Indizierung (Position)

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Geschichte der Indizierung und aktuelle Forderungen

Immer wieder wird mit dem Blick auf den Jugendschutz eine Verschärfung der bestehenden Indizierungs- und Verbotspraxis gefordert. Dabei wird davon ausgegangen, dass man geistig reifen Konsumenten Inhalte vorenthalten werden sollen, um Kinder zu schützen. Wenn ein Verbot nicht nur für Minderjährige, sondern auch für Erwachsene bestünde, so sei es für erstere schwieriger, an ungeeignete Inhalte zu gelangen. Dieses Prinzip der Indizierung wird seit 1954 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien verfolgt. In dieser Zeit gab es noch keine weiteren Möglichkeiten zur Alterseinstufung und so wurde beschlossen, jugendgefährdende Medien komplett von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Dieser Grundsatz gilt auch heute noch. Mittlerweile, weit über fünfzig Jahre später, hat sich gezeigt, dass dieses Vorgehen die Beschaffungswege für Jugendliche nicht etwa unterbindet, sondern nur in schwerer nachvollziehbare Bereiche verlagert. So werden entsprechende Medien auf dem Schulhof oder in den letzten Jahren auch zunehmend über das Internet getauscht. Um diesem entgegenzuwirken, wollen nun einige Menschen Herstellungsverboteverbote, die bisher nur in Ausnahmefällen gelten, zum Regelfall machen. Doch dabei wird außer Acht gelassen, dass das Mittel der Indizierung im Bezug auf digitale Medien hoffnungslos veraltet ist und dem Jugendschutz mehr schadet als nützt, von der Durchführbarkeit eines Produktionsverbotes in der globalisierten Welt ganz zu schweigen.

Was ist Indizierung?

Jugendgefährdende Spiele werden in Deutschland von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert und dürfen dann nicht mehr beworben oder offen verkauft werden. Hierdurch soll nicht nur erschwert werden, dass Kinder an die für sie ungeeigneten Medien gelangen, sondern auch verhindert, dass sie überhaupt von den entsprechenden Titeln erfahren. Man spricht vom bewahrpädagogischen Ansatz. Ist ein Titel indiziert, droht ihm das finanzielle Aus. Daher ist es für Anbieter von Spielen sehr wichtig, eine USK-Freigabe zu erhalten, weswegen sie Spiele für den deutschen Markt beschneiden. Spiele, die von den obersten Landesjugendbehörden das USK-Siegel verliehen bekommen haben, dürfen nämlich nicht mehr indiziert werden. Dieses Vorgehen, eine möglichst günstige Freigabe zu erhalten, kann als Selbstzensur angesehen werden, ist aber dem Staat nicht anzulasten, solange es eine Möglichkeit gibt, auch unveränderte Inhalte auf den Markt zu bringen.

Diese Möglichkeit ist formaljuristisch vielleicht gegeben, in der Realität jedoch nicht vorhanden. Händler, die nicht freigegebene Titel anbieten, stehen quasi schon mit einem Bein im Gefängnis. Schwer jugendgefährdende Spiele gelten nämlich automatisch als indiziert – auch wenn die BPjM nicht eingreift. Der Unterschied zwischen nicht jugendgefährdenden und gewaltverherrlichenden Inhalten ist aber nicht unbedingt offensichtlich zu erkennen. So ist die deutsche, geschnittene Version von „Left 4 Dead 2“ von den obersten Landesjugendbehörden als nicht jugendgefährdend eingeschätzt worden, wohingegen die internationale Version als gewaltverherrlichend gilt und somit verboten ist.

Warum ist Indizierung keine sinnvolle Maßnahme zum Jugendschutz?

Als die Indizierung eingeführt wurde, gab es keinerlei Möglichkeiten, die Jugendeignung von Medien zu erkennen. Zudem durften alle angebotenen Medien an alle Interessenten verkauft werden. In diesem Kontext war die Indizierung sicherlich als Mittel zum Jugendschutz anzusehen. Doch die Zeiten haben sich geändert: Seit der Einführung von Prüfgremien für sämtliche Bildschirmmedien ist die Eignung für verschiedene Altersgruppen auch für Laien auf einen Blick erkennbar. Somit fällt es Erziehungsberechtigten einfacher, nicht altersgerechte Medien direkt zu erkennen. Anfang des Jahrtausends wurde dann beschlossen, dass Freigaben fortan durch die obersten Jugendschützer der Bundesländer verbindlich vergeben werden. Sie sind also für den Handel bindend. Somit ist sichergestellt, dass Minderjährige auf legalem Weg nicht an Titel für Erwachsene gelangen.

