Die Grenzen der Vernunft — ein Fackelzug gegen die Kälte

Die aktuelle Situation

Ein Jahr nach den tragischen Ereignissen von Winnenden ist einiges geschehen. Deutschland wurde in tiefe Bestürzung gerissen, man hat Ursachen gesucht, Sündenböcke gefunden, Sündenböcke angefeindet, Ursachen gefunden, Ursachen analysiert, Sündenböcke angefeindet. Das Jahr nach Winnenden, mein möglicherweise polemischer Jahresrückblick.

„Die Kälte darf nicht siegen“, diesen Titel trägt das Buch, in dem Gisela Mayer beschreibt, was sie aus der schrecklichen Tat gelernt hat. Im NDR-Kulturmagazin stellt man mir das Buch vor. Frau Mayer ist die Pressesprecherin der Stiftung gegen Gewalt an Schulen, wie das Aktionsbündnis Winnenden (AAW) nun heißt, und mir mittlerweile gut bekannt. Nur Tage später will unser Bundespräsident, Horst Köhler, neue Grenzen ziehen. Doch beginnen wir unsere Geschichte am Anfang.

„Wir befinden uns im Jahr 2009, ganz Europa ist der Verrohung durch Killerspiele ausgesetzt. Ganz Europa? Nein, ein von unbeugsamen Germanen bevölkertes Land hört nicht auf, dem Militärisch-Industriellen Komplex Widerstand zu leisten…“[1], so vielleicht steht es in einigen hundert Jahren in Comicheften. Comichefte, Ursache des Untergangs des Abendlandes vor einigen Jahrzehnten, berichten dann vielleicht für jeden verständlich über Geschichte und Politik. Der Inhalt aus meiner Sicht.

Das vergangene Jahr

Nachdem zuvor eSport-Events und LAN-Partys für Erwachsene verboten und abgesagt worden waren, weil man das berüchtigte „Killerspiel Warcraft 3“ (USK ab 12, ein Strategiespiel mit quietschbunter Comicgrafik) hätte zu Gesicht bekommen können, hatte es im Sommer 2009 Demonstrationen der Gamer gegeben. Ich war dabei gewesen, und hatte noch im Hintergrund an der Gründung des VDVC mitgewirkt. „Spielen verbindet, Hetze entzweit“, hieß es. Nachdem kurz vor der ersten Demo die Innenminister der Länder ein Verbot von Computerspielen gefordert hatten, mussten wir Farbe bekennen. Gaming ist Kultur, eSport ist kein Mord. Das AAW war damals — geschockt von der Tat — großer Angst vor Pixeln verfallen und hatte Politik gemacht. Man könne Realität und virtuelle Welt nicht mehr auseinander halten, so Hardy Schober, hauptamtlicher Vorsitzender des AAW. Man feindete an, grenzte aus, man freute sich über unfreundliche Reaktionen der Stigmatisierten — und fühlte sich bestätigt. Computerspiele, der Untergang des Abendlandes im aktuellen Jahrzehnt. Man stellte einen Container auf, das unliebsame Kulturgut zu vernichten, und — wurde von den Spielern des VDVC plötzlich freundlich angesprochen.

Nach dieser Kehrtwende bei der geplanten Spieleverbrennung vor dem Stuttgarter Landtag, bei dem das AAW aus Angst vor Computerspielern einen privaten Sicherheitsdienst engagiert hatte, führten wir, Frau Mayer und ich, bei der Stuttgarter Zeitung ein Gespräch. Da sie ja bereits wusste, dass von mir keine Gefahr ausging, hatte ich die Gelegenheit ihr einige Spiele zu zeigen. Strategiespiele aus der Vogelperspektive, Ego-Shooter in Comicgrafik, Rollenspiele aus der Verfolgerperspektive, Ego-Shooter in realistischer Grafik, Rollenspiele aus der Ego-Perspektive. Was ist ein „Killerspiel“? Die Grenzen sind fließend, die Ego-Perspektive macht noch keinen Shooter. Und als eine schemenhafte Weltkarte gespickt mit abstrakten Symbolen durch eine Schrift überdeckt wird, ist klar, dass das Töten von Menschen dem Massenmörder in der Realität kaum noch bewusst sein muss. „New York hit. 3.4 Million dead.“ Beklemmend realistisch, ein Antikriegspiel über und gegen den globalen Nuklearkrieg. Man ist sich einig, dass gewisse Spiele nichts für Kinder sind und dass Jugendschutz Erwachsene nicht einschränken sollte. Bunte Aufkleber aber seien keine Lösung, sondern laut Frau Mayer eher ein Qualitätssiegel und Kaufanreiz für Kinder.

Neueste Wendungen

In Teile des AAW war Vernunft eingekehrt, der VDVC ist seitdem bemüht, Vorschläge für einen sinnvollen Jugendschutz zu erarbeiten. Frau Mayer schrieb an ihrem Buch. Leistungsdruck und Versagensängste seien Ursachen für plötzlich ausbrechende Gewalt und Verrohung. „Die Kälte darf nicht siegen“.
Doch irgendwo wurde der Kölner Aufruf wieder ausgegraben. Man wurde sich wieder bewusst, dass der Militärisch-Industrielle Komplex nicht gewinnen dürfe, dass Computerspiele vom Militär entwickelt wurden, um die Hemmschwelle der Soldaten zu senken[2] und in einer riesigen Verschwörung die Welt in einen globalen Nuklearkrieg stürzen wolle. Argumente? Das Dokument wurde von vielen Menschen unterschrieben, es muss einfach wahr sein!

