Die Menschenwürde gefährdende Spiele

Kriegsspielzeug

Manchmal hat es auch seine Vorteile etwas verplant zu sein. Letzte Woche war ich ausversehen zwei Stunden zu früh in der Uni und habe die Zeit genutzt mir die einige Aufsätze und Urteile über „Killerspiele“ näher anzusehen. Angefangen habe ich mit der bekannten Diskussion über ein Verbot von „Kriegsspielzeug“ Anfang der 80er Jahre. Bereits im ersten Semester wird man mit Übungsfällen diese Thematik betreffend gequält, bei denen man unproblematisch zur Rechtmäßigkeit eines Verbotes kommt. Das aber auch nur deswegen, weil einem als unstreitig vorgegeben wird, dass Kriegsspielzeug bei Kindern zu aggressiveren Verhaltensweisen führen kann. Tatsächlich ist dieses Argument in der Literatur aber nur zweitrangig:

„Es kann gar nicht Zweck des Gesetzes sein, allgemein aggressives Verhalten bei Kindern zu verhindern […]. Der Zweck […] bezieht sich auf die Bewusstseinsbildung des Kindes zum Thema Krieg […]. Ein Verbot von Kriegsspielzeug würde […] dessen verharmlosender Wirkung und entsprechender Bewusstseinsbildung entgegenwirken können […].“

Dreh- und Angelpunkt für die Rechtmäßigkeit eines Verbotes von Kriegsspielzeug ist – zumindest in der juristischen Literatur – nicht die mögliche Verrohung der Kinder sondern die mit dem Spielen einhergehende Verharmlosung von (realen) Kriegen. Dabei handelte es sich nach manchen Definitionen selbst bei Rittern, dem Brettspiel „U-Boot-versenken“ und „Schach“ um zu verbietende Kriegsspiele. Es sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass es damals eine rein akademische Debatte war. Auch wenn Organisationen, wie die DAG-Jugend oder die Kinderhilfsorganisation „Terre des Hommes“, ein Verbot forderten machte die Politik keine Anstalten es in die Tat umzusetzen.

Laserdrom

Praktische Relevanz bekommt die Sache dann bei „Laserdrom“-Anlagen. Spieler beschießen sich mit Lasern, die von lichtempfindlichen Sensoren in Form einer Weste registriert werden. Das Vokabular der Urteile ist zum Teil haarsträubend, so spricht man beispielsweise von „Spielanlagen zur Menschenjagd“ und der lustvollen Teilnahme an Gewaltausübungen gegen Menschen. Angesichts von Befürchtungen, wie dass „nicht auszuschließen sei, dass besonders skrupellose und verrohte Mitspieler, um die Anreize zu erhöhen, einvernehmlich echte Waffen einsetzen, die schwere Verletzungen oder Todesfolgen auslösen könnten“, fragt man sich dann doch, ob man sich selbst ein Bild von der Sache gemacht hat.
Wenn dann aber ausgeführt wird, dass es zur Bewertung des Inhalts als „Schießen auf Menschen“ einer „vorherigen Ortsbesichtigung […] nicht “ bedurfte, wünscht man sich doch, dass eine erfolgt wäre. Dass kann nämlich zu solchen angenehmen Überraschungen führen:

„Nach § 118 I OWiG handelt ordnungswidrig, wer eine grob ungehörige Handlung vornimmt, die geeignet ist, […] die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen.
Der Augenschein des VGH hat ergeben, daß eine derart grobe Ungehörigkeit hier nicht vorliegt. Die teilweise kritischeren Wertungen, wie sie in den Akten zum Ausdruck kommen, haben sich beim Augenschein nicht bestätigt. Sie gehen von dramatisierenden Darstellungen aus, die in der Wirklichkeit keine Entsprechung finden. Beispiele mehr oder weniger unsachlicher Überzeichnung bieten in diesem Zusammenhang etwa Formulierungen wie: Todesspiel, Killerspiel, Menschenjagd, […], Gemetzel, […] minimaler Schritt zum wirklichen Töten, am Feierabend wird scharf geschossen – Killen als Freizeitvergnügen. [….] Mit der Wirklichkeit, wie sie sich beim Augenschein darstellte, hat all das nichts zu tun. […]. Auch unter Aufbietung einiger Phantasie bleibt der Gesamteindruck, den der Vorgang bietet, letztlich in der Nähe traditioneller Spielinhalte; unbeschadet der Verwendung neuartiger Lasertechnik im Spielgerät ist der Vorgang in seinem Kern noch am ehesten als eine Art Bewegungs- und Fangspiel zu charakterisieren. Den Tatbestand des § 118 I OWiG erfüllt er damit nicht.
Der Augenschein hat wohl ein im wesentliches repräsentatives Bild des Betriebs vermittelt. […]. Der durch Augenschein gewonnene Eindruck erscheint dem VGH letztlich auch zuverlässiger als eine Meinungsbildung anhand anderer Erkenntnismittel […].“

