AAW weist Gesprächsangebot ab

Das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden hat auf den offenen Brief von VDVC und Pirate Gaming reagiert. An einem sachlichen Dialog scheint es nicht interessiert. Zuvor hatten die Gamerorganisationen zur Abkehr von verletzenden Kampfbegriffen aufgerufen und eine vorurteilsfreie Diskussion angemahnt. Sie hatten betont, dass First-Person-Shooter entgegen vielfacher Behauptung nicht dem Trainingsprogramm einer Armee entspringen und dass oftmals angeprangerte Spiele keine Simulationen darstellen.

Bereits Ende letzten Jahres kam es zwischen dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden (AAW) und dem Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler (VDVC) zu Gesprächen, bei denen man sich auf Voraussetzungen für ein gemeinsames Engagement für einen effektiveren Jugendmedienschutz verständigen konnte. Konsens bestand auch darüber, dass weitere Einschränkungen für volljährige Spieler verhindert werden müssten. Gisela Mayer, die damalige Sprecherin des AAW, sagte:

„Da bin ich einverstanden. Bei Erwachsenen ist es keine Frage des Verbotes, das sind selbstbestimmte Menschen.“

Entgegen der Erwartungen des VDVC forderte das AAW jedoch weiterhin Verbote, unter anderem überreichte es im Juni eine Petition an den Bundestag. In einem offenen Brief appellierten Pirate Gaming und VDVC an das AAW, gemeinsame Lösungen zu erarbeiten anstatt die Konfrontation zu suchen. Ein funktionierender Jugendschutz sowie eine Gesellschaft ohne Gewalt seien auch ein ernsthaftes Anliegen der Gamer. Des Weiteren bot man erneute gemeinsame Gespräche an und äußerte die vorsichtige Hoffnung, dass sich das AAW zukünftig in der Debatte sachlicher äußern würde.

In einer ersten Stellungnahme auf das Schreiben warf Hardy Schober, der Vorsitzende des Winnendener Bündnisses, den Gamern Undifferenziertheit vor, man „habe sich nie für ein generelles Verbot von Computerspielen starkgemacht, lediglich gegen die realitätsnahe Simulation der Tötung von Menschen. Das virtuelle Abschlachten von Menschen oder Trainingsmethoden, die auch von US-Militär zur Herabsetzung der Hemmschwelle eingesetzt würden hätten nichts mit dem Begriff Spiel zu tun.“ Zur Unterstreichung der eigenen Position lässt das Bündnis Werner Hopf vom Verein Mediengewalt zu Wort kommen, dieser sagt: „Ein Hobby das virtuelles Töten und andere Verbrechen zum Zeitvertreib macht, ist kein Hobby oder Spiel“. Er impliziert, es sei nicht möglich, Realität von Virtualität zu unterscheiden, und wirft den Gamern vor, Ergebnisse der Wirkungsforschung zu ignorieren. Dass die Nutzung von Computerspielen zur Desensibilisierung nichts weiter als eine Legende ist und es eine Vielzahl an Studien gibt, welche Zweifel an einem Zusammenhang zwischen gewaltdarstellenden Medien und realer Gewalt aufkommen lassen, ignorieren sie. Scheinbar lassen die Unterstützer des AAW keine anderen Interpretationen von Spielen zu, als ihre eigenen.

„Die Darstellung von Inhalten bedeutet noch lange keine Simulation. Wer Counter-Strike als Tötungssimulation bezeichnet, sollte auch Carrerabahnen zu Fahrsimulatoren erklären“, unterstreicht der VDVC-Vorsitzende Patrik Schönfeldt.

Rudolf H. Weiß, der ebenfalls auf der Webseite des AAW zu Wort kommt, geht noch einen Schritt weiter und wirft den Computerspielern Realitätsverlust vor. Er behauptet, Erwachsene seien von den geforderten Verboten, die sich vor allem gegen nur für Erwachsene freigegebene Titel richten, nicht betroffen. Schon Schober hatte in seiner ersten Reaktion gesagt, man solle „sich erst einmal mit den Forderungen des Aktionsbündnisses differenziert auseinander (…) setzen.“ Dass durch die stattgefundene Hexenjagd bereits Veranstaltungen für Erwachsene abgesagt wurden, wird dabei außer Acht gelassen. Hopf unterstellt sogar, mündige Bürger müssten sich für Verbote stark machen. Argumente, die besagen, dass Prohibition eben keinen Schutz – insbesondere nicht von Jugendlichen – bedeutet, bleiben unberücksichtigt. Selbst wenn Kinder das eigentliche Ziel von Verboten sind, so treffen diese fast ausschließlich Erwachsene.

