Lesehinweis

Gewöhnlich weisen wir auf Publikationen hin, die fehlerhaft über Videospiele berichten. An dieser Stelle machen wir eine Ausnahme: Auch wenn Christian Stöcker in seinem Buch eher die Entwicklung der „Generation C64“ nachzeichnet, gibt es doch eine Reihe von Aussagen, für die man schon lange nach einer gedruckten und zitierbaren Quelle gesucht hat. So wird unter anderem erwähnt, „dass Robert Steinhäuser nicht die Nächte durch >Counter-Strike< gespielt hat und >Counter-Strike< kein Dauerbrenner von Robert Steinhäuser gewesen ist„, dass er darüber hinaus über keinen Internetanschluss verfügte (Beides S. 157) und dass die Aussage, das US-Militär habe „Ego-Shooter entwickelt […], um Soldaten die Tötungshemmung abzutrainieren„, „nachweislich falsch“ sei (S. 264).

Stöcker, Christian, Nerd Attack!, München 2011.

6 Gedanken zu “Lesehinweis

  1. Und woher hat Stöcker sein „Wissen“? Welche Quellen gibt er an?

    Sorry, aber diese Meldung absurd.
    Voriges Jahr wurde er hier etwa so zitiert: ‚“Wir leben in einer gewaltbessessenen Gesellschaft.“ Ein Großteil der Unterhaltung sei eher grauenhaft, Spiele bildeten da keine Ausnahme.‘ http://www.heise.de/newsticker/meldung/Spielen-in-einer-gewaltbesessenen-Gesellschaft-984670.html Da könnte man also etwas auch ganz anders verwenden.
    Wie sollte man die beiden hier herausgestellten Aspekte auch nachweisen wollen? Also wie Steinhäuser seine Nächte verbracht hat – damals gab es noch kein Steam-Rating – und dass das US-Militär „Ego-Shooter“ so bestimmt verwendet habe. Das Letztere könnte man allein deshalb schon nicht weil irgendein Einsatz von irgendeinem Spiel, und sei es die AA-Werbung, letztlich zufällig und unbeabsichtigt zu genau diesem Ergebnis geführt hat. Wie auch „Ego-Shooter“ definieren? Das sind alles kulturelle Äußerungen um die es hier geht – auch wenn sie noch so oft unter medizinische oder soziale Vorzeichen im Sinne eines vermeintlichen
    Das kann niemand sagen. Wirklich nicht. Und darauf sollte man sich auch überhaupt nicht einlassen –
    Das was wichtig wäre wäre, dass man auch andere Interpretationsmöglichkeiten von Gewalt in Spielen zuließe – doch genau davon scheint man in fast jeder Beziehung sehr weit weg zu sein. Noch immer. Gerade wenn ich so manches beim Spiegel lese, vor allem wenn Militär im Spiel ist…
    Ebenso früher bei der GEE oder anderen Organen die sich traditionell einbilden oder eingebildet haben geistig etwa über Bild und RTL zu stehen. Alle müssten so erstmal einen Grundlehrgang in Sachen Demokratie erfolgreich absolviert haben, bevor sie in meinen Augen auch nur irgendetwas Konstruktives zu dem Thema wirklich beisteuern könnten. Grundlegend – da helfen auch gelegentlich ganz gelungene Rezensionen oder Reportagen nicht viel, wenn wenn es darauf ankommt sowieso bloß wieder irgendeine ideologische Keule geschwungen wird. In die eine oder andere Richtung. Von Toleranz ist man so in jedem Fall tatsächlich noch weit weit weg aus meiner Sicht.
    Viele Ideen diesbezüglich laufen so trauriger Weise immer noch auf Vorstellungen sozialer Hygiene hinaus, die ich nur menschenverachtend nennen kann. Das sind im Grunde alles Anpassungslehren – alles Andere wird nicht akzeptiert. GTA IV und RDR auch nur, weil es sich über kurz oder lang relativ etablierten kulturellen Normen anbiedert – gibt es einen Bericht über das neue „Mortal Kombat“ bei SPON? Nein. Dafür gab es am 8. August 1994 „Blut auf die Kettensäge“ –

