“Viele Forschungsergebnisse sind kaum belastbar”

(telemedicus) Bei telemedicus findet sich ein Interview mit dem Diplom-Psychologen Malte Elson, der den Einfluss von Videospielen betreffend in einer Studie die Methoden der Wirkungsforschung untersucht hat. Das Ergebnis:

Meine Studie hat gezeigt, dass die bisherige Forschungsmethodik eine eindeutige Interpretation der Ergebnisse nicht zulässt. Ich halte es deshalb für bedenklich, politische Entscheidungen, die auf Wertvorstellungen beruhen, mit Forschungsergebnissen zu untermauern, die eine solche Argumentation einfach nicht hergeben.”

Zum Interview

32 Gedanken zu ““Viele Forschungsergebnisse sind kaum belastbar”

  1. Von den dutzenden Studien, die ich für meine Diss. gelesen habe, ist seine Diplomarbeit tatsächlich eine der besten; insb. seine Setzung der unabhängigen Variablen war vorbildlich: Während in anderen Studien insg. Äpfel mit Birnen Verglichen werden (sein “Counter-Strike”-vs.-“Tetris”-Vergleich), hat er sich tatsächlich Gedanken gemacht und die Effekte einer leicht modifizierten handelsüblichen “Unreal Tournament 3”-Version mit denen einer stark modifizierten, um die Gewaltdarstellungen erleichterten Version des Spiels verglichen (s. Table 5.1: “Mutators used in the experimental conditions.” In: ELSON 2011, S.45 – fraglich bleibt aber auch dabei, ob die modifizierte Version wirklich nicht violent war oder nicht lediglich einen höheren Abstraktionsgrad bzgl. der Gewaltdarstellungen aufwies…. dennoch wüßte ich nicht, wie man sich dieser Problematik noch näher nähern könnte), ohne dabei (und das unterscheidet die Studie von einer ähnlichen Studie von STAUDE-MÜLLER/FRITHJOF/BLIESENER/LUTHMAN 2008) in die elementare Spielmechanik einzugreifen; zudem bot das Spiel die Möglichkeit, andere Faktoren, statt nur den Gewaltgrad zu beinflussen (z.B. die Geschwindigkeit etc.).

    Weiterhin bestätigt seine Studie Vorbehalte bzgl. des CRTT, die sonst immer nur theoretisch geäußert wurden. Daumen hoch.

  2. Guter Text, wenn auch der Gewalt-Begriff etwas verkürzt verwendet wird.

    Der zweite Kommentar verlinkt auf einen größeren Beitrag. Vic, ist dir Werner Stangl ein Begriff?

  3. Also das Zitat ist ja furchtbar. Wenn Studien keine belastbaren Ergebnisse hergeben sollte darauf keine Entscheidung aufgebaut werden. Egal ob mit oder ohne Wertvorstellungen. Dieser Wertvorstellungsirsinn hat also leider um sich gegriffen.
    Außerdem macht er hier wieder den Kardinalfehler aller Kritiker: nur weil sich die Spielekritiker auf Gewaltdarstellungen berufen geht er hin und sagt: ich kann den Effekt nicht der Gewalt eindeutig zuordnen, ergo Blödsinn. Nein. Richtig ist dass wir dann nicht wissen ob es genau die Gewaltdarstellung war oder nicht, aber das ist eigentlich auch völlig nebensächlich. Wenn ich herausfinden würde dass CS aggressiv macht während Tetris das nicht tut wäre es für eine Verbotsforderung völlig egal ob es die Gewalt ist oder was auch immer, es reicht, um CS kritisch zu beäugen. Nur wenn man die Kritik auf eine Dimension bezieht ist es wichtig die Wirkung exakt dieser Dimension zuordnen zu können. Für die aktuelle Diskussion, so wie sie geführt wird, ist die Kritik sicherlich zutreffend. Aber wenn eine Studie zeigt dass Spiel XY aggressiv macht während AB das nicht tut dann spricht seine Kritik nicht XY frei, sie problematisiert nur die Verallgemeinerung von XY auf alle XYs. So differenziert ist die Diskussion zwar nicht (von beiden Seiten aus!) und somit hat er in der Situation recht, aber er ist da so schlampig wie die, die er kritisiert.

