Zensur-Jahresüberblick 2010/“Silent Hill – Homecoming“ verboten

(Schnittberichte) Bei Schnittberichte ist wieder der jährliche Rückblick über die 2010 in Deutschland nicht oder nur nur nach Zensuren veröffentlichten Videospiele verfügbar. Bemerkenswert: Während 2009 noch 30 Titel angeführt wurden, hat sich die Zahl 2010 mit gerade 17 Einträgen beinahe halbiert. Insgesamt waren im letzten Jahr somit drei von vier „Erwachsenentiteln“ (ungeschnitten) erhältlich, während es 2010 nur jeder Zweite war. Darüber, ob diese Änderung durch eine liberalere Spruchpraxis bewirkt wurde, oder ob es schlicht weniger Spiele mit expliziten Gewaltdarstellungen gab, kann man nur spekulieren. Auch an anderer Stelle finden sich Überraschungen: Das Amtsgericht Frankfurt (a.M.) hat am 19.11.2010 die Beschlagnahme der UK-Version des xbox360-Spiels „Silent Hill – Homecoming“ beschlossen (4843 Js 238595/10 – 931 Gs).

26 Gedanken zu “Zensur-Jahresüberblick 2010/“Silent Hill – Homecoming“ verboten

  1. Ja, den Eindruck teile ich. Es scheint weniger indiziert, weniger geschnitten zu werden.
    So fand ich bespielsweise selbst die Cut Fasssung von Black Ops sehr, sehr heftig…
    Bleibt abzuwarten, wie es weitergeht.

  2. „Insgesamt waren im letzten Jahr somit drei von vier “Erwachsenentiteln” (ungeschnitten) erhältlich, während es 2010 nur jeder Zweite war.“

    Fällt da was auf? ;)

    Naja, auch wenn hier wieder genug auftauchen werden, die irgendwas schlechtes darin sehen (die Meldung über SH beitet ja genug Angriffsfläche), werte ich die Tatsache, dass die Anzahl sich fast halbiert hat schonmal als gutes Zeichen. Wenn ich nur daran denke, dass Fallout: New Vegas im Gegensatz zum Vorgänger zwar immer noch geschnitten war, dafür aber nicht mehr so extrem, denke ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Und bevor jetzt wieder irgendwelche Besserwisser ankommen: Wie ich schonmal gesagt habe, kann man von einem Land, dass in den vergangenen Jahren regelmäßig nach „Killerspiel“-Verboten geschrien hat, nicht erwarten, dass es von einem auf’s andere Jahr plötzlich mit seiner Zensurpolitik ganz aufhört. Aber wenn wir weiter warten (und dabei natürlich so gut es geht die Bevölkerung über unser Hobby aufklären), werden die momentanen Anti-Killerspiel-Politiker irgendwann entweder einfach aus der Politik austreten, wegsterben oder sich irgendwann der Meinung der Spieler beugen müssen.

  3. Ich würde den Tag nicht vor dem Abend loben, vielleicht erscheint dieses Jahr kaum mehr ein Game unzensiert, möglich ist in Deutschland alles, an eine Besserung der Zensursituation glaube ich erst wenn ich sie sehe und selbst dann noch werde ich skeptisch bleiben, aus guten Grund.

  4. „die haben doch echt den Arsch offen…“ Weißt du wie oft ich das über die deutschen Politiker, Bosse, Manager, Behörden, Bürokraten, Medienvertreter und Zensoren denke.

  5. Ich finde es seltsamerweise, denn BJPM bzw. Gericht über die Beschlagnahme
    des Spiels vom 19.11.10 niemals in die Öffentlichkeiten informiert hat.
    Ganz nur schweigen.

    So ist es nun eine höchste Zeit, daß BPJM, das Medienzensurgesetz (z.B: JMSTV) und die ewig umstrittene Indizierungspraxis damit endlich zur Abschaffung hingehören werden.

    mfg Pirat72

  6. @Pirat72
    So wie ich das sehe ist eine transparente Informationspolitik da überhaupt nicht vorhanden. Gäbe es nicht Datenbanken wie diese hier http://www.technolex-anwaelte.de/index.php?id=33 wo Beschlüsse gelegentlich auftauchen, gäbe es überhaupt keine handfeste Information über womöglich Kreisverbindungen von JuristInnen hinaus – mit bestimmten Zugängen etwa an Bibliotheken im Land.
    Und auch abseits von den Gerichtsbeschlüssen: jenseits eines Abonnements oder Bezugs der BPJM aktuell beziehungsweise wieder einem Gang in entsprechende Bibliotheken kenne ich da keine Möglichkeit. Bloß eben Fan-Seiten wie SB.com oder BPJM.com