Und kurz vor dem Sieg des Militärisch-Industriellen Komplexes stürzte sich der Bundespräsident ein Jahr nach der Tat ein zweites Mal auf die Seite der rechtschaffenden Fackelträger. Nachdem er vor einem Jahr noch um Ausgleich bemüht war, jeder müsse den Medienkonsum von sich aus verantwortungsvoll gestalten, zog er nun mit einer mit einer weitaus flammenderen Formulierung gegen die Kälte ins Feld: „Unabhängig davon, ob solche Spiele Handlungsanleitungen für potentielle Täter sind oder nicht – die Meinungen in der Wissenschaft gehen in dieser Frage auseinander“, so Köhler, „hier müssen wir uns gegen eine drohende Verrohung unserer Gesellschaft gemeinsam zur Wehr setzen und Grenzen ziehen.“ Egal, was die Wissenschaft also sagt, setzt lodernde Flammen in die Welt! Kämpft gegen die Kälte! Oder, um bei Warcraft 3 zu bleiben: „Los Frostmourne! Ich kämpfe für das Licht.“

[1] Inspiriert von einem Kommentar auf Stigma-Videospiele.de
[2] In der Tat ist Tetris das einzige je vom Militär entwickelte Spiel auf dem Markt. Die Herkunft von Tetris ist offenbar nicht gänzlich klar. Es wurde zwar von russischen Militär zum Training genutzt, aber scheinbar doch nicht von diesem entwickelt.

13 Gedanken zu “Die Grenzen der Vernunft — ein Fackelzug gegen die Kälte

  1. ist Tetris wirklich vom Militär entwickelt worden? Bei Wikipedia hört sich das eher so an, als ob es von einem russischen Programmierer “nebenbei” in einem Computerzentrum entwickelt wurde. Auch wurden ja AA und FSW zumindest für das Militär entwickelt?

    • Es wurde auf jeden Fall vom Militär bzw. von der Raumfahrtorganisation (gehört ja zum Militär) eingesetzt. In welchem Rahmen es entwickelt wurde, ist tatsächlich kaum nachzuvollziehen. AA ist tatsächlich im Auftrag der US-Armee entstanden — für Werbezwecke. Die Verschenken ja alles mögliche, um Kadetten zu werben. Und FSW gibt es in abgewandelter Form (also nicht der Kaufversion) für die US-Armee. Geübt wird hier bekannterweise taktisches Geschick.

  2. Pingback: Stigma Videospiele » Blog Archive » Kommentar des VDVC

  3. “Maze War” als erster Ego-Shooter wurde auch von einem Studenten in einem Rechenzentrum der NASA entwickelt – trotzdem würde ich jetzt nicht schreiben, dass Ego-Shooter vom US-Militär erfunden wurden. Es sieht ja zumindest so aus, dass die Entwicklung des Spieles weder Teil seines Jobs gewesen noch im Auftrag des Militärs geschehen ist. Später wurde es ja auch von MacroMind (und nicht vom Militär) für den Mac veröffentlicht. Bei Tetris fehlen mir im Moment jetzt zwar Informationen abseits von Wikipedia. Aber nach den Artikeln kann ich auch nicht darauf schließen, dass es speziell für das Militär entwickelt oder von diesem genutzt wurde. Im dt. Artikel steht nur, dass es in der Belegschaft des Rechenzentrums kursierte und später dann von IBM kommerziell veröffentlicht wurde.

  4. Habe es auf das korrigiert, wo ich mir wirklich sicher bin. Ich habe auf jeden Fall mal einen Bericht über Tetris beim der Raumfahrtbehörde der SU gesehen, halte das für glaubwürdig. Es erfordert Konzentration, schnelle Reaktionen und fördert somit für die Kosmonauten (allesamt beim Militär angestellt) wichtige Fähigkeiten. Hatte es für eine Glosse (als solche sehe ich meinen „Jahresrückblick“) als interessante und angenehm ironische Randbemerkung gehalten und daher aufgenommen.

  5. @Patrik
    Wie gesagt kann ich mich hier auf nicht mehr als Wikipedia stützten. Wenn du diese mir leider noch unbekannte Quelle hast, dass es tatsächlich für das Training von Kosmonauten verwendet wurde, habe ich nichts gesagt^^.

  6. So weit ich weis, wurde Tetris nur so nebebei zum Spass entwickelt als der Mann an der Uni arbeitete. Zum Beispiel hält die Uni noch heute die Lizenzrechte von Tetris da Alexey die alle abgetreten hat. Wie und in welchem Umfang das Spiel nun mit dem Militär zu tun hat weis ich nicht, aber hey im 1. Weltkrieg ham die Deutschen im Lazarett “Mensch ärgere dich nicht” gespielt von da her, würde ich eine Verwendung des Militärs von Tetris eher net so eng sehen.

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