Können Spiele Kunst sein?


(cynamite) Diese Frage versuchte Kellee Santiago in einem Vortrag (Obiges Video) zu beantworten, wobei sie noch einen Schritt weiter ging: Videospiele seien bereits Kunst. Roger Ebert, Filmkritiker der Chicago Sun-Times, nahm diese Vorlage auf und auseinander, in dem er in seinem Blog verkündete, dass Videospiele niemals Kunst sein könnten:

„Video games can never be art.“

Von den zahlreichen Kommentar überrascht wurde offenbar nachträglich etwas zurückgerudert. Videospiele könnten vielleicht nicht „niemals“ Kunst sein, aber zumindest nicht zu unser aller Lebzeiten:

„Nevertheless, I remain convinced that in principle, video games cannot be art. Perhaps it is foolish of me to say „never,“ because never, as Rick Wakeman informs us, is a long, long time. Let me just say that no video gamer now living will survive long enough to experience the medium as an art form.“

Durch die nicht gerade verhaltene Resonanz der Gamer blieb das Thema nicht liegen, so dass einige Monate später ein weiterer Eintrag folgte. Ebert bedauert in erster Linie sein Statement, auch wenn er seine Meinung nicht grundlegend geändert habe. Sein größer Fehler sei es über Videospiele zu urteilen, ohne sie gespielt zu haben:

„I was a fool for mentioning video games in the first place. I would never express an opinion on a movie I hadn’t seen. Yet I declared as an axiom that video games can never be Art. I still believe this, but I should never have said so. Some opinions are best kept to yourself.

I had to be prepared to agree that gamers can have an experience that, for them, is Art. I don’t know what they can learn about another human being that way, no matter how much they learn about Human Nature. I don’t know if they can be inspired to transcend themselves. Perhaps they can. How can I say? I may be wrong. but if ‚m not willing to play a video game to find that out, I should say so. I have books to read and movies to see. I was a fool for mentioning video games in the first place.“

Warren Spector, Schöpfer von „Deus Ex“, hat sich nun ebenfalls zu Wort gemeldet:

„Welches Medium Erwachsene auch immer nicht verstehen, kann keine Kunst sein. Letzten Endes werden diese Erwachsenen verschwinden, neue nehmen ihren Platz ein und irgendein anderes Medium nimmt den Platz von dem ein, das jeder hasst. Wir verlassen nun diese Periode. Was Roger Ebert denkt, ist völlig irrelevant.“

15 Gedanken zu “Können Spiele Kunst sein?

  1. Warren Spector, Schöpfer von “Deus Ex”, hat sich nun ebenfalls zu Wort gemeldet:
    „Welches Medium Erwachsene auch immer nicht verstehen, kann keine Kunst sein. Letzten Endes werden diese Erwachsenen verschwinden, neue nehmen ihren Platz ein und irgendein anderes Medium nimmt den Platz von dem ein, das jeder hasst. Wir verlassen nun diese Periode. Was Roger Ebert denkt, ist völlig irrelevant.“
    +++
    Ein wahres Wort, gelassen ausgesprochen!!!
    Man muss nur Roger Ebert durch Politiker x oder Experte y ersetzen, dann sind wir schon in Deutschland bei denen gelandet, die die sogenannten „Killerspiele“ verbieten wollen.
    +++
    Aber dieses Zitat sollte allen Gamern als Ermutigung dienen.
    Danke, Watten Spector, vielen Dank!

  2. Mir fällt in solchen Situationen immer spontan „Ico“ ein. Roger Ebert kann gern einmal vorbeikommen und dann spielen wir das im Koop-Modus. Ich bin überzeugt, er wird anschließend seine Meinung ändern. Denn eines muss er auch begreifen: Ein Kritiker der etwas kritisiert, was er gar nicht kennt, disqualifiziert sich selbst.

  3. ICO! Stimmt, das hatte ich ja fast schon vergessen – das hat mich beim Spielen richtig umgehauen! Dieses Spiel und Flower sollten ja schon eindeutig Kunst sein, daneben gibt es noch unzählige weitere. Bspw. fällt mir da ganz spontan das wunderbar gestaltete Beyond Good & Evil oder das story- und stimmungsmäßig einmalige Silent Hill 2 ein… Für jeden ist Kunst etwas anderes – es kann schließlich auch nicht jeder etwas mit moderner Kunst in der Malerei anfangen.

    Und wenn man sich nun noch das unüberschaubare Angebot an Minispielen ansieht, sollte es doch gleich eindeutig werden, oder? Wie wäre es z.B. mit JVGS? Oder auf der optischen Ebene Beat Hazard? Absolut beeindruckend (für mich zumindest) und genauso sehr Kunst wie Feuerwerk. Oder ist das keine Kunst? Wer darf das entscheiden?

