“1378 (km)”: Download ab Freitag (Update)

(heise) Das Spiel “1378 (km)”, welches die ehemalige innerdeutsche Grenze thematisiert, hatte bekanntermaßen einige Kontroversen ausgelöst. Überrascht von der harschen Kritik wurde zunächst von einer Veröffentlichung abgesehen. Diese soll nun am kommenden Freitag ab 23 Uhr im Anschluss an eine Podiumsdiskussion erfolgen.

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In einer Pressemitteilung protestiert bereits die CDU/CSU-Bundestagsfraktion gegen die Veröffentlichung. Der kultur- und medienpolitische Sprecher Wolfgang Börnsen:

“Wir lehnen die Veröffentlichung des Computerspiels “1378 (km)” durch die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe entschieden ab. Die Rolle eines DDR-Grenzsoldaten einzunehmen und auf Flüchtlinge an der innerdeutschen Grenze zu schießen, bleibt eine makabere und rücksichtslose Spielidee.

Auf die über 1.000 Opfer an der Todesgrenze und ihre Familien wird keine Rücksicht genommen. Jugendliche in die Rolle von schießenden Grenzsoldaten zu versetzen, die auf Flüchtende ballern, um sie daran zu hindern, in die Freiheit zu gelangen, ist didaktisch falsch, pädagogisch verantwortungslos und gesellschaftspolitisch nicht vertretbar.

Im Gegenteil: Man leistet der Brutalisierung Heranwachsender Vorschub. Was als Computerspiel mit Aufklärungsabsicht propagiert wird, ist in Wirklichkeit ein banales Killerspiel im historischen Rahmen. Damit stellt man gleichzeitig die anerkannte und historisch korrekte Arbeit der Gedenkstätten sowie der Bundesstiftung Aufarbeitung und der Stiftung Berliner Mauer in Frage.

Aus den massiven öffentlichen Protesten gegen das Spiel haben die Verantwortlichen offenbar nichts gelernt. Es ist problematisch, dass sich Teile der Hochschule mit dem studentischen Spielentwickler solidarisieren. Zur Präsentation des Spiels eine Podiumsdiskussion zu veranstalten, reicht nicht aus.

Es wäre angemessen, dieses Computerspiel nicht zu veröffentlichen.”

Im Grunde zeugt diese Stellungnahme von einem gewissen Unverständnis des Mediums der “Videospiele” generell und von “Serious Games” speziell. Der durchschnittliche deutsche Gamer ist 34 Jahre alt und somit weder Jugendlicher noch Heranwachsender sondern schlicht erwachsen. Wenn das Spiel für bestimmte Altersgruppen bedenklich sein sollte, wäre es für diese nicht freizugeben bzw. der Zugang müsste gemäß der geltenden Gesetze verhindert werden. Leider ist diese Ansicht, nach der Videospiele sich nur an Kinder richten dürfen und auch dem entsprechend beschaffen sein müssten, in der Union und bei Politikern verbreitet. Anders würde es sich kaum erklären lassen, weshalb Fördergelder für Spiele auf Titel mit einer maximalen Altersfreigabe von 12 oder 16 Jahren beschränkt sind und Spiele, die sich an Erwachsene richten, nur schwer beim “Deutschen Computerspielpreis” nominiert werden können.

Ein weiterer Punkt ist, dass Videospielen offenbar pauschal unterstellt wird durch Spaß  unterhalten zu wollen. Auch wenn es in vielen Fällen zutrifft, dass die Spielmechanik in erster Linie darauf ausgelegt ist, gibt es doch Ausnahmen. Titel, die den Spieler in moralische Krisen stürzen und mit moralischen Zwickmühlen zu unangenehmen Entscheidungen zwingen, können nichtsdestotrotz spielenswert sein und auch eine Bereicherung für das Medium darstellen. Insbesondere bei “Serious Games” kann die “Selbstfindung” und “Selbsterfahrung” anstelle von seichter Unterhaltung der maßgebliche Antrieb des Spielers sein. Dieser Umstand, dass Spieler auch über virtuelle Verhaltensweisen reflektieren, wird hier jedoch konsequent ausgeblendet.

Was auch beunruhigt ist die Adresse. Hier spricht nicht etwa die Familienministerin, sondern der “kultur- und medienpolitische” Sprecher. Möglicherweise kommt es aber auch nur mir seltsam vor, wenn jemand, der eigentlich der Schaffung von Kunst und Kultur Räume öffnen sollte, fordert “dieses Computerspiel nicht zu veröffentlichen“. Man mag aus guten Gründen Inhalte bestimmter Werke ablehnen oder sie schon als handwerklich schlecht gemacht kritisieren, aber sollte es wirklich die Aufgabe eines Kulturpolitikers sein die Veröffentlichung von Medien zu verhindern, weil diese nicht mit seinen Wertevorstellungen vereinbar sind? Mir persönlich stellten sich ja schon die Nackenhaare auf, als der Kulturstaatsminister Bernd Neumann bestimmte Videospiele betreffend bedauerte, dass man “solche negativen Nischen” nicht werde “völlig ausmerzen können”. Vielleicht ist die Einstellung etwas naiv – aber wäre es nicht reifer sich auf inhaltliche Kritik zu beschränken anstatt reflexartig Dinge, die man nicht versteht, ausradieren zu wollen?

