"Lasst uns in Ruhe trauern"

Die Schule nach dem Amoklauf, eine Kamera zoomt an die Fenster dran. Von innen sind Zettel an die Scheiben geklebt. Ich erinnere mich an den Amoklauf in Erfurt, bei dem „HILFE“ auf einem Papier stand. Doch hier richtet sich die Nachricht an die Reporter, in bunten Lettern steht dort: „Lasst uns in Ruhe trauern„. Im GameStar-Forum wird geschildert, wie in einer benachbarten Schule auf die Ereignisse reagiert wurde. Der Direktor verhängte ein Ausgangsverbot. Nicht wegen des Amoklauf, sondern wegen der Journalisten. Hier der Eintrag:

„Es tut mir Leid, wenn ich ein wenig vom Thema abweichen sollte. Aber ihr spracht die Presse an, und hier kann ich euch nur zustimmen. Zuerst zu meiner Person: Ich besuche das Lessing-Gymnasium in Winnenden, dieses Gymnasium grenzt direkt an die Albertville-Realschule an. Ich habe die Schüsse selbst gehört, und gesehen wie einer der Passanten um sein Leben kämpfen musste.

Zu den Medien:

Die Formel lautet: Amoklauf = Einschaltquoten. Seit dem Tatzeitpunkt wurde unsere Schule von Medienwägen ( Marke RTL, N24 undundund ) regelrecht belagert. Ein Ausgangsverbot während den Pausen von unserem Rektor wurde auch verhängt. Zurecht.
Wir konnten keine Kerze für die Opfer anzünden, ohne direkt eine Kamera auf uns gerichtet zu sehen.
Selbst der Trauergottesdienst wurde von interviewsuchenden Journalisten belagert.

Ich schätze eure fachliche Kompetenz und frage euch: Hat die Presse keine Skrupel, wenn es darum geht eine Top-Story an Land zu ziehen? Pressefreiheit hin oder her, trauernde Menschen ohne Zustimmung zu filmen ( oder sich von willigen Jugendlichen Bilder stellen zu lassen ) gehört sich nicht!

mfg Ruffi“

Die Berichterstattung ist nicht nur moralisch höchst zweifelhaft sondern auch gefährlich:

Amokläufe an diversen Schulen in Deutschland begannen nach der der exzesiven Berichterstattung der Medien Deutschlands nach dem Massaker an der Columbine Highschool in den USA in Littleton. […] So konnten zu dem Zeitpunkt noch potentielle Nachahmungstäter erfahren wie sehr man, wenn auch auf eine zweifelhafte Art, erhöhte Medianaufmerksamkeit erlangen kann. Das ist einer der Hauptgründe für die nachfolgenden Amokläufer, es den „Vorbildern“ gleichzutun. […] .Weder die Printmedien noch die diversen TV Sender können sich von dieser Mitschuld befreien.“ (Schweizmagazin)

10 Gedanken zu “"Lasst uns in Ruhe trauern"

  1. So wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, demnächst wieder einen Amoklauf filmen zu kennen, denn was möchte ein Amokläufer? Rache und Aufmerksamkeit! Wenn also tagelang fast nur zu diesem Thema berichtet wird (und jeder versucht daraus Vorteile zu ziehen), wird anderen Menschen in ähnlichen Positionen deutlich, dass sie durch eine solche Tat definitiv Aufmerksamkeit bekommen können. Eine Einschränkung der Medien wäre also, sofern dies möglicht ist, eine gute Maßnahme allerdings auch keine komplette Lösung, denn man muss vorallem die tatsächlichen Ursachen (Mobbing, psychische Störungen, soziale Probleme usw.) effektiv und in großem Maße bekämpfen.

