Ausgrenzung und Angst helfen nicht gegen Gewalt

Offenener Brief an das Aktionsbündnis Winnenden
(Begleitende Pressemitteilung)

Sehr geehrte Damen und Herren
der Stiftung gegen Gewalt an Schulen,
des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden,
sehr geehrte Unterstützer und Assoziierte,

Mit Schrecken mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass Sie innerhalb des letzten Monats gleich zwei Vorstöße zum Verbot von sogenannten „Killerspielen“ unternommen haben. Sowohl die Unterschriftenaktion, von der am 19.06. berichtet wurde, als auch Ihr Appell an den deutschen Bundestag stellt eine Abkehr von Ihrem Bekenntnis dar, derartig absolute Einschränkungen für Herstellung, Vertrieb und Konsum von Computer- und Videospielen mit Gewaltinhalten nicht mehr zu fordern. Noch im Dezember 2009 äußerte sich Gisela Mayer, Ihre damalige Pressesprecherin, ablehnend zu einem Verbot – mit der absolut richtigen Begründung, dies würde die Selbstbestimmung erwachsener Menschen zu sehr beeinträchtigen.

Insgesamt vermissen wir die Sachlichkeit, die Ihr Handeln besonders im Gespräch mit dem Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler auszeichnete. Leider aber sprechen Sie inzwischen wieder von „Killerspielen“ – ein unsachlicher Kampfbegriff, der nicht nur irreführend ist, sondern auch von nicht wenigen Spielern als beleidigend empfunden wird: Er setzt diejenigen, die Ego-Shooter spielen, mit professionellen Auftragsmördern („Killern“) gleich. Auch verdeckt er, dass der Zweck von Ego-Shootern, entgegen den Aussagen Ihres Bündnisses, nicht das Trainieren von Mord und Totschlag ist, sondern der freundschaftliche, sportliche Wettbewerb in Reaktionsgeschwindigkeit, Gruppenkoordination und Taktik.

Erwerb und Herstellung von Spielen eines ganzen Genres zu verbieten, halten wir für unverantwortlich. Einerseits ist es erwachsenen, mündigen Bürgern damit nicht mehr möglich, ihrem Hobby legal nachzugehen. Ein generelles Verbot würde einen sehr großen Anteil an Mitbürgern völlig unnötig kriminalisieren. Verherrlichung von und Aufforderung zu Gewalt sind unabhängig vom Träger-Medium bereits verboten. Dieses Verbot kann als gesamtgesellschaftlich gefestigt betrachtet werden. Durch neue, undifferenzierte Verbote könnte auch die Akzeptanz dieser anderen Verbote ins Wanken gebracht werden. Es wäre nicht mehr möglich, zwischen Titeln zu unterscheiden, die Gewalt verherrlichen und solchen, die nur als jugendgefährdend einzuschätzen sind.

Andererseits kann auch durch ein generelles Verbot (zweifellos stattfindende) Verbreitung von Computerspielen unter Jugendlichen nicht kontrolliert werden. Die Tauschbörsen des Internets kennen keine Ausweiskontrollen wie sie die Verkäufer im Fachhandel durchzuführen verpflichtet sind. Ein Verbot konterkariert dadurch jedwedes Ziel des Jugendschutzes, sondern erzeugt im Gegenteil nur ein trügerisches Gefühl von Sicherheit.

Weiterhin sind Computerspiele immer noch genau das: Spiele. Wir, die Spieler, wissen genau, dass wir uns in einer lediglich fiktiven Umgebung bewegen, deren Regeln die der „wirklichen Welt“ in keinster Weise beeinflussen. Das beginnt bei schlichter Physik (der Umgebung im Allgemeinen aber auch der Waffen und deren Wirkung im Speziellen) und hört bei den Moralvorstellungen nicht auf. Wir wissen genau: Was im Spiel erlaubt sein kann, ist es deswegen in der Realität noch lange nicht! Und weiter: Was im Spiel funktioniert, funktioniert deswegen in der Realität ebenso wenig zwingend!
Wir sind der Ansicht, dass ein Verbot von Videospielen, mögen sie auch Gewalt beinhalten, falsch ist und nicht zur Lösung von gesellschaftlichen Problemen beiträgt. Auch sind Verbote von Kulturgütern wie PC- und Videospielen nicht dazu geeignet, Gewalt, in welcher Form auch immer, zu verhindern. Wir stellen weiterhin in Zweifel, dass überhaupt kausale Zusammenhänge (und seien es nur maßgebliche Teilaspekte) zwischen dem Konsum von Computerspielen und den schrecklichen Bluttaten eines Amoklaufs bestehen. Allein die große Verbreitung von Computerspielen und die (Gott sei Dank!) sehr geringe Anzahl an Amokläufen spricht dagegen, dass fiktive Gewalt zu realer Gewalt führt. Als weiterer Beleg lässt sich anführen, dass es auf Veranstaltungen von Computerspielern nie zu Gewalt kommt, obwohl sich teilweise mehrere tausend Menschen ohne jeglichen Einsatz von Security auf engstem Raum befinden.