Doch bei der Umstellung auf das neue System wurde die Indizierung weiterhin als inoffizielle Freigabestufe beibehalten. Es bleibt also für Erwachsene sehr schwer, legal an entsprechende Titel zu gelangen: Die wichtigsten Downloadanbieter bieten gar keine Möglichkeit, unzensierte Versionen zu beziehen und stationäre Händler halten die Titel aus verständlichen Gründen nicht vorrätig. Jugendgefährdende Videospiele sind somit weiterhin auch für Erwachsene quasi nicht verfügbar, obwohl sichergestellt ist, dass entsprechende Titel nicht an Kinder und Jugendliche verkauft werden dürfen. Mittlerweile ist die Technik sogar so weit, dass auf den Computern und Videospielkonsolen der Minderjährigen eingestellt werden kann, dass Titel über einer gewissen Altersfreigabe nicht starten. Es kann also bei entsprechendem Vorgehen der Eltern auch ohne Indizierung sichergestellt werden, dass die Sprösslinge auf dem heimischen Bildschirm keine nicht altersgerechten Medien zu Gesicht bekommen.

Eine USK-Freigabe ab 18 Jahren wäre also vollkommen ausreichend, um eine Abgabe dieser Spiele an Kinder und Jugendliche zu unterbinden (hier sind der Handel und die Erziehungsberechtigten gefordert) – das „Instrument“ der Indizierung wird dazu nicht mehr benötigt.

Warum schadet Indizierung dem Jugendschutz?

Der bewahrpädagogische Ansatz durch das Werbeverbot geht nicht auf. Im Gegenteil wirken Indizierungen zum Teil wie Adelungen für die Titel, so ist die Musikgruppe „Die Ärzte“ erst nach der Indizierung eines ihrer Alben bekannt geworden. Die Indizierung führt also zum gegenteiligen Effekt, dass die Verbreitung der indizierten Medien eher noch erhöht wird. Zusätzlich wähnt die Indizierung Erziehungsberechtigte in falscher Sicherheit. Dadurch, dass jugendgefährdende Spiele versteckt gehalten werden müssen, sinkt der gefühlte Handlungsdruck für viele Eltern, sodass die Medienerziehung vernachlässigt wird. Die vorhandenen, technischen Mittel zur Kontrolle der Eignung von Computerspielen bleiben ungenutzt. Das indizierte Spiele natürlich weiterhin existieren und zum Beispiel leicht über das Internet geladen werden können, ist unbedarften Personen kaum bewusst. Wäre es jedoch offensichtlich, dass es auch jugendgefährdende Software gibt, könnten Eltern viel einfacher angemessen reagieren.

Warum sind Verbote keine Lösung?

Zunächst sei festgehalten, dass allgemeine Verbote natürlich auch für Videospiele gelten. Dieser Text bezieht sich ausschließlich auf Video- und Computerspiele. Dinge wie Aufruf zu Straftaten und Volksverhetzung sind auf keinen Fall zu befürworten, müssen aber für digitale Spiele selbstverständlich kein zweites Mal verboten werden. Wir sind der Überzeugung, dass zur Bekämpfung von realer Kriminalität Gesetze erforderlich sind, die nicht nur in der virtuellen Welt gelten.

Die Erfahrung mit schwer jugendgefährdende Medien, die sogar schon ohne formale Indizierung weder beworben noch offen verkauft werden dürfen, hat gezeigt, dass automatisch greifende Verbote für bestimmte Medien zu Willkür und Rechtsunsicherheit führen, aber keine Verbesserung des Jugendschutzes bringen. Sogar die Experten der USK, des Prüfgremiums der Bundesrepublik, waren sich beim Titel „God of War“ nicht sicher, ob sie eine Freigabe erteilen sollten. Erst nach zusätzlicher Prüfung der BPjM, die keine Jugendgefährdung feststellte, wurde das Spiel ab 18 Jahren freigegeben.

Schaut man sich ältere, indizierte oder beschlagnahmte Titel an, so erkennt man ein absurdes Bild. Was noch vor gar nicht all zu vielen Jahren als illegal eingestuft wurde, reicht in seiner Brutalität teilweise kaum an den Titel „Moorhuhn“ heran. So wurde das Spiel „Golden Axe“ 1989 indiziert, mittlerweile ist es ab sechs Jahren freigegeben. Es dürfte also schwierig sein, die Glaubwürdigkeit der Verbote zu erhalten und es nicht zu einem Kavaliersdelikt verkommen zu lassen, verbotene Titel auch an Jugendliche weiterzugeben.

Warum schaden Verbote dem Jugendschutz?

Wie auch durch durch Indizierung hören betroffenen Medien auch durch Verbote nicht auf zu existieren. Schlussendlich bleiben sie auf grauen und schwarzen Kanälen genau so einfach erhältlich wie ohne Verbot. Manche argumentieren zwar, dass von Verboten ein Signal ausginge, doch dieses Signal würde das Gegenteil seines Ziels erreichen: Es würde Erziehungsberechtigte verstärkt dazu motivieren, sich zurück zu lehnen, weil jegliche Jugendgefährdung durch ein Verbot scheinbar abgewehrt zu sein scheint.

Warum fordern einige Menschen dennoch Verbote?

Hierüber lässt sich nur mutmaßen. Sicherlich fehlt es an angemessener Auseinandersetzung mit dem Thema, weshalb oft Vorurteile, Unwahrheiten und populistische Schnellschüsse in die Welt getragen werden. Eingehende Analyse von gesellschaftlichen Problemen ist anstrengend, deren Lösung eine Herausforderung. Kurzfristig aber lassen sich Schwierigkeiten durch Aktionismus überdecken. Da oft die Frage nach dem Sinn von bestimmten Inhalten gestellt und betont wird, wie zweifelhaft man diese finde, handelt es sich bei der Verbotsdebatte auch um eine Debatte um persönliche Wertvorstellungen. Eine weitere Motivation für Verbotsbefürworter könnte also sein, dass sie der breiten Bevölkerung ihre moralischen Vorstellungen auf dem Rücken unserer Kinder aufzwingen wollen.

Zusammenfassung und Ausblick

Indizierung und Verbote sollen Maßnahmen zum Jugendschutz sein, sind aber in der heutigen Zeit eher das Gegenteil. In einer Zeit, in der sich das Nutzungsverhalten des eigenen Nachwuchses mit Hilfe technische Mittel sehr genau nachvollziehen lässt, jeder Inhalt jedoch nur einen Klick entfernt liegt, wiegt eine Verdrängung bestimmter Medien aus der öffentlichen Wahrnehmung Eltern in einer falschen Sicherheit. Die Praxis der Indizierung erschwert damit vor allem geistig reifen Interessenten die legale Auseinandersetzung mit Inhalten, die sich explizit an Erwachsene richten. Hier ist zu bedenken, dass Videospiele wie auch Filme und Bücher einen Spiegel der Gesellschaft darstellen, die kulturelle Ängste und Sorgen aufgreifen, bei der Verarbeitung helfen und Anregung zur Diskussion geben können. Mit fortschreitender Reife eines Mediums ist verstärkt kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt zu beobachten, rigorose Verbote von Gewaltdarstellung könnten hier die Entwicklung des noch jungen Kulturguts im Keim ersticken. Die gesellschaftliche Verantwortung gebietet folglich, sich sich für ein Ende der Indizierung und gegen die Einführung weiterer Zensurmaßnahmen einzusetzen. Wir fordern also:

  • die unmissverständliche Klarstellung, dass Verantwortung nicht durch Verbote ersetzt werden kann;
  • die Stärkung der Verantwortung der Erziehungsberechtigten, sowie die Einleitung entsprechender Maßnahmen, damit diese ihrer Verantwortung leichter nachkommen können;
  • den Verzicht auf Verbote, die lediglich aufgrund von Gewaltdarstellung erfolgen;
  • die Abschaffung der veralteten Methode der Indizierung.