  4. @Mars
    Ich glaube ich weiß, was du meinst, aber afaik hat nicht jede Studie zweifellos eine gesteigerte Gewaltbereitschaft nachgewiesen, so dass nur die Zuordnung problematisch wäre. Im Interview heißt es ja u.a., dass es teilweise vom Test abhinge, ob ein positiver oder ein negativer Effekt gemessen werde.

  5. @ Mars:
    Äääh… nein! Du ziehst das Zitat eindeutig aus dem Zusammenhang: Die Uneindeutigkeit der “Gewalt”-Zuordnung ist lediglich EIN(!) Problem der Studien, wie er selbst auch klar macht. Andere Probleme finden sich ja bspw. schon bei der Inkonsistenz des Forschungsstandes insg. und bzgl. der vielen massiven probleme der Aggressionsparadigmen selbst (wurde hier alles bereits mehrfach erläutert).

    @ Rey Alp:
    “aber afaik hat nicht jede Studie zweifellos eine gesteigerte Gewaltbereitschaft nachgewiesen”
    Genau genommen aht das keine einzige Studie. ;-)

  6. @Rey: naja, man nähert sich hier einem Untersuchungsgegenstand (Gewalt) über Proxies, da ist es völlig normal dass man da inkonsistente Ergebnisse erzielt. Außerdem ist es, aus statistischen Gründen, völlig normal und notwendig dass bei so vielen Studien einige keinen Effekt oder gar einen negativen Effekt finden obwohl tatsächlich ein positiver Effekt da ist. Insofern könnte man theoretisch Fergusons Studien alle als statistische Ausreißer abtun wenn man wöllte, auch wenn das der Sache nicht gerecht würde.

    @Vic: wo habe ich denn behauptet dass das das einzige Problem sei? Meine Kritik bezieht sich einzig und allein auf diesen einen Punkt, falls in meinen AGBs irgendwo steht dass ich den Anspruch habe mit jedem meiner Posts das Thema erschöpfend zu behandeln, dann bitte ich um Hinweis auf die Fundstelle ;-)
    Auch dass der Forschungsstand die Forderung nicht untermauert habe ich nicht bestritten, ich habe mich nur gegen die Verwendung dieser ominösen Wertvorstellungen, die hier immer der Diskussion beigemischt werden, gewandt.
    PS: Dass ein Forschungsgebiet, dass empirisch arbeitet und sich dabei entwickelt inkonsistente Ergebnisse liefert ist trivial, das ist keine ernstzunehmende Kritik. Zumindest sehe ich das nicht. Da müsstest du mir bitte nochmal kurz erläutern worauf du hinauswolltest.

  7. Wenn es normal ist, dass inkonsistente Ergebnisse erzielt werden… woran entscheidet man denn dann, welches Ergebnis korrekt ist? Doch nur daran, ob das Proxy tauglich und richtig gewählt ist? Das erfordert dann aber eigene Untersuchungen, oder? Und wenn die mangeln, halte ich den Hinweis auf inkonsistente Ergebnisse durchaus für korrekte Kritik, wenn die Gegenseite behauptet, der Fall wäre klar.

  8. Du mußt deine eigenen Beiträge schon lesen… du kritisierst ein dekontextualisiertes Zitat aus dem Beitrag und bezeichnest es als einen “Kardinalfehler aller Kritiker” und beginnst dann eine Argumentation, die nur bestand hätte, wenn ELSON tatsächlich das im Zitat angesprochene Problem als einziges Problem der Forschung hingestellt hätte. Auf die Sache mit den Wertvorstellungen bin ich übrigens gar nicht eingegangen, dass sind ja auch bei dir zwei Themen (“Außerdem”).

