Nachdem das Gewalttabu beim Deutscher Computerspielpreis im Jahr 2010 von vielen Seiten kritisiert wurde, kam man im letzten Jahr um einen erneuten Skandal herum. Stattdessen arbeitete man daran, möglichst keine Angriffsfläche zu bieten und den Preis somit in der Bedeutungslosigkeit zu versenken. Schon damals war klar: Spätestens, Crysis 2 würde die Verantwortlichen dazu zwingen, Farbe zu bekennen. Sollte erneut ein weiter Bogen um alle Computerspiele gemacht werden, die nicht unbedingt für Kinder geeignet sind, müsste der Preis wohl endgültig ins Kinderparadies abgeschoben werden.
Und so ist es auch nicht all zu erstaunlich, dass Crysis 2 nun wirklich nominiert wurde. Eine klare Favoritenrolle als Bestes deutsches Spiel kommt dem Titel jedoch nicht zu: Dass sich Anno 2070 nicht zu verstecken braucht, steht wohl außer Frage. Und Daedelic, das Studio hinter Harveys neue Augen, wird als legitimer Nachfolger der geradezu legendären Point-and-Click-Entwickler von Lucasarts gehandelt. Ernstzunehmende Konkurrenz also.
So befindet sich der Preis in einem Dilemma: Gewinnt Crysis 2, so könnte man annehmen, es handele sich (nur) um den benötigten Befreiungsschlag. Die Auszeichnung könnte den Beigeschmack bekommen, man wollte durch sie das Image des Preises aufwerten. Im anderen Fall könnte der Verdacht aufkommen, man hätte wieder einfach zum Kinderspiel gegriffen, ohne die Qualität ernsthaft zu bewerten. Nicht aufgekommen wäre das Problem, hätte es mehrere Kategorien „für Erwachsene“ gegeben. Dass Nominierungen wie L.A. Noire, Battlefield 3, The Witcher 2 und Skyrim in den LARA-Award ausgelagert wurden, entspricht hoffentlich nur noch dem Geist des letzten Jahres. Dieses Konstrukt führt jedoch dazu, dass der Verleihung weiterhin ein Makel anhaftet. Unterm Strich wird sich also dieses Jahr vermutlich noch nicht klären lassen, wie ernst man den Deutschen Computerspielpreis in Zukunft nehmen kann.


