Ein paar Kleinigkeiten

Im Grunde sollte man sich freuen, wenn Menschen sich für eine bessere Gesellschaft engagieren – auch wenn sie dabei über das Ziel herausschießen. Denn wenn bei Eltern nur hängen bleibt, dass sie doch ein wachsames Auge auf die Aktivitäten ihrer Kinder haben sollten und in Erinnerung gerufen bekommen, dass sie für die Erziehung ihres Nachwuchses verantwortlich sind, dürfte das nicht allzu schädlich sein.

Problematisch wird es nur, wenn die unrichtigen Details nicht vergessen, sondern beispielsweise von Politikern als dankbare Schützenhilfe angenommen werden. Und welche es sich dabei handeln kann zeigt eine Reihe von Artikeln, auf die mich Shane Fenton und amegas aufmerksam gemacht haben. Sie stammen aus der Feder von Antoinette Mächtlinger – ihres Zeichen offenbar pensionierte Schweizer Pädagogin. In ihrem neusten Artikel widmet Sie sich einem Buch Rudolf Hänsels: „Game Over – Wie Killerspiele unsere Jugend manipulieren“. Bereits hier ist interessant, was nicht gesagt wird und bei einem Buch, dass sich an Eltern und Erzieher richtet eine Erwähnung wert sein könnte: Nämlich, dass der Autor dem als „autoritäre Psychosekte geltenden „Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis (VPM)“ nahe“ stand. Auch ein weiteres Detail zeigt, dass die Autoren wohl erst in der aller letzten Sekunde noch die Kurve von Verschwörungstheorie zu Elternratgeber geschafft haben. Währen das Buch mit dem Untertitel „Wie Killerspiele unsere Jugend manipulieren“ erschienen ist, wurde offenbar zuvor mit „Wie US-Killerspiele unsere Jugend zerstören“ eine ideologisch eindeutigere Version erwogen. Aber nun zur Rezension:

Es beginnt bereits szenetypisch mit der Feststellung, dass „Killerspiele […] häufig militärischen Ursprungs“ seien. Als Beispiel wird direkt America’s Army angeführt, das neben Full Spectrum Warrior jedoch das einzige ernstzunehmende Videospiel sein dürfte, welches diese Voraussetzungen erfüllt. Letzteres im Übrigen nur unfreiwillig: Um als günstige Hardware die Xbox nutzen zu können war nach den Lizenzbestimmungen eine kommerzielle Veröffentlichung erforderlich. Angesichts dieser zweier Spiele und des Umstandes, dass allein 2008 und 2009 von der USK 214 Ego-Shooter geprüft wurden (Wobei Full Spectrum Warrior nicht einmal einer ist), erscheint die Aussage, dass „Killerspiele […] häufig militärischen Ursprungs“ seien, doch etwas übertrieben. Der Glaube, dass die in den Verkaufscharts vertretenen Videospiele größtenteils dem Militär entstammen würden, ist nichtsdestotrotz auch dank solcher Artikel weit verbreitet. Ein weiterer Punkt, den ich hier noch als Schreibfehler auffassen möchte, ist die Information, dass America’s Army „von drei Milliarden Gamern weltweit gespielt“ wird. Ich halte die Zahl für etwas zu hoch gegriffen – kann mich aber auch irren…

Ein weiterer Punkt ist ein alter Bekannter, der jedoch wenig relevant ist. In vielen Veröffentlichungen von Spielegegnern wird auf die angeblich neue Möglichkeit hingewiesen, dass für Videospiele die Gesichter von Schulkameraden und Lehrer eingescannt und dann virtuell abgeschossen werden könnten. Mit persönlich ist nur bei Operation Flashpoint die Möglichkeit bekannt das Gesicht auch für die Mitspieler zu ändern. Hier wird jedoch meistens auf Quake verwiesen, wie es unter anderem in diesem Artikel der EMMA der Fall ist. Der Artikel stammt aus dem Jahr 2000, das Spiel sogar aus dem letzten Jahrtausend. Es amüsiert dann doch, wenn die über Jahre zitierten gleichen Artikel dazu führen, dass wir nun 2011 immer noch von einer „Technologie neueren Datums“ sprechen können. Ich weiß gar nicht, ob ein solch simples Feature wie bei Flashpoint heute noch existiert: Schließlich würden auf diese Art eingefügte Texturen ohne die heute wohl obligatorischen zusätzlichen Ebenen für Schatten, Relief, Glanz- und Leuchteffekte wohl etwas bescheiden ausfallen. In einer weiteren Rezension – ebenfalls 2011 – wird die Thematik ebenfalls angesprochen und direkt aus „Game Over“ zitiert (S. 35):