  2. @Pyri
    Der erste Punkt ist ein auch als solches ausgewiesenes Zitat der Gutenberg-Kommission. Wenn man wissenschaftliche Arbeiten verfasst kennt man vielleicht das Problem, dass es nicht immer auf Gegenliebe stößt Onlinequellen zu verwenden. Da ich das Gutachten der Gutenberg-Kommission bisher aber nur online gesehen habe, ist es insoweit hilfreich auch auf eine gedruckte Quelle verweisen zu können. Zum 2. und 3. Punkt sind mir Stöckers Quellen leider nicht bekannt. Wobei letzteres, vorallem in der Absolutheit, sicherlich nur schwer zu belegen wäre. Ich sehe es nichtsdestotrotz als Gelegenheit um undifferenzierten Aussagen, die den Ursprung von Shootern beim Militär verorten, pauschal etwas entgegensetzen zu können. Wenn es dann um die Belege für die jeweiligen Äußerungen geht wird man erkennen, dass der Nachweis für die Aussage Stöckers nur schwer zu führen sein wird, es für die gegenteilige Behaptung jedoch an jeglicher Fundstelle fehlt. Ansonsten muss ich dir recht geben, dass Stöcker eine differenzierte Sicht auf die Qualität von Videospielen hat und diese mit der deinigen wohl nicht deckungsgleich ist. Welche Relevanz das für die oben wiedergegebenen Funstellen hat, vermag ich dagegen nicht zu erkennen.

  3. @Rey Alp
    Das mit der Internetanbindung meinte ich nicht –

    Zur Differenzierung: differenziert ist wenn man – wie ich es auch jederzeit sagen würde – behauptet, dass 99% aller Games Schrott sind. Das ist aber nur der zweite Teil meines Stöcker-Zitats.
    Dass man die „Resistance“-Spiele für reaktionäre Ungetüme hält und andere Äußerungen bezogen auf konkrete Inhalte. Oder „Barbies Pferdeabenteuer – Im Reitercamp“ auf der Wii für das beste und fortschrittlichste Videospiel aller Zeiten. Das ist aber sowieso klar – jeder der geboren wurde weiß das, würde Keith Apicary sagen.
    Die meisten Spiele schlecht werden aber wohl auch die meisten Leute halten, weil es kaum Menschen gibt die das Meiste für gut empfinden werden. Sondern die meisten Menschen lehnen das Meiste ab, alles Andere würde auch keinen Sinn machen: es wird kaum Menschen geben die zum Beispiel den Fernseher einschalten und von jeder Sendung entzückt sind. Ich kenne schonmal niemanden der so ticken würde. Vielleicht sind viele neugierig, aber Gefallen wird sie ihnen nicht.
    Und so läuft das bei Geschmack und Empfinden in einer Demokratie – und da braucht sich kulturpessimistisch auch niemand einen „kritischen Blick“ erst bewahren. Differenziert ist es aber eben nicht, wenn man sagt ein Actionspiel indem mit Gasmasken in totalitär anmutende Architektur gekämpft wird hege romantische Gefühle zu den Weltkriegen.
    Differenzeirt ist es auch nicht, was so ähnlich ebenfalls geschehen ist, dass man Filmen wie „Saving Private Ryan“ unterstellt sie würden sich Krieg herbeisehnen. So etwas kann gar nie differenziert sein, sondern das sind ganz üble Unterstellungen: gegenüber einem Publikum das das gern spielt, weil denen so unterstellt wird dass sie das mit den Kriegen auch so haben wollten, und den Kreativen.
    Ich weiß schon, dass man unter einem differenzierten Umgang mit Videospielen (leider!) auch versteht, „gute“ (gewaltfreie) Videospiele von „bösen“ (gewalttätigen) zu unterscheiden, aber das ist eben nicht differenziert bezüglich der Gewalttätigen. „Gutes“ von „Schlechtem“ so zu unterscheiden ist nie differenziert, weil das „Gute“ und das „Schlechte“ zumindest grob schon vorher feststeht. Das sind im Gegenteil bereits (nur) Vorurteile. Auch nicht wenn man dann bei den Gewalttätigen in Hinblick auf auch noch Akzeptiertes aus dem Filmbereich wie Tarantino und ein paar Andere, die Rockstar-Epen gutheißt, weil sie einem ähnlichen Referenzkosmos entstammen und sich teilweise sogar noch personell überlappen. Differenziert wäre es allein, wenn man Differenz zulässt (sic!) und gerade nicht Kritik als Differenz missbrauchen würde – sich abgrenzend und unterscheidend empört. Differenziert ist es zum Beispiel, wenn man folgende Szene gelten lässt: man kommt auf einen Flughaften als Terrorist verkleidet und gerät so auf der TäterInnenseite in ein Massaker an ZivilistInnen. Ok, mag man sich denken: wo bin ich denn hier gelandet – gefällt mir nicht, schlecht gemacht, fürchterlich, oder ganz ok, etc. Das wäre differenziert. Und differenziert ist es eben nicht, wenn man schreit geldgierige Übergewichtige wollen unsere geliebte „Kultur“ damit kaputt machen. Differenziert ist es auch nicht wie Susanne Fröhlich dereinst im ersten deutschen Fernsehen: Schusswaffen wären noch so halbwegs ok, aber Kettensäge ginge nicht mehr. In der Nachfolge von Senta Berger in „Der Mann ohne Gedächtnis“.
    Das Ganze ist gerade beim Spiegel noch dazu ideologisch überaus durchsichtig: so wunderte ich mich schon weshalb der Titel „Enslaved“ dort Ende letzten Jahres so gelobt wurde, anderes (auch nur entfernt Militärisches) wie „Mass Effect 2“ aber mit keiner Silbe erwähnt. Natürlich kam ich da jetzt drauf nachdem ich die entsprechende Stelle in dem Titel erreicht hatte: da gibt es nämlich so Plakate „Make love not war“ oder so, friedensbewegt, und das war dem Autor (nicht Stöcker) natürlich genehm, weshalb das Antoniades-Game natürlich gleich ausführlich gefeatured wurde. Ein anderes Beispiel – ein älterer Artikel über Stalker von Stöcker: da geht es überhaupt nicht um das Spiel, das könnte der größte Müll sein – war damals noch nicht draußen wenn ich mich richtig erinnere -, aber es wurde damals noch völlig ungewöhnlich breit getreten, warum? Ja weil es das Tschernobyl-Thema als Hintergrund hat und das natürlich auch für so einen Mainstream interessant ist. Um Videospiele geht es dabei überhaupt nicht.

