Scheinbar widersprüchliche Ergebnisse

(heise) Zu Beginn der Konferenz „Clash Of Realities“ wurde über die öffentliche Wahrnehmung von Computerspielen diskutiert. Zum Teil bestehe auch eine Mitschuld bei der Forschung: Da bei den verschiedenen Disziplinen kein gemeinsamer Katalog akzeptierter Forschungsmethoden existiere, würden die Ergebnisse von Studien „schlecht zu sortieren, schlecht zu integrieren“ sein. Christoph Klimmt weiter:

„Wenn ein Sozialwissenschaftler nicht in der Lage ist, eine halbwegs konsistente Antwort zu geben, ist das Thema frei für politische Akteure.“

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13 Gedanken zu “Scheinbar widersprüchliche Ergebnisse

  1. Das KFN bekommt auch eine kleine Kritik ab:
    „Das KFN erstellt zwar Befragungsstudien mit gewaltigen Teilnehmerzahlen, nimmt aber überhaupt nicht am wissenschaftlichem Diskurs teil.“
    Stattdessen veröffentliche das Institut unter Leitung des Kriminologen Christian Pfeiffer schnell Pressemitteilungen, die dann von vielen Medien aufgegriffen werden. Forscher mit differenzierteren Forschungsergebnissen hätten so kaum Chancen, in die Öffentlichkeit zu dringen.

  2. Ich glaube, dass auch die TeilnehmerInnen von „Clash of Realities“ so nicht von der Hand weisen können, dass ihre Interessen auch einen politischen Hintergrund haben. Sicher nicht den, welchen sie vom KFN, einmal verkürzt formuliert – möchte nicht immer den Chef von dort beim Namen nennen -, vorgeworfen bekommen – was schließlich auch mit dessen Unterschrift beim KA besiegelt wurde. Also sicher keinen im Sinne der Industrie welche ihre Arbeit unterstützt. Es ist aus meiner Sicht nur so:
    ihre Interessen decken sich bloß auch anders überhaupt nicht mit denen dieser anderen Seite, da diese (KFN und Co.) offensichtlich eben NICHT daran interessiert ist „Computerspiele(r“ zu verstehen. Aber auch das ist eben Politik.
    Verständnis interessiert da in Hannover oder um Erlangen keineswegs. Eher Vorsicht, Warnungen, usw. Wenn schon nicht gleich der Ruf nach (weitergehenden) Verboten ertönt
    Dass sich sozusagen dennoch nicht eindeutig für die problematischen oder problematisierten Spiele etwa ausgesprochen wird hängt mit massiven Ressentiments gegen fiktionale Gewaltdarstellungen auch jenseits davon zusammen. Das heißt auch in Wissenschaft welche bei „Clash of Realities“ Wissenschaft für sich reklamiert.
    Das hat über die deutsche Spielepresse mir das letzte Jahr persönlich knallhart vor Augen geführt. Da gibt es in der Tat Null Toleranz vielfach ab einem gewissen Punkt. Und auch kaum eine Reflexion – wenn etwas nicht passt ist da schnell was gleich „Gewaltpornographie“, usw. Begründet wird das höchstens damit, dass in unseren Breiten das eben so sei – Medien in „der“ hiesigen, normierten, Kultur kein Spiegel ihrer selbst, sondern angeblich dazu da irgendwie neues zu schaffen. Selbst „Kultur“ zu schaffen. Das gute und schöne – erhabene und saubere, „kritische“ und moralisch vermeintlich bessere – was auch immer: in „Angloamerika“ wär das halt anders zum Beispiel. Und auf Andersdenkenden wird da völlig rücksichtslos geistig getreten – da ist man völlig machtlos aus meiner Sicht. Da werden auch schnell Urteile über völlig fremde Kreative gefällt – die womöglich keiner von denen die so denken noch je getroffen hat oder auch nur irgendetwas zu tun gehabt.

    Und ich befürchte, dass sich das nicht ändern wird. Die Seite der BefürworterInnen weitergehender Verbote so eher noch gewinnen – siehe Schweiz: in Verbindung mit einem Populismus von linker wie rechter Seite, gegen böse gedachte Konzerne, das noch als Unabhängigkeit vorgestellt, schlechten Kapitalismus der junge Menschen verdirbt „Werte“ entgegen haltend, mit Unterstützung zwischen Claudia von Werlhof und ein paar versprengten KommunistInnen, deren Zeitungen in der Marx-Nachfolge womöglich zu wenig Gehör finden vermutlich, sowie Christa Meves, Joachim Herrmann und anderen familienorientierten Christenmenschen. Die alle gemeinsame Sache machen während Konstantin W. dramatische Lieder vorträgt und Reinhard Mey dazu zur Abwechslung Gitarre spielt. Auf Ws „Flügel“ sitzt derweil Gudrun Pausewang im Kreise lauter friedensbewegter Leute welche über ihre Glanzzeiten in den 80ern sinnieren. Gesponsert von attac und „besorgten“ KommunalpolitikerInnen der Computec-Stadt Fürth