Es ist tragisch, dass in der jüngsten Vergangenheit immer mehr junge Menschen zu Gewaltausbrüchen neigen. Gemeinsam ist den Tätern aber vor allem eines: Sie fürchteten um den Verlust ihres gesellschaftlichen Status, fühlten sich isoliert und am Rande der Gesellschaft stehend. Wir sehen das Problem vielmehr in der Gesellschaft, die diejenigen Mitglieder, die schwerwiegende Probleme haben, nicht ausreichend betreut. Anstatt Sturm gegen eine ungefährliche Freizeitbeschäftigung der Mehrheit junger Menschen zu laufen, sollte sich gerade ein Bündnis und eine Stiftung mit Ihrer Ausrichtung und Ihrem Hintergrund den mangelnden sozialen Sicherungen an Schulen annehmen. Stigmatisieren Sie bitte nicht unzählige Computerspieler, indem Sie immer wieder Angst schüren!

Wir würden uns sehr darüber freuen, demnächst positivere Aussagen von Ihnen zu hören. Wir unterstützen das Anliegen voll und ganz, die Schulen und schließlich die Gesellschaft zu einem friedlichen Ort zu machen, in dem niemand Gewalt gegen andere ausübt. Daher sind wir auch gerne zu gemeinsamen Gesprächen bereit. Doch müssen wir uns zuvor energisch gegen die fortwährende Diskriminierung als Mörder und Verbrecher wehren! Wir sind friedliche Menschen, wir lehnen Gewalt ab. Wir haben lediglich ein Hobby, durch das niemand verletzt und das in allen Bereichen der Gesellschaft ausgeübt wird. Wir möchten uns dafür nicht länger rechtfertigen müssen. Die auch durch Sie vorangetriebene Vorverurteilung ist schon so weit vorangeschritten, dass einige Menschen sich bereits nicht mehr trauen, öffentlich zu ihrer Freizeitbeschäftigung zu stehen. Eine Spaltung der Gesellschaft durch ausufernde Verbotsdebatten ist jedoch genau das falsche Signal, wenn es um den Kampf gegen Gewalt geht.

Es ist traurig, dass Sie offenbar immer noch einen Eindruck von uns haben, der uns als Ihre Gegner erscheinen lässt. Dabei sollte uns der Einsatz für eine bessere Zukunft doch vielmehr einen.

Hochachtungsvoll,
Junge Piraten, vertreten durch den Vorsitzenden Heiko Herberg
Pirate Gaming e.V., vertreten durch den Vorsitzenden Sven Krumbeck
Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler, vertreten durch den Vorsitzenden Patrik Schönfeldt

19 Gedanken zu “Ausgrenzung und Angst helfen nicht gegen Gewalt

  1. Pingback: Stigma Videospiele » Blog Archive » Der VDVC kritisiert das AAW in einem offenen Brief

  2. Kleiner Fehler in der Pressemitteilung:

    …Das Dokument kritisiert die Forderungen des
    Aktionsbündnisses als als kurzsichtig und schlussendlich sogar schädlich…

    • Danke für den Hinweis. Leider passieren kleine Fehler in dieser Art bei aktuellen Texten dieser Länge immer wieder. Das zusätzliche „als“ ist mittlerweile wohl nicht mehr aus dem Internet zu tilgen…

      In den „Gesammelten Werken“ in Buchform werden wir es dann entfernen. (Wir dokumentieren tatsächlich alles, was wir so machen. Ein Buch wird aber sicherlich frühestens zum 10. Geburtstag des VDVC daraus.)