  4. Vielleicht ist das mit „Flower“ vom April auch nicht ganz uninteressant. Roger Ebert: ‚We come to Example 3, „Flower“ (above). A run-down city apartment has a single flower on the sill, which leads the player into a natural landscape. The game is „about trying to find a balance between elements of urban and the natural.“ Nothing she shows from this game seemed of more than decorative interest on the level of a greeting card. Is the game scored? She doesn’t say. Do you win if you’re the first to find the balance between the urban and the natural? Can you control the flower? Does the game know what the ideal balance is?‘ http://blogs.suntimes.com/ebert/2010/04/video_games_can_never_be_art.html

  5. Ich denke das Problem bei Ebert ist, dass er zum Teil spöttisch noch sich an bestimmten Begriffen festhält, wie dass man angeblich gewinnen müsste in Games, etc. Da ich von Flash-Games generell sehr wenig halte ist mein Lieblingsbeispiel „The Graveyard“: eine alte Frau besucht einen Friedhof, setzt sich hin – ein Lied über ihr leidvolles Leben ertönt – und sie geht wieder, oder stirbt bei diesem Besuch: wenn man das Game gekauft hat und nicht bloß die Demo zockt.
    Ja auch das ist für mich zocken, so wie überhaupt alles mögliche in Games
    Für mich ist „Kunst“ aber auch keine Auszeichnung, sondern eher ein Etikett dass ich bereitwillig und gern sämtlichen Spielen umhänge

    Die Jason-Rohrer-Titel sind aber auch alle sicher gute (Bei-)Spiele (dafür)

    Das mit der Zuschreibung von „Spiel“ und/oder „Kunst“ ist aber auch ein Problem das die Spielepresse (in Deutschland) hat mein ich: so weigerte man sich bei der Gamepro ja „Heavy Rain“ als Spiel zu testen und schon 2004 hörte ich Stimmen welche meinten, der achte Leisure-Suit-Larry-Part sei auch gar kein richtiges Spiel weil er nur aus einer Sammlung von Minispielen bestünde
    Bevor man sich also mit dem Gedanken beschäftigt ob Spiele Kunst sind oder nicht, sollte man sich eher noch damit beschäftigen was (alles) überhaupt ein Spiel ist.

  6. Roger Ebert hat auch für Filme zum Teil recht eigenwillige Standards. Er würde auch vielen Filmen den Kunst-Charakter absprechen.

  7. Es kommt halt stark drauf an wie man Kunst definiert.
    Für mich ist ein Typ der in Beutel kackt und uriniert und diese dann versiegelt und an die Wand hängt eher ein Fall für den Psychater, andere empfinden genau diese Art der provokation und radikalität als Kunst.

    Für mich hat auch der x-te dahingeschluderte Shooter von der Stange oder das alljährliche Sportspielupdate von EA genauso wenig mit Kunst zu tun wie viele 08/15 Filme und Bücher.

    Vergleicht man das Ganze mit der Malerei: Es gibt ja diese massenhaft angefertigten Spachtelbilder. Dahinter sehe ich auch keine Kunst, da es sich nur um reproduktion vorhandener Vorlagen handelt.
    Wohingegen der Maler welcher ein Bild erschafft, das in dieser Form vorher noch nicht existent war sehr wohl Kunst schafft.

    Entscheidend ist für mich das der schöpferische Prozess dahinter NICHT NUR auf Zufall beruht (ich verbinde mir jetzt mal die Augen, nehme Farbe in die Hand und versuche die Leinwand zu treffen), sondern auch immer mindestens ein zusätzliches Element beinhaltet welches vom Künstler bewusst so gestaltet wurde.

    Denn ne Leinwand bekleckern kann jeder, daraus etwas einzigartiges zu machen darin liegt die wahre Kunst.

  8. @Pyri: Stimmt, da hätte ich mal reinsehen sollen… Also, ok, was sagt er über Flower aus?

    „Nothing she shows from this game seemed of more than decorative interest on the level of a greeting card.“
    Da bildet sich also jemand ein, von den paar Videoausschnitten (!) darüber urteilen zu können, dass das Spiel nur eine reine „Deko-Funktion“ übernehmen kann. Schon recht, das erinnert mich gerade ganz spontan an Michael Schumacher, der ja auch schon feststellte:
    „Ich habe einen Film über China gesehen – vielleicht eine viertel Stunde lang. Da kriegst du eigentlich alles mit, was so ein Land zu bieten hat.“
    Und ganz nebenbei: Ist nicht auch ein wirklich gut geschossenes Landschaftsfoto Kunst? Wo genau liegt jetzt der Unterschied, der dagegen Flower disqualifiziert?

    Seine weiteren Fragen: Was hat das bitte alles mit dem Thema zu tun? Und wo liegt das Problem, wenn die Rednerin diese Fragen nicht beantwortet? Wenn er sich für weitere Aspekte des Spiels interessiert, kann er sich doch wohl mal selber informieren, so wie jeder NORMALE Mensch auch?!


    @kraid: /sign

  9. Ach, ich würds Roger Ebert nicht krumm nehmen, wenn er Videospiele nicht für Kunst hält.
    Der Mann war ewig lang im Filmgeschäft, ich glaub 30 Jahre lang Amerikas beliebtester Filmrezensent (neben Gene Siskel natürlich) und hat nun in den letzten 10 Jahren auch einige Tiefpunkte in seinem Leben gehabt, wie zum Beispiel seinen Schlaganfall (?) oder den Tod von Gene Siskel.
    Er ist einfach zu alt um sich an diese neue Art der Kunst zu gewöhnen. Ich würds also eher auf Altersstarrsinn schieben, als auf ein bewusstes Herrabblicken der SPieler. Spector hat schon recht, er gehört halt zu einer anderen Generation, die nun langsam aber sicher wegstirbt.
    Ihn mit Politikern oder Mitglieder der Zwangsbetroffenheitsbranche wie Schober zu vergleichen finde ihc unfair, er hat immer sein Ding gemacht, und nicht irgendwelche Spekulationen im Hinterkopf gehabt.
    Er kann halt nur mit dem neuen Zeugs nichts mehr anfangen ;)

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