„Und neueren Datums ist die Technologie, die es den Jugendlichen „Bilder von Lehrern und Mitschülern auf die Gesichter der Menschen zu projizieren, die man im Spiel tötet.““

Ich weiß nicht, ob Hänsel wiederrum direkt aus Grossman zitiert, zumindest lässt sich die Ähnlichkeit nicht verleugnen. In der 2. Auflage (2003) von Grossmans „Wer hat unseren Kindern das töten beigebracht“ steht folgender Satz:

„Die jüngste Technologie macht es möglich, Bilder von Mitschülern und Lehrern zu scannen und auf die Gesichter der Menschen zu projizieren, die man tötet.“

Die Erstveröffentlichung stammt übrigens von 1999, so dass Hänsel wohl tatsächlich in seinem 2011 erschienen Buch ein Feature des vor 12 Jahren veröffentlichten Quake immer noch als Technologie „neueren Datums“ verkauft. In der weiteren Rezension ist übrigens wieder von America’s Army die Rede, dass „von ca. drei Milliarden Gamern weltweit gespielt wird“. Während beim ersten Artikel noch ein Fehler in der Rezension nahe lag, könnte der mittlerweile auch in „Game Over“ vermutet werden können. Denn zweimal hintereinander sollte ein solcher Schreibfehler nicht geschehen. Aber auch sonst ist die Autorin von Spielen und Spielern nicht sonderlich angetan – als kleine Geschmacksprobe:

„Wem das Töten im Computer nicht ausreicht, greift zu echten Waffen und zieht in den Krieg – gegen Mitschüler und Lehrer zuerst.“

In einem anderen Artikel (2009), diesmal über das Buch „Megabuster“ von Interpixel, wird letztendlich noch ein weiterer Mythos bemüht, in dem der Ursprung von Ego-Shootern beim Militär vermutet wird:

„[…] Dave Grossman […] beschreibt die psychologischen Erkenntnisse über Soldaten, die zu Ausbildungszwecken an Computerspielen gedrillt werden, um ihre Tötungshemmung abzubauen. Eigentlich müsste schon dieses Wissen um den Ursprung der Killerspiele genügen, um Kinder von ihnen fernzuhalten.“

Wo selbst nach dem Presserat die Verbreitung von Verschwörungstheorien zulässig ist, sollte ich wohl besser nicht auf den Hinweis verzichten, dass selbst nach Grossman das Genre der Ego-Shooter nicht auf virtuelle Trainingsprogramme des Militärs zurückgeht. Dahingehende Aussagen sind schlicht falsch. Wer die Muße hat auf weitere Punkte einzugehen, darf dies in den Kommentaren gerne tun.

Artikel:

Mächtlinger, AntoinetteWie Killerspiele unsere Jugend manipulieren, Schulblatt v. 08.04.2011, S. 29.
Mächtlinger, AntoinetteKillerspiele und Amokläufe, Unsere Welt 1/2011, S. 6.
Mächtlinger, Antoinette, Kriegsgebiet Kinderzimmer, Unsere Welt 4/2009, S. 5.
Mächtlinger, Antoinette, Mediale Gewalt, Unsere Welt 1/2010, S. 7.

11 Gedanken zu “Ein paar Kleinigkeiten

  1. 3 Milliarden Gamer? Es dürfte nicht einmal annähernd soviele Computer geben xD
    Und selbst wenn werden kaum derart viele Leute ein dann doch eher mäßiges Spiel spielen, nehme ich an.

  2. Also schon das da steht:“ 3 Milliarden Gamer würden zocken und wem der Virtuelle krieg nicht reicht zieht zu erst gegen schüler und lehrer in den Krieg!“, wiederspricht sich so dermaßen das man nach dem Verstand des Autors fragen darf! Den danach müssten wir am Tage mindestens 3-10 Amokäufe am TAG haben! So ein Mumpitz.

  3. Bei solchen Texten, wie den von Mächtlinger, frage ich mich mittlerweile was schwieriger sein muss; das Abschreiben der ewig gleichen Aussagen von den üblichen Verdächtigen oder die Suche nach immer neuen Belegen, um die eigenen Ideologien aggressiv zu vertreten.
    Ich glaube, wenn ich immer das gleiche schreiben würde, würde ich irgendwann ziemlich üble Komplexe kriegen, weil mich keiner jenseits der UNinformierten erst nimmt.
    Im Grunde ist tragisch, dass einige Leute offenbar gar nicht in der Lage sind, ihre eigene Sichtweise kritisch zu reflektieren und überhaupt mal über andere Argumente nachzudenken.