  3. Pingback: Formale Distanzierung von Brief « Jürgen Mayer

    • Klarstellung: Es geht in dem Brief ausdrücklich um „Aufforderung zur Gewalt“, nicht um bloße Darstellung. Eine Gutheißung von Verboten, die sich ausschließlich auf Medien beziehen, kann ich als Mitunterzeichner nicht erkennen. Wäre das anders gewesen, hätte ich das Dokument nicht unterzeichnet.

  4. Pingback: » Spielervereinigungen kritisieren Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden by play3.de

  5. erst mal freu ich mich darüber, dass so ein offener brief existiert, der ans AAW gerichtet ist. egal ob sie nun darauf reagieren oder nicht, wichtig ist, dass die argumente für jeden lesbar sind und dass für jeden erkennbar ist, dass die spielerseite jeder zeit für einen dialog bereit wäre. einem dialog derart konsequent aus dem weg zu gehen, wird dem AAW irgendwann schaden.

    als user von stigma-videospiele.de möchte ich einen kleinen kritikpunkt erläutern, der auf der seite oft erwähnt wird. es geht um die aussage:
    „Auch verdeckt er, dass der Zweck von Ego-Shootern, entgegen den Aussagen Ihres Bündnisses, nicht das Trainieren von Mord und Totschlag ist, sondern der freundschaftliche, sportliche Wettbewerb in Reaktionsgeschwindigkeit, Gruppenkoordination und Taktik.“

    ich weiß, dass man sich bei verboten oft und gerne auf multiplayer bezieht, wie z.b. CS. diese wären mit der aussage halbwegs gedeckt, abgesehen davon, dass die gegenseite auf andere hobbies hinweisen würde, in denen keine gewalt dargestellt wird. als jemand , der aber z.b. gerne spiele spielt, wie bioshock (1), mirrors edge, fallout 3, die half life serie oder auch open-world-spiele von rockstar, sprich, singleplayer-shooter, kann man mit dem argument aber wenig anfangen. man sollte außerdem bedenken, dass mit „killerspielen“ auch spiele wie assassins creed gemeint sein könnten, in denen keine schusswaffen (bis auf eine ausnahme) vorkommen, gemeint sein könnten, da auch gewalt dargestellt wird.

    ich bitte also den VDVC in zukunft in den aussagen auch solche spiele mit einzubeziehen. argumente, die die aussagen unterstützen würden, lassen sich sicherlich auf unserer seite finden oder erarbeiten.

    vielen dank im voraus? :)

    • Wie du bereits erkannt hast, stehen vor allem Mehrspielertitel in der öffentlichen Diskussion, weshalb wir diese auch hier wieder aufgegriffen haben. In unseren (wenigen) Gesprächen mit dem AAW, die auch schon einige Zeit zurückliegen, haben wir den Anhängern des Bündnisses bereits dargelegt, dass die Darstellung von Gewalt für ein schnelles Spiel ein wichtiger Inhalt sind, da die Darstellung zu unmittelbareren, also schnelleren Reaktionen führt. (Abstraktere Darstellung fordert eine erhöhte Konzentration auf die abstrakten Inhalte, wodurch weniger Konzentrationsfähigkeit für die Wahrnehmung, Gruppenkoordination, etc. bleibt.)

      Diese Kritik ist aber durchaus angebracht. Auf Einzelspielertitel gehen wir nicht ein, obwohl packende Handlungen und schellende Gesellschaftskritik auch hier die Darstellung von Gewalt auf jeden Fall als künstlerisches Mittel benötigen. Das ist damit zu erklären, dass der Empfänger (übrigens auch traditionell per Post) das Aktionsbündnis Winnenden ist. Und dort – ebenso wie in der sehr negativen Mediendarstellung im letzten Jahr – gilt immer noch Counter-Strike als „DER Inbegriff des Bösen“. Dagegen werden Titel wie GTA auch im Mainstream schon weitaus eher als beißende Gesellschaftskritik erkannt, in denen Gewalt sogar als Kritik an realer Gewalt aufgefasst werden kann. Anzumerken ist noch, dass GTA und Assassins Creed laut AAW keine „Killerspiele“ sind. Das Aktionsbündnis nutzt das Wort als Synonym für First-Person-Shooter und prangert auch ganz explizit die Zentralperspektive ohne dargestellten Avatar (kurz: Ego-Perspektive) an, da man „durch die Augen des Täters“ sehe und somit zum Täter werde.

  6. Wenn ich hier noch etwas kurz erläutern dürfte: wie ich auch anderswo schon (indirekt) schrieb, finde ich nicht, dass es Sinn macht auf etwas hinzuweisen, dass ohnehin nicht in der Kritik steht. Wie Taktik etc.
    In der Kritik steht ja, oder unter Verdacht, also verurteilt wird schon, die „Gewalt“(darstellung)
    Und da geht es etwa auch nicht darum möchte ich hinzufügen, dass Splattereffekte etc. im E-Sport gerne abgeschaltet werden, sondern dass überhaupt Sondereinheiten der Polizei und „TerroristInnen“ in CS zum Beispiel mit Schusswaffen aufeinander los gehen.
    Das verursacht doch die Empörung noch lange vor Details, und um diese abzustellen müsste man eben wohl schon auf so etwas wie „Teletubbie“-Gegenschlag ausweichen.
    Allerdings hat ein Manfred Spitzer etwa auch die „Teletubbies“ schon für die tote Kinder verantwortlich gemacht und wenn ich mir die jüngste Empörung noch in der deutschen Spielepresse zu etwas wie „Naughty Bear“ ansehe, dann kommen wir auch da allerdings Zweifel.

    Ganz abgesehen von Spielen die mehr Einzelspieler-Titel sind und auch in deutschen Feuilletons gelegentlich noch gefeiert werden – wobei ich ja der Überzeugung, dass diese Feier doch sehr begrenzt ist und militärisches etwa ausschliesst, sowie auch nur dann erfolgt, wenn es Bezugpunkte zu etablierten Ausnahmen von goutierten „Gewaltmedien“ gibt, wie eben Western, Polanski oder zumindest Tarantino-ähnliche Geschichten mit Karl Lagerfeld als DJ. Auch nur dieses wird da nicht unter „unerträgliche Geschmacklosigkeiten“ eingeordnet aus meiner Sicht

    Kurzum: ich finde den Brief grundsätzlich ganz wunderbar geschrieben, herrlich treffend formuliert, und als Beschwichtigung(sversuch) auch ganz großartig. Doch denke ich nicht, dass Beschwichtigungen da weiterhelfen: leider kann man sich, so meine Grundeinschätzung einer Situation diesbezüglich, vielfach auch nichts anderes vorstellen scheinbar als Beschwichtigungen. Das las ich zuletzt auch aus diesem Text von Winfred Kaminski http://www.bjke.de/downloads/winfred_kaminski.pdf
    Man bedauert im Gegenteil wenn dann eher noch, dass Beschwichtigungen nicht akzeptiert werden (leider)
    Doch wenn man schon nur meint da wo (mehr) beschwichtigen zu können hat man sich einer bestimmten Deutungshoheit bereits unterworfen und bringt grundsätzlich keine andere mehr vor: also nicht einen Wert von Gewaltdarstellungen, einen Sinn und Willen für diese meinetwegen auch, sowie: dazu gehören auch Gründe weshalb man CS als CS spielen mag, und nicht mit Plüschbären und Wasserpistolen

  7. Die Frage, um die sich die Gamer meines Erachtens nach alle drücken ist: Warum suche ich mir in einer Welt, in der die internationale Politik verzweifelt nach Friedensstrategien suchen, ausgerechnet Kriegsspiele aus?
    Warum machen nur wir Jungs und jungen Männer das? Was hat das mit meinen Männlichkeitsidealen zu tun? Was haben diese Männlichkeitsideale mit Krieg zu tun? …
    Würde ich solche Spiele auch neben einem Flüchtling aus Afghanistan spielen, der mit eigenen Augen ansehen musste, wie seine Eltern erschossen werden? Hmmmm???

    • Eine berechtigte Frage, die aber im Grunde nicht erneut beantwortet werden muss: Die Auseinandersetzung mit dem Thema der Bedrohung ist Teil der menschlichen Natur und gehört zu einer gesunden Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit. Spiele, die auf die Symbolik des Todes zurück greifen, sind im Grunde eine stetige Weiterentwicklung des Kriminalromans oder des Actionfilms. (Was wäre James Bond ohne Schießereien?) Diese Auseinandersetzung mit (leider) auch real vorhandenen Themen, die beim Menschen Angst erzeugen, helfen ihm, besser mit seiner Angst umzugehen und diese zu verarbeiten. Da virtuelle Gewalt im Gehirn völlig unterschiedliche Reaktionen erzeugt als reale Gewalt, führt diese Art der Auseinandersetzung entgegen verbreiteter Vorurteile auch nicht zu einer Gewöhnung an reale Gewalt.

      Krieg ist ohne Frage schrecklich und in jeder Form zu ächten. Doch muss man die Frage stellen, ob eher derjenige in den Krieg ziehen würde, der die Grausamkeit kennt, oder derjenige, der unbedarft ist und sich durch falsche Vorstellungen von Ruhm, Ehre und Männlichkeit blenden lässt. Propaganda für Kriege ist eben nicht blutig, sondern zeigt heroische Soldaten mit Fahnen statt mit Waffen und chirurgische Bomben, die mit aller Präzision und ohne zivile Opfer nur militärische Anlagen treffen. Es ist festzustellen, dass die längste Zeit ohne einen Krieg in Zentraleuropa gleichzeitig auch die Epoche mit der intensivsten medialen Auseinandersetzung mit dem Krieg und besonders dessen Zerstörungsaußmaßen ist. Ich weiß nicht, ob man so weit gehen kann, und uns mit Veganern vergleichen, die sich Dokumentationen über Tierhaltung und Schlachtung anschauen. Doch haben wir kurz nach unserer Gründung in einer kleinen, stichprobenartigen Erhebung festgestellt, dass sich im VDVC überdurchschnittliche viele Wehrdienstverweigerer finden lassen. Menschen also, die sich mit realer Gewalt in keinster Weise identifizieren lassen wollen.

  8. Pingback: Peters Linkliste, Nummer 5

  9. @Robert
    Ich finde diese Fragestellungen im höchsten Maße beleidigend und menschenverachtend.
    Wenn Sie meinen letzten Beitrag hier zum Beispiel, den unmittelbar über Ihren, gelesen hätten, dann sollte eigentlich deutlich geworden sein, dass es jemandem wie mir gerade um einen gewissen Wert von fiktionalen Gewaltdarstellungen geht – was eben auch Darstellungen von Kriegen respektive Vorstellungen davon mit einschliesst.
    Und ich Beschwichtigungen für den völlig falschen Weg halte.
    Genau so grenzt man Andersdenkende aus und unterdrückt unliebsamen Ausdruck! Mit eben solchen Unterstellungen
    Videospiele wurden und werden auch in Zusammenarbeit mit Veteranen hergestellt, ebenfalls um ein Andenken an deren erduldetes Leid hochzuhalten.

  10. @Patrik Schönfeldt
    Dem möchte ich doch noch (auch) ausdrücklich widersprechen. Die Frage(n) zielten mit dem Beispiel eines Menschen aus Afghanistan wahrscheinlich darauf ab, dass ein solcher Mensch durch seine oder ihre Kriegserfahrungen möglicherweise bis ebenfalls wahrscheinlich traumatisiert ist.

    Ich denke doch, da sollte man sich ebenfalls nichts vormachen: Die Katharsistheorie ist zurecht diskreditiert. Videospiele zu spielen oder Filme zu sehen ist so eben auch kaum eine Therapie.

    Ich weiß aus eigener Erfahrung etwa, dass Menschen die an einem posttraumatischem Belastungssyndrom leiden mit Horror-Stoffen auch nicht so gut zurecht kommen. Da würde ich mir eben auch keine solchen Filme mit ihnen ansehen. Selbstverständlich nicht.
    Und das fand ich, eben aus persönlichen Erfahrungen in meinem Leben mit solchen Menschen, auch dermaßen perfide an der Frage beziehungsweise den Fragen die da gestellt wurden.

