich ähnlich über Windows 8 geäußert [].
Aus welchen Gründen auch immer Linux interessant für Spiele-Hersteller wird: Für die Spieler kann das nur gut sein. 2013 könnte ein tolles Jahr für Linux-Gamer werden!