Dieser Text sollte nicht dahingehend verstanden werden, dass hier “1378 (km)” verteidigt werden soll. Ich habe es bisher noch nicht gespielt und bin mir auch nicht sicher, ob ich es je spielen werde. “Serious Games” habe ich in der Vergangenheit oft als etwas zu durchsichtig erlebt. Auch hier dürfte es wohl jedem klar sein, welche Entscheidungen und Erkenntnisprozesse mit welcher Bewertung bei den Spielern ausgelöst werden sollen. Wenn einem das aber bereits vor dem Spiel klar ist, hat sich das Spielprinzip im Grunde erledigt. Warum sollte man einen Weg gehen, wenn man bereits weiß, dass sich dieser als “falsch” herausstellen soll? Wenn man nur um ein Spiel abzuschließen Entscheidungen mit dem Wissen trifft, dass sie falsch sind, sehe ich zumindest bei “Serious Games” keinen Wert, der den Gebrauch des Szenarios aufwiegen würde. Vielleicht sollte man es aber doch wagen und sich eines Besseren belehren lassen. Diese Entscheidung sollte aber nicht die Union für die Bürger, sondern jeder für sich selbst treffen müssen.

27 Gedanken zu ““1378 (km)”: Download ab Freitag (Update)

  1. ich halte das projekt nach wie vor für einen witz. da kann ich gleich ein mensch ärgere spiel bauen mit terrorismus als thema und sagen, da könne man was lernen.

  2. Ich finde das Projekt an sich eine gute Idee. Das ganze Drama drum herum dagegen, ist eher wieder ein Armutszeugnis.
    imo würde das Spiel am besten funktionieren mit Schulklassen, die noch nie davon gehört haben.

  3. @frontal21: ups. Sorry, ich habs als Witz verstanden. ^^
    Ich meinte natürlich das Spiel. Erst was aus einem Buch über die Mauer lernen und dan den Schülern zeigen, dass es ein Spiel darüber gibt.

  4. es gehört wesentlich mehr dazu, damit seine intention auch verwirklicht wird,als ner polygonfigur dass ddr zeichen draufzumalen. zwar kennen viele deutsche jugendliche über die ddr nur mauer(fall) ddr, west und osten, wenn sie es nicht in der schule hatten, aber interessieren werden sie sich nicht dafür, zumindest nicht durch so ein spiel. wenn die spieler irgendwie mitleid mit der figur bekommen sollen, aber er dann von dem spiel dann leitkultur jugendlicher sein soll, ist es kein wunder, dass die gegner was missverstehen.

  5. achja, bald kommt das neue rockstargame L.A.noir und obwohl die grafik auf die menschen bezogen red dead redemption mit besserer aufgelösten texturen ist aber die gesichter wie aufgemalt aussehen, wie bei der siren-reihe, aber mund nase und augen total ausgebleicht wirken, bietet es die bisher fortgeschrittenste motion capuring-gesichtermimiken, so sehen die menschen wirklich aus wie menschen, das was bisher selbst in crysis die menschen immernoch aussehen lassen hat wie animiert.

  6. Also ich “spielte” ja schon den Vorgänger-Titel. Oder versuchte das zumindest mehrmals… Es gelang mir nicht, auch weil darin die ganze Zeit wenn jemand anderes zum spielen noch da gewesen ist auf dem Server – wie wild und tatsächlich sinnlos (sic!) herumgeschossen wurde in dem “Spiel”. Wenn es, also “1378 (km)”, auch nur annähernd so sein sollte, halte ich es für verlogen und abscheulich.
    Dem Videospiel wird damit auch kein Dienst erwiesen, andere Videospiele substantiell und tententiell bloß diffamiert werden, wenn etwas wie Schusswaffen darin integriert ist – diese Waffen jedoch keine Funktion erfüllen dürfen oder wie beim Vorgänger gar nur einseitig zum Einsatz kommen DÜRFEN.

    Man bloß die (eigenen) Beine hat um zu flüchten.

    In anderen, den für gewöhnlich verteufelten Ego-Shootern, geht es hingegen üblicherweise um Rettung und Selbstverteidigung, Überleben.
    Gerade das Letztere wird bei einem solchen Spielkonzept verhindert – ich habe von dem Autor des Spiels auch noch nichts Positives über andere Videospiele vernommen, außer womöglich noch Ressentiments dagegen.

    Nach den Beschreibungen des Spielinhalts welche ich bislang gelesen habe besteht jedoch die Chance, dass es diesmal anders werden wird als im Vorgänger, und etwa auch bei Abschüssen Auszeichnungen und Orden verliehen werden, etc. So wie es eben potentiell in der DDR auch gewesen wäre – nichts beschönigend und keine heile Welt vorgaukelnd.