Obwohl Generalverdacht und Stigmatisierung in allen vom AAW veröffentlichten Reaktionen zumindest dem Wortlaut nach abgelehnt wurden, verwendet Weiß über drei Viertel seines Textes, um die Verfasser des offenen Briefes und andere Gamer in eine Ecke mit Süchtigen zu stellen. Er spricht weiter von „unbeschreiblichen verbalen Aggressionen (…) bis hin zu versteckten Morddrohungen“. Hopf schlägt in die selbe Kerbe und unterstellt neben Morddrohungen auch eine allgemeine Blutrünstigkeit. Der VDVC jedoch hat sich immer gegen Gewalt bekannt und diese klar von Gewaltdarstellung unterschieden. Dieser Position betont auch Schönfeldt:

„Wir distanzieren uns entschieden von Beleidigungen, Drohungen und jeglicher Form von realer Gewalt. Es ist bedauerlich, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich provozieren lassen. Gerade bei respektlosen Anschuldigungen sollten man seine eigene Würde durch besonnenes Handeln herausstellen.“

Lediglich der Vorwurf, dass das Thema Sucht im Schreiben des VDVC nicht aufgegriffen wurde, ist zutreffend. Dieses Thema spielte in den formulierten Forderungen das AAW bisher keine Rolle und hatte damit keinen Bezug zur Diskussion; diese befasste sich ausschließlich mit dem Umgang mit Gewaltdarstellung. Selbstverständlich aber hat sich der VDVC aber bereits mit dieser Fragestellung auseinandergesetzt: Da wissenschaftliche Kreise nur sehr zurückhaltend von Sucht sprechen und feststellen, dass sich von der reinen Nutzungsdauer nicht auf eine Abhängigkeit schließen lässt, rät der Gamerverband, problematisches Nutzungsverhalten zunächst bei diesem Namen zu nennen. Auch die American Medical Association stellt fest, dass es noch weiterer Forschung benötige, ob eine Computerspielsucht überhaupt existiere. Weiß aber stellt sogar einen Zusammenhang zwischen Computernutzung und sozialer Isolation her, den er in Bezug auf eSportler sieht. Er übersieht dabei, dass gerade eSportler ein aktives Vereinsleben besitzen und Computerspiele nutzen, um Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu pflegen. Nichtsdestotrotz dürften sie sich laut Weiß nicht wundern, „wenn man über sie den Kopf schüttelt oder gar verachtet“.

„Unter diesen Umständen sehen wir zur Zeit leider keinen Sinn mehr, mit dem Aktionsbündnis zu reden“, bedauert Schönfeldt diese jüngsten Entwicklungen. „Die Weiterentwicklung des Jugendschutzes liegt dem VDVC aber weiterhin sehr am Herzen.“

6 Gedanken zu “AAW weist Gesprächsangebot ab

  1. Sehr richtig – ich habe bezüglich der Antworten von Herrn Dr. Weiß und Hopf mit einigen anerkannten Wissenschaftlern gesprochen. Erste Reaktion: „Derartige Argumentationsschemata kann man schon als faschistisch bezeichnen“
    Das bezieht sich insbesondere auf die Passage von Weiß, die nach dem Schema aufgebaut ist: „Jeder, der nicht meiner Meinung ist, hat einen an der Klatsche. Widerspricht er, bestätigt er damit nur, dass er einen an der Klatsche hat“.

    Ich bin gerade dabei, eine lange Analyse mit echten wissenschaftlichen Fakten dazu zu schreiben, diese wird im Laufe der Woche veröffentlicht.

  2. Die Angehörigen des Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden (AAW) sind in ihrem Schmerz gefangen und offensichtlich an keinem Dialog interessiert. Psychologisch betrachtet ist das nachvollziehbar. Würde doch eine objektive Auseinandersetzung mit den Ursachen des Amoklaufs zum Ergebnis kommen, dass es keinen monokausalen Zusammenhang gibt – was bliebe wäre der Schmerz und die Sinnlosigkeit der Tat.
    Das auszuhalten ist wohl sehr schwer.
    Meine subjektive Wahrnehmung ist die, dass das AAW auch von Politikern und den Medien nicht mehr wirklich ernst genommen wird.
    Daher: konzentriert euch auf die Initiativen und politischen Gruppen, die wirklich an einem Dialog interessiert sind.
    Übrigens im Abschlussbericht des Sonderausschuss „Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen – Jugendgefährdung und Jugendgewalt“ steht nichts von irgendwelchen Verboten von Computerspielen, welcher Art auch immer. Vielmehr werden 39 Handlungsempfehlungen gegeben, die sich alle ziemlich vernünftig anhören.

