Von edlen und weniger edlen Spielen

(arte) Bei Arte Philosophie haben sich am 16. November Raphaël Enthoven und sein Gast, der Philosophiedozent und Literaturprofessor Colas Duflo, dem “Spiel” gewidmet. Neben typischen Kinderspielen, Gesellschaftsspielen und Schach wurden auch Videospiele thematisiert. Jedoch in einer Art und Weise, die bei Gamern auf wenig Gegenliebe gestoßen ist. Als Reaktion auf die Kritik hat sich Duflo zu einer Stellungnahme genötigt gefühlt, in der er seine Sichtweise verteidigt.

Video (Teil 1)
Video (Teil 2 – Corpus delicti)
– Stellungnahme (Französisch)
– Stellungnahme

“Nach den durchaus lebhaften Debatten, die der Sendung über die Spiele folgten, hat Colas Duflo darauf bestanden seine Gedanken genauer darzustellen, um eine Dinge klarzustellen und Ruhe reinzubringen.

Ein Teil der Sendung „Philosophie“, die dem Spiel gewidmet war, hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen, die in ihrer Heftigkeit dem harmlosen Thema nicht angemessen waren.
Ich möchte zunächst sagen, dass es mir in keiner Weise bewusst war, was für eine Kontroverse ich ausgelöst habe. Wenn meine Bemerkungen jemanden schockiert oder verletzt haben könnten, tut es mir aufrichtig leid.

Am Anfang steht eine Ungeschicklichkeit meinerseits, aber auch eine falsche Interpretation meiner Äußerungen. Ich habe den Eindruck, dass die Mehrheit der Reaktionen von Leuten kommen, die die Sendung auf arte nicht gar nicht ganz, sondern die nur diffuse Ausschnitte im Internet gesehen haben, wodurch ein verfälschtes Bild meiner Äußerungen vermittelt wurde. Ich möchte die Umstände erklären und darlegen, was ich sagen wollte.

Im Gegensatz zu dem, was die diffusen Auszüge im Internet glauben machen wollen, handelte es sich ganz und gar nicht um eine Sendung und noch weniger um eine Dokumentation, die dem Videospiel gewidmet war, sondern um ein freies Gespräch über das „Spiel“ im allgemeinen. Aus dem Kontext genommen verliert dieses Teilstück seinen Sinn. Ich werde jetzt im Einzelnen die Elemente, die die Spieler schockiert haben, aufnehmen.

1)   Das Prinzip der Sendung ist eine Aufnahme wiederzugeben, eines improvisierten Gespräches, unmittelbar und ohne Schnitt und Retusche. Man konfrontiert den Gast mit Bildern auf die er spontan und ohne Vorbereitung reagieren muss. Nicht ich habe das Bild ausgesucht, dem ich gegenüberstand. Und ich habe auch nicht das Foto gemacht.

Stellen Sie sich die Situation vor: nach einer Unterhaltung von einer Viertelstunde steigen Sie eine Treppe hinauf, und Sie sehen sich – ohne darauf vorbereitet zu sein – einer überdimensionalen Photographie gegenüber (4×3 Meter). Was wäre Ihr erster Gedanke?

Wir alle haben zuhause Fotos von uns, die im „falschen Moment“ aufgenommen sind, wo wir Spielen, Singen oder Essen und ziemlich bescheuert aussehen. Über diese Fotos lachen wir (Ich hoffe es wenigstens) und sie zeigen nicht unser wirkliches Wesen. Es handelt es um eine spontane Reaktion: Wenn meine Äußerungen überlegt gewesen wären, oder wenn ich mich der oberflächlichen Sprache der Medien besser angepasst hätte, dann hätte ich diesen Gedanken für mich behalten. Aber ich glaube nicht, dass sich irgendjemand persönlich angegriffen fühlen muss, weder die Leute auf dem Foto und noch viel weniger die nicht auf dem Foto sind.

2)   Wenn ich das Foto jetzt in Ruhe betrachte, dann sehe ich genau, was mich daran beunruhigt. Es erinnert mich an die Welt eines Brazil, eine Welt, in der jeder sein Leben vorm Bildschirm verbringt, um zu arbeiten, um sich zu amüsieren und zu kommunizieren. Eine solche Welt, das gebe ich zu, bereitet mir Unbehagen. Aber das liegt vielleicht an meinem Alter: Meine Generation ist nicht mit Bildschirmen aufgewachsen.