    Weiterhin finde ich es ziemlich offensichtlich, worauf ich hinaus wollte: Es ist eben kein triviales Problem, wenn mit nahezu identischen Forschungsdesigns absolut konträre Ergebnisse erzielt werden können; das spricht gegen die Reliabilität der Instrumente, bzw. davor noch weist es auf den bereits mehrfach kritisierten Mangel in der Standardisierung hin.

  9. @Vic: ok, sorry, da war ein “hier” im Ausgangsbeitrag zu viel. Die Kritik an dem Zitat besteht nur aus Abschnitt 1, Abschnitt 2 ist allgemein auf seine Argumentation bezogen, ich dachte das wäre offensichtlich nachdem der Punkt mit der Gewalt in dem ausgewählten Zitat nicht enthalten war ;-)
    Und nein, meine Argumentation hätte nicht nur dann Bestand. Schließlich sage ich nicht dass Elson’s Meinung kompletter Schwachsinn ist, ich sage nur dass er diesen Fehler auch macht. Ein Fehler != Ergebnis unbrauchbar. Ich halte Studien durchaus für brauchbar auch wenn sie nicht perfekt sind, sonst würde mir nämlich keine einzige brauchbare Studie einfallen.
    Das mit den Forschungsdesigns: doch, das passiert durchaus bei empirischen Untersuchungen, wenn auch nicht immer, klar. Zumindest wenn ich nicht behaupte dass der Effekt auf jeden Menschen exakt gleich ist, damit können sich dann nämlich durch Stichprobenthemen durchaus in Summe Unterschiedliches rauskommen bzw. durch unbeobachtete Fehler. Dass ich deine Kritik trotzdem für berechtigt halte (natürlich sind nicht alle verwendeten Proxies sehr gut, bitte versteh mich da nicht falsch) ist ein anderes Thema. Ich sage bloß dass es diesen, harmlosen, statistischen Effekt auch gibt. Auch wenn ich nicht soweit gehen würde zu sagen dass die unterschiedlichen Ergebnisse der MGWF komplett dadurch erklärt werden können, meine Aussage war allgemeinerer Natur.

    @Icarus: Ich versuchs an einem Beispiel zu erläutern: Stell dir vor es gibt irgendeinen Effekt A. Jetzt mach ich 100 Studien, dann gibt es – je nach Studiendesign, aber ich stell mal einfach eine Zahl in den Raum die so ungefähr passen könnte – 5-10 Studien die den Effekt nicht nachweisen können einfach aus statistischen Gründen, d.h. auch wenn nichts falsch gemacht wurde. Man geht nun so vor dass man eben mehrere Studien macht und schaut ob ein Ergebnis stark überwiegt. Also wenn du 80 Studien findest die den Effekt finden und 10 die ihn nicht finden ist das schon ein starkes Indiz dafür dass es ihn gibt. Die Kritik ist auch durchaus korrekt, ja, aber bedenkt: ich kenne kein einziges Studiengebiet dass nur eindeutige Ergebnisse produziert, es gibt immer Studien die Effekte finden und solche die es nicht finden. D.h. es ist in der Wissenschaft immer eine subjektive Wertung des Wissenschaftlers ob er diesen Effekt für bestätigt hält oder nicht. Und wenn die MGWF keine anderen Probleme hätte (die es aber gibt wie Vic und Andere hier wiederholt schön geschildert haben) dann wäre es doch eine ziemlich deutliche Mehrheit für ein aggressionsförderndes Potenzial in Games.

  10. Die Auszählung funbktioniert aber auch nur, so lange die Studien vergleichbar sind. Wenn ich hundert Mal den selben falschen Versuchsaufbau mache, liege ich immer noch falsch. Und schon haben wir auch noch eine “besser”/”schlechter”-Betrachtung im Spiel.