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  4. Die Positionen von Weiß und Hopf sind nicht überraschend, sie entsprechen den Positionen des von ihnen unterzeichneten „Kölner Aufrufs gegen Mediengewalt“.

    Laut diesem verschwörungstheoretischen Pamphlet sind alle Wissenschaftler und Politiker die nicht die Meinung der Unterzeichner des Kölner Aufrufs teilen von einer Verschwörung namens „militärisch-industrieller-medialer Komplex“ bezahlt.

    Zu den Forderungen des Kölner Aufrufs zählt u.a. Politik und Wissenschaft von den Agenten dieses Komplexes zu säubern.
    Das Gedankengut das aus diesem Pamphlet strömt kann man nur als antiliberal, antipluralistisch und totalitär bezeichnen.

    Deswegen überrascht es auch nicht andere Namen in der Liste der Erstunterzeichner zu finden, wobei eine breite Querfront von der äußersten Linken bis hin zum rechten Rand unserer Gesellschaft auftaucht.

    Neben den marxistischen Sozialisten von der Arbeiterfotografie finden sich einvernehmlich der Bayrische Innenminister Joachim Herrmann, der nichts dabei findet ein Pamphlet zu unterzeichnen in dem der Bundeswehreinsatz im Rahmen der UN-Mission ISAF als „Grundgesetz und -völkerrechtswidrig“ bezeichnet wird.

    Personen die mit nationalistischen Forderungen aufgefallen sind ( z.B. eine Quote für undeutsche Musik, Reinhold Mey ) finden sich dort ebenso wie Unterstützer des SED und Saddamregimes ( Konstantin Wecker ) und Verschwörungstheoretikerinnen wie Claudia von Werlhof (die Amis haben mit Haarp das Erdbeben von Haiti ausgelöst).

    Verbindendes Element für all diese Personen ist die antiamerikanische Verschwörungstheorie nach der „Killerspiele“ von der US-Army erfunden wurden um unsere Jugend zu verderben.
    Das die üblichen Linken Spinner daran Gefallen finden und es Musikern wie Wecker und Mey nicht auffällt das auch schon der „Negermusik“ vorgeworfen wurden die Jugend im Auftrag der CIA zu verderben verwundert nicht.
    Besorgniserregend ist viel mehr das der CSU Innenminister aus blankem Populismus eine der Säulen westdeutscher Nachkriegspolitik – der transatlantischen Partnerschaft mit den USA – opfert um mit billigen antiamerikanischen Parolen Wählerstimmen zu sammeln.
    Sollte dies erfolgreich sein, ist wieder mit Deutschen Sonderwegen zu rechnen, die unser Land schon mehrmals ins Unglück gestürzt haben.

  5. „Sachlichkeit: Wer die Ergebnisse der Wirkungsforschung zu Computergewaltspielen leugnet, ist unsachlich und ignorant.“

    Unterstreiche ich! Lustigerweise wird bei Punkt 2 schon unsachlich und ignorant argumentiert, denn ein mündiger Bürger wird definiert über die „juristische Altersgrenze des Status des Erwachsenenseins mit 18 Jahren“ in Folge der wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Entwicklungsstand von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, wonach sich ein 18 Jahre alter Mensch für gewöhnlich der Folgen seines Handelns bewusst ist. Deshalb darf man wählen gehen, da der Staat davon ausgeht, dass man mit dem Überschreiten dieses Alters in der Lage ist Informationen und Argumente sachlich zu analysieren und zu differenzieren, da er auch über die Gesellschaft informiert ist und so im Idealfall auch zu deren Wohl agiert. Da die Studien aber widersprüchlich sind, muss man, im Sinne des Staates, von einer Unschuldsvermutung ausgehen. Wenn man dies nicht tut, dann ist man ein nicht mündiger Bürger, was der Herr Professor offenbar missachtet.