3)   Apropos Sucht: Die Videospielsucht ist ein Phänomen, das existiert und gewisse Kinder- und Jugendpsychiater beunruhigt das sehr. Aber glücklicherweise ist sie nicht der Regelfall. Mich persönlich interessiert Videospielsucht auch nicht besonders.

Im Gegensatz dazu interessiert mich aber die Spielsucht im Allgemeinen. In der Sendung formuliere ich genau, dass man nicht auf die Videospiele gewartet hat, um die Spielsucht zu beschreiben: Im 18. Jahrhundert und im 19. Jahrhundert schrieb man schon über die Sucht, um Geld (Dostoïevski) oder Schach zu spielen (Rousseau, Nabokov). Es ist seltsam, dass der Moment, in dem ich in der Sendung das Buch „La Défense Loujine“ von Nabukov, das meiner Meinung nach das beste Buch über die Verrücktheiten des Schachspiels ist, empfehle, als ein Angriff auf die Nutzer von Videospielen verstanden werden konnte.

Diese Phänomene bezeugen tatsächlich die Macht der Spiele im Allgemeinen Welten zu erfinden, in dem die Spieler eintreten und sich verlieren können: Das gilt für die attraktivsten Spiele, welche auch immer es sind, und was auch immer sie transportieren.

4)   Meine abschließende Bewertung: Ja, ich finde dass es besser für die Gesundheit ist zwei Stunden im Garten hinter einem Ball herzulaufen, als den Nachmittag vor einer Spielkonsole zu verbringen. Das ist keine tiefgründige Überlegung und sollte keine Kontroversen hervorrufen.

Aber ja, ich denke das Spiele wie „Schach“,„Go“, „Sémailles d‘Afrique“ oder „Fonorana“ reichhaltiger sind als gewisse Videospiele. Es handelt sich nicht wirklich um eine Frage der Möglichkeiten, es handelt sich um einen kulturellen Reichtum. Das sind Spiele, die in diesen Zivilisationen verhaften sind und deren Entwicklung begleitet haben. Die neuen Videospiele von heute sind gewissermaßen Ausdruck einer neuen Zivilisation. Ist sie gut? Ist sie schlecht? Dass werden wir in einigen Jahrhunderten wissen.

Währenddessen sollte die Darstellung dieser beiden persönlichen Präferenzen, die zweifelos ein weiteres Mal die Prägung von Generationen zeigen, keinen Anlass für Kontroversen bieten.

Colas Duflo, 30. November 2010.

(Dank an Dave, ShaneFenton und franckaufil)

17 Gedanken zu “Von edlen und weniger edlen Spielen

  1. Also ich muss zugeben, ich hatte bis jetzt noch keine Zeit mir das Video anzusehen, aber was der Herr hier schreibt klingt doch eigentlich ganz vernünftig. Vielleicht etwas “konservativ”, also in dem Sinne das Brettspiele für ihn kulturell hochwertiger sind als Videospiele, aber alles in allem scheint das doch ein vernunftbegabter Mensch zu sein.

  2. Guter Mann.

    Man sollte nicht vergessen, dass wir als Mordpädövergewaltigungs-Killerspieler durch “unprofessionelle” “Berichterstattung” stark sensiblisiert sind.

  3. Wenn man einen Spieler auf einer LAN-Party fotografiert, muss man sich nicht wundern wenn dieser eine etwas eigenartige Fratze zieht. Ähnlich einem Fußballspieler, der im Zweikampf all seine “Ressourcen” dazu verwendet den Ball nicht zu verlieren, muss ein Videospieler auch höchst konzentriert sein um genau die richtigen Handlungen in wenigen Sekunden in der richtigen Reihenfolge durchzuführen.

    Spielekritiker sind eben meist in der beobachtenden Perspektive. Sie schauen kurz auf den Bildschirm (pornographischer Blick) widmen sich dann der angeblich verzerrten Mimik des Spielers, wahrscheinlich auch der gebückten Haltung und der “Abkapselung” von der Aussenwelt durch Headset und verdunkeltem Zimmer. Etwaige “Zuckungen” des Spielers, die durch Überraschungsmomente oder Misserfolg im Spiel hervorgerufen werden kann der beobachtende Spielekritiker schnell als gesteigerte Aggressivität oder ADS “diagnostizieren”.