  11. Klar, die Voraussetzung ist in der Wissenschaft immer dass die Methoden geeignet sind (genau daran zweifeln wir aber, und ich denke das kann man beweisen) und sauber gearbeitet wurde.
    Insbesondere die Größenordnungen spielen da z.B. eine extreme Rolle:
    “Numbers are meaningless without knowing their error”

    Sonst sind es nach meinem Dafürhalten keine wissenschaftlichen Studien und können demnach getrost ignoriert werden.

    Ich finde es aber dennoch schwer, in der Diskussion da dagegenzuhalten, die Spielekritiker sagen ja häufig: “Die Befürworter der Spiele behaupten immer das müsste man noch genau erforschen, tatsächlich gibt es aber XXXX Studien die den Zusammenhang nachweisen.” Wie begegnet man sowas? Sehr ärgerlich, denn wenn man alle Studien anerkennt dann ist die “Beweislast” geradezu erdrückend. Es steht da mehrere hundert zu eins. Das würde dafür sprechen dass Games aggressiv machen und die wenigen Studien die keine erhöhte Aggression feststellen die Ausreißer sind.

    Aber natürlich hat Mars in dem einen Punkt Recht: Wenn wir endlich genügend gute Studien haben und an diesen feststellen dass Games entgegen unserer subjektiven Wahrnehmung tatsächlich aggressiv machen, dann müssen wir das aus wissenschaftlicher Sicht akzeptieren.
    “You don’t use science to prove you are right, you use science to become right.”
    Aber soweit sind wir nicht und ich denke wir haben eine gute Chance das Gegenteil zu beweisen.

    Gruß
    Aginor

  12. @Aginor:

    Ja, klingt einleuchtend. Aber dann müssen wir noch abwägen, ob die Steigerung stark genug ist, um ein Verbot zu rechtfertigen bzw. was man dann auch noch verbieten müsste. Aber gerade die Ideologien überall werden verhindern, dass wir solche Studien bekommen, daher denke ich nicht, dass wir uns mit diesem “Problem” beschäftigen müssen.

  13. “Sehr ärgerlich, denn wenn man alle Studien anerkennt dann ist die “Beweislast” geradezu erdrückend. Es steht da mehrere hundert zu eins.”
    Naja.. eigentlich ist es ja eine schon seit längerem widerlegte Mär, dass die relative oder gar absolute Mehrheit der Studien negative Effekte “belegen” würden (jetzt mal ganz ungeachtet der Defizite der einzelnen Studien); dass hat schon ein FREEDMAN 2002 dekonstuiert und FERGUSOn et al. haben noch jüngst auf Probleme in der Publikationspraxis hingewiesen (ganz zu schweigen von dem Umstand, dass diverse Studien, die reklamieren negative Effekte gefunden zu haben, eben genau das nicht tun). Letztlich ist Quantität auch kein Argument, wenn die Qualität so Banane ist…

    Und was die Effekte betrifft: Die Effektstärken (sofern denn Dokumentiert) sind insg. eigentlich immer sehr gering und da gibt es dann noch eine Reihe von Faktoren, die darauf hinweisen, dass selbst diese geringen Effektstärken noch zu hochgegriffen sind (es gibt z.B. Hinweise darauf, dass der negative Effekt in den ersten paar Minuten stark ansteigt, nur um dann wieder zu sinken, bzw. dass kurze Spielzeiten in Experimenten einen höheren Effekt produzieren oder z.B. – und da sind wir wieder – auch unstandardisierte abhängige Variablen so eine Inflation bedingen können), ganz zu schweigen von der Drittvariablenproblematik bei Korrelationsstudien, die Zusammenhänge dann u.U. gar nur zu Scheinkorrelaten u.ä. degenerieren lassen.

    Und letztlich muss man bedenken, dass im Lichte dieser Einschränkungen und der Probleme der Aggressionsparadigmen nur gesagt wird, dass 2 % der Varianz des “aggressiven Verhaltens”, also bspw. das Applizieren von “white noise” für 0,5 Sekunden(!) länger, als in der Kontrollgruppe, erklärt werden kann. Da darf man sich dann doch fragen, wie sich daraus eine praktische Handlungsrelevanz bzgl. des jugendmedienschutzes erklären soll, zumal so ein CRT nicht gerade ökologisch valide ist….

