„Anno 2070“: Doch mit korrektem GAU

Die Anno-Reihe ist aus vielerlei Gründen eine Ausnahmeerscheinung: So dürfte Anno wohl als das Vorzeige-Familienspiel der deutscher Videospiele bezeichnet werden können, als das es auch in der Werbung dargestellt wird. Darüber hinaus sind die Titel für Kinder und Jugendliche nicht nur geeignet, sondern weisen nach dem Deutschen Computerspielpreis auch pädagogische Qualitäten auf: 2010 räumte unter anderem „Anno 1404“ sowohl die Auszeichnung als bestes nationales als auch die als bestes internationales Spiel ab, da es „ein friedliches Miteinander sowie den Austausch unterschiedlicher Kulturen“ propagieren würde. Schon hier wurde betont, dass ein großer Wert auf historische Authentizität gelegt wurde und zu diesem Zweck sogar wissenschaftliche Expertisen eingeholt wurden.

Zusammenfassend richten sich die Spiele der Anno-Reihe also nicht nur an Kinder, sondern versprechen auch inhaltlich für deren Entwicklung vorteilhaft zu sein. So wird unter anderem auf der Webseite des Entwicklers explizit mit dem Prädikat „pädagogisch wertvollgeworben.

Bei dem neusten Teil der Serie, „Anno 2070“, tritt der pädagogische Wert des Spiels weiter in den Vordergrund. So nehmen sich die Entwickler mit dem Klimawandel, der Meerestransgression und der Frage nach nachhaltigen Energiequellen durchaus polarisierende wie aktuelle Themen vor. Um den eigenen Ansprüchen auch hier gerecht zu werden, wurde auch hier der Rat von Fachleuten eingeholt. Zukunftsforscher wurden über die Entwicklung der Menschheit gefragt um ein glaubwürdiges Bild, eine mögliche kommende Realität, zu entwerfen.

In einem Interview Ende Juli kam es dann aber doch zu einem peinlichen Faux-Pas, der offenbar aber von keinem der Gesprächsteilnehmer bemerkt wurde. So führte Christopher Schmitz die Tycoons betreffend aus:

„Die können dann Atom-, also Fusionskraftwerke bauen. Atomkraftwerke gibt es zu dem Zeitpunkt nicht mehr, sondern Fusionskraftwerke. Die sind eine Weiterentwicklung von Atomkraftwerken […]. Wir haben auch bei unseren Fusionskraftwerken eine Kernschmelze drinnen, das kann auch passieren. Die können also auch hochgehen und dann die Umwelt verseuchen und dass wurde designed bevor Fukushima passiert ist […]. Wir hatten uns auch überlegt die Kernschmelze rauszunehmen, weil das vielleicht nicht angebracht erschien. Doch wir haben uns gesagt, warum sollen wir die Realität verzerren – das ist halt einfach so. […] Und es liegt ja auch am Spieler, ob das überhaupt eintritt oder nicht. Wenn er sich um seine Fusionskraftwerke richtig kümmert, dann wird das auch nicht passieren. Und wenn man es verkommen lässt, dann wird es vielleicht irgendwann hochgehen.“

Zur Information an alle, die sich wegen einer fehlenden SciFi-Sozialisation nicht ganz mit Warpantrieb und Laserschwertern auskennen: Kernfusion und Kernspaltung sind nicht ähnliche, sondern entgegengesetzte Vorgänge, wie schon anhand der Bezeichnung erkannt werden könnte. Ein wesentlicher Unterschied hierbei ist, dass es bei der Kernfusion, anders als bei der üblichen Kernspaltung, gerade nicht zu einem GAU, einer Kernschmelze, kommen kann. Die Entwickler von „Anno 2070“ hätten also einen kapitalen Bock geschossen, wenn sie, wie hier angegeben, Fusionskraftwerken Kernschmelzen spendiert hätten. Andererseits wäre es beinahe schon eine sympathisch Kritik an allzu radikalen Klimaschützern, wenn konventionelle Energiequellen mit Risiken bedacht werden würden, die diesen real gar nicht anhaften. Als Ausgleich hätte man aber auch explodierende Windkrafträder einfügen können – wobei: Die gibt es in Dänemark auch real. Besonders peinlich bleibt dabei natürlich der Verweis, dass man auch nach Fukushima an der Kernschmelze für Fusionskraftwerke festgehalten habe, weil man die Realität nicht verzerren wollte.

Offenbar war dieser Fehler auch anderen aufgefallen und konnte Related Designs noch rechtzeitig erreichen. So war bei Twitter Ende September die folgende Nachricht zu lesen:

In ANNO 2070 wird es Atomkraftwerke geben. Fusionskraftwerke wird es dagegen nicht geben!“

Mit der Verkaufsversion hat man auch endlich Gewissheit (Siehe Screenshot bzw. Let’s Play): In „Anno 2070“ findet sich nun doch Atomkraftwerke und keine Fusionskraftwerke, die unter Umständen einen GAU produzieren könnten. Damit wurde andererseits auch gerade noch verhindert, dass sich Anno mit einer falschen Darstellung der Fusionsenergie blamiert. Sicherlich: Fehler passieren – doch die Frage, was Entwickler von Videospielen dazu qualifiziert pädagogisch wertvolle Produkte zu erdenken, dürfte sich nun mehr als sonst aufdrängen.

10 Gedanken zu “„Anno 2070“: Doch mit korrektem GAU

  1. Meint ihr nicht, man könnte dies als Fehlvermutung einer einzelnen Person betrachten?
    Offenbar wusste ja irgendjemand besser bescheid…

  2. „gerade nicht zu einem GAU, einer Kernschmelze, kommen kann“
    Würde ich jetzt so nicht sagen. Es kann zu einen GAU kommen wenn im Fusionsring (Tokamak) es eine Störung gibt. Beispiel ist ein Stromausfall oder eine Störung der Magnetischen Felder wodurch das Plasma entweichen kann. Da Plasma in Fusionsanlagen nicht gerade Raumtemperatur hat kann man es mit einen alles schmelzenden Strahl am besten beschreiben. Dieser Strahl würde auch radioaktive Produkte verteilen welche auch bei einen Fusionsprozess entstehen.

    Fragen bleiben offen: Wie weit würde so ein Strahl sich durch die Umgebung schneiden?
    Wie lange würde das radioaktive Material vor sich hin strahlen?

    Happy Strahlenschutz.

  3. @TRB:
    Gemeint ist bei einer Kernschmelze klassisch das Schmelzen des AKW-Reaktorkerns in Folge zu geringer Kühlung. Ein großer Strahlungsaustritt, wie bei diesem Beispiel ist afaik bei Fusionsreaktoren nicht möglich, weil viel weniger radioaktives Material vorhanden ist. Das so ein Plasmastrahl etwas stärker ist, als ein Schweißbrenner, das dürfte allerings außer Frage stehen. Um die tatsächlichen Folgen eines Fusions-GAUs zu klären, müsste so ein Reaktor natürlich erstmal betrieben werden.

  4. Der Strahl würde sich vermutlich nicht durch die Umgebung schneiden.
    Denn sehr viel Plasma ist in so einem Fusionsreaktor nicht enthalten, und bei Kontakt mit der Wand würde es vermutlich sehr schnell zu einer radikalen Abkühlung des Plasmas kommen.

    Die Kernschmelze bei Kernspaltungsreaktoren ist eine andere Geschichte, da geht die atomare Kettenreaktion weiter da da die nötigen Mittel zum Stoppen der Reaktion fehlen.
    Dazu muss man aber auch sagen das die momentan verwendeten Reaktoren auf Funktionsprinzipien basieren die ursprünglich für den Betrieb von Schiffen oder zu Produktion von Kernwaffenfähigen Material dienten.
    Nach alternativen Reaktoren wurde zwar gesucht, aber umgesetzt wurde davon nichts:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Fl%C3%BCssigsalzreaktor

  5. Ähmm… es dauert ewig bis man endlich zu dem Punkt kommt weswegen man das hier überhaupt liest. Das hätte man auch in 5 Sätzen schreiben können.
    Was daran an „PR-Gau“ sein soll erschließt sich mir auch nicht ganz. „SKANDAL! Entwickler hat falsche Vorstellung von Fusion.“ oder wie?

  6. @Alreech: Schon mal einen Plasmaschneider durch 30 cm Stahl schneiden sehen? Wie ein heißes Messer durch Butter… wie es bei einem Fusionsreaktor in produktiven Abmessungen aussieht kann man im Moment nur raten wie viel Plasma im Reaktor wirklich steckt und wie heiß es sein wird.