    Bei uns in Österreich ist gerade der Endspurt des BundespräsidentInnenwahlkampfes, und hier ist viel von „Werten“ die Rede – zumindest auf Plakaten: die Gegenkandidatin von Rechtsaußen zum als „links“ vorgestellten amtierenden Präsidenten redet davon, wie auch dieser selbst. Bloß weiß wohl niemand so recht was diese „Werte“ überhaupt sein sollen – nur eines ist klar: dass sie verschieden sind, vermeintlich völlig unterschiedlich.

    Insgesamt hat man es in Deutschland von Gesetzwegen her aber (noch) nicht so schlecht. Es werden nur vereinzelt Kennzeichen abgelehnt oder Spiele verboten. Die Notwendigkeit von Zensurmaßnahmen ist seit 2003 gefühlsmäßig schon etwas zurückgegangen. Zuletzt wurden einige klassische Filme vom Index genommen. Vielleicht geschieht das ja auch einmal (vermehrt) bei Spielen

  3. Waren eigentlich auch die sonst pro verbotsstehenden Doktoren wie Pfeiffer,Spitzer,Weiss und Hopf (um nur mal ein paar zu nennen) mit bei diesem Treffen?
    Aber ich fand es absolut richtig was der eine dort über das KFN und Pfeiffer gesagt hatte:
    “Das KFN erstellt zwar Befragungsstudien mit gewaltigen Teilnehmerzahlen, nimmt aber überhaupt nicht am wissenschaftlichem Diskurs teil.”
    Stattdessen veröffentliche das Institut unter Leitung des Kriminologen Christian Pfeiffer schnell Pressemitteilungen, die dann von vielen Medien aufgegriffen werden. Forscher mit differenzierteren Forschungsergebnissen hätten so kaum Chancen, in die Öffentlichkeit zu dringen.“
    Noch besser aber war auch der Abschlusssatz des ganzen:
    „Ich könnte immer die richtige Studie finden, um irgendetwas zu behaupten, um zu beweisen, was nicht beweisbar ist“.
    Genau das ist nämlich das, was Pfeiffer&Co tun!

  4. nachtrag:
    was noch hätte gesagt werden müssen bei „Forscher mit differenzierteren Forschungsergebnissen hätten so kaum Chancen, in die Öffentlichkeit zu dringen.” wäre noch (achtung, das was ich mir gewünscht hätte)“Forscher mit differenzierteren Forschungsergebnissen hätten nicht nur keine Chance in die Öffentlichkeit zu dringen, nein, diese Forscher werden dann auch schnell mit Vorurteilen ála „wurde bestochen“ in den Medien beschimpft!“

  5. Das Problem ist auch, dass die Debatte mit viel zu vielen Pauschalaussagen überfrachtet hat, die einfach nichts aussagen. Auch jenseits von Gewaltfragen sehe ich da viele der Ursachen für die einseitige Betrachtung von Spielen. Wenn Stöcker etwa behauptet, viele Spiele seien „narrativ dumm und dämlich“, dann könnte sicherlich jeder von uns Beispiele nennen. Trotzdem unterschlagen Pauschalurteile, dass es eine große Zahl an narrativ ausgezeichneten Spielen gibt. Von diesen hört man praktisch nie etwas jenseits der Spielepresse, was dazu führt, dass Klischees immer weiter verfestigt werden.

  6. Ich persönlich hätte mit der Aussage „narrativ dumm und dämlich“ angewandt auf ältere Ausdrucksformen etwa auch kein Problem: Film und Literatur empfinde ich zum Beispiel ebenfalls so, bloß habe ich wohl Grund zu der Annahme, dass das so über Film und Literatur niemals gesagt werden würde.
    Glaube auch, dass hier die Bedeutung von Narration für Spiele überschätzt wird – beziehungsweise falsch eingeschätzt wird: so ist auch jedes Deathmatch formal eine fiktionale Erzählung, jede Partie FIFA, usw. Die Ideen welche hier dahinter stehen sind aber (leider) wohl eher im Bildungsbürgertum zu suchen: auf Gametrailers.com wurde letztes Monat glaub ich auch über Story in games diskutiert. Mit Greg Zeschuck von Bioware und dem ehemaligen Newsweek-Journalisten N’Gai Croal, und da war der Impetus schon ein ganz anderer: die Videospiele sind so oder so offenbar weiterhin die „Schmuddelkinder“ über die in Deutschland hergezogen wird.
    Wäre die Situation egalitärer könnte man vielleicht noch literaturhistorisch hinweisen auf aus heutiger Sicht doch eher lächerliche Streits um Versmaße, Reimereien oder Dramen – zum Beispiel zwischen Lessing und Gottsched. Von letzterem weiß heute kaum jemand mehr etwas, selbst im Bildungsbürgertum womöglich nicht :-)
    Aber ich sehe da soviel Widerstand auch sich Videospielen zu öffnen – ganz abgesehen von Ressentiments gegen „die Industrie“ und deren Kommerz sowie Gewalt, das spüre ich auch bei Berichten über dort in Köln, also auch auf der anderen Seite vom Aufruf, etwa verpackt in Schwingungen latenter „Kritik“ am Markt. Widerstand sich Themen jenseits des Realismus zu öffnen zum Beispiel: viele Spiele erzählen wie Star Wars die Reise eines Helden. Das passt auch nicht. Von solchen Helden wird oft nichts gern gewusst – da ist etwas auch abgesehen von Gewalt schon bald mal unanständig scheinbar, siehe die Vorwürfe welche Star Wars in Deutschland schon alle gemacht wurden, etc.

