Petitionsblockade: Politik aktiv

Nachdem wir uns am Anfang der Woche öffentlich über das Vorgehen des Bundestags-Petitionsausschusses beschwert haben, kommt nun etwas Bewegung in die Sache. Bereits kurz nachdem unser Blogpost online ging, haben sich mit Heiko Herberg und Susanne Graf zwei im Berliner Abgeordnetenhaus sitzende Piraten öffentlich an den Ausschuss gewandt.

Ebenfalls gemeldet hat sich Jimmy Schulz, der für die FDP im Bundestag sitzt. Aktiv ist er leider noch nicht geworden, man prüfe noch die Möglichkeiten. Aber als stellvertretendes Mitglied des Petitionsausschusses hätte er wohl den nötigen Einfluss.

Wir bedanken uns für die Unterstützung und hoffen, dass diese zum Erfolg führt.

Gamer protestieren gegen EA,
EULA-Änderung nur Makulatur

Mit dem Erscheinen von Battlefield 3 mussten viele Benutzer feststellen, dass zum Starten des Spiels das Zusatzprogrammm „Orgin“ benötigt wird. Dieses Programm greift gemäß Endbenutzer-Lizenzvertrag (End User License Agreement, EULA) massiv in die Rechte des Verbrauchers ein. Letztenendes holt sich der Benutzer eine Spionagesoftware auf seinen PC, welche die unterschiedlichsten Daten sammelt und an EA zurücksendet. So wird z.B. der komplette Inhalt der Festplatten erfasst und es werden ungefragt Lizenzen von EA-Produkten geprüft. Zudem behält sich EA vor, die gesammelten Daten u.a. „für Marketingzwecke“ an „seine Partner“ weiter zu geben. Die Datensammlung umfasst etwa IP-Adressen, Nutzungsdaten, sämtliche auf dem Computer installierte Software sowie deren Nutzung und vorhandene Hardware inklusive Peripherie wie Drucker. Dies alles geschieht aber auch schon bevor der Benutzer irgend etwas zugestimmt hat, den Orgin spioniert bereits während der Installation den Rechner aus.

Danneben hat das neue Verfahren auch einige Seiteneffekte. Nebst den üblichen Schwieigkeiten sich bei den Aktivierungsservern anzumelden (wie zuletzt bei Ubisoft), melden Spieler, dass ältere EA-Produkte nichtmehr funktionieren, sofern sie online erworden wurden. Dies umfasst alle vor dem September 2009 gekauften Spiele. Sofern man also nicht über einen zuvor erworbenen Datenträger verfügt, sind diese Spiele für den Kunden nichtmehr nutzbar. EA hat das inzwischen bestätigt.

Als diese umfassenden Eingriffe seitens EA bekannt wurden, berichteten unter anderem Spiegel-Online über den Sachverhalt. Das Thema schlug schnell größere Wellen. Dies veranlasste EA laut Informationen des Magazins Gamestar letztendlich die Orgin-EULA abzuändern. Dieses Manöver scheint allerdings vor allem Makulatur zu sein, denn die wirklich brisanten Stellen sind auch weiterhin noch enthalten. So wurde der Text insgesamt freundlicher formuliert und die Anrede des Nutzers von „du“ auf „Sie“ korrigiert. Zudem findet der Kunde nun eine detaillierte Anleitung, wie er sich im Falle eines Streits nach Auffassung des Publisher zu verhalten hat. Einzig die Anmaßung die Kommunikation des Nutzers zu überwachen und jegliche Information zu veröffentlichen, wenn es „EA für nötig hält“, um die eigenen Interessen zu schützen, wurde fallen gelassen. Überwacht wird aber weiterhin.

Datenschützer und Verbraucher laufen gegen diese Eingriffe in das Nutzungsverhalten und die Privatsspähre der Spieler Sturm. So häufen sich negative Bewertungen beim Onlineshop Amazon, eine Petition fordert gar das komplette Verkaufsverbot des Spiels – und zwar so lange bis sich der Publisher an geltendes Recht hält. Namenhafte Akteure des eSport arbeiten zur Zeit zusammen mit uns an einem offenen Brief, der die Meinung der Spieler auf den Punkt bringt, und EA endlich zu einer Stellungnahme bewegen soll. Da viele Nutzer nach dem Kauf eine negative Überraschung erleben mussten, sieht der VDVC zudem seine schon länger bestehende Forderung nach mehr Transparenz in Vertragstexten bestätigt und wird nun mit neuem Elan für dessen Umsetzung arbeiten. Um auch denen zu helfen, die bereits von der Spionage-Offensive betroffen sind, haben wir ein Musterschrieben vorbereitet. Dieses lässt sich nutzen, um von EA Auskunft (gemäß Bundesdatenschutzgesetz) verlangen, welche Daten sie über einen gespeichert haben.