    Und das hat ja auch einen perfiden Grund der bei den Games meinem Eindruck nach auch immer weiter bis in die Spielepresse hineinreicht, wo aus meiner Sicht über solche Entwicklungen zunehmend weniger berichtet wird – nachdem die Berichterstattung nach einer Indizierung endete sind entsprechende Rubriken online womöglich auch nicht mehr vorhanden. Der Grund: die Berichterstattung über „Jugendgefährdendes“ selbst wird mitunter als „jugendgefährdend“ angesehen. Und da die Gerichte bislang zumindest auch nur Jugendgefährdendes so zumindest schuldig gesprochen haben, betrifft das eben auch alle beschlagnahmten Spiele
    Spiele welche Gefahr laufen indiziert zu werden, werden aus Furcht vor Verlust der Auflage im Print nicht mehr „getestet“ oder rezensiert, vielleicht noch online, diese Texte sind aber eben auch da nur verfügbar bis eine etwaige Indizierung erfolgt ist.

  7. Was für schöne Nachrichten, wenn man gerade aus dem Urlaub kommt… *kotz*
    Was für eine tolle Primiäre des AG Frankfurt a.M., die Kompetenz greift um sich.

    Vier Spielebeschlagnahmungen in einem einzigen Jahr, dass ist ein neuer, trauriger Rekord und ich halte es für angemessen, von einer kleinen Welle zu sprechen: Zwischen 1994 und 2003 kam es zu „nur“ drei Beschlagnahmungen (ungeachtet der gesonderten Beschlagnahme der europäischen PC DVD-ROM-Version von Condemned), seit 2004 wurden 11 weitere Spiele beschlagnahmt, davon 9 seit Mitte 2007; erstaunlicherweise erfolgte 2009 keine einzige Spielebeschlagnahmung…

    Wenn man bedenkt, was da momentan dank der inflationären BPjM-Wertung einzelner Spiele als strafwürdig noch so alles auf Liste B des Index wartet, ohne explizit beschlagnahmt worden zu sein, steht uns noch einiges bevor. Und bislang ist mir kein Fall bekannt, wo sich ein Gericht dann doch nicht für eine Beschlagnahmung entschieden hätte, sobald es sich mit einem Spiel zu befassen hat.

  8. Die UK-Fassung von Medal of Honor wurde auch auf Liste B indiziert. Da steht uns dann also auch demnächst eine Beschlagnahme bevor. Und das Spiel ist wesentlich harmloser als Silent Hill! Wobei auch Silent Hill relativ harmlos ist. Und die Klage von EA wegen der Nichtkennzeichnung durch die USK hat sich mit der B-Indizierung dann erledigt.

  9. @Pirat72
    Nicht nur angeblich und wie ich es schon sagte, die arbeiten auch eng mit solchen wie der KJN zusammen, deren (Forschungs)Ergebnisse fließen direkt mit in die Indizierungskriterien und auch in die Prüfkriterien eines USK welche ja die Freigaben für Games vergibt.

  10. Eigentlich gehört es zum guten Ton auf die Seite von der man seine Informationen hat auch zu verlinken…
    Nun ja, Netiquette und Internet.

  11. @Rey

    Stimmt. Hier wird lieber auf gulli.com verlinkt, einer Seite, in deren Forum offen Warez, Key-Gens und Cracks angeboten und debattiert werden. Da gibt’s schließlich keine „rechtlichen Probleme“… ;)

  12. Im Normalfall sind mir der Index und Beschlagnahmungen egal da ich jegliche Art von Medien sowieso nur aus dem Ausland beziehe, aber in diesen Monat kann ich nur mit Kopfschütteln reagieren.

    Da hätten wie zuerst „Silent Hill: Homecoming“ welches nun komplett aus dem Verkehr gezogen wurde. Das Spiel kann nur, wenn man es mit der deutschen Fassung vergleicht, wg. 2 Dingen beschlagnahmt worden sein.
    Nr.1: Finishing-Moves gegen menschliche Gegner.
    Aus der Erfahrung heraus weiß ich das man kurz vor Ende des Spiels auf menschliche Gegner trifft. Diese sind aber kaum mehr als eine Handvoll und durch ihre Kleidung auch nicht als solche zu erkennen. Wenn man nun diese Finisher sieht, frage ich mich warum diese so schlimm sind?!? Vor allem wenn man es im direkten Vergleich zu einem „Assassin’s Creed“ sieht, was ab 16 freigegeben ist, aber im direkten Vergleich fast schlimmere Todesszenen als ein SH:H hat.
    Nr. 2: Folter-Szene.
    Erstmal die Faktenlage für alle die das Spiel nicht kennen. Kurz vor Ende des Spiels gibt es eine Folterszene. Allerdings ist nicht der Spieler die Person die foltert, sondern die Person die gefoltert wird. Nun muss man in einem Quick-Time Event entkommen. Schafft man das nicht wird man getötet. Schafft man es, stirbt der Folterknecht und man selbst entkommt. Auch hier habe ich nur Unverständnis.
    Wir haben Spiele wie „God of War 3“ oder „Der Pate“ mit einer USK 18, Spiele in denen man als Spieler aktiv andere Personen ( auf weit schlimmere Weise ) in Quick-Time Events tötet oder foltert. Aber hier, bei SH:H ist es plötzlich so schlimm das das ganze strafrechtlich relevant ist?
    Kann und möchte ich nicht verstehen. Deshalb mein absolutes Unverständnis für die Beschlagnahmung dieses Titels.

    Nun zum zweiten – „Medal of Honor“.
    Hier haben wir einen Titel dessen einziger Unterschied zu seinem deutschen Gegenpart der ist, das man beim Einsatz von „schweren“ Waffen dem Gegner Körperteile abtrennen kann. Ich selbst habe die internationale Version des Spiels gespielt und das ganze ist bei mir vielleicht ein halbes Dutzend mal vorgekommen, wenn überhaupt.
    Für diese Möglichkeit landet die internationale Version jetzt auf Liste B, es besteht also die Möglichkeit auf eine Beschlagnahmung.
    Im gleichen Moment landet ein Spiel wie „Rogue Warrior“ auf Liste A. Ein Spiel was, Verzeihung, gewaltverherlichender Dreck ist. Dreck den man zwar nicht wirklich Ernst nehmen kann, und der die meiste Zeit auch unfreiwillig komisch ist, aber auch ein Spiel was das brutale töten von Gegner regelrecht zelebriert. Wo wir auch wieder bei SH:H wären. Bei „Rogue Warrior“ sind brutale Finisher erlaubt, bei SH:H nicht.
    Wir hätten noch andere Beispiele im Shooter Bereich. Ein „Army of Two: The 40th Day“ ist deutlich brutaler als ein MoH, man hat hier sogar die Möglichkeit unbewaffnete und sich ergebende Gegner zu exekutieren. Aber auch das steht nicht auf Liste B.
    Außerdem zeigt MoH
    –SPOILER ANFANG–
    vor allem am Ende des Spiels den Krieg nicht als Funparkride: Man stirbt und erlebt dies durch die Augen des Sterbenden. Hier an dieser Stelle ist MoH mehr Antikriegsspiel als die Ganzen vorher genannten. –SPOILER ENDE–

    Diesen Text musste ich mir einfach mal von der Seele schreiben, auch um die Schizophrenie und das allgemeine Gefühl der Willkür das die Beispiele hier haben aufzuzeigen.
    Danke für’s lesen.

  13. Also SilentHill wurde beschlagnahmt und ich kann nur über das verkokste System lachen.
    Schon die dt. Version war lächerlich geschnitten und dadurch an vielen Stellen einfach nur ein Witz in Plastik eingeritzt.
    Das die eng-Version nun beschlagnahmt ist, macht mich eigentlich nur wütend. Denn das Spiel ist ziemlich harmlos im Bezug auf Gewalt. Es gibt ein paar kleine Szenen, an denen sich mancher Paragraphenreiter wohlmöglich aufgeilen kann, bis die Beschlagnahmung sicher ist, aber ein denkender Mensch sieht da rein durchschnittlich ein Spiel für erwachsene Menschen.
    Aber dt. Gerichte pieksen sich ganz gerne mit einzelnen Gewaltspitzen in den Finger und sparen sich dann auch die BEgründung, warum das nun Gewaltverherrlichend sein soll, indem einfach bestehende gewalthaltige Szenen aufgelistet werden. Das der Spieler diese Szenen in SH:H abstoßend und beklemmend finden soll, das ignorieren die medienkompeteten Juristen gerne mal.
    Die Bewohner der Stadt haben einen Pakt mit dem Teufel und haben diesen gebrochen und leben daher in ihrer eigenen Hölle, verdammt für immer und ewig. So und der Spieler sieht nun deren leid, was auch abstoßend sein muss, da wird nichts verherrlicht, da wird die Hölle dargestellt.

    Auch wenn SH:H spielerisch ein wenig enttäuschend ist, so ist es atmosphärisch schon ziemlich gut!

