10 Jahre “Mehr Waffen”

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Seit dem 16. Juni ist es zehn Jahre her, dass die österreichische Sängerin Christina Stürmer ihr Debütalbum „Freier Fall“ veröffentlicht hat. Mit dem Album erschