Interview mit Thorsten Quandt

(taz)

taz: „Ist Gewalt „gelernt“? Oder anders herum gefragt, lässt sie sich durch den Konsum solcher Titel antrainieren?“

Quandt: „Falls Sie auf die Nutzung von Spielen beispielsweise für Ausbildungszwecke beim Militär anspielen – es taucht immer wieder die Aussage auf, dass durch Egoshooter Soldaten eine Tötungshemmung abtrainiert werde. Seriöse Belege gibt es dafür nicht, eher berechtigte Zweifel – übrigens auch an dem Grundkonzept einer menschlichen Tötungshemmung an sich, welches wissenschaftlich nicht unumstritten ist.“

Zum Interview

15 Gedanken zu “Interview mit Thorsten Quandt

  1. @Activ[E|H]ate
    Wem sollte das auch wundern. Die erkenntnisleitenden Interessen des Herrn Quandt sind ebenfalls darauf angewiesen da weitermachen zu dürfen wo vorher aufgehört wurde –

  2. „übrigens auch an dem Grundkonzept einer menschlichen Tötungshemmung an sich, welches wissenschaftlich nicht unumstritten ist“ Kann mir jemand erklären was er damit meint? Vic, hast du vielleicht nähere Infos dazu?

  3. … ist relativ simpel; z.T. wird spekuliert, Menschen (und diverse Tierarten) hätten eine indigene, natürliche Tötungshemmung – nicht das Resultat einer Sozialisierung. Das wird dann nicht weiter ausgeführt, belegt oder sonst irgendwas, sondern einfach als Fakt dahingestellt. Entspricht wohl irgendwie der Idee vom edlen Menschen, der von Natur aus „gut“ ist und erst durch äußere Einflüsse (z.B. die Medien) zum „Bösen“ geführt wird… halte ich persönlich – auch aus soziologischer perspektive – für ziemlichen Quatsch und für naive Anthropologie (sowohl, was die Vorstellung betrifft, der Mensch sei von Natur aus „gut“ – ganz zu Schweigen von dieser inhärenten Dichotomisierung in „gut“ und „böse“ selbst -, als auch die simple Manipulierbarkeit durch Medieneinflüsse alleine… s. meine Kritik zur MGWF und ihren Prämissen an sich).

  4. @Mars:
    Ich hab dazu mal was gelesen vor ein paar Jahren, da wurde die These aufgestellt dass diese Tötungshemmung gesellschaftlich erzwungen und nicht wie bei den meisten Tieren „einprogrammiert“ sei.
    J.P.Reemtsma hieß der Mann der dazu in den Medien zitiert wurde.

    Hier z.B.
    http://www.welt.de/print-welt/article158655/Jan_Philipp_Reemtsma_Der_Mensch_hat_keine_Toetungshemmung.html

    Da sollte man bestimmt auch Publikationen finden können.

    Gruß
    Aginor

  5. @Mars: hier steht was dazu, leider nicht wirklich begründet:

    http://www.handelsblatt.com/technologie/forschung-medizin/geisteswisseschaften/es-gibt-keine-toetungshemmung/2717556.html

    Wahrscheinlich wird eben eine „natürlich vorhandene Tötungshemmung“ abgelehnt.

    BTW: Als ich gerade nach „Tötungshemmung“ gegoogelt hab bin ich hierauf gestoßen:

    http://www.psychology48.com/deu/d/toetungshemmung/toetungshemmung.htm

    darin heißt es: „80 – 85 % aller Soldaten sind (zumindest freiwillig) nicht Willens, auf den Feind zu schießen und ihn zu töten.“ – sind das nicht die dubiosen Grossmann-Zahlen?

  6. EDIT: Bezieht sich wohl auch auf das Konzept einer Tötungshemmung, wie es bei S.L.A. Marshall vorkommt und dann von Dave Grossman adaptiert wurde (wobei das aufs Gleiche rauskommt)…

  7. @Vic: ok, danke erstmal. Wobei ich nicht verstehe wieso du das so einfach mit „gut“ und „böse“ in Verbindung setzt. Für mich ist Töten etwas ganz anderes als sonst etwas tun was man als nicht gut empfindet, also eine ganz andere Ebene von der wir imho sprechen. Das würde ich von der Idee des „edlen“ Menschen, was ja viel mehr und kleinere Dinge umfasst, konsequent trennen.
    PS: wenn Sozialisierung dann in frühester Kindheit (die wenigsten 3jährigen töten nun mal :-). Deine Kritik an der MGWF unbenommen, aber würdest du in der Tat hingehen und ein Kind als kaum manipulierbar (Erziehung ist ja in gewisser Weise auch Manipulation) sehen.

