Mauer-Videospiel „1378(km)“ weckt Vorurteile

Ein Student der „Hochschule für Gestaltung“ aus Karlsruhe hat eine Half-Life 2 Mod entwickelt, die sich mit den sogenannten „Republikfluchten“ an der innerdeutschen Grenze beschäftigt. Das als Serious Game angelegte Spiel erzeugte bereits vor seiner Veröffentlichung viel Kritik. Aus diesem Grund hat die Hochschule den Veröffentlichung auf unbestimmte Zeit verschoben.

Leider ist der künstlerische Umgang mit Serious Games noch nicht im Bewusstsein der Gesellschaft angelangt. Die derzeitigen Diskussion um „1378(km)“ ist von den üblichen Vorurteilen gegen First-Person-Shooter geprägt. Es werden die bewährten Hetzparolen ausgepackt, ohne dass das Programm überhaupt in Augenschein genommen werden konnte.

Auch scheinen viele zu vergessen, dass Serious Games nicht zur bloßen Unterhaltung gedacht sind. Ob es Jens Stober gelungen ist, die Materie in geeigneter Form aufzubereiten, kann erst bei Veröffentlichung des Spiels beurteilt werden. Allerdings deuten Präsentation und der angekündigte Inhalt, der auch Informationstexte über die Innerdeutsche Grenze beinhaltet, darauf hin, dass der Student Wert auf eine der Thematik angemessene Umsetzung gelegt hat.

Einen ersten Eindruck gewährt der inoffizielle Vorgänger des Mauer-Videospiels, „Frontiers“. Dieser Titel ist wie „1378(km)“ eine nicht kommerzielle Modifikation für das Spiel „Half-Life 2“ und beschäftigt sich in ähnlicher Form mit der europäischen Grenze der Gegenwart. Schon nach einigen Minuten wird klar, dass „Frontiers“ vor allem zum Nachdenken anregen soll und nicht konzipiert wurde, um Spielspaß zu bereiten. Die afrikanischen Flüchtlinge sind mit einer Hand voll Dollar ausgestattet, um die schwer bewaffneten Wachposten zu bestechen. Diese haben – wie in „1378(km)“ – die theoretische Option auf die wehrlosen Zivilisten zu schießen. Doch wenn sie diese Option nutzen, so werden die Spieler bestraft. Der Test des Spiels auf der Webseite „Half-Life Portal“ fasst zusammen: »Wer (…) eigentlich nur spielt, um möglichst viel schießen zu können, sollte einen Bogen um „Frontiers“ machen.« Genau so dürfte es auch beim neuen Mauer-Videospiel sein. Ebenfalls interessant ist der Ansatz, dass auch virtuelle NVA-Soldaten in den Westen fliehen können.

Dass sich der Student Jens Stober mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigt, indem er ein Computerspiel zur kritischen Auseinandersetzung entwickelt, ist ein wichtiger Schritt zum rechten Zeitpunkt. Videospiele können sicherlich nicht alle Facetten und Hintergründe der komplexen innerdeutschen Geschichte aufzeigen, doch besitzt „1378(km)“ die Möglichkeit, einer weiten Öffentlichkeit einen besonderen Blickwinkel zu zeigen. Es ist bemerkenswert, was durch dieses nicht kommerziele Studentenprojekt realisiert werden konnte.

Der VDVC Hat eine Pressemitteilung zum Mauer-Videospiel herausgegeben, die den Blogeintrag um weitere Aspekte ergänzt. Das VDVC-Wiki enthält einen ausführlichen Artikel zu 1378(km).

5 Gedanken zu “Mauer-Videospiel „1378(km)“ weckt Vorurteile

  1. Meines Erachtens gehen sowohl die Befürworter als auch die Gegner dieses Spiels von einer falschen Annahme aus: Ego-Shooter sind nicht in der Lage Empathie zu vermitteln (Ein Anspruch den die Hersteller im übrigen auch gar nicht haben). Der Reiz der Ego-Shooter liegt im sich “mit anderen messen”, mehr “Punkte” als seine Konkurrenten zu erzielen. Aus diesem Grund ist der Ansatz von Jens Stober zwar durchaus interessant, er wird aber letztlich seinem hohen Anspruch nicht gerecht werden. Um Mitgefühl für die Opfer der Deutsch-Deutschen Grenze zu erzeugen, sind andere mediale Formen besser geeignet.

  2. “sind andere mediale Formen besser geeignet.”
    Wieso?

    Desweitern ist das Programm noch garnicht veröffentlicht worden, daher kann man nicht wissen wie gut es umgesetzt ist! Der Entwickler hätte das Programm online stellen sollten und wenn sogar im Ausland oder von “Download\Tausch Seiten” Stichwort: Serverflucht. Wenn immer nur alle zurückschrecken kann das Medium “interaktive Programme” (um das Wort Computerspiele zu vermeiden) nicht Erwachsen werden!

    Happy Coding.

  3. Pingback: Stigma Videospiele » Blog Archive » VDVC kritisiert Art der Kritik an “1378 (km)”

  4. Ich halte das Spiel nach den Beschreibungen welche es darüber schon gibt für pietätlos und unglücklich.
    Die Behauptung von dajan ist aber auch eine Unterstellung dem Genre gegenüber: was da wohl gemeint wird sehe ich zwar auch hier als Problem an, doch nicht in “Ego-Shootern” allgemein, sondern vor allem in derem kompetitivem Teil.
    Es mag für eine Mehrheit zwar unverständlich sein, aber in narrativen Kampagnen kann man Ego-Shooter durchaus auch so rezipieren, dass Mitgefühl durchaus vorhanden ist – Leid neben dem Ziel zu Überleben und durchaus auch dazu gezwungen mit Waffengewalt eine Situation zu überstehen, wahrgenommen wird: dieses Leid kann auch im Zentrum stehen.
    Insofern sagt eine solche Äußerung wie die von dajan für mich mehr etwas über eine gewisse Ignoranz gegenüber den Erzeugnissen von Kreativen aus. Was mit diesen auch erlebt werden kann – was dabei auch gefühlt werden kann, als videospielender Mensch der auch eine gewisse Liebe der Ausdrucksform entgegen bringt.
    Nein, es ist einfach eine ganz üble Unterstellung zu behaupten dies wäre nicht möglich – oder gar “Hersteller” wollten das nicht – es kommt ganz darauf an wer etwas wie spielt: wenn ich ein “Call of Duty” im Einzelspielermodus spiele möchte ich mich mit niemandem “messen”. Mit wem auch? Oder gar den Computer “besiegen”. Wozu das Ganze? Ich möchte mich in eine Extremsituation hineinversetzen und einem gewaltigen Schauspiel folgen das mir dargeboten wird, wobei ich durchaus auch auf Dinge, Zusammenhänge, aufmerksam gemacht werden möchte. Dabei etwas im positiven Sinne lernen – auch über mich selbst.

    Obwohl ich der Position des VDVC grundsätzlich zustimme, dass so alle – ich eingeschlossen – auf Vorurteile basierend sich bloß zu dem Titel noch äußern können, kann ich auch nur davor warnen päjorativen Unterhaltungsbegriffen aufzusitzen: natürlich wollen Serious Games auch “unterhalten”. Das ist doch sogar vordringlich auch ihre Aufgabe, unterhaltsam auf etwas aufmerksam zu machen: ansonsten könnte man auch ein trockenes Traktat einem vorlegen – sei es über eine Institution mittels Werbung wie bei “America’s Army”, die Arbeit der NASA mit “Moonbase Alpha”, die Welthungerhilfe der Vereinten Nationen (World Food Organisation) “Food Force” oder den Darfur-Konflikt mit “Darfur is Dying”.
    Auch die Tagesschau will so neben über etwas zu informieren auch “unterhalten”. Und dabei kann man durchaus auch Spaß an einzelnen Schrecklichkeiten mitunter haben, unethischen Inhalten, ohne als unmoralischer Mensch deshalb gelten zu brauchen: ich halte im Gegenteil auch Empörungen in der Form welche über Werturteile hinausgehen für höchst unmoralisch, die Universitäten so vorschreiben wollen was sie zu untersützen hätten und was nicht, das ist auch undemokratisch für mich. Es herrscht ebenfalls Gewissensfreiheit und diese ist als Menschenrecht fest verankert. Unsere Rechtssysteme in der westlichen Welt zumindest basieren doch auch nicht darauf in die Köpfe von Menschen einzudringen: Reue für zum Beispiel Verbrechen kann zwar eine Milderung von Urteilen bewirken – das ist aber auch schon alles. So sind moralische Überlegenheitsdünkel, diese gewaltphoben und xenophoben Artikulationen gegen “Gewalt” als konsensual und hoffentlich doch auch gewaltfrei geschaffenem Ausdruck der einem bloß nicht passt noch weit eher tatsächliche Gewalt, und zwar reale Gewalt. Noch sogar selbst mit Tendenz zum unethisch-Sein: und betrifft eben auch weitergehend menschliche Existenz.
    Deutschland hätte aus meiner Sicht noch eine (historische) Verantwortung mehr konsensualen Ausdruck anderer Menschen zuzulassen und nicht ständig mit Überheblichkeit und einem negativen Menschenbild sich über andere Menschen zu stellen. Es ist in dem Fall doch regelrecht absurd anzunehmen, dass dieser Student oder dessen Universität da in böser/schlechter Absicht gehandelt hat – mit Malevolenz im Kopf ans Werk gegangen ist/sind.

  5. Pingback: Kommentar beim VDVC « Jürgen Mayer

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