  4. Ich denke, dass das bei Stöcker gerade der Punkt ist. Er wünscht sich Videospiele, die mehr als Videospiele sind. Sich mit gesellschaftlichen Themen gelungen auseinandersetzen und sich nicht nur in Unterhaltung erschöpfen. Letzteres will er, auch wenn seine Artikel da einen einen Eindruck hinterlassen, niemanden streitig machen – doch er wünscht sich eben auch andere Spiele. Hierzu ein Zitat von ihm:

    “Hier geht es überhaupt nicht um Fundamentalkritik an Spielen, nicht mal an FPS. Der Artikel handelt davon, dass die aktuellen Shooter für die Next-Gen-Konsolen erschreckend einfallslos sind, öde Plots haben und alle drei aussehen wie “Call of Duty” mit Aliens. [….] Es gibt aber durchaus ein paar Leute, die gerne originellere Spiele hätten. Lassen Sie denen doch Ihre Träume.”

    Gegen Gewalt in Spielen hat er dabei ebenfalls keine allgemeinen Vorbehalte. Sowohl Stalker als auch GTA IV werden von ihm gelobt. Dass einzige, wass du ihm meiner Meinung nach Vorwerfen kannst – und das ist möglicherweise auch das, was du tust – ist die Art und Weise, wie er sich über ihm missfallende Videospiele empört. Welche Grenzüberschreitungen du ihm hier konkret ankreidest erkenne ich nicht ganz. Jetzt davon abgesehen, dass du eine Kritik an einem Spiel aufgrund der dahinter stehenden wirtschaftlichen Interessen bzw. des Geschäftsmodells wohl als unsachlich empfindet. Öde plots und Einheitsbrei sollten vielleicht aber Kritikpunkte sein, die auch du als legitim anerkennst.

  5. Mein Problem bleibt das staendige -nur- diesbezueglich. Ja, ich wuerde mir auch eine breitere Themenvielfalt wuenschen – keine Frage – aber denke das wird dann als Provokation empfunden so womoeglich auch wieder nur mit Empoerung quittiert werden. Und wieso nicht -nur- Literatur, Film oder Tanz. Mein Problem dabei bleibt ein pejorativer Unterhaltungsbegriff – Killzone 2 haette ich etwa schon als solche Oeffnung gesehen, Killzone 3 mich wieder masslos enttaeuscht. Und ich stelle mich auch nicht bloss gegen Ueberschreitungen, sondern eine grundlegende Geisteshaltung die ich wahrnehme, dass man etwas wie STALKER oder GTA wegen dessen Real-Life-Implications, aber Killzone etwa schonmal gar keine Chance gibt. Das worin ich mich dabei uebe ist letztlich naemlich immer Ideologiekritik.

  6. Ich habe auch den Eindruck, dass Stöcker plattere Titel wie Killzone persönlich wenig schätzt bzw. diesen selbst wenig abgewinnen kann. Inwieweit er ihnen damit Unrecht tut vermag ich nicht zu beurteilen, da ich das Spiel nicht gespielt habe. Ich habe dagegen schon Probleme damit einen höheren geistigen Anspruch eines Titel zu definieren, sofern man nicht allein das Aufgreifen bestimmter Themen, die Verwendung von Symbolen und das für mich unverständliche Kriterium der fehlenden Massentauglichkeit/des fehlenden finanziellen Interesses als ausreichend erachtet.

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