  8. @Hybris
    Ich will dem Quandt – und Anderen – auch nicht wirklich einen Vorwurf machen, aber sie sollten sich halt schon fragen weshalb sie sich ausgerechnet mit dem Thema beschäftigen. Auf die Politik hinzuweisen, recht und schön, aber das allein ist mir eben zu wenig: man stelle sich vor „die Gesellschaft“ hätte ein anderes Reizbild vor Augen, zum Beispiel den Tanz anstatt expliziter Gewaltdarstellungen.
    Ich glaube es sollte mehr Leuten einleuchten, dass eine Kommunikationswissenschaft über das Tanzen nur wenig informieren kann, nicht viel Auskunft geben. Bei dem Thema erwarten aber die Leute scheinbar genau immer das, und das macht Pfeiffer etc. wahrscheinlich auch so erfolgreich, weil er eben die passenden Antworten dann parat hat gegebenenfalls.
    Also falls erwartet wird, dass der Quandt über Videospiele was sagt. Dabei ist das Christentum, das was die hiesige Kultur zumindest mal geprägt hat sozusagen, eine Kultur des Leidens schon immer gewesen. Man sehe sich bloß das Bild des Gekreuzigten an –

  9. „PS: wenn Sozialisierung dann in frühester Kindheit (die wenigsten 3jährigen töten nun mal . Deine Kritik an der MGWF unbenommen, aber würdest du in der Tat hingehen und ein Kind als kaum manipulierbar (Erziehung ist ja in gewisser Weise auch Manipulation) sehen.“
    E contrario: Kinder sind extrem „manipulierbar“, „erziehbar“… whatever. Wieso sollte ich von einer Sozialisiation sprechen und gleichzeitig eine Sozialisierbarkeit des Menschen in Frage stellen… da wäre ich ja ein seltsamer Soziologe. Das die Medien und somit auch Spiele eine Sozialisationsinstanz sind, habe ja weder ich, noch sonst jemand je in Abrede gestellt. Es geht lediglich um die Obszönität der Idee, durch Medieneinflüsse alleine, Sozialisierungen zu „deaktivieren“, durch eine „Spielesozialisation“ zu ersetzen o.ä., resp. Medieneinflüsse zu den primären oder gar alleinigen Sozialisationsinstanzen zu verklären – schon die Ausführungen eines Neil POSTMAN krankten bereits an seiner Prämisse, dass Fernsehen als eine Art dritten Erzieher, ja als Gleichranging zu den Isntanzen Eltern, Schule, Freunde und Co. anzusehen. So unsagbar bekloppt finde ich ja schon den Gedanken, der da als Ausgangspunkt der Studie gedient hat, die z.B. im JuSchG dem Tatbestandskriterium der „Kriegsverherrlichung“ vorausgehende Idee, kriegsverherrlichende Medien u.ä. könnten eine Verherrliochung des Krieges durch den Rezipienten bewirken oder rechtsextremistische medien ließen unbescholtene Bürger zu Rechtsextremisten mutieren… ich halte solche Medieninhalte an sich spgar für relativ harmlos. Der Hurrapatroitismus und die Kriegsbegeisterung im 1. Weltkrieg war ja auch nicht das Resultat einer Medienpropaganda, sondern ein komplexes Phänomen. Und wir leben ja nicht in einem orwellschen Überwachungsstaat, mit gleichgeschalteten Medien und homogener Sozialisierung. und da habe ich ja noch gar nicht (abermals) von der Heterogenität der Rezipierbarkeit heterogener Medieninhalte angefangen…

  10. @Vic: aber doch eine Frage. So wie ich dich verstehe ist die Existenz einer Tötungshemmung nicht umstritten, nur die Frage ob sie sozialisiert oder angeboren ist (bei mir würde ich die Existenz einer solchen auch eindeutig bejahren). Bei der ganzen Diskussion die uns hier bewegt geht es ja um die Frage, ob eine solche abtrainiert werden kann. Ist insofern Quandts Hinweis hier nicht eigentlich sinnlos, da es ja um Erwachsene (Soldaten) geht, von denen wir ausgehen dass eine solche bereits ansozialisiert wurde?
    Bzw. sonst würde ich Quandts Einwurf so verstehen dass er sagt: es gibt nicht mehr Gewalt weil die Tötungshemmung durch Spiele abtrainiert wurde sondern weil sie durchs Umfeld nicht antrainiert wurde. Verstehe ich ihn da richtig?

  11. Angesichts der Tatsache, dass ich gerade vom Sport komme und relativ müde bin, nur in aller Kürze:
    Prinzipiell ist das Konstrukt „Tötungshemmung“ ja nicht (in einem ethisch tolerierbaren Rahmen) messbar; bzgl. deiner (und meiner) „Tötungshemmung“ gilt i.d.S.: Q.e.d.. Und eine absolute „Tötungshemmung“ ist m.M.n. auch ein absurdes Konstrukt; man kann ja aus ethischer/moralischer Perspektive den Gedanken einer „Tötungshemmung“ hegen, dann aber im Affekt trotzdem töten u.ä.. Ich würde auch bezweifeln, dass eine bedingungslose „Tötungshemmung“ in unseren Gesellschaften de facto ansozialisiert wird, im Gegenteil würde ich gar behaupten, dass es schon immer und überall Situationen gab und gibt, in denen „töten“ (unter spezifischen Bedingungen) als legitim angesehen wird; „wie?“, „wann?“ und „wo?“ sind dann eben Fragen, die hier und da divergieren. Ich würde insb. bezweifeln, dass da bei Soldaten soetwas ansozialisiert wäre, da gehört das „Töten“ in gewissen Fällen eben als eine Art Notwendigkeit zum Beruf und wird auch von weiten Teilen der Bevölkerung wohl als gerechtfertigt angesehen (und ein absoluter Pazifist würde wohl kaum den Dienst an der Waffe antreten).

    Ich würde übrigens auch Quandts Aussagen nicht so interpretieren, wie du. Insb. sehe ich da nirgendwo etwas, dass irgendwie zu deinem vorletzten Satz geführt haben könnte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.