  2. In Bezug auf diesen Artikel:
    http://gamer-gegen-gewalt.com/include.php?path=news&contentid=566

    Ein Beispiel, dass ich gerade aus dem Hamburger Abendblatt entnommen und einmal bearbeitet habe.
    Original:

    […] Mehrere Jugendliche sind wegen Drohungen gegen Schulen festgenommen worden. In einigen Bundesländern war die Polizei am Freitag teils pausenlos im Einsatz, weil so genannte Trittbrettfahrer Bluttaten unter anderem in Internet angekündigt hatten. In einem Fall folgt die Strafe nun auf dem Fuß: In Remscheid (NRW) verurteilte ein Richter einen 16-Jährigen wegen der Androhung eines Amoklaufs zu zehn Tagen Arrest. Solche Straftaten können mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden.
    Die Bayrische Regierung strebt ein weitreichendes Verbot von Killerspielen an. Tim K. hatte solche Spiele auf dem PC. Über eine Bundesratsinitiative will München erreichen, dass schon die Darstellung – und nicht erst die verharmlosung – von Gewalt für das Verbot ausreicht.

    Sehr seriös, sehr Politikerfreundlich. Mal sehen, was passiert, wenn ich einige änderungen vornehme:

    Mehrere Politiker sind wegen Drohungen gegen Kunst- und Medienfreiheit festgenommen worden. In einigen Bundesländern war die Polizei am Freitag teils pausenlos im Einsatz, weil so genannte Trittbrettfahrer Verbote unter anderem in Zeitungen angekündigt hatten. In einem Fall folgte die Strafe nun auf dem Fuß: Im Remstedt (NRW) verurteilte ein Richter einen 60-Jährigen wegen der Androhung eines Verstoßes gegen das Grundgesetz. Solche Straftaten können mit bis zu 30 Jahren Haft geahndet werden.
    Die Bayrische Staatsregierung strebt ein weitreichendes Verbot von einseitigen poltitischen Diskussionen an; Tim K. hatte eine solche mit seinem Amoklauf ausgelöst. Über eine Bundesratsinitiative will München erreichen, dass schon die einseitige Diskussion – und nicht erst das daraus entstandene Gesetz – für eine Verurteilung ausreicht.

    Ich weis nicht, wie es euch geht, aber mir gefällt die zweite Version irgendwie besser.
    Und jetzt noch der Standardkommentar: SUPERWAHLJAHR!

  3. Wie ich meinte: Die Presse macht mit den Amoklauf auch noch einen Spaß!
    Es ist etwas Schreckliches passiert und soetwas sollte man nicht noch weiter aufheizen.

    Nachahmungstäter: Natürlich, Aufmerksamkeit wollen doch die Amoklauf-Gefährdeten. Keine Ballerspiele oder Metal-Musik. Aufmerksamkeit, und das geben ja die Medien!

  4. Traurig, dass die Verrohung der Gesellschaft bei der Presse beginnt…
    Keinen Anstand die Menschen mal in Ruhe zu lassen…

    Besonders da schon am Tag der Tat irgendwelche Jugendliche befragt wurden:
    Stimme aus dem off:“ Wodurch kann so was entstehen?“
    Kiddy:“ … äh Killerspiele?“
    Moderator:“ immer diese Gewaltspiele…“

    Anderer Seits zieht man irgendwelche „Freunde“ vor eine Kammera und lässt sie darüber Quatschen was sie vom Täter gehalten haben…
    Ohne Beistand ohne auf irgendwen zu achen.

    Traurig, alles nur traurig.
    coding.

  5. mein persöhnliches „highlight“ war es, als (ich glaube es war war bei sat1) einen tag nach der tat ein junge zuhause interviewt wurde, der neben einer mitschülerin saß die erschossenwurde wurde.
    er sollte dann beschreiben wie er das erlebte wargenommen hat.
    das ganze war weder informativ noch relevant.
    einen bleichen, noch unter schock stehen jungen mit leeren blick vor die kamera zu zerren um ihn noch ein mal eben das schlimmste erlebnis seines lebens revue passieren zu lassen ohen, dass er es vorher verarbeiten konnte ist schlicht pervers. dessen eltern gehöhren verdroschen.
    ich hab dann abgeschaltet…

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