Deutscher Computertspielpreis 2011
– Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Viele Computerspieler dürften nichts davon mitbekommen haben: Gestern wurde wieder der vom Deutschen Bundestag unterstützte Deutsche Computerspielpreis verliehen. Nachdem das Gewalttabu beim Deutschen Computerspielpreis letztes Jahr von fast allen Seiten angeprangert wurde, und so zumindest für ein bisschen Restaufmerksamkeit gesorgt hat, wurden Videospiele für Erwachsene nun auf eine etwas geschicktere Art von der Preisverleihung ausgeschlossen. Für die Auszeichnung von international angesehenen Blockbustern war dieses Jahr der in die Gala integrierte Lara-Award zuständig.

Der Deutsche Computerspielpreis:
Ein Schatten seines Titels

Damit verliert der Computerspielpreis weiter an Bedeutung, die er nur durch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem vollen Spektrum digitaler Spiele zurückgewinnen kann. Wie wenig der Preis momentan bedeutet, macht ein Blick auf die Seite eines großen Onlinekaufhauses deutlich: Dort wird zum Beispiel The Whispered World mit insgesamt 44 Auszeichnungen beworben, zu jeder ist ein kleines Logo zu sehen. Nur die Ehrung als Jugendspiel des Jahres beim Deutschen Computerspielpreis 2010 ist offenbar keine Erwähnung wert. Das wiederholte Fernbleiben Horst Seehofers zeugt zudem von Desinteresse auch seitens der Politik. Der mit großen Ambitionen eingerichtete Preis ist somit nur ein Schatten dessen, was er sein könnte.
Besonders schade ist dieser Umstand, da die meisten Preisträger ihre Auszeichnungen durchaus verdient haben. Darunter auch das Spiel des Jahres 2010: A New Beginning. Das politisch und gesellschaftlich hochaktuelle Point-and-Click-Adventure schickt den Spieler in eine dystropische Zukunft, in der die Welt von einem Atom-Unfall verwüstet wurde. „Ohne pädagogischen Zeigefinger wird der Spieler mit den großen Zukunftsherausforderungen im Hinblick auf das Thema Energie konfrontiert und bestens unterhalten – ein Spiel, das Spaß macht und dennoch sensibilisiert“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Wahrscheinlich hätte es sich auch gegen nicht jugendgerechte Konkurrenz durchsetzen können.

A New Beginning, Gewinnertitel 2010

Angesichts dieser Umstände kann die Verlegenheitslösung, den Preis für das beste internationale Spiel an den Lara-Award auszulagern, nur beschämen. In dieser Kategorie hatte immer die Gefahr bestanden, ein kulturell wertvolles, aber nicht unbedingt jugendgerechtes Spiel auszuzeichnen. Nominiert waren in der Vergangenheit unter anderem GTA 4 und Dragon Age: Origins, die vor allem aufgrund ihrer gesellschaftskritischen Elemente beliebt sind, sich aber eindeutig an ein volljähriges Publikum richten. Dieses Jahr hätte man es besser machen und so Glaubwürdigkeit und Anerkennung für die gesamte Preisverleihung verdienen können. Die gewählte Taktik zeigt umso deutlicher, wie schwer man sich in der Politik noch immer mit dem Thema Videospiele tut – auch auf Kosten der Titel, die explizit gefördert werden sollen.
Doch es gibt Hoffnung, dass der Computerspielpreis doch noch zu dem wird, was er von Anfang an hätte sein sollen. So forderte Dorothee Bär (Jurymitglied und Bundestagsabgeordnete der CSU) auf der Bundestags-LAN, dass generell auch Spiele ausgezeichnet werden sollten, die sich an Erwachsene richten. Weit ab von der Gefahr einer Auszeichnung als Bestes Spiel hat sich sogar schon im letzten Jahr ein Survival-Horror als bestes Studentenkonzept durchgesetzt. Dann wäre die Integration des Lara-Awards nur eine Übergangslösung auf dem Weg zu einem ernsthaften Computerspielpreis. In seiner aktuellen Form, am Rande der öffentlichen Wahrnehmung und fern ab der Anerkennung durch die Computerspieler, hat er leider kaum einen Wert.

Die erste Bundestagslan

Am 23.02.2011 fand im Bundestag die erste sogennante “Bundestagslan” statt. Diese ungewöhnliche Veranstaltung wurde von den Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär (CSU), Jimmy Schulz (FDP) und Manuel Höferlin (ebenfalls FDP) organisiert und unter der Glaskuppel auf der Fraktionsebene ausgerichtet, eingeladen waren alle Politiker des Bundestages. Auch der VDVC war mit von der Partie, diesmal vertreten durch gordon-creAtive. Ziel der Veranstaltung war es, Politiker auf Tuchfühlung mit dem neuen Medium zu bringen, um ihnen die Berührungsängste zu nehmen.

Die Veranstaltung war schon länger geplant und sorgte auch für Kritik, in der jüngsten Zeit äußerte sich Hans-Peter Uhl von der CDU: “Wozu soll ich lernen, wie man ein Killerspiel wie Counter Strike (sic!) spielt?”.

