Gezieltes Schusstraining mit Videospiel

(heise) Im “Kölner Aufruf” wurde unterstellt, dass Videospiele “aktives Kriegstraining” sowie vom US-Militär zu diesem Zweck entwickelt worden sind: “Killerspiele entstammen den professionellen Trainingsprogrammen der US-Armee, mit denen Schusstechnik, Zielgenauigkeit und direktes Reagieren auf auftauchende Gegner trainiert werden. In «Spielen» wie Counter-Strike […] und anderen üben sie systematisches und exzessives Töten mit Waffen vom Maschinengewehr bis zur Kettensäge […].”. Was ist an diesen Vorwürfen dran?

Ich höre immer wieder die Behauptung, dass Ego-Shooter vom US-Militär “erfunden” wurden. Aber verifizieren konnte ich sie nicht. So wurde zwar der erste Ego-Shooter “Maze War” 1973 von Steve Colley bei der NASA entwickelt. Aber wohl weder für das Militär noch als Schusstraining. Der erste Ego-Shooter, der nach meinem Wissen vom US-Militär zum Trainieren von Soldaten genutzt wurde, war 1996 “Marine Doom”. Dieses Spiel war aber keine Eigenentwicklung des US-Militärs sondern lediglich eine Modifikation des Ego-Shooters “Doom II”, der vom privaten Entwicklerstudio Id-Software zu kommerziellen Zwecken vertrieben wurde. Soweit wurden Ego-Shooter also nicht vom US-Militär für das Schusstraining entwickelt. Aber geht das überhaupt?

Es werden viele Videospiele vom US-Militär genutzt: Mit “America’s Army” versucht man Rekruten anzuwerben, durch die Unterstützung von Hollywood-Blockbustern sowie manchen Videospielen soll das Militär besser aussehen, mit der wii-Konsole können nicht nur Senioren sondern auch verletzte Soldaten ihre motorischen Fahigkeiten beim virtuellen Bowling wiedererlangen und manche (kriegerischen) Videospiele werden genutzt um Veteranen bei der Verarbeitung von Kriegstraumata zu unterstützten.
Aber inwieweit nutzt man Videospiele oder Simulationen als Schusstraining? Marine Doom – und andere – z.B. gar nicht. Dieser ist in erster Linie ein ““tactical decision-making trainer” (Stahl 2006, S. 116) “. Marine Doom “focused on mutual fire team support, protection of the automatic rifleman, proper sequencing of an attack, ammunition discipline and succession of command”. Auch wird auf einer Seite des ZDF, dubiose Quelle – ich weiß, geschrieben: “Um die Kundschaft länger an das Spiel zu binden, besaß Doom die Möglichkeit eigene neue Spielumgebungen (”Maps”) zu erschaffen. Eine Tatsache, die das Militär dazu nutzte, auf preiswerte Art unbekannte Einsatzorte und Gebäude als begehbar zu simulieren und so die Orientierung im späteren Einsatz zu erleichtern.”.

Aber kann man mit handelsüblichen Videospielen wirklich das Schießen üben?  Autoren wie Hartmut Gieselmann lehnen dies ab: “[…] in Ihrer Stellungsnahme [..] zitieren Sie aus meinem Buch “[…], dass man in Computerspielen das Zielen mit einer Waffe trainieren könnte. Dieser Aussage habe ich stets widersprochen.”. Der ehemalige Oberstleutnant David Grossmann vetritt eine andere Auffassung. Aber die bezieht sich eher auf “Light-Gun” Spiele, in denen der Benutzer eine mehr oder weniger realistische Spielzeugpistole in den Händen hält. Mit “virtuellen Schießständen” – die auch in Simulationen eingebettet sein können (Beeindruckendes Video) – trainiert auch das Militär das Schießen. Vorraussetzung hierfür ist jedoch, dass man eine modifizierte reale Waffe verwendet, was bei den Nutzern von Videospielern nicht der Fall ist. Solange diese eine Maus und kein Sturmgewehr in den Händen halten, lernt man real lediglich die Handhabung der Maus und nicht die einer Waffe. Die GameStar schreibt zur Nutzung durch das US-Militär:

Einem internen Bericht der Army zufolge diente der Simulator zudem nur als Trainingshilfsmittel für Anfänger, um deren Ergebnisse auf dem echten Schießstand zu verbessern. Das Schießen mit scharfer Munition (»live fire«) könne der Simulator ausdrücklich nicht ersetzen, […] genausowenig wie einen ausgebildeten Lehrer.”

17 Gedanken zu “Gezieltes Schusstraining mit Videospiel

  1. Grossman essentially refers to 2 early military shooters-simulations : MACS (Multi-purpose Arcade Combat System) and FATS (Firearms Training Simulator).