    Crusader: „Um die tatsächlichen Folgen eines Fusions-GAUs zu klären, müsste so ein Reaktor natürlich erstmal betrieben werden“
    Dass ist wieder ein Problem man kann es erst hinterher wissen. Ich will weder neben einen Fusions- Spaltungs- oder Kohlekraftwerk leben ^^ ganz erlich.

    Happy Coding.

  7. @noname
    Die Bezeichnung als (verhinderter) PR-GAU ist zum einem der Thematik geschuldet und zum anderen der konkreten Situation: Wenn bei einem x-beliebigen Ego-Shooter Entwickler Kernspaltung und -fusion durcheinandergebracht hätten, wäre das imho kein großes Ding. Es wäre einfach eine Ungenauigkeit, die außer der Glaubwürdigkeit der Spielwelt nicht viel beschädigen würde. Bei Anno meine ich aber deutlich gemacht zu haben, washalb es da etwas anders sein könnte:

    – Zielgruppe: Das Spiel richtet sich nicht nur an Erwachsene, sondern auch an Kinder, bei denen man – wenn es um die Vermittlung von Überzeugungen/Wissen geht – besonders sensibel sein sollte.
    – Pädagogischer Anspruch: Das Spiel erweckt in mancherlei Beziehungen nicht nur den Eindruck, dass es die Realität nachbilden möchte, sondern es ist allgemein das erklärte Ziel der Entwickler sich in dem Spiel mit dem Thema Klimawandel auseinanderzusetzen.
    – Unterstreichen: Bei dem Vorgänger wurde explizit der pädagogische Anspruch betont – siehe Seite von related designs.
    – „Adelung“: Durch den Deutschen Computerspielpreiswurde beim Vorgänger der pädagogische Anspruch auch staatlich abgesegnet. Ich denke auch, dass 2070 da wieder eine Rolle spielen wird.
    – Fachliche Defizite: Wenn nicht irgendwer, sondern quasi der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mitarbeiter nicht nur in einem Nebensatz, sondern in beinahe epischer Breite erklärt, dass Fusionskraftwerke eine Kernschmelze produzieren können, weil das der Realität entspreche, ist das wenig vertrauenserweckend.

    Von daher würde ich es eher so ausdrücken: „FAIL! Entwickler „pädagogisch wertvoller“ Videospiele umschifft in letzter Sekunde Fettnäpfchen: Dem eigenen Anspruch nach sollte Energiegewinning das zentrales Thema des Spiels darstellen. Jedoch verkündete man noch 4 Monate vor Release, dass man, um die Realität nicht zu verzerren, Fusionskraftwerken eine Kernschmelze verpassen müsse.“ Es ist eben nicht nur irgendeine Ungenauigkeit, die der Glaubwürdigkeit der Spielwelt schadet, sondern ein Punkt, der imho auch Zweifel an der Kompetenz der Entwickler aufkommen lässt pädagogisch wertvolle Spiele zu entwickeln.

    Was ich dabei noch besonders interessant finde: Es wird betont, dass man wegen Fukushima sogar darüber nachgedacht hatte den GAU zu streichen, ihn dann aber nur dringelassen habe um die Realität nicht zu verzerren. Wo man offenbar dann gesteckt bekommen hat, dass Fusionkraftwerke nicht explodieren, warun hat man dann nicht den GAU entfernt, sondern den Meiler in Atomkraftwerk umbenannt. Geht es am Ende doch nur um den „Knalleffekt“?

    Nichtsdestotrotz habe ich den Titel mal entschräft.

  8. Da gibts gar nicht genug Material das sich irgendwo durchbrennen könnte und da es so wenig ist kühlt es sich beim ausdehnen sofort ab!

    „Entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis wird der Reaktor bei einem Ausfall des Magnetfeldes nicht durch die enormen Temperaturen zerstört. Der Kontakt mit der Gefäßwand verunreinigt vielmehr das hoch verdünnte Plasma und lässt es sofort auskühlen. Beim ITER verteilen sich 0,5 Gramm Plasmamaterial auf ein Volumen von 837 Kubikmeter. Das entspricht der Dichte eines Hochvakuums.“
    http://de.wikipedia.org/wiki/ITER

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