Unwert

Leider sind andere Gerichte aber zu negativen Einschätzungen gelangt, so dass Laserdrom-Veranstaltungen allgemein als verbotswürdig erachtet werden. Wie auch bei der Diskussion um ein Verbot von Kriegsspielzeug soll es auch hier nicht auf eine mögliche verrohende Wirkung ankommen.

„Wie noch darzulegen sein wird, verstößt das verbotene Laserspiel schon allein wegen der ihm innewohnenden Tendenz zur Bejahung oder zumindest Bagatellisierung von Gewalt gegen den Grundsatz der Menschenwürde.“

Anders als beim Kriegsspielzeug besteht der „Unwert“ beim Laserdrom somit nicht in der Beeinflussung der Persönlichkeitsbildung (des Kindes) sondern allein in der Verletzung der Menschenwürde. So war der „Der Bund-Länder-Ausschuss „Gewerberecht“ […] der Auffassung, dass das Schießen auf Menschen mit Laserwaffen eine sozial unwertige, verabscheuungswürdige und die Menschenrechte verletzende Betätigung“ sei. Andere sehen einen Verstoß gegen die Menschenwürde, weil, „Gewaltakte gegen Menschen in der Absicht dargestellt werden, den Beteiligten ein sadistisches Vergnügen an dem Geschehen zu vermitteln“:

„Ein solches simuliertes Töten zu Unterhaltungszwecken […] banalisiert und trivialisiert gerade diejenigen Rechtsgüter, an deren Schutz dem Grundgesetz […] mit Blick auf die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes“ gelegen ist. „Zu dieser Grundaussage der Verfassung setzen sich […] Gerichte [….] in Widerspruch, wenn sie Unterhaltungsspiele der hier in Rede stehenden Art dulden. Die Freiwilligkeit der Teilnahme sowie das gegenseitige Einvernehmen der Spieler ist rechtlich unerheblich, weil die […] Wertordnung der Verfassung nicht im Rahmen eines Unterhaltungsspiels zur Disposition steht.“

Zusammenfassend dürfen Gerichte „simuliertes Töten zu Unterhaltungszwecken“ nicht tolerieren, da dies der „Grundaussage der Verfassung“ widerspricht. „Das gewerblich veranstaltete […] Spiel kann deshalb nicht hingenommen werden, und zwar unabhängig davon, ob das Spiel unmittelbar die Aggressionsbereitschaft der Spieler selbst erhöht oder nicht.

Paintball

An dieser Stelle glaubt man, dass gemäß dieser Argumentation alles gesagt wurde. Wenn es denn dann nicht Paintball geben würde. Hier sieht die Sache überraschenderweise anders aus. Zur Erinnerung: Bei Paintball beschießt man sich statt mit Lichtimpulsen mit Farbkugeln.

„Die sich danach allein noch stellende Frage, ob im Rahmen des Paintball-Spiels Personen einer entwürdigenden Behandlung ausgesetzt werden, ist bei summarischer Prüfung zu verneinen. Durch die Simulation von Gewalt im Rahmen eines Mannschaftsspiels wird erkennbar weder der personale Eigenwert eines Mitspielers geleugnet, noch wird er zum Objekt des Handelns herabgewürdigt. Der von der Ag. beanstandeten Spielhandlung, dem Schießen mit Farbmarkierungskugeln auf Menschen, stehen auch sonst nicht mit der erforderlichen Klarheit Wertmaßstäbe des Grundgesetzes wie das Recht auf Leben und Gesundheit […] entgegen. Die Spielhandlung des Paintball-Spiels enthält keine Elemente, die […] als […] geächtet anzusehen sind. Die spielerische Simulation des „Ausschaltens“ eines Menschen und damit implizit des Verletzens und Tötens dieser Person kann hierzu nicht gezählt werden; dieses Spielelement ist weit verbreitet und kehrt in einer Vielzahl von Variationen in Mannschaftsspielen, Computerspielen und Sportarten wie Fechten, Boxen und Karate wieder.