    Bei Punkt 3 fehlt mir das Argument wieso, da es nur virtuell und nicht real ist, sodass man eigentlich froh sein müsste. Laut Studien aus dem Jahr 2006 in den USA sinkt die Zahl der Vergewaltigungen mit steigendem Konsum von Pornographie. Man könnte dbzgl. eine Analogie zum Konsum von Gewalt und Gewaltdelikten herstellen. Link dazu: http://www.netzeitung.de/internet/450009.html

    Bei Punkt 4 musste ich schmunzeln, denn das Problem wird schon genauer definiert und dies sind nicht die Spiele, wenn gleich man sich davor verschließt. Nach Argumentation müsste man Tabak, Alkohol und fettiges Essen verbieten, da Erwachsene offenbar nicht mündig genug sind um zu wissen, dass man dies Kindern und Jugendlichen nicht gibt, wenn gleich die ersten beiden Punkte sogar gesetzlich geregelt sind. In Anbetracht anderer Drogenstatistiken (siehe statistisches Bundesamt) zum Konsum selbiger scheint ein Verbot lediglich dazu zu führen, dass man sich solche Dinge, die im Übrigen nicht nachgewiesener Weise zu Schädigungen führen, illegal aus dem Ausland (Österreich/Schweiz) importieren lassen kann und nachdem die Grenzen zumindest nach Österreich hin offen sind, man dies ohne größere Probleme vollziehen könnte.

    Kommen wir zu Punkt meinem absoluten Liebling! http://www.focus.de/digital/games/killerspiel-studie-fuer-gamer-ist-gewalt-nicht-immer-ein-spiel_aid_314731.html Ein Link der der Argumentation, dass virtuelle Gewalt bei realer Gewalt beeinflussend wirkt, entgegen wirkt. Das die Autoren davon ausgehen, dass in Videospielen bewusst manipuliert wird, ähnlich wie in der Berichterstattung der Medien oder in Werbungen ist absurd. Man bedient lediglich das von Natur aus vorhandene martialische Verhalten des Menschen, womit wir eine Kreis von oben (Pornographiekonsum) schließen könnten.

    Punkt 6 gebe ich wieder Recht, aber das wissen sie auch nicht :D

    Zu verschweigen, dass die Metastudie zu dem Ergebnis kam, dass andere Faktoren für Gewalt sehr viel stärker verantwortlich sind ist eine Manipulation der Öffentlichkeit, genauso wie sie es ist zu verschweigen, dass andere Psychologen dem Kollegen Anderson widersprachen und, ich zitiere wörtlich sagten „Viel Lärm um nichts“, da genau und vor allen Dingen greifbare und unwiderrufliche Ergebnisse aus blieben.

    Bei Punkt 8 musste ich lachen. Bei Millionen anderen Menschen gibt es die gleichen gesellschaftlichen Probleme wie bei Tim K., aber diese spielten angeblich keine gewalthaltigen Spiele. Bei 3-4 Millionen Jugendlichen wisse man aber, dass der Medienkonsum unbekümmert sei. In der Annahme, dass von diesen 3-4 Millionen nur 25% die gleichen gesellschaftlichen Probleme wie Tim K. haben, ergeben sich 1 Millionen potentielle Amokläufer. Ansonsten ist die Behauptung, dass Mobbing, also einem gesellschaftlichen und nicht familiären Problem, nicht zu einer Gewaltsteigerung führe, ignorant, da es zu sozialer Ausgrenzung und Vereinsamung führt, was wiederum in Studien belegbare Punkte für eine Gewaltsteigerung sind.

    Punkt 9: Studien des Verteidigungsministeriums zeigten, dass die Zahl der Verbrechen mit dem Erscheinen des Ego-Shooters Quake zurück gingen und auch die Zahl der Verbrechen ist rückläufig.

    Punkt 10: Siehe Punkt 5

    Punkt 11: Fundierte Argumentationsweise des Herren. Hassmails, Drohungen und sonstige Aversionen als erhöhte Gewaltbereitschaft zu interpretieren, obwohl dies jeglicher Grundlage entbehrt oder wurde er tätlich angegriffen, sein Eigentum zerstört oder ihm anderweitig Schaden zugefügt? Wenn man bedenkt, dass solche Berichte von Jugendlichen gelesen werden die darin eine Gefahr für sich selbst sehen, da diese dann nicht mehr Spiele spielen könnten die sie ohnehin nicht spielen dürften, ist die Reaktion als unreif zu betrachten und von diesem Standpunkt aus verständlich, da die Jugendlichen unter 18 Jahre nicht mündig nach juristischer und rechtsstaatlicher Definition sind.

    Punkt 12: Die Sucht bezieht sich häufiger auf Spiele anderer Genre und nicht auf die, in denen gewalthaltige Inhalte publiziert werden. Studien, unter anderem von Herrn Prof. Pfeiffer, belegen dies auch.

    Was ich noch so alles weiß!

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