  4. http://www.army.mil/article/16678/
    “ In January 2007, America’s Army recruited its 8 millionth registered user; at the same time, the actual U.S. Army had just 519,472 Soldiers on active duty. This makes the virtual America’s Army 15 times larger than the real thing. Today the game has more than 9.7 million registered users. “

    Wie viele der Accounts tatsächlich aktiv sind, oder 2 Accounts sind, weiss vermutlich keiner.

  5. Und so ging es für viele jahre bis ans Ende ihrer Tage.Man man nur euín bischen Recherche
    und man würde sehen das das alles Humbug ist,aber Augen verschliessen ist ja besser

  6. @Crusader
    Weißt du was das wirklich tragische ist, das solche Leute für Gesetze gesorgt haben die Deutschland in Europa einmalig bei der Zensur macht.

  7. @Trask
    Wobei die Tragik auch darin liegt, dass jene Leute Angst vor sehr vielen Dingen haben, deren tatsächlicher Eintritt in der Praxis strittig ist. So muss dann eine große Gruppe (Wir!) darunter leiden, dass einige wenige meinen, alles mit Gesetzen und Behörden regeln zu können.

  8. @Crsuader
    Ja das auch.

    Was ich ja lustig finde ist die Spieleranzahl bei Americas Army, ich meine das ist ja schon knapp die Hälfte der Weltbevölkerung die ja momentan bei 6,2-6,4 Milliarden liegen soll. Ich eigentlich irre das sowohl die Autoren als auch die Leser dieser Bücher diesen Quark glauben. Der ganze Zensurunsinn, die Spieledebatte etc. ist im Grunde Irrsinn vor allen wenn man sich mal anguckt was für, entschuldigung für das böse Schimpfwort, Vollidioten dahinter stehen, die große Frage ist aber wer die größten Idioten sind, die die den ganzen Unsinn (oft böswillig) verbreiten oder die die den Unsinn (ohne mal selbst nachzudenken) glauben.

  9. Das sehe ich ja jetzt erst: Der Leitartikel der „Unsere Welt“-Ausgabe 01/2011 stammt aus der Feder von Fidel Castro, der darin „sofortigen Frieden“ für Libyen fordert, natürlich ohne Einmischung von außen.
    .
    Insofern bleibt Castro seinem Amtskollegen, dem Revolutionsführer Gaddafi treu, mit dem er sich ja auch den Titel des „Größten Führers“ teilt…
    .
    Keine weiteren Fragen.

  10. – „Wem das Töten im Computer nicht ausreicht, greift zu echten Waffen und zieht in den Krieg – gegen Mitschüler und Lehrer zuerst.“

    Wie kommt man eigentlich zu solch einem Menschenbild? Und wieso um alles in der Welt gibt es tatsächlich Menschen, die so ein Bild auch noch für plausibel befinden?
    Wie soll man sich die Psyche solch eines Menschen vorstellen?
    „Gnaaa, ich brauchs härter, ganz viel härter. Ich geh morgen Amoklaufen. Hmm, hab ich überhaupt Waffen hier? Gnaa, nee muss ich erst kaufen. Und wo bekomm ich Munition? Und überhaupt, ich kann noch nicht mal nen Vogel töten, wie soll das mit meinen Mitschülern laufen? Ah geh passt schon, auf gehts“
    So in etwa?
    Jeder Filmkritiker würde einene solchen Charakter als „Paperboard-Cutout“ bezeichnen.

    Ok anderes Beispiel, gehen wir davon aus dass er nicht mehr zwischen Realität und Virtualität untescheiden kann. Er also quasi psychotisch ist. Wie zur Hölle kommt er an die Waffen, ohne das es auffällt? Hat er da doch noch seinen Sinn für Realität behalten? Warum eigentlich erst in der Schule, warum nicht gleich im Haus? Er hat den Faden zur Realität verloren, wieso schafft es ein solcher Mensch den Schulweg über wieder „klar“ zu werden und in der Schule dann wieder „auszuklinken“?
    Ist ja quasi wie vorgetäuschte Amnesie: Man erinnert sich an alle möglichen Dinge, die nichts mit der Sache zu tun haben, und reagiert auch entsprechend. Aber gerade dann wenns interessant wird setzt die Erinnerung aus. Ist klar, jeder nicht-hirnamputierte Richter würde sowas als Lüge entlarven.

    Ich versteh es nicht tut mir leid. Vielleicht ist die Ursache eine Ähnliche wie beim Rassismus: Man abstrahiert den Menschen so lange, bis es einem ins Weltbild passt.

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