    Ich habe zum Beispiel auch eine Phobie vor Schlangen und rezipiere deshalb auch nur höchst ungern Szenen mit ihnen

    Niemand muss sich mit negativen, schrecklichen Phänomenen wie Krieg oder Gewalt auseinander setzen wollen, aber denjenigen welche das eben doch tun wollen oder können, das heisst auch gesundheitlich dazu in der Lage sind, sollte eben nicht vorgeschrieben werden wie sie ihr Leben so führen – das heisst Horror-, Kriegs-Stoffe oder anderes zu rezipieren

    Und zu diesen ganzen perfiden Unterstellung einer affirmativen Bedeutung in Krieg in Kriegsdarstellungen noch etwas: bei einem Katastrophenfilm ist es auch nicht die allererste für gewöhnlich, dass eine Katastrophe dadurch verherrlicht werden sollte
    So perfid und/oder mit einer negativen Anthropologie, einem Bild malevolenter Menschen, wird dort auch nicht gearbeitet
    Weshalb ständig hier – bei Action, Krieg, etc.
    Eine Freude an (fiktionalen) Gewaltdarstellungen muss überhaupt keine Freude an Gewalt implizieren, genau so wie ich auch keine Schusswaffe freiwillig in die Hand nehmen würde

    In Videospielen, Romanen, Comics oder Filmen will ich mich damit jedoch auseinander setzen, weil ich mich dort auch mit meinen eigenen Grenzen auf diesem Wege beschäftigen möchte, über mich selbst dabei nachdenken, meine Stellung in der Welt, meine Moral – und zwar ohne Überlegenheitsdünkel, etc.

    Und für mich haben Gewaltdarstellungen so auch einen gewissen Wert: ich esse fast täglich und sehr gerne Fleisch, doch hat zum Beispiel dies keineswegs diesen Wert für mich.
    Wenn von heute auf morgen der Fleischkonsum verboten werden würde, würde ich das sogar begrüssen, weil ich einsehe, dass Fleischkonsum Leid verursacht und für mein täglich Fleisch Tiere sterben müssen. Ich kann das mit meinem gewissen zwar moralisch noch vereinbahren, doch wenn sich in der Gesellschaft darauf besonnen werden würde zu verzichten, würde ich das eben auch tun.
    Bei den fiktionalen Gewaltdarstellungen ist dies jedoch keineswegs so der Fall: die Freude daran werde ich mir freiwillig in meinem Leben niemals nehmen lassen. Weil ich einerseits weiß wieviel Freude es macht sie herzustellen unter Umständen, und andererseits eben auch wieviel Freude deren Rezeption mir so bereitet. Freude – kein Leid!

    • Ich denke, ich wurde da missverstanden. Ich wollte nicht mit der Katharsistheorie argumentieren und auch in keinem Moment behauptet, dass Auseinandersetzung mit virtueller Gewalt einer möglichen Neigung zur Ausübung realer Gewalt entgegen laufen würde. (In diesem Zusammenhang ist auch der Veganer-Vergleich zu sehen: Dort findet tatsächlich Gewaltkonsum statt — in diesem Fall geht es aber um reale Gewalt — und zwar mit dem Ziel, seine eigene, Gewalt ablehnende Haltung zu bestärken.)

      In wie fern bei Erfahrung mit realer Gewalt auch virtuelle Gewalt schmerzhafte Erinnerungen erwecken kann, das kann ich nicht beurteilen. Aber ich würde nie zum Konsum virtueller Gewalt als „Heilmittel“ raten. Wenn auf diese Weise (reales) Leid beim Betrachter erzeugt wird, sollte natürlich kein Konsum geschehen. Die Katharsistheorie ist hier in der Tat kritisch zu sehen. Gerade weil ja durch virtuelles Leid kein reales Leid erzeugt wird, sondern im Gegenteil (mindestens bei Kriminalfilmen dürfte wohl kaum jemand widersprechen) eine positive Anspannung erzeugt werden kann, ist es so wichtig, virtuelle Gewalt als Stilmittel zu erhalten.

      Es mir auch darum, aufzuzeigen dass Auseinandersetzung eben keine Verherrlichung bedeutet (Das heißt auch nicht, dass das virtuelle Gewalt reale Gewalt mindern könnte.) und dass Auseinandersetzung mit dem Leid eine wichtige Rolle in allen Medien und in der Auseinandersetzung mit der Welt überhaupt spielt. Der Hinweis auf langen Frieden sollte an dieser Stelle auch nur bedeuten, dass Auseinandersetzung eben nicht zu Gewalt führt. Wenn man reale Gewalt hervorrufen möchte (Propaganda) würde man dafür eben keine virtuelle Gewalt nutzen.

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