    Auf der Frankfurter Buchmesse kommt da hingegen kaum jemand mehr auf die Idee – die haben es sich so gerichtet oder hatten es immer schon so schön, dass der „Deutsche Buchhandel“ keine böse Buchindustrie ist, obwohl jeder Schmarrn vom Handke etwa auch industriell vervielfältigt wird

  7. naja heute hat die literatur (z.B. Buchmesse) und die Filmindustrie eine Lobby die sofort gegen solche Äußerungen gerichtlich vorgehen würden.
    Im Gegensatz zu den Videospielen, wo sich hierzulande die Entwickler eher gegenseitig mit Stöckern pieksen als zusammen zuarbeiten und gegen die Verrückten zu pieksen.

  8. @Booomboy: Nein, die werden zu solchen Veranstaltungen (bewusst) nicht eingeladen.

    In einer etwas improvisierten Keynote ging zunächst Thorsten Quandt gestern Mittag und später dann in der Abend-Keynote dann Dietrich Dörner auf die Vorwürfe der Runde vom Vortag ein. Beide wiesen unabhängig voneinander darauf hin, dass die angewandten Fragenkataloge auch eine politische/wirtschaftliche Entscheidung seien und im Grunde deshalb nie wirklich objektiv wären. Es gäbe zwar eine objektive Forschung (die auch zu für Gamer sehr positiven Ergebnissen komme), aber die wäre vor dem Kostenhintergrund und der jeweils herrschenden politischen Lage eher eine Randerscheinung. Zudem hätten – so Dörner – die meisten Wissenschaftler verlernt, dass man aus Korrelationen nicht sofort einen Kausalzusammenhang stricken kann, sondern weitergehende Forschung notwendig sei. Außerdem fehle z.B. auch häufig die Relation. Wenn z.B. über wow berichtet würde, dann würde zwar darauf verwiesen, dass Spieler x Stunden am Rechner sitzen und dadurch eine Suchtgefahr impliziert, dass aber der tägliche TV-Konsum der anderen immer noch darüber liegt, würde dann aber regelmäßig verschwiegen.

    Was Stöcker angeht: Ich war am Mittwoch noch nicht da, denke aber, dass das Zitat bei Heise ein wenig aus dem Kontext gerissen ist, da im Verlauf des gestrigen Tages diese Position häufiger in dieser Weise diskutiert wurde und z.B. Martin Ganteföhr durch die Blume zu einem ähnlichen Schluss kam. Ganteföhr begründet das allerdings eher damit, dass Spiele ja gespielt werden müssen (also den Spieler dazu animieren müssen, in Interaktion mit dem Spiel zu treten) und es deshalb schwierig sei wirklich psychologisch komplexe Charaktere einzubauen, die den Spieler zu einer Reflexion über seine Spielfigur nötigen.

  9. @Pyri:

    „Ich glaube, dass auch die TeilnehmerInnen von “Clash of Realities” so nicht von der Hand weisen können, dass ihre Interessen auch einen politischen Hintergrund haben.“ <= Die Tagung ist zwar um Objektivität bemüht, kann sich aber natürlich ihre hochrangigen Gäste nur deshalb leisten, weil sie von EA gesponsort wird. Das ist die Krux in der ganzen Thematik: Die Unis haben heute kaum noch Geld, um von sich aus in einem vernünftigen Umfang forschen zu können und sind deshalb gezwungen solche Kooperationen einzugehen. Wenn die alle die Möglichkeiten des KFN hätten, wären wir in der Forschung schon viel weiter und unabhängiger.