  14. @Vic:
    Soweit so gut, das ist auch mein Stand so weit, ich bin nur jetzt gerade eine Ebene weiter und denke über die argumentative Seite nach. Man wird mit diesen “Argumenten” konfrontiert, und müsste jetzt jede einzelne Studie angreifen von der das Gegenüber behauptet sie sei gut. In einer Diskussion gibt es dafür weder Zeit noch Mittel, und das ärgert mich so. Selbst in den abstracts zu den Studien (die ja laut Norm und Tradition ohne Interpretation sondern nur den Inhalt beschreibend gestaltet sein sollten) kommt ein Teil derjenigen, die die Studien erstellt haben schon zu dem Schluss den die Kritiker als Argument anführen. Dann müsste man schon extrem in die Tiefe gehen.
    Ich denke mein Ansatz in der nächsten Diskussion über das Thema in der dieses Argument auftaucht wird die Methodik dieser Studien im Allgemeinen sein, da kann man vielleicht etwas rausholen, etwa anhand von zwei, drei Beispielen zeigen dass die gängigen Studien allesamt auf ähnlich fehlerbehaftete Messmethoden zurückgreifen (Fisch-Beispiel) oder die gewählten Methoden sowieso ungeeignet sind, Aggression oder Abstumpfung zu messen (z.B. anhand der Beispiele Ballontest bzw. Chili-Test, von denen zumindest die Genauigkeit, meines Erachtens aber auch die generelle Eignung ja durchaus zweifelhaft sind).

    Gruß
    Aginor

  15. @Vicarocha
    “… fraglich bleibt aber auch dabei, ob die modifizierte Version wirklich nicht violent war oder nicht lediglich einen höheren Abstraktionsgrad bzgl. der Gewaltdarstellungen aufwies….”
    Genau. Das ist auch aus meiner Sicht dabei stets das größte Problem –
    Ich kann mir zum Beispiel überhaupt keine Version von “Unreal Tournament” vorstellen in der keine “Gewalt” vorkommen würde: was ist das auch schon? Wohl jede Version davon wird einen Konflikt annehmen müssen indem Figuren, in dem Fall eher Avatare, in einem Wettstreit stehen. Auch beim Tennis gibt es diesen Konflikt, wenn verhindert werden soll dass ein Ball getroffen wird – so dass er im gegnerischen Spielfeld landet und dort nicht mehr erwischt wird. Sobald Kräfte auf etwas einwirken ist Gewalt schon vorhanden. Tennis ist wie Krieg so auch Kampf um Raum. Ebenso bei einem Torwart, der im Fußball sein Tor gegen gegnerische Angriffe verteidigt. Das sollte rational gar nicht bestritten werden (können), dennoch wird es das noch und nöcher – eben über Wertvorstellungen.
    Wissenschaft demnach ideologisch zu missbrauchen hat in der Menschheitsgeschichte jedoch leider eine lange Tradition – eine sehr lange Tradtion.

  16. Genau, und gerade weil einerseits Gewalt schwer erfassbar ist und andererseits, je nach Definition, überall vorkommt, erwarte ich von Studien immer eine Vergleichseinordnung. Soll heißen: wenn der Bildertest nach Computerspielen eine Abnahme der empathischen Reaktionen hervorruft, was tut dann denn ein Film, Autofahren, Unterhaltung, Sport? Daran kann man dann nämlich sehen, wie groß der Effekt ist und was man eigentlich konsequenterweise alles vermeiden müsste, um den Effekt im täglichen Leben weg zu bekommen.

  17. @Icarus:
    Aber gerade letztere Überlegung ist gefährlich, denn da kommen wieder schnell Argumente wie “Manches kann man ja nicht vermeiden, aber man sollte einfach mal alles überflüssige das belastet verbieten. Angefangen bei sinnlosem Zeug wie Computerspielen.”
    Ist wie mit dem Krebsrisiko: Durch das Leben in der Stadt habe ich ein deutlich erhöhtes Lungenkrebsrisiko. Das lässt sich aber schwer vermeiden wenn ich da halt leben muss. Also lasse ich wenigstens das unsinnige Rauchen, selbst wenn Rauchen das Risiko weniger erhöhen würde als das Leben in der Stadt. Und ich gehe ja auch zum Röntgen beim Arzt obwohl Strahlung schädlich ist, bin aber dennoch Gegner der unnötigen strahlenden Castor-Transporte.

    Sowas in der Art kommt gerne mal.
    Also zu argumentieren dass andere alltägliche Dinge genauso schädlich oder schädlicher sind hilft in der Diskussion leider selten weiter. Denn entweder kommt dann “Tja, das wird dann halt auch verboten” oder “Ja, aber wenigstens hat es andere, positive Effekte. Spielen nicht.” oder “Ja, da kann man leider nichts machen. Aber gegen Spiele schon, und irgendwo muss man ja anfangen”.

    Das kann einen echt aufregen…

    Gruß
    Aginor

  18. @ Aginor:
    Mein Ansatz in meiner Diss. ist ähnlich; ich gehe die einzelnen Punkte einer typischen Studie Schritt für Schritt an (von der Operationalisierung der unabhängigen, bis zu der der abhängigen Variable) und beschreibe, wie das da typischerweise abläuft, mitsamt je einer kleinen Darstellung typischer Vertreter oder besonders abweichender Studien.

    @ Icarus:
    Ach… die Desensibilisierungsthese ist ohnehin mit der größte Unfug, den man bei der Mediengewaltwirkungsforschung findet… da sind schon die Prämissen vollkommen Banane.

  19. Das eigentlich interessante ist ja, dass Videospielen von Politik und selbsternannten Experten gerne eine höhere Wirkung bzgl. der Empathieabnahme unterstellt wird als Filmen, weil man bei den Spielen “aktiv” wäre.

    Kaum eine Forschung gibt das her. Dennoch wird es behauptet. Ich meine auch von C. Pfeiffer. Insofern ist die Forschung für die Strombergs dieser Republik doch ohnehin egal. Die schwatzen ihren Mist einfach vor sich hin. Und da kann man nur froh sein, dass Videospiele nicht für jedes Leid der Welt verantwortlich gemacht werden.

  20. @Aginor:

    Klar. Aber mir geht es da um die Wirkung auf Otto Normalverbraucher: wenn der nämlich von der Nase hat, dass ganz alltägliche Dinge genauso oder noch gefährlicher sind, dann kommt er nicht mehr auf die Idee, sich die Ausirkungen von Spielen zu hoch vorzustellen. Denn er hat den direkten Vergleich zu seinem Alltag vor der Nase. Dann können wir in der Debatte kaum noch von einem wesentlichen Einflussfaktor reden. Ich denke, das dürfte die ganze Diskussion wesentlich beruhigen.

  21. @Vic:

    Im psychologischen ANTI-Aggressionstraining ist Gewaltverarbeitung durch Ausleben ein integraler Bestandteil. So nach dem Motto: die Person A hat eine Stinkwut auf Person B, dann soll sie sich vorstellen, Person B mal so richtig fertig zu machen. Oder es werden Kissen verdroschen. Habe ich in fast jedem mir bekannten Fall bisher beobachtet.
    Soviel zur Desensibilisierung.