[…] Ebensowenig bestehen Anhaltspunkte von Gewicht dafür, dass das Paintball-Spiel ersichtlich gegen einen gesellschaftlichen Wertekonsens verstößt. Ob es allgemein herrschenden Anschauungen entspricht, dass es für ein geordnetes Zusammenleben erforderlich ist, Spiele zu unterlassen, in denen die Tötung oder Verletzung von Menschen simuliert wird, erscheint fraglich. […] Vielmehr sprechen etwa die weite und allgemein tolerierte Verbreitung von Kriegspielzeug für Kinder sowie die Akzeptanz von mit erheblicher „realer“ Gewaltausübung einhergehenden Freizeitsportarten wie Boxen und Karate deutlich gegen die überwiegende Verbreitung einer solchen Wertanschauung […]. Ausweislich des vorgelegten Regelwerkes ist das „Markieren“ von Mitspielern nur ein Aspekt einer mehrschichtigen Spielhandlung. Das auf Wettbewerb und sportlichem Wettkampf basierende Spiel erfordert daneben auch Geschicklichkeit, Schnelligkeit, Reaktionsvermögen, Zielsicherheit, Strategie, Taktik und Mannschaftsgeist und gewinnt seinen Reiz durch die Notwendigkeit, sich in einer exotischen Kampfsituation in vielfältiger Hinsicht zu beweisen. Diese Einschätzung wird auch durch die gutachterliche Stellungnahme gestützt, in der die Faszination des Paintball als ein Bündel von drei Motivstrukturen beschrieben wird: Danach vermittelt das Paintball-Spiel außeralltägliche Erfahrungen, Nervenkitzel und Thrill, Selbstbestätigung im Wettbewerb und Wirgefühl und Teamgeist.“

Zusammenfassung

Auch wenn das Spielgeschehen bei Laserdrom-Anlagen vereinzelt nicht beanstandet wurde hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass es eine Verletzung der Menschenwürde darstellt. Bei Paintball kommt man dagegen zum Ergebnis, dass das Spiel weder gegen die Werte des Grundgesetzes noch gegen den gesellschaftlichen Wertekonsens verstößt.

Um diesem Wirrwarr ein Ende zu bereiten wird gefordert, dass „der sicherlich noch Jahre aktive „Unruheherd“ der die Menschenwürde potenziell gefährdenden „Spiele“ möglichst schnell durch eine klare gesetzliche Regelung zum Erlöschen gebracht wird“. Und grade der Vornahme einer solchen Regelung, die ein Verbot vorsieht, hat die Regierung im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Von dieser Absicht dürften aber, anders als die „realen Killerspiele“ (Laserdrom, Paintball), „virtuelle Killerspiele (Videospiele) nicht umfasst sein. Denn für Videospiele gibt es bereits in Form des § 131 StGB eine gesetzliche Regelung, so dass hier eigentlich kein Handlungsbedarf besteht.

Zur Wertung von „realen“ im Vergleich zu „virtuellen Killerspielen“ gibt es trotzdem interessante Ausführungen. So würde nach einem Gericht bei Laserdrom-Veranstaltungen „der Bezug zur Realität […] nicht geringer als bei Computerspielen“ sein, da man selbst schießen würde anstatt „Strichmännchen auf dem Bildschirm“ zu dirigieren.
Ein anderes Gericht führt aber Paintball betreffen aus, dass das Kampffeld mit aufgeblasenen, bunten Stoffkörpern „keine starke Ähnlichkeit mit realen Kampffeldern“ aufweist. Desweiteren würde „Allein der Umstand, dass Gegenspieler und damit Zielobjekt reale Personen sind“ nicht bewirken, dass „dieses Spiel in Abgrenzung z.B. zu Computerspielen – die hinsichtlich des Spielszenarios regelmäßig weit detailgetreuer sind – eine neue Qualität von Realismus aufweisen würde.“

Abschließend muss ich feststellen, dass angesichts der uneinheitlichen Rechtsprechung Laserdrom und Paintball betreffend eine gesetzliche Regelung erforderlich ist. So wurde dem Gesetzgeber bereits vom BVerwG nahegelegt ein derartiges Gesetz zu verfassen. Das wurde auch mehrere Male versucht, aber nie zu Ende geführt. So sah man zuletzt 1999 davon ab eine Regelung in den Bundestag einzubringen. Der aktuelle, von Bayern initiierte, Versuch einer gesetzlichen Regelung hängt seit geraumer Zeit im Bundesrat fest und sollte ihn im Interesse der Spieler auch nicht verlassen. Nach dem einzuführenden § 118a StGB wird nämlich bestraft wer:

“Spiele veranstaltet, die geeignet sind, die Mitspieler in ihrer Menschenwürde herabzusetzen, indem ihre Tötung oder Verletzung unter Einsatz von Schusswaffen oder diesen nachgebildeten Gegenständen als Haupt- oder Nebeninhalt simuliert wird, hierfür Grundstücke, Anlagen oder Einrichtungen bereitstellt oder an solchen Spielen teilnimmt.”


– Landmann/Rohmer/Marcks, § 33i Rn. 12a.
– OVG Koblenz, Beschluß vom 21-06-1994 – 11 B 11428/94.
– NJW-RR 1994, 427.
– NVwZ 2002, 598.
– NVwZ-RR 2003, 848.
– NVwZ 2004, 1083.
– NVwZ-RR 1995, 30.
– NJW 1982, 2644.
– NJW 1983, 2182.
– NVwZ-RR 1995, 32.

4 Gedanken zu “Die Menschenwürde gefährdende Spiele

  1. Ist schon toll, dass Laserdrom und Paintball gefärlicher sind als Fußball… aber wo kommt es alle Jahre immer wieder zu Ausschreitungen? Fußball. Ich sags mal so ich würde eher ein Verbot für Fußball fordern als eins für Paintball.

    Aber mal von der Unbegleichhandlung mal abgesehen:
    Was ist mit Ritterfestspielen?
    Dort „töten“ Ritter andere Ritter…
    „dem ihre Tötung oder Verletzung unter Einsatz von Schusswaffen oder diesen nachgebildeten Gegenständen als Haupt- oder Nebeninhalt simuliert wird“
    ok Schwerter sind keine Schusswaffen aber da wird auch getötet und warum sollte das denn einen Zusammenhang haben mit was jemand „getötet“ wird… Dem „Toten“ dürfte es egal sein oder?

    Und das Kinderspielzeug… was ist mit den Legorittern die Bionicals und die Polizeifiguren mit Knüppeln und auch Waffen? Ist das alles Teufelszeug, dass undere Kinder Amok laufen lassen wird? Eher nicht da Lego schon weit länger verbreitet ist als die Diskusion los ging.

    Wo soll das nur enden?
    Will Deutschland wirklich alle Spielehersteller (egal ob jetzt Computer oder „Echtes“) ins Ausland treiben? Es gibt viele Länder in denen man viel mehr legal auf den Markt bringen darf als in Deutschland…

    Ganze Subkulturen werden in die illegalität gedrängt alle die gerne Paintball oder Larerdrom spielen und das sind nicht wenige, dann die Computerspieler alle Spiele werden immer mehr aufgebauscht in den Nachrichten „Sexzenen in einem Spiel“ dabei war es nicht mal das was man im Nachtprogramm zu sehen bekommt (und da ist es real) oder wieder ein Killerspiel das die Jugend Süchtig macht oder Amok laufen lässt… wenn jeder WOW spieler süchtig wäre dann sind dass „über zehn Millionen“ (Quelle Wiki) Süchtige… So viele Therapieplätze gibt es ja niemals weltwert. Und wenn jeder Käufer der „Killerspiele“ Amok laufen würde dann wäre die Welt bald entvölkert…

    Echte Gründe wie Chancenlosigkeit in der Schule bzw das Ständige aussotieren der Lehrer das gemobbt werden von Mitschülern oder die angespannte Joblage in der man vermutlich nicht mal ausgebildet wird weil der Betrieb sagt nach der Probezeit haben nehmen wird nur die 4 Besten zur weiteren Ausbildung und der Rest kann schauen wo er bleibt… ist natürlich kein Grund, dass Jugendliche angespannt und aggresiv sind.
    Viele reagieren sich mit Computerspielen Boxen oder Fußball ab, die Frage ist jetzt was passiert wenn man dieses Ventil endgültig schließt?

  2. Ein wenig Poetisch:
    In einem freien Spiel wird das Gespielte zum Spiegel der Seele des Spielers
    und nur weil der Spiegel einen die eigene Fraze zeigt sollte man doch nicht das Spiel dafür verantwortlich machen oder?
    Freie Entscheidungen wie Böser oder Guter Weg im Spiel oder das Spiel nicht zu Spielen sollten doch in Hand der Personen bleiben und nicht vom Staat geregelt werden.

  3. Hervorragende Zusammenfassung dieser verurteilenden und ebenfalls verurteilungswürdigen (?) Diskussion. Unheimlich und beunruhigend, mir wurde schon beim anlesen ganz flau im Magen und begann dabei auch etwas zu zittern. Angst. Angst wovor? Politischer Verfolgung?

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