  10. aber vielleicht ist das ja der plan!
    gib nur den jenigen die finanziellen mitteln die zu dir stehen und die zeit wird deine gegner schon zur selbstaufgabe zwingen!
    soll heißen: wenn nur leute wie pfeiffer massenhaft mit geld überschwemmt werden, kann auch nur er „angeblich“ große studien durchziehen wärend pro videospiele eingestellte leute zusehen müssen wie sie an geld kommen.
    schaffen sie es nicht, gehen sie mit ihrer halbfertigen arbeit unter.
    finanzielle zermörbung!

  11. @Ben
    In letzter Zeit war viel von „Heavy Rain“ die Rede als positives narratives Gegenbeispiel zur Vielzahl diesbezüglich angeblich schlechter Titel.
    Würde mir ja auch mehr solcher Spiele mit realistischen Charakterzeichnungen, Alltagen und unmittelbaren Lebenswirklichkeiten entnommen wünschen, diesen Realismus, doch sehe ich deren Herstellung auch als überaus schwierig an.
    So was kann man jetzt nicht für jede Woche wie einen „guten Tatort“ im Fernsehen abdrehen, der dann dort für ein bestimmtes Niveau vielleicht sorgt, sondern erfordert erstens viel Geld, und zweitens viel Zeit.
    Vielleicht ändert sich die Technik da schon bald, aber noch ist es technisch nicht möglich: das uncanny valley war ja auch bei „Heavy Rain“ für viele noch relativ stark vorhanden dem Vernehmen nach, also die Charaktere werden gegenwärtig womöglich auch noch nicht wirklich abgenommen.
    „Heavy Rain“ war jetzt bislang überraschend zwar ein großer kommerzieller Erfolg und wird die Millionenhürde wohl bald erreicht haben, wenn es es nicht schon tat, doch: wer garantiert eine Wiederholung dieses Erfolgs?
    Der letzte Woody-Allen-Film mag zwar auch immer bessere Dialoge als „Avatar“ aufweisen, im Unterschied zu „Avatar“ kosten dessen Produktionen aber auch ungleich weniger: bei Videospielen wäre das nicht der Fall. Eine Woody-Allen-Komödie in Videospielform würde annähernd gleich viel kosten wie ein Videospiel-Blockbuster à la „Call of Duty“, wenn für entsprechende production values ein ähnlicher Aufwand betrieben werden müsste wie für ein „Uncharted“ oder eben ein „Heavy Rain“
    Was man tun kann ist auf Comic-Techniken ausweichen, jenen der graphic novel, dann würde so ein Spiel aber auch gleich wieder den Eindruck eines Animationsfilmes wecken, und womöglich auch unpassend sein – zumal sollte man sich vielleicht schon auch fragen, ob das für Videospiele nicht auch eine etwas oberflächliche Betrachtungsweise ist um beim Beispiel „Heavy Rain“ noch kurz zu bleiben, weil das Spielprinzip davon, das Gameplay dort, den anfänglichen Konzepten eines „Dragon’s Lair“ doch sehr ähnelt und ein tiefgründiges Videospiel vielleicht doch etwas ganz anderes ausmacht als das was eine literarische Qualität vermeintlich schafft

    Die meisten unabhängigen Produktionen sind auch eher abstrakt gehalten in dieser Hinsicht. Diesbezüglich nicht sehr ergiebig und eher wie Installationen in der Darstellenden Kunst – von Rohrer zum Beispiel angefangen, der beschränkt sich in der Darstellung schonmal auf einzelne Bildschirmpunkte. Für die geforderte narrative Qualität kaum ergiebig – das kann man wahrscheinlich gar nicht vermitteln so :-(

  12. Ich stimme Dir größtenteils zu, will aber noch was anmerken: Ganteföhr ging in seiner Kritik in eine ähnliche Richtung wie Ben „Yahtzee“ Croshaw: Er fand das Konzept interessant, aber nicht besonders überzeugend, da es für ihn einfach nur ein Film mit Toter-Mann-Knopf war. Ich selbst habe es noch nicht gespielt, kann also nix dazu sagen. Seine Vision für eine wirkliche Revolution in Sachen storytelling und games ist sowas wie die Wikipedia, wo sich die Menschen weltweit zusammensetzen und mit der „Macht“ aller PCs weltweit ein open source-Spiel schreiben. Eine einzelne Firma wird das seiner Meinung nach nie leisten können, genauso wie keine KI (da vor allem wegen des uncanny valley).

  13. …aber genau das wird nie passieren!
    wie will man schließlich alle user dazu bewegen an einem und dem selben spiel zu basteln?
    „zu viele köche verderben den brei“ liegt hier sehr gut.
    eine firma kann nur ein spiel so gut machen, wie es die user gerne haben möchten.
    nicht umsonst greifen einige, aber noch zu wenige, spielentwickler ideen von fans auf und machen vielleicht auch was daraus.

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