Studie xy

Anlass für diesen Eintrag ist eine Mail, in der bemängelt wird, dass ich manche Videospiele entlastende Studien nicht erwähne. Studien zur Wirkung von Gewaltspielen gibt es wie Sand am Meer. Und es kommen immer noch neue hinzu. Gerne werden die Ergebnisse schlagzeilentauglich komprimiert, so dass man regelmäßig vom Beweis der Wirkung aber auch von dem Fehlen jeglicher Zusammenhänge lesen kann. Weil ich das andauernde Posten von gegenteiligen Ergebnissen nicht als gewinnbringend ansehe verzichte ich darauf jede Studie zu erwähnen. Egal ob mit positiven, eher neutralen oder mit negativen Ergebnissen. Abgesehen davon fällt es einem manchmal auch schwer an die Objektivität mancher Studien zu glauben. So freut sich beispielsweise der Psychiater Bert te Wildt (Medizinischen Hochschule Hannover – MHH) über die Offenheit seiner Probanden:

“Die leidenschaftlichen Computerspieler seien erstaunlich aufgeschlossen […]. Viele fühlen sich von den Befürwortern eines generellen Verbots der Spiele als potenzielle Amokläufer verunglimpft. Sie gehen nicht davon aus, dass ihr Hobby sie in der realen Welt aggressiv oder gar gewalttätig machen könnte.”

Zuvor wurden Zweifel der potentiellen Probanden an einer ergebnisoffenen Studie durch Aussagen wie diese zerstreut:

“In der Öffentlichkeit wird immer wieder kontrovers diskutiert, ob gewalthaltige Computerspiele für eine erhöhte Gewaltbereitschaft junger Männer verantwortlich zu machen sind. Einen Nachweis oder eine Widerlegung eines solchen Zusammenhangs hat die Wissenschaft jedoch bisher nicht erbracht.”

Seltsam wird die Geschichte, wenn man frühere Aussagen (2007) von Bert te Wildt kennt:

“Wenn man sich verschiedene Amokläufe ansieht, zum Beispiel die in Littleton oder in Erfurt, ist zu erkennen, dass die Abläufe von einem geradezu „perfekten Timing“ gekennzeichnet waren und die Schüsse äußerst präzise abgefeuert wurden. Man bekommt den Eindruck, dass diese jungen Männer wie „Kampfmaschinen“ funktionierten. Das haben ihnen letztlich die Computerspiele beigebracht. Ego-Shooter basieren ja ursprünglich auf Computersimulationen für das Militär. Diese wurden insbesondere dazu geschaffen, die Hemmung, andere Menschen zu töten, abzutrainieren. Wenn jemand diese Hemmung einmal überwunden hat, kann das in der Computersimulation gebahnte Programm im Extremfall “angeworfen” werden und sich im Sinne eines einfachen Reiz-Reaktions-Schemas auf fatale Weise “abspielen”.”

Wenn die Gamer solche Aussagen te Wildts gekannt hätten – wonach man durch Videospiele die Hemmung andere Menschen zu töten abtrainieren und präzise Schüsse antrainieren würde – wären sie wohl nicht mehr “erstaunlich aufgeschlossen” sondern nachvollziehbar reserviert.

Auf eine besondere Art lesenswert ist auch das Protokoll eines Chats der bpb zur  Gefährlichkeit von Videospielen:

“Da wir es mit einer ideologischen Debatte zu tun haben, beziehungsweise einer Glaubensfrage, ist es beinahe wichtiger, sich die Interessen der beiden Parteien anzusehen, die sich zur einen oder zur anderen Seite bekennen.”

Vorallem wenn sich ein Mitarbeiter des KFN dieser Äußerung anschließt und ergänzt:

“Es kommt nicht darauf an, was “mehr Aggressionen auslöst”.”

3 Gedanken zu “Studie xy

  1. Vielen Dank für diese Zusammenfassung unterschiedlicher Aussagen.
    Aus ähnlichen Gründen werde ich mich in meiner Diskursanalyse bei der Nutzungs- und Wirkungsforschung wohl darauf beschränken diametral unterschiedliche Methoden zu beschreiben und dabei womöglich auch gegenteilige Ergebnisse berücksichtigen.
    Dort ist nicht nur vieles unübersichtlich, sondern aus meiner Sicht einfach widersprüchlich – abgesehen von verschiedenen Herangehensweisen und Ableitungen aus Untersuchungen mit Personen im Grundschulalter.
    Das Gespräch zwischen Kleimann und Mertens endete darüber hinaus mehr oder weniger in Aporie: über die Harmlosigkeit oder zu verdammende Abscheulichkeit diverser Körperdarstellungen haben die beiden allerdings auch erst gar nicht gesprochen, für mich weiterhin das woran sich jede Rede von “Killerspielen” oder (noch) akzeptablen Videospielen (in Deutschland) aufhängt. À la Mertens mit bloßen Verweisen auf deren Regelwerk Computerspiele zu verteidigen wird so für mich jedenfalls immer zu wenig sein.

  2. Das Chat Protokoll ist gut. Endlich ein offener Umgang mit Coputerspielen und besonders hat mich die Passage
    “…aber es bietet andere Oberflächen an, die für bestimmte Gruppen ein bestimmtes Distinktionsmerkmal sind, mit dem sie sich sichtbar von anderen abgrenzen können, nur um dann genau das-selbe wie die zu machen…”
    beeindruckt. Es Stimmt seit Packman oder mario machen wir nichts anderes.

    Wir rennen durch Levels sammeln Objekte, bekämpfen Gegner und versuchen einen bestimmten Punkt zu erreichen, den Levelausgang… bei vielen Spielen, Oblivion und so, kann man mehr oder weniger frei entscheiden wie man zu diesem Punkt kommt, bei Doom und viele andere Ballerspiele sind die Levels meist ein verknoteter Schlauch in denen man nicht mal Abbiegen kann. Der hat recht wie machen nichts anderes seit der anfangszeit der Videospiele… dort konnt man auch ballern auf Atari gab es ein Spiel in den man andere Figuren in einer Western Umgebung erschiessen kann… Also warum ist Doom denn schlimmer als das Atari Spiel?
    Und hat dieses Spiel auch agressivität hervorgerufen? Vermutlich nicht sonst hätte die Elterngeneration ja auch schon über Killerspiele geredet…

    Happy Coding

  3. Das Generationenproblem spielt hier mit sicherheit eine wichtige Rolle, denn fazinierenderweise wissen die Älteren offenbar immer, welche Folgen der Konsum bestimmter neuer Medien hat. Auch beim Auftreten des Kinofilms, von Rock’n’Roll-, Rockmusik, uvm. wurde bekanntlich auch unterstellt, dass die Jugend dadurch verdorben würde. Fakt bleibt wohl dass es in jeder Gruppe von Menschen, die eine bestimmte Sache konsumiert, Charaktere gibt, die sich in irgendetwas von den anderen Unterscheiden. Daraus jedoch gleich automatisch Zusammenhänge abzuleiten ist schon deshalb falsch, weil jeder Mensch NICHT sein Leben lang AUSSCHLIESSLICH EINE Sache konsumiert, sondern von so vielen Dingen geprägt wird (Eltern, Gesellschaft, Schule,…), dass die Auswahl eines Elements, die Problematik nicht nur massiv vereinfacht, sondern auch massiv verfälscht. Die Unterschiede sind hingegen schlicht das, was man auch als “Menschsein” bezeichnen könnte.

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