    Leider sind dt. Richter wohl nicht in der Lage ein Spiel zu verstehen, bevor der Hammer fällt, denn Gewaltverherrlichung in der Hölle ist schon arg albern. Vermutlich wäre eine §131-Konforme Hölle gefült mit Vanilleeis.

    Medienkompetenz ist leider keine Vorraussetzung um Richter oder einer der geheimen 3-12 bei der BPjM zu werden…

  14. @Beck
    Mit einer Zuschreibung wie „gewaltverherrlichend“ verhält es sich aus meiner Sicht ähnlich wie mit „hässlich“ – sie ist ein indivduell bedingtes Werturteil. Der eine wird Silent Hill so empfinden, der andere nicht, ein Dritter „Rogue Warrior“ auch nicht. Was etwas „zelebriert“, glorifiziert oder sonst etwas in diese Richtung ist für mich gleich wenig zu sagen wie ob jemand tatsächlich schön ist oder nicht.
    Ich halte zum Beispiel „Naughty Bear“ für gewaltverherrlichend und menschenverachtend, obwohl gar keine Menschen darin vorkommen. Und das ist immerhin schon frei ab 16
    Grundsätzlich stimme ich jedoch zu: auch ich halte die Assassin’s Creed-Franchise für überaus brutal, auch etwa ein Batman Arkham Asylum. Oder ein Red Dead Redemption – vor allem was dessen Gewalt gegen Frauen betrifft, ähnlich wie bei GTA IV.

  15. @maSu
    Ich denke „Medienkompetenz“ ist eine ähnlich problematische Konstruktion wie auf der anderen Seite „Mediengewalt“. Beides kann es aus meiner Sicht eigentlich nicht geben, das heißt niemand kann eigentlich „medienkompetent“ sein – schon allein weil niemand alle Medien, deren Wirkungen oder Formen kennen kann. Das wäre auch langweilig aus meiner Sicht, weil Medien die Leute so irgendwie auch nicht mehr imstande wären zu überraschen. Wenn „medienkompetent“ sein so ein Ideal ist, dann möchte ich das möglichst nicht sein.
    Nach allem was ich aus der Medienpädagogik davon nämlich bislang gelesen habe sind es schlichte Konstruktionen von Normen welche mit dem Begriff verbunden sind, so nach dem Motto das einem nichts mehr wahrhaftig schocken oder berühren kann, weil man alles aus einer gewissen Distanz, eben „medienkompetent“, wahrnehmen würde, wenn man mit bestimmten Ausdrucksformen (besser) vertraut wäre als Andere. Medien werden so in gewisser Hinsicht reduziert und (eine Rede von) „Medienkompetenz“ ist so ein Reduktionismus den ich – wie andere Reduktionismen auch – persönlich als Illusion oder zumindest illusorisch mehr oder weniger vollständig ablehne.
    Da stimme ich der bekannten Computerspiele-Gegnerin Frau Elke Ostbomk-Fischer womöglich auch einzig zu: „Medienkompetenz“ ist auch für mich ein Nebelbegriff – schon allein weil ich zumindest manche Formen der Medienpädagogik zusammen mit Medienfeindlichkeit als lediglich zwei Seiten einer Medaille begreife.

  16. Pingback: Zur „Medienkompetenz“ « Jürgen Mayer

  17. Pyri: Wenn dt. Richter zu dem Schluss kommen, dass abstoßende und widerwärtige Darstellungen, die die Hölle und das Leid ihrer Bewohner darstellen soll, Gewalt verherrlichen würde, dann ist das ein wasserdichter Beweis dafür, dass diese Richter fachlich nicht zur Beurteilung von Videospielen geeignet sein können wegen nachweilicher Inkompetenz.
    Ein Medium, welches Gewalt verwendet um eine Szenerie für den Zuschauer/Spieler möglichst beklemmend, grausam und unangenehm zu gestalten, dann ist das der komplette und 100%ige Gegensatz zur Verherrlichung.
    Gewalt ist zudem in Silent Hill nicht immer notwendig, weglaufen ist immer eine Alternative, die zudem an vielen Stellen sehr empfehlenswert ist.

    D.h. wenn es sowas wie Medienkompetenz gibt, dann sind die Richter die das entschieden haben dies 100%ig nicht, denn Silent Hill als Gewaltverherrlichend zu betiteln, das ist so, als würde man in eine Zitrone beißen und behaupten man lutsche auf Zuckerwürfeln herum.

    D.h. mMn wurde hier wieder mal(!) das bloße vorhandensein von Gewalt als Gewaltverherrlichung ausgelegt – anders kann ich mir das nicht erklären.

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