Randnotiz #5

Mit dem Werbespiel „America’s Army“ gibt es tatsächlich einen First-Person-Shooter der von der US-Army hergestellt wurde, doch manchen scheint das nicht zu reichen. So sollen unter anderem die Videospiele „Duck Hunt“, „Counter-Strike“ und „Doom“ auf Entwicklungen des Militärs zurückgehen – was natürlich nicht stimmt. Diese Liste kann nun um einen weiteren Titel ergänzt werden. In einem „Magazin für Außen- und Sicherheitspolitik“ heißt es über „Armed Assault“:

Videospiele ziviler Firmen werden zudem als Trainingssimulationen vom Militär verwendet und umgekehrt werden militärische Simulationsprogramme auf dem zivilen Markt vertrieben. Man denke hier beispielsweise an die »Armed Assault«-Reihe des tschechischen Entwicklerstudios Bohemia Interactive, die auf einer Trainingssimulation für die tschechische Armee beruht und von versierten Programmierern graphisch für den zivilen Nutzer aufbereitet wurde – nur um anschließend wiederum für den weltweiten Markt aufbereitet zu werden.“

(Markus Cillien, Ungenutzte Versuchung, ADLAS 2/2012, S. 23)

Tatsächlich war das erste Spiel, das von Bohemia Interactive mit der „Real Virtuality“-Engine entwickelt wurde, das (zivile) Videospiel „Operation Flashpoint“. Hierauf basierend wurden die militärischen Programme „Virtual Battlespace System 1“ und „Virtual Battlespace System 2“ sowie mit „Armed Assault“ und „ArmA2“ auch weitere kommerzielle Spiele entwickelt. Es ist also mitnichten der Fall, dass die Reihe auf eine Entwicklung der tschechischen Armee zurückgeht.

Lustigerweise kann dies auch in einem im selben Heft erschienen Artikel nachgelesen werden:

BOHEMIA INTERACTIVE wurde 1999 gegründet. 2001 landete der tschechische Spieleentwickler einen ersten Erfolg mit der militärischen Simulation »Operation Flashpoint: Cold War Crisis«, eines der ersten Open Sandbox-Spiele auf dem Unterhaltungsmarkt. Auf der gleichen Spiel-Engine »Real Virtuality« baute anschließend das militärische Trainingsprogramm »Virtual Battlespace« auf, das ein Jahr später erstmals erschien.“

(Marcus Mohr, „Es macht uns Spaß, fiktive Umgebungen zu fabrizieren“, ADLAS 2/2012, S. 19, 22.)

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7 Gedanken zu “Randnotiz #5

  1. Die “Virtual Battlespace”-Titel (VB) wurden afaik auch nie (von der Mutter?) in Tschechien, das heißt gar nicht in Europa, sondern (von einer Tochter?) in Australien (!) entwickelt. Das ist einfach nur blanker, ideologisch konstruierter Unsinn der da von diesem Cillien fabriziert wurde – die Information mit der tschechischen Armee ist mir auch völlig neu. Woher die stammt würde ich ebenfalls gerne wissen: ich dachte immer das wären andere Armeen gewesen…
    Die Unterhaltungssoftware dürfte für Bohemia Interactive im Gegenteil immer das Hauptstandbein gewesen sein, trotz der Tatsache dass sie die Rechte für “Operation Flashpoint” (OF) dereinst an die britischen Codemasters verloren, abgeben mussten beziehungsweise selbst nie hatten. Dafür spricht auch, dass sie OF erst kürzlich unter anderem Namen neu veröffentlicht haben – wer einen alten Key von OF noch hatte konnte sich das neu gebrandete Spiel übrigens gratis herunterladen. OF ist imho auch ein beeindruckend kritischer Kommentar zu einem dystopisch heiß gewordenen Kalten Krieg und einer politischen Stimmung um das Jahr 1985 (also Glasnost und http://de.wikipedia.org/wiki/Perestroika ): AA mag zwar kommerziell gesehen heute nur ein Nischenprodukt darstellen, aber in seiner Nische ist es sicherlich unheimlich erfolgreich und wohl auch konkurrenzlos. Ähnliches könnte man wohl auch über Crytek sagen die ihre Engine entsprechend lizenzieren ließ http://www.heise.de/newsticker/meldung/US-Armee-nutzt-CryEngine-3-fuer-Militaer-Simulation-1252007.html

  2. Der zweite Satz ist imo etwas missverständlich. MD ist zwar kein Spiel, sondern nur eine Mod, doch die Entwicklung durch das Marine Corps zur Übung von Gruppentaktiken stimmt doch.

  3. @Crusader
    Hast’ natürlich Recht. Marine Doom als Mod ist von dem Militär entwickelt – ich hatte versucht mit der Formulierung zum Ausdruck zu bringen, dass nach manchen dahinter ein ursprünglich militärisches Spiel gestanden habe, wobei ja Doom das ziviler Original war. Ich glaube so ist es jetzt klarer.

    @Pyri
    Afaik wurde VBS1 dann auch in Zusammenarbeit mit dem USMC entwickelt und nicht mit der tschechischen Armee. Die wird in Wikipedia nicht einmal als Nutzer von VBs1 angeführt.

  4. Ob die nun vom Militär genutzt werden oder nicht die gängige verbreitete Behauptung ist doch das sie entwickelt wurden nur um damit “Tötungshemmung” von Rekruten abschwächen wollte.

    Gerade die oben genannte Spiele und Engine hatte eben keine Ballerorgien (wie viele Egoschooter zu der zeit) im Vordergrund sondern taktischen Planung um das eigene “Überleben” und des eigenen Teams in Kampfhandlung zu sichern.

  5. Beim Zappen landete ich gestern zufällig bei RTL: In einer dieser Scripted Reality Serien hatte ein Mann angebliche Eheprobleme, weil er so viel am Flugsimulator spielte. Achtung Klischee-Alarm:
    .
    Off-Kommentar (sinngemäß): Er hätte genug Zeit für die Familie, doch stattdessen verbringt er viel Zeit vor dem Computer. Hier spielt er, was er im wahren Leben gern geworden wäre: Pilot. Im Flugsimulator fliegt er in Echtzeit, z.B. von Köln nach NY – und das kann schon mal 11 Std. dauern. Die Therapeutin entschließt sich zu einer radikalen Lösung: Spiel löschen. Er hat in den 10 Jahren viel Geld investiert und sog. Fluglizenzen erworben, wenn das Spiel gelöscht wird, ist alles weg. Er muss sich entscheiden – das Spiel oder seine Familie.
    Link (Szene ab 18:50): http://rtl-now.rtl.de/letzte-chance-fuer-unsere-ehe/letzte-chance-fuer-unsere-ehe.php?container_id=92532&player=1&season=1

  6. Solche Lizenzen wird es doch gar nicht geben… Ich habe mich auch einige Jahre mit dem Flugsimulator von Microsoft beschäftigt, zwar mehr mit Sichtflug – Holger Sandmann etc. – aber auch beim Instrumentalflug habe ich noch nie von derartigen Communities gehört. Noch dazu von solchen welche von irgendwelchen Installationen abhängig wären – selten so einen Unfug gelesen.
    Da wird jemand davon gehört haben, dass Videospiele irgendwo “gelöscht” werden können und dann so eine Geschichte daraus konstruiert haben.

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