    MACS was developed in the 80’s from the “engine” of Nintendo’s “Duck Hunt”. It replaced ducks with soldiers or tanks and plastic gun with M-16 or bazooka (because it was also aimed at firing tanks). I unfortunately don’t have the source, but I’ve read somewhere that other hardware things were implemented, such as the weight of the weapon and the influence of the wind. In short, MACS no longer had anything in common with “Duck Hunt”.

    According to Grossman, FATS inspired the Lightgun game “Time Crisis”, but from the videos and website I saw of FATS, the two don’t have much in common either. There’s indeed a passage in “Grand Theft Childhood” in which the authors describe their experience on FATS in order to refute the allegation that “ego-shooters train to kill”.

    And of course, Grossman also refers to “Marine Doom”. He uses it to justify his theory and reply to people who say to him : how is it possible that you train to shoot with a mouse and a keyboard ? What’s the relation ? And his answer his, basically : well, there is a relation because the Army uses these shooters such as “Marine Doom”, and it works. In short, he dodges these refutations.

    Finally, Grossman’s latest argument about the efficiency of “point-and-shoot video games” is a study conducted by the Center of Successful Parenting. Here is what he has to say about it :

    “There can be no doubt that video games can teach marksmanship skills. A controlled experiment conducted by the Center for Successful Parenting, written by Tom Stoughton and published in 2002 in the Newsletter of The UNESCO International Clearinghouse On Children, Youth and Media, demonstrated that those kids who were proficient at point-and-shoot video games are significantly better shots when they pick up a real gun for the first time.”

    Source : http://www.killology.com/on_combat_ch2.htm

  2. Mehr als Taktik kann man mun mal nicht am Computer lernen. Sehr gut, aber ein Punkt fehlt noch… ;-)
    Viele 3D Waffen für Computerspiele sind gespiegelt, damit man die ausgeworfene Hülsen schön durchs Bild fliegen sieht. Somit Ändert sich die Handhabung sehr. (Entsichern oder sonstige Einstellungsmöglichkeiten von Waffen wird überhaupt nicht gezeigt.)
    Ebenso wird kein “richtiger” Umgang mit Waffen gezeigt:
    “Mit Waffen schwimmen gehen”, “Durch Dreck und Wüste ziehen” und “Munition in die Waffe prügeln” wird bei vielen Spielen als Normal gezeigt, aber wenn man nur eins davon mit einer Waffe macht müsste man viel zeit opfern um die Waffe wieder funktionsfähig zu bekommen.
    Happy Coding

  3. @The_Real_Black
    Mit einer AK sollen die Sachen angeblich gehen, was ein Indiz für den weltweiten Erfolg des Modells wäre…Mit dem spiegeln hast du in der Tat Recht: man stelle sich ein Gewehr vor, dass die heißen Patronenhülsen in Richtung des Gesichts vom Schützen auswerfen würde – das wäre wohl ein Ladenhüter…

    Vom taktischen Aspekt her mag diese Form des Trainings tatsächlich funktionieren, allerdings ist mir bei dem Werbefilmchen nicht wirklich klar geworden, wie die Soldaten das Spielen sollen. Einige Soldaten saßen zwar mit VR-Helmen rum, doch sowas als realistisches Training zu verkaufen halte ich schon für abenteuerlich. Stichworte sind hier wieder das physikalische verhalten von Waffen und Fahrzeugen, dass selbst mit heutiger Technik (noch?) nicht wirklich realistisch nachgebaut werden kann.

    So ein Verfahren gab’s zudem bereits seit den 90ern in diversen Freizeitcentern, wenn auch in der Form von Tontaubenschießen und einer Art Pistole oder Luftgewehr, statt Sturmgewehren und Pixelsoldaten, jedoch auch mit Leinwand.

  4. Wirklich interessanter Artikel!

    Ich versteh auch nicht wirklich, wie man auf den Trichter kommt, man könne mit einem Ego-Shooter das Schießen mit realen Waffen trainieren.
    So viele Dinge sind in den Spielen nicht simulierbar: Das Gewicht der Waffe, der Rückstoß (nicht das Verziehen der Waffe sondern der Druck auf den Körper), die richtige Haltung (bie wie vielen Shootern schießt man quasi “aus der Hüfte”)usw.
    Das einzige was man in einem Shooter lernt ist das Aussehen einiger Waffen und welches Ende das richtige ist, sonst nix ^_^

  5. Guter Beitrag aber es fehlt etwas:

    “Oft wird behauptet, dass das US-Militär mit Computerspielen versucht Soldaten das Töten anzutrainieren. Über den Versuch eines solchen Trainings habe ich keine Quelle finden können, nur über das Ergebnis:

    “Es hat nicht funktioniert.”
    (Stern)

    Des Weiteren wurden beim tatsächlichen Schusstraining runde Zielscheiben durch menschliche Silhouetten ersetzt, die bei Beschuss umkippen, um dieses Ziel zu verwirklichen”

  6. meine güte… diese debatte hat doch inzwischen schon fast etwas albernes oder?

    spielegegner:”killer-spieler lernen töten!!!”
    wir:”nein! es gibt keinerlei zusammenhang zwischen einer maus und einer waffe… (viele andere argumente)[…] …darum sind diese spiele nicht der untergang des abendlandes!”
    s:”…
    *stille*

    killer-spieler lernen töten!!!”
    w:”nein! diese spiele wurden nie vom militär benutzt um ihre soldaten abzustumpfen, ausßerdem… […] …darum ist diese aussage untragbar.”
    s:”…
    *stille*

    killer-spieler lernen töten!!!”
    w:”MANN! halt die fresse!”
    s:”killerspieler sind nicht in der lage sich zu rechtfertiegen, haben keine rechtschreibung und sind vulgär! und alles nur wegen den spielen!”

    ich hab eig echt keine lust mehr mich zu rechtfertiegen…
    warum müssen eingelich nur wir recherschieren und argumentieren und bekommen dennoch kein gehöhr? diese weltverbesserer brauchen doch auch nur die üblichen hohlen phrasen schreinen und alle welt nickt ergriffen.

  7. Ich habe soeben eine neue Nachricht gefunden, die sich mit einem Gerichtsurteil gegen einen 17-Jährigen beschäftigt, der mit den Waffen des Vaters seine Mutter tötete und seinen Vater schwer verletzte. Als Begründung für die Tat wurde ein elterliches Verbot des Ego-Shooters Halo 3 angegeben. http://winfuture.de/news,44664.html

  8. @hejoba:
    *applaus* Du hast unsere Situation perfekt erfasst.
    Leider können wir die Leute nicht ihre Parolen verbreiten lassen, denn dann hätten wir verloren. Zum Glück haben wir aber viel Arbeit bereits hinter uns und die Rechtfertigungen haben Boden gut gemacht gebenüber den “Parolen” der Spielegegner.
    Happy Coding noch!

  9. @The_Real_Black:

    ja, haben wir.
    aber leider fast nur bei denen, die sich still ihren teil gedacht haben und nicht bei denen die laut schreiend durch die medien marodieren und mit zitterndem kinn beteuern “mein sohn hat einen armen nazi verdroschen… NUR WEGEN DEN SPIELEN!!! (die ich ihm gekauft habe)”.

    leider sind letztere die, die gehöhrt und beachtet werden, bzw. die denen die sich in den medien gut verkaufen lassen…

    so, ich geh nun pakman spielen…
    … und fress danach nen 12er pack tennisbälle.

  10. @hejoba:
    ja die verkaufen sich immer gut, auch wenn Polizei und Untersuchungskommissionen diesen Vorfall bestreiten verbreitet sich diese Geschichte … besser gesagt die wird von bestimmten Personen verbreitet. *g*

    *guten appetit* ;-)
    und ein Happy Coding noch

  11. Um wirklich am Computer den Umgang mit Waffen zu lernen müsste man erstmal eine Kontrolleinheit in der Form der jeweiligen Waffe haben und diese müsste den Rückstoß simulieren können (das stelle ich mir bei Granaten etwas heftig vor^^). Wenn diese zwangsläufig verwendet werden müssten hätte man erstmal viel mehr Zulauf in Krankenhäusern (gebrochene Arme, Schlüsselbeine, Nasen ect.) und die Verkaufszahlen würden deswegen und wegen der Preise für solche Technik unwesendlich (was ne Untertreibung^^) sinken.

    @the_punish3r: Das war würde ich sagen eher ein Versuch seines Verteidigers ihn für unzurechnungsfähig erklären zu lassen oder der Typ ist wirklich ein Fall für die Klapse.

  12. Die Ganze Debatte erinnert mich mittlerweile mächtig an die Matrix-Filme und der Frage: Was ist Realität? Sind es nur Impulse im Hirn oder gehört vielleicht doch noch etwas anderes dazu? Oder in unserem Fall: Lässt sich durch die Simulation von Gewalt reale Gewalt trainieren.

    Fehlt nur noch der auserwählte Retter, der die Gamer von der Herrschaft der ignoranten, intolleraten Monokausalitätengläubigen befreit und ein klugscheißender Mentor der dessen Temprament bremst. ;)

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