    Bei Pädagogen (obwohl es sich hierbei um einen Philosophen handelt), die auf das “Gesundheitliche Wohl” und “Bildung” wert legen, schlagen in dieser beobachteten Perspektive gleich mehrere Alarmglocken:

    – Gewalt!
    – Abkapselung!
    – Vereinsamung!
    – Bewegungsmangel!
    – Informationsüberfluss!
    – Sucht!
    – Abstumpfung!
    – etc. …

    Ich vermute mal, es gab ähnliche “Alarmsignale” als die Menschen begannen Bücher zu lesen. Videospiele sind wohl ähnlich “gesund” wie Bücher lesen, “Mensch ärgere dich nicht” oder andere Brettspiele, aber diesen Anspruch haben Spiele bis auf wenige “bewegungsgesteuerte” sowieso nicht.

  4. Ich denke dass dieses negative Menschenbild in Verbindung mit einem wie auch immer gelagerten Kulturpessimismus weniger mit “Philosophie” als mit schlichten Vorurteilen zu tun hat – was in der “Stellungnahme” auch so zum Ausdruck gebracht hätte werden können. Stattdessen wird von dem Autor aber anscheinend lieber über mehrere Absätze herumgedruckst.
    Bedauerlich.
    Aber danke jedenfalls für die Übersetzung!

  5. Es ist wohl inzwischen so, dass zu jeder TV-Sendung auch ein Begleittext gehören muss. In diesem wird dann relativiert und abgewiegelt – quotendienlich sicherlich.
    Er hat schon ordentlich danebengeschlagen in der Sendung. Weil er’s nicht besser weiß. Schade.

  6. @purchaser: vielleicht machen auch nur die inzwischen schon gewohnten Reaktionen eine solche Stellungnahme nötig, während früher das Publikum sich eher im Griff hatte…
    Man kann alles von 2 Seiten sehen :-)

  7. Nun, es ist nicht bei jedem Thema so dass man, egal was man sagt, direkt von mindestens 50 Leuten angemailt wird die einem erklären wie böse und zerstörerisch grade seine Äußerung war…
    PS: verschluck dich beim Lachen nicht

  8. Ich habe denselben Eindruck wie purchaser. Allerdings ist dieser ‘Begleittext’ nur beschönigend und auch einer pluralen Gesellschaft nicht angemessen, wie ich finde. In der Sendung wird eindeutig auf die Reichhaltigkeit von Schach hingewiesen, während Computerspiele begrenzt seien. – Wie kann ein reflektierter Mann wie Duflo außerdem seine Aussage mit dem Generationenkonflikt erklären, statt sich mit der neuen Generation auseinanderzusetzen? Wie kann ein Philospoph sich vor ein Foto hinstellen und irgendwas erzählen, obwohl klar sein sollte, dass ein Bild allein überhaupt nichts aussagt (es ist nur ein beliebiger Ausschnitt aus der Wirklichkeit).

    “obwohl die Welt des Schachspiels spielerisch natürlich sehr viel abwechslungsreicher ist als so ein Computerspiel. Das hat man in acht Stunden durchgespielt. Dann ist man fertig damit. Das sagen zumindest Computerspieler.” – es gibt sehr verschiedene Computerspiele. Wie reichhaltig sind wohl Strategiespiele?

  9. Da versucht sich der Philosoph ganz geschickt mit Verweisen auf seine geschätzten Kulturgüter herauszureden, um nicht zu geben zu müssen, daß er auf Grund fehlenden Wissens über anderer Leute Kulturgüter, diese ganz gewaltig verletzt hat.

    Oder kurz zusammen gefaßt könnte man ihm raten: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die KLappe halten!

    Mag das wer ins französische übersetzen?

  10. Interessant finde ich, dass zuvor beim Gemälde des Spielens aufgezeigt wird, dass bestimmte Spiele nicht identifiziert werden können, weil wir sie nicht kennen. Dass wir nichts darüber herausbekommen. Wir sehen nur, DASS die Leute etwas spielen.

    Selbe Situation auf dem Gamescom Foto. Da aber ist es plötzlich sehr wohl möglich, das nicht Gesehene zu kommentieren und tiefgehend zu analysieren.

    Und so wichtig Schach auch kulturell sein mag, so erhebt es doch rein spielerisch völlig andere Ansprüche und vermittelt dem Spieler auch nicht dieselben spielerischen Erfahrungen wie er sie bspw. in einem Pen&Paper RPG erfahren würde.

    Insofern ist Schach nicht automatisch “besser” als ein Videospiel, denn wenn ich durch ein Schachspiel nicht das spielerische Erlebnis erhalte, wegen dessen ich spiele, dann ist Schach schlicht nicht das Richtige Spiel für mich.

