Spielekiller „NeoGuard 2010“ nur Bauernfängerei?

Für deutschlandweite Empörung unter Computerspielern hat in den letzten Tagen die Vorstellung des Programms „NeoGuard 2010“ gesorgt. Diese Software wurde nach Herstellerangaben für Eltern entwickelt, um auf dem Rechner ihrer Kinder installierte Spiele aufzuspüren und zu löschen — besonders solche, die laut Alterskennzeichnung der USK nicht für Kinder geeignet sind. Nach der Eingabe des Kindesalters startet das Programm einen Suchlauf, an dessen Ende eine Auflistung aller gefundenen Spiele erfolgt. Während die Idee, Eltern ein leistungsfähiges Werkzeug zur Unterstützung der Medienerziehung ihrer Kinder an die Hand zu geben, dabei ausdrücklich begrüßt wird, richtet sich die Kritik vor allem gegen die Umsetzung und das Vortäuschen falscher Sicherheit.

„Ist man schon an dem Punkt angelangt, mit einer Hauruck-Aktion den Rechner des Nachwuchses zu ‚säubern‘, ist bereits viel schief gelaufen”, so David Hinrichs, Aufsichtsratsmitglied des VDVC. Patrik Schönfeldt, Vorstandsvorsitzender des VDVC, fügt hinzu: „Es ergibt keinen Sinn, bereits gespielte Programme nachträglich vom Rechner des Nachwuchses zu entfernen. Die Software kann also schon vom Ansatz nicht dem Jugendschutz dienen. Letztendlich werden hier nur besorgte Eltern getäuscht und in falscher Sicherheit gewogen.“

Schon ein kurzer Test offenbart jedoch schon erste Schwächen: So ließ sich ein weit verbreitetes, jugendgefährdendes Spiel, in dem der Spieler sich in einer Gruppe gegen dutzende von Zombies verteidigen muss, mit dem Scanner nicht auffinden. Ein ausführlicher Test der Webseite Stigma Videospiele offenbart, dass die Versprechen der Entwickler nicht im Ansatz erfüllen kann.

Zusätzlich zur nicht ausreichenden Qualität der Software besteht hier ein pädagogisches Problem: Es ist kaum anzunehmen, mit einem einmaligen Löschen unliebsamer Spiele sei die Situation aus der Welt zu schaffen. Zum einen wird das Kind die entdeckten Spiele schon genutzt haben, wodurch der Einsatz des Scanners in jedem Falle zu spät geschehen wird, zum anderen kann die Medienkompetenz bei Erziehungsberechtigten durch keinen Regulierungsmechanismus der Welt ersetzt werden. Nur wenn sich Eltern mit der Freizeitgestaltung ihrer Kinder auseinandersetzen kann sich eine Lösung entwickeln, die nicht darauf fußt, die andere Seite Mal um Mal auf technischer Ebene zu übertrumpfen. Sinnvollere Ansätze liefert die Stärkung der elterlichen Medienkompetenz, wie sie der VDVC sowie zahlreiche Medienexperten aus dem In- und Ausland forcieren. Hierzu hatte VDVC vor einigen Monaten die Initiative ‚Spiele(nd) verstehen‘ gestartet.

Wenn Eltern nicht auf technische Hilfsmittel verzichten möchten, um ihre Kinder vor Inhalten für Erwachsenen zu bewahren, sollten diese auf vorbeugende Maßnahmen setzen. So ermöglichen alle Videospielplattformen der aktuellen Generation, die Benutzung von ungeeigneten Programmen zu unterbinden. Auf diese Weise kann man dem Kind von vornherein klare Regeln aufzeigen und einen Dialog beginnen. Auch diese tief ins System verankerten Mechanismen sind freilich zu umgehen, doch kann man in diesem Fall deaktivierte Jugendschutzfunktionen ebenso einfach erkennen, wie man sie wieder einschalten kann.

(Die vollständige Pressemitteilung als PDF herunterladen.)

4 Gedanken zu “Spielekiller „NeoGuard 2010“ nur Bauernfängerei?

  1. Ich stimme euch hier voll und ganz zu. Mein erster Eindruck dieses Programms war, dass die Angst hilfloser Eltern ausgenutzt wird, um Geld zu verdienen. Dieses Programm ist reine Symptombekämpfung.
    Der Stern promoted diese fragwürdige Entwicklung ohne kritische Fragen zu stellen.
    Auch stelle ich mir die Frage, warum Computerspiele, deren Akzeptanz, Zensur und Jugendschutz nicht Thema der Internet-Enquete des Bundestages sind. Hier gilt es ganz klar massive Misstände zu beseitigen.

  2. Völlig unabhängig davon, ob das Programm nun funktioniert nicht, hat sich sicherlich auch bei Kindern und Jugendlichen bereits herumgesprochen, dass es Programme wie Truecrypt gibt. Wenn alle Spiele in einem Truecrypt-Container oder einer verschlüsselten Partition ablegt werden, kann kein Programm der Welt dort etwas lesen oder gar erkennen. Erst wenn der Container oder die Partition gemountet ist und das Passwort eingegeben wurde, können Programme darauf zugreifen.

    Es können auch versteckte Partition oder Container angelegt werden, so dass noch nicht mal ersichtlich ist, dass verschlüsselte Daten/Programme auf dem System existieren.

    Technische Maßnahmen können immer mit technischen Maßnahmen umgangen werden.

  3. Guter und schöner Bericht.

    Finde das wird jetzt definitiv zu weit gegangen,

    nicht nur das es erst mal nicht richtig funktioniert sondern auch das es automatisch auf die privaten Dateien ebenfalls zu griff hat.

    Wer sagt denn das das Programm keine Call-Back-Funktion hat?

    Ich finde das es totaler Schwachsinn ist, vielleicht gut gemeint, aber schlecht gemacht.

    Man will den Eltern eine Sicherheit damit geben, die nicht existiert.

    Gruß.

  4. Ich finde dieses Programm noch nicht mal so schlimm. Es ersetzt mit Sicherheit nicht die Medienkompetenz der Eltern und ist wohl auch recht nutzlos, aber deswegen jetzt so ein Theater zu machen ist übertrieben. Dieses Tool wird sich auf kurz oder lang eh nicht durchsetzen und wohl bald in der Versenkung verschwinden.

    Was aber tatsächlich vorangetrieben werden muß ist die Sensibilisierung der Eltern sich einfach mal anzuschauen, was ihr Nachwuchs da zockt. Oftmals ist es denen vollkommen egal. Hauptsache die Kurzen sind aufgeräumt

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