Whisky Brennen ist auch kreativ
– Christian Pfeiffer über Medienmissbrauch

Christian Pfeiffer in Bad ZwischenahnGestern war der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts (KfN) in Hannover, Christian Pfeiffer, zu Gast im Schulzentrum von Bad Zwischenahn und referierte dort über „Medienmissbrauch und seine Auswirkungen auf Lernverhalten, Jugendkriminalität und Gewaltbereitschaft“. Was auch mich dabei zugegebenermaßen überraschte, anders als der Titel der Veranstaltung suggerierte, war seine Kernaussage sehr positiv: Menschliche Wärme und Miteinander sollten im Vordergrund stehen, Kreativität und Bewegung seien wichtig für Kinder. Doch leider verpasste Pfeiffer keine Gelegenheit, seine Aussagen durch ein Tischfeuerwerk an Studien zu begleiten, die angeblich einen Zusammenhang zu Computerspielen herstellten. Auch wenn die genannten Kernthesen kaum etwas mit Computerspielen zu tun hatten, der Vortrag stellte diese zumindest in Minuten gemessen in den Mittelpunkt.

Den Einsteg machte der Kriminologe mit einem Märchen. Der kleine Max bekommt täglich aus einem Märchenbuch vorgelesen. Welche Geschichte wann ansteht, wird immer im Voraus geklärt. Eines Tages passt seine Oma auf den Jungen auf. Da sie ihn mit etwas Besonderem überraschen will, schenkt sie ihm eine Verfilmung des Märchens Hänsel und Gretel. Womit sie nicht gerechnet hatte: Als Gretel die Hexe in den Ofen stößt, bleibt die Kamera sehr lange auf der am lebendigen Leibe brennenden alten Frau. Der Junge schreit, er könne diese „visuelle Vergewaltigung“ nicht ertragen.

Der erdachte Max weist dabei durchaus Ähnlichkeiten zur Person Pfeiffers auf: Dieser wurde im Alter von acht Jahren von seinen älteren Geschwistern in den Film Im Land der Pharaonen mitgenommen. Als eine Schlange eine Figur tötete schrie der kleine Christian so laut, dass ihm sein älter Bruder der Mund zugehielt. Seitdem litt Pfeiffer unter einer starken Ophidiophobie, die er aber mittlerweile einigermaßen im Griff habe. Er fasst zusammen: Im Gegensatz zu Text, den man hört oder liest, ließen Bilder keine Möglichkeit zur „seelischen Balance“. Der Referent vergleicht die Bilder der fiktionalen Geschichte mit dem Krieg, der früher zur Erfahrungswelt vieler Kinder und Jugendlichen gehörte. Dieser sei im Gegensatz zu Computerspielen „nur punktuell“ gewesen, Computerspiele aber seien ein zeit- und flächendeckendes Problem. Während er darüber spricht, prangt im Hintergrund eine Statistik, dass die zahl der Anzeigen wegen Jugendgewalt seit vielen Jahren ansteige, der Referent spricht von „mehr Gewalt“.

Die Überleitung auf Lernproblematik gelingt dem Referenten anhand der Jungen: Diese seien besser mit Geräten ausgestattet und würden im Vergleich zu Mädchen zunehmend schlechter in der Schule. Aus dieser Korrelation, das gesteht auch Pfeiffer, lasse sich freilich keine Kausalität herauslesen. Der Rückgang der Zahl der Störche habe nichts mit ebenfalls zurückgehenden Geburtenraten zu tun. Ein Exkurs, dass männlichen Schülern nicht die männlichen Lehrer als „Ersatzpappis“ fehlten, sondern diesen einfach eine feste Bezugsperson in der Schule fehle, wird schnell beendet. Durch einen geschickten Kniff gelingt dem Kriminologen dann doch die Rettung des zuvor gescheiterten Zusammenhangs: Nicht nur hätten Jungen mehr Geräte als Mädchen, es gäbe auch in Regionen mit besseren Pisa-Ergebnissen weniger Geräte. Hier können Statistiker noch einiges lernen, offenbar lässt sich fehlende Kausalität in Korrelationen durch noch mehr Korrelationen ausgleichen.