  11. “Mit Schach ist man nie fertig…”
    Ich habe bei über 40 Mal durchspielen von “Dark Projekt 2 – The Metal Age” immer noch nicht alle geheimen Verstecke gefunden. Bei Mirrors Edge welches ich erst diese Woche gespielt habe habe ich noch nicht die schnellsten Wege durch die Level gefunden… Bei bestimmten Missionen von C und C habe ich es auch nicht geschafft alle neben Aufgaben zu erledigen. Ich würde sagen mit PC-Spielen ist man genauso wenig fertig bis man alles gesehen hat wie mit Schach…

    Ich würde vorschlagen, dass man mal eine Gruppe von 5 Leuten erst vor den PC setzt und ein Bild macht dann Bücher, Zeitungen usw ihnen in die Hand drückt wieder ein Bild macht und dann auch vorm TV ein Bild, aber die Personen sollten immer den gleichen “abgestumpften” Gesichtsausdruck auflegt…
    Mal sehen ob auf die Bilder andere Reaktionen gibt…

    vgl “Schach gleich Leben?” Wieso ist Schach edler als ein PC Spiel?
    Blöde vor einen Holzbrett sitzen und Figuren hin und her schieben oder
    sich in interaktiven 3D Welten sich Drachen stellen, Jungfrauen retten, Monster besiegen, Universen retten und 10 Molchaugen sammeln.
    Was ist jetzt besser? (ok war böse ^^)

    10:16 “Jedes Spiel ist eine Lebensart.”
    Wieso macht man dann unsere Lebensart immer schlecht? Lasst uns doch unsere Art…

    Happy Coding.

  12. schach dient genauso wie computerspiele zur unterhsltung. keiner spielt schach um gegüber sich selbst intelektuell zu wirken. schach ist nicht abwechslungsreicher, was ist das denn überhaupt für eine aussage.

  13. @Koba: Natürlich sehen sie debil aus, das streitet auch kein Mensch, der Augen im Kopf hat, ab. Der Schluss des “Philosphen” ist nur ziemlich in die Hose gegangen. Philosophen sollten doch gerade wissen, dass man sich fast nie auf den ersten Eindruck verlassen kann, vor allem wenn es um Fotos geht. Man muss durchdenken und versuchen, alle Ansichten zu verstehen und sich dann eine Meinung bilden. Das hat er augenscheinlich nicht getan.

    Stattdessen interpretiert er das als eine Art einsame Verlorenheit. Dabei ist es vielmehr Konzentration. Bei dem Youtube Video hat jemand einen sehr guten Kommentar verfasst, in dem steht, die Spieler interagieren nicht mit dem Computer, sondern über ihn. So sehe ich das auch. Zumindest bei Onlinespielen, die ja nun die Mehrheit der Spieler (denke ich zumindest) spielen und die auch den größten Suchtfaktor ausmachen, geht es doch um gemeinsames Spielen. Nichts von allein und verlassen.

    Vor allem im Fernsehen sollte man sich halt überlegen was man sagt.

  14. Hmmm, also nunja. Unter der dauerauffälligen Riege derjenigen die meinen sich ewig zu Videospielen äußern zu müssen, nämlich den Pädagogen, Psychologen und Soziologen, halte ich nur letztere für einladungswürdig. Die anderen beiden sind Ausbildungstechnisch mehrheitlich in den 70er verblieben(Pädagogen) oder stark arrogant und mentorengeschädigt(Psychologen).
    Philosophen hatte ich bisher garnicht auf der Liste und da bin ich nun verwundert.
    Ist es nicht eigentlich so das Philosophen sich mit der Sinnfrage des “Warum” bzw “entstehends” befassen und dabei das (vorher entstandene)”Ergebnis” garnicht infrage stellen, sondern versuchen zu erklären?
    Irgendwie hat der doch seinen Titel verfehlt, er müsste doch eigentlich was hochtrabendes über Reaktion/Aktion in einer neuen Zeit bzw. Gesellschaft erzählen und nicht explizit auf (für Philosophen) so Klein-Klein mätzchen eingehen wie Brettspiel vs. Videospiel.
    Ich geb ihm eine Titelgerechte frage um die er sich kümmern kann. ;)
    Warum spielt der Mensch Videospiele, wo das Alter dort deutlich höher liegt als das die Soziologen-Antwort(Lerneffekt – das eckige passt nicht in das runde Loch) noch zum tragen kommen könnte?

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