  22. @Icarus
    Das habe ich auch nie verstanden. Und da heißt es immer die Katharsistheorie sei längst diskreditiert, sowie die Annahme zumindest geringer negativer Wirkungen klar –

  23. Die Vehemenz, mit der eine “Katharsis” von allen Seiten als widerlegt bezeichnet wird, erstaunt mich auch immer wieder… insb., weil dies dann meist im Rahmen einer Darstellung der übrigen Medienwirkungshypothesen stattfindet, für die man weitaus weniger eindeutige Worte oder im Gegenteil gar Unterstützung findet, obwohl deren theoretische und empirischs Fundamente mindestens genau so brüchig sind, wie das der Katharsishypothese. Wobei ich mich bzgl. einer Katharsis ohnehin BODMER mit seiner folgenden Einschätzung anschließen würde: “Unrealistisch – wenn überhaupt – sind die Testanordnungen, aufgrund deren die Katharsis-These verworfen wurde.” Ganz zu Schweigen von gelegentlich vorgetragenen Eingebungen zur Neukonzeption des Katharsiskonzeptes. oder um es mit FERGUSON/RUEDA 2010 zu sagen: “It is worth noting that most studies of violent video game effects do not directly study catharsis. The most proper way of studying catharsis would begin by irritating or frustrating participants and then randomizing them to violent or nonviolent games to study which calmed participants. Most studies of violent video games take the opposite tact, namely taking ‘calm’ participants and randomizing them to video game conditions to see which increase aggression. This approach is not adequate for testing catharsis. It remains possible that the catharsis hypothesis may be technically wrong, yet video games may function as a leisure activity which promotes coping with stress […]. Previous research has suggested that leisure activities can reduce stress […] and that these findings may extend to the use of video games […]. If violent video games are employed as a stress coping technique by some individuals we would expect stress-related sequelae including hostile feelings and depression to be reduced in game players.” Das hat dann aber auch ncihts mehr mit Gewaltdarstellungen zu tun (deshalb ja auch das Thema Neukonzeption).

  24. @Vic: kennst du eigentlich eine Studie die die Karthasis korrekt testet, also so wie Ferguson/Rueda es beschreiben? Mir ist gerade keine geläufig die diesen Weg geht.

    @Aginor: kannst du nicht die Argumente in so 2-3 Standardprobleme zusammenfassen? Also problematische Proxies, kaum relevante Effektgrößen…
    Dann kannst du ja z.B. Vic anführen mit der Aussage dass viele Studien nicht das halten was die Autoren behaupten, das ist definitiv ein großes Problem in der Wissenschaft, kommt in vielen Studien vor.

  25. @ Mars:
    IIRC mehr oder weniger genau die Studie, aus der das Zitat ist:
    Ferguson, Christopher J. / Rueda, Stephanie M. (2010): The Hitman Study. Violent Video Game Exposure Effects on Aggressive Behavior, Hostile Feelings, and Depression. In: European Psychologist 2010; Vol. 15(2), S.99–108.
    Wobei es da natürlich auch Kritikfläche gäbe, aber positive Effekte von Medien-, resp. Mediengewaltexposition sind nicht das Thema meiner Diss., da beschäftige ich mich nur am Rande mit (so einen Ansatz, dass man z.B. eventuelle positive Effekte als Argument nimmt, z.B. i.d.S., dass sie eventuelle negative Effekte überwiegen, verfolge ich erst gar nicht).

  26. @Icarus: hier 2 Kurzzusammenfassungen:
    http://psycnet.apa.org/journals/epp/15/2/99/
    http://psycnet.apa.org/?&fa=main.doiLanding&uid=2008-03115-004
    Wenn ich das richtig verstehe hat Spielen oder Nichtspielen keinen Einfluss darauf, wie schnell sich das Frustrationsniveau abbaut, aber bei Leuten die im reallife Vielspieler sind hat sich das Frustrationsniveau schneller gesenkt (oder dass sie gar nicht so viel Frust aufgebaut haben, habe leider die Studie selber grad nicht da).

  27. @Mars:
    Ja, das tue ich schon, aber das dumme an diesen Argumenten ist dass sie nicht sonderlich bildhaft sind. Die Argumente kommen als “(pseudo-)wissenschaftliches Geschwafel” rüber oder werden einfach von Nichtwissenschaftlern idR nicht verstanden.
    Dagegen sind die Gegenargumente vordergründig schlüssig und mit Anekdoten prima zu erzählen (weswegen Politiker und z.B. Herr Pfeiffer das auch so machen). Auch solche Totschlag-“beispiele” wie das nicht aussagekräftige Winnenden sind einfach bildhafter. Man muss das ganze sehr kurz und prägnant erzählen können und am besten mit einem Beispiel zeigen und das ist halt schwer ohne in die Tiefe zu gehen.

    Gruß
    Aginor

  28. Hallo,

    @Vic: Ich bin ganz gerührt von deinem Lob, und wie ich hier stellvertretend von dir verteidigt werde. Ich habe dem auch nur eine kurze Zusammenfassung der von dir (und anderen) bereits aufgeführten Argumente vorzubringen:

    Ich will nicht behaupten, dass nur aufgrund der nicht immer sauberen Manipulation der Gewaltdarstellungen alle Studienergebnisse unbrauchbar sind. Aber wenn Stimulusauswahl, Manipulation der unabhängigen Variablen, Definition der abhängigen Variablen, und die Operationalisierung bzw. Messung selbiger allesamt fehlerhaft sind, dann muss man sich zumindest schon mal fragen, was wir eigentlich wissen über die Wirkung digitaler Spiele. Die Ferguson-Gang führt hier schon ziemlich gute Punkte an, lassen sich aber für meinen Geschmack viel zu sehr auf das akademische Schwanzwedeln in Publikationen ein.

    Was die Wirkung von Spielen angeht: Ich möchte auch nicht sagen, dass sie absolut wirkungslos sind (das wäre merkwürdig, wenn man bedenkt, was sonst alles einen Effekt auf Gedanken, Stimmung und Verhalten hat), und Tests wie der CRTT messen ja auch irgendwas. Die Frage ist eben nur was, und das ist bisher oft und wie ich finde berechtigt kritisiert, und noch öfter ignoriert worden.

    Vic, könntest du mir mal eine Email schreiben? Ich wüsste gerne etwas mehr über deine Diss, denn die klingt gut, und vielleicht finden wir Anknüpfungspunkte für Kooperationen? Im Übrigen, zu dem Äpfel-und-Birnen-Kommentar von dir: Mein Paper, das ich bei der ICA vorstellen werden trägt witzigerweise den Titel “Comparing Apples and Oranges? The Effects of Confounding Factors in Experimental Research on Digital Games and Aggression.” :-)

    Alles Gute
    Malte

  29. @Aginor: Die Gegenargumente sind ja auch nur schlüssig weil sie, wie normal in der öffentlichen Wahrnehmung, verkürzt und leicht polemisch sind. Wie wärs wenn du ähnlich vorgehst? Ich sag z.B. immer: “die Maße die verwendet werden sind problematisch, da gibts z.B. einen Versuch da gilt, wer mehr Scharf verwendet als aggressiver. Wir kennen doch XY (bei mir gibts da einen Bekannten der ist extrem scharf und ist super friedlich), der wäre laut dem Maß voll aggressiv.” Das ist zwar nicht ganz korrekt, aber einleuchtend. Hilft dir sowas?

    @Icarus: Maltes ist auf seiner Page imho verlinkt, Vics noch nicht veröffentlicht. Kannst du ihn ja drum bitten elektronisch zu publizieren, dann ist sie in einiger Zeit frei im Netz erhältlich.

  30. @Mars:
    Ja, auf der rhetorischen Ebene kann man das machen. Da kann man auch den toten Fisch nehmen und so.
    Ich denke es ist mir einfach persönlich unangenehm, denn ich habe eine (Ingenieur-)Wissenschaft studiert und mag wissenschaftliches arbeiten. Es widerstrebt mir zutiefst mich auf so eine polemische Ebene zu begeben wenn man das ganze doch auch logisch und korrekt erzählen könnte . Ich kriege davon Schmerzen im Gulliver, weswegen ich immer nach neuen Methoden suche das ganze so akkurat wie möglich zu machen, ohne dabei unverständlich zu werden.

    Gruß
    Aginor

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