Noten und SpielverhaltenInnerhalb weniger Minuten stellt der Direktor des KfN zwei bedeutende Thesen auf: „[Das] Bildungsniveau beeinflusst den Medienkonsum mehr als alles andere.“ Und: „Je intensiver der Medienkonsum, desto schlechter die Schulleistung.“ Gegen Ende des Abends wird er noch sagen, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten eher für das Alter ungeeignete Videospiele zu sehen bekämen und dass die Noten von Schülern schlechter seien, je mehr sie nicht altersgerecht spielten. Wenn ich diese Aussagen nun zusammenfasse als „Kinder aus bildungsfernen Schichten sind schlechter in der Schule und ihre Eltern achten weniger auf den Medienkonsum ihrer Sprösslinge“, so ist das sicherlich vereinfacht ausgedrückt – und hat ja auch nichts mehr mit Medienwirkung zu tun. Und schließlich ging es ja um diese.

Zum Thema Suchtgefahr führt Pfeiffer aus, dass Jungen generell eher bei einem Hobby blieben, wenn sie sich für dieses begeistern. Damit will er aber nicht etwa Spiele als normale Freizeitbeschäftigung kennzeichnen oder gar die Existenz von angeblich suchtgefährdeten Personen abstreiten. Vielmehr sollte man Begeisterung wecken, bevor der „Bub“ den Computer entdeckt. Auch die Ursache für Sucht wisse er, es handele sich um intermitierende Verstärkung. Diese sei der Grund, warum „World of Warcraft“ (das bekannte Online-Rollenspiel), Counter-Strike (das „Ballerspiel“) und „Warcraft“ („ein anderes Online-Rollenspiel“) so gefährlich seien. Der Clou bei der intermitierenden Verstärkung: Man gewinne nicht immer und gutes Spiel bleibe auch manchmal unbelohnt. Dadurch sei der Spieler noch mehr gereizt, es wieder zu versuchen. Ob Würfelpech bei World of Warcraft oder zu starke Gegner im eSport der Grund seien, sei für dieses Belohnungssystem dabei irrelevant. Das System sei vom Flirt oder von der Hundedressur sehr gut bekannt und funktioniere beim Computerspiel genauso. Auf diese Weise lasse sich Suchtgefährung auch am Inhalt eines Programms festmachen, World of Warcraft müsse ab 18 freigegeben werden. Einen Paradigmenwechsel, dass statt dem Inhalt die mögliche Wirkung bewertet werden soll, sehe er nicht; die Belohnungsstruktur gehöre zum Inhalt.

Besonders gefährlich sei aber, dass immer mehr Kindergärten und Grundschulen „am Netz“ seien, die Kinder würden hierdurch „angefixt“. Den Vorwurf, durch den wiederholten Vergleich von Videospielen mit Nervengiften wie Tabak und Alkohol die kreativen Leistungen von Entwicklern zu diskreditieren, weist er ab. Zwar vergleicht er Studien, die keine Zusammenhänge zwischen Gewaltdarstellung und realer Gewalt feststellen, mit solchen, die von der Tabakindustrie gekauften wurden, doch sei schließlich auch das Brennen von Whisky ein hoch kreativer Prozess. Zwar ist durchaus diskussionswürdig, in wie fern Kindergärten mit Videospielen ausgestattet werden sollten, doch qualifiziert sich der Referent durch seine Aussagen nicht gerade zur Teilnahme an dieser Diskussion.

Zusammengefasst regt Pfeiffer als Lösung gegen übermäßigen Medienkonsum an, dass Kindern kreative und bewegungsintensive Hobbys schmackhaft gemacht werden und Eltern mehr mit ihren Kindern unternehmen sollten. Der soziale Zusammenhalt sei wichtig, plumpe Verbote bewirkten eher das Gegenteil, wichtig seien vielmehr Kreativität und bürgerliches Engagement. Auch für kreativen Umgang mit Computerspielen, bei dem Spielinhalte verändert und vom Benutzer neue Levels erstellt werden, könne er sich begeistern, hier sehe er interessante Möglichkeiten. Generelle Verbote möchte er nicht empfehlen, weder Eltern noch der Politik. Jugendgefährdende Inhalten sollten ausschließlich einem Werbeverbot unterliegen, entsprechende Titel für Erwachsene weiterhin problemlos erhältlich sein.

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