  7. ich frage mich warum regierungen oder personen so was machen obwohl sie nichts wissen?
    statt das zu machen was für das volk gut ist verarschen sie sie nur und diskutieren über einen scheiß mit dem sie denken beim volk gut anzukommen.
    haben diese personen nichts besseres zu tuen? das ist doch hetzterrei
    sie sollten mal anfangen zu REGIEREN …

  8. ih würde diese umschreibung natürlich nicht verwenden, aber die CDU/csu-fraktion hat damit nicht ganz unrecht, dass es sich um ein “banales killerspiel im historischen rahmen” handelt. denn due einzigen befürworter, der darin pädagogisch vertvolles spiel sehen sind stober und kollgegen. alle anderen sehen darin ein hoffnungsschimmer, dass interaktive (unterhaltungs)software nicht immer spiel und spass sind (und pädogogisch wertvoll sein KÖNNTEN). denn im prinzp ist es nichts anderes als ein improvisierter multiplayershooter mit psydoernst, bestehend aus dem üblichen shotterkram in dem videos abgespielt werden, wenn man dies und das getan hat. stober hatte die möglichkeiten nenutzt die er hatte, die waren leider nicht nicht sehr umfangreich, aber jetzt sollen alle erkennen, was er es eigentlich sein soll. übrigen, so wie sich das anhört, glaubt die cdu(csu-fraktion die wollen geld mit dem spiel verdienen, da haben wir ihn wieder, den millitärisch-industrieller komplex, diesmal von ddr-anhängern.

  9. Wenn ich provozieren wollte würde ich sagen: als nächstes möchte ich ein Spiel über die USAmerikanisch-mexikanische Grenze haben. Mal schauen, was man damit “lernen” kann.

    Naja, ich halte das Spiel für Blödsinn. Wieder eine “Erziehungsmaßnahme” die uns einbläuen soll, was für ein Unrechtsstaat die DDR doch war und dass wir uns alle deswegen schuldig fühlen müssen.

    Egal in welchen Hintergrund man das Spiel auch zwängt, es ist ein Spiel. Und jeder pädagogische “Inhalt” wirkt nur geheuchelt und aufgezwungen.
    Aber heutzutage muß ja überall ein mahnender zeigefinger bei sein und den Kindern von Klein auf beibringen, dass sie nicht mitzudenken haben.

  10. @Phaidros
    Naja, also ich denke eher, dass es, wenn man es als “Spaß”-Spiel versteht und an Kinder gerichtet sein sollte, so könnte es wenigstens Interesse wecken. Würdest du denn nicht anfangen, darüber nachzudenken, wenn du in einem “Spiel” auf wehrlose Menschen schießen könntest und das “Spiel” dir sagt: Supi!
    Man müsste eben nur mit einer medienkompetenten Fachperson das ganze betreuen. NUR betreuen, nicht überwachen.

    Allerdings ist es kein “Spaß”-Spiel und es ist, soweit ich es verstanden habe, nicht an Kinder gerichtet. Insofern fällt der Kinder-Aspekt nicht so schwer ins Gewicht (denke ich zumindestens)

  11. Ich denke man sollte sich eher fragen was “Spiel” in Videospiel eigentlich bedeutet, (heißen) soll, ausdrücken (möchte), etc.
    In Schauspiel kommt dieses deutsche Wort schließlich auch vor – dennoch war das dort schon weit früher völlig selbstverständlich mit Ernst verbunden. In Videospielen ist es das hingegen nicht, in Deutschland spricht man noch von “Spielspaß”, usw.

    Können, ja sollen, ernste Themen denn keinen Spaß machen? Ich habe für gewöhnlich im Gegenteil vor allem daran meine Freude.
    Die Frage ist doch wie jemand “Spaß” für sich definiert

    Und das dann von “Ernst” unterscheidet, oder eben nicht – zum Beispiel bei päjorativen Reden über (angebliche) “Spaßgesellschaften”.
    Bildung soll so aus meiner Sicht immer Spaß machen, Film auch – jedenfalls Freude bereiten. Das heißt auch negative Dinge – wie eine Erschütterung, eine Läuterung und ähnliches.

    Vielleicht ist es ja eher so, dass diese ganzen Aversionen gegen Spaß – Verbindungen von Ernst als Unterscheidung bei Unterhaltung von noch mit etwas das alle Menschen betrifft, wie eben Kultur – die school shootings und Gewaltverbrechen begünstigt hat: die geistige Enge einer Mentalität der Ordnung und Freudlosigkeit.
    Ich halte überhaupt nichts davon in Selbstgenugtuung und Überheblichkeit zu moralisieren, negative Dinge diffamieren zu wollen – das ist abgesehen von den politisch fragwürdigen Implikationen eines solchen (meist zutiefst bürgerlich gedachten) Unterfangens regelrecht absurd aus meiner Sicht, denn negative Dinge sind bereits längst diffamiert worden – sonst wären sie nicht negativ konnotiert. Alles andere sind mehr oder weniger perfide Unterstellungen, vorgenommen über eine negative Anthropologie, etc. Bei MoralistInnen die ich schätze, wie Dickens oder Pratchett, findet sich das schließlich auch nicht.

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