In Räumlichkeiten im obersten Stockwerk des Bundestages warteten eine ganze Reihe von Konsolen, die mit verschiedenen Spielegenres bestückt waren. Neben den klassischen Familienspielen für Wii (Bowlen und Malen) und Kinect (Tanzen und Tennis), sowie Playstation Move (noch mehr Tennis), gab es mit Halo: Reach und einer Entwicklerversion von Homefront (beides auf der XBox) auch zwei Ego-Shooter, mit Siedler war ein klassisches Strategiespiel dabei. Im Vorraum hatte Turtle Entertainment eine Reihe Laptops aufgebaut, auf denen sich n!faculty und ESC ein Match lieferten. Neben der ESL war auch der Bundesverband Interaktive Unterhaltungsindustrie beteiligt, eine ganze Reihe weitere Institutionen waren zumindest anwesend, wie z.B. Gerald Jörns von computerspielberatung.de.

 

Die Veranstaltung wurde von Jimmy Schulz und seinem Team mit einer Ansprache eröffnet, in der man kurz das Konzept erklärte und die beteiligten Organisationen vorstellte. Anschließend hielt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (CDU) einen Vortrag, über ihre Ansichten zu suchtechnischen Gefahren. Nach einer sehr interessanten Übersicht und einer treffenden Definition von Computerspielsucht holte sie mit einem wenig repräsentativen Beispiel eines WoW-Süchtigen die emotionale Keule raus und beschrieb dessen Leben, welchen aus Pizza, einmal Duschen pro Woche und dem urinieren in eine Flasche bestand. Wissenschaftliche Erkenntnisse und quantitative Aussagen über das Problem, wie z.B. die aktuelle Studie des Bredow-Instituts, ließ sie außen vor.

Insgesamt nutzten die Politiker die Möglichkeit, die Spiele auszutesten nur recht spärlich, obwohl an jeder Station ein erfahrener Spieler Anleitung gab. Beliebt war die Konsole mit FIFA, Homefront und Halo:Reach wurden dagegen meistens gemieden. Brigitte Zypries schaute kurz vorbei und gab ein Interview, verschwand dann allerdings wieder, ohne zu spielen. Die wenigen Politiker, die vor Ort waren, wurden die meiste Zeit von der Presse belagert und gaben Interviews. Für die Presse waren vor allem die ein gefundenes Fressen, die sich an Counter-Strike versuchten. Eine Lanparty im klassischen Sinne fand nicht statt.

Erstaunlich war die Ansprache, die Dorothee Bär vor der Presse hielt. Sie plädierte dafür, Computerspiele in ihrer Behandlung Filmen gleichzusetzen. Als Beispiel nannte sie Inglourious Basterds und fragte, warum ein solcher Film einen Oscar verdient, ähnliche Computerspiele dagegen verboten und indiziert werden.

Insgesamt war ich mit der Veranstaltung nur mäßig zufrieden. Die Idee und die Umsetzung ist lobenswert, allerdings vermisste ich relevante Politiker und deren Interesse, Spiele selbst auszuprobieren. Die Anwesenheit der Presse war der Atmosphäre eher hinderlich, dem Ziel des Aktion wäre es dienlicher gewesen, wenn weniger Öffentlichkeit geherrscht hätte.

Jimmy Schulz kündigte noch an, dass man durchaus die Durchführung einer weiteren “Bundestagslan” ins Auge gefasst hat.

Update: Diversen Medienberichten entnehme ich, dass Brigitte Zypries wohl doch für die Presse eine Runde Playstation Move (also Tennis) ausprobiert hat.

Außerdem habe ich die Liveschnipsel zu einer kleinen Videodokumentation zusammengeschnitten.

Update 2: Martin Lorber, Jugendschutzbeauftragter von EA, hat Tonmitschnitte der Reden gepostet.

Politiker-LAN im Deutschen Bundestag

Wie Netzpolitik.org berichtet, wird die zur letzten gamescom von den Bundestagsabgeordneten Jimmy Schulz, Manuel Höferlin (beide FDP) und Dorothee Bär (CSU) angekündigte „1. Politiker-LAN im Deutschen Bundestag“ in knapp drei Wochen durchgeführt. Aus der Einladung wird mit den folgenden Worten zitiert:

Computer- und Konsolenspiele aller Art stehen immer wieder in der Diskussion. Wir möchten eine offene Debatte anregen, in der Positives verständlich gemacht aber auch Negatives nicht verschwiegen wird. Um die Abgeordneten des Deutschen Bundestages für dieses Thema zu sensibilisieren und ihnen die Möglichkeit einzuräumen, persönliche Erfahrungen mit unterschiedlichen Spielarten und Konsolen zu machen, organisieren wir die 1. Politiker Politiker-LAN im Deutschen Bundestag auf der Fraktionsebene des Reichstages am 23. Februar 2011, von 18.00 – 21.15 Uhr. Wir werden unterstützt vom Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU e.V.) und der Electronic Sports League. Die Veranstaltung wird von der Bundeszentrale für politische Bildung, der Professur für Medienpädagogik der Universität Leipzig und von Spielraum, dem Institut zur Förderung von Medienkompetenz an der FH Köln mit einem medienpädagogischen Vortragsprogramm begleitet.

Der VDVC begrüßt, dass dieses Vorhaben nun definitiv umgesetzt wird, und fordert alle Abgeordneten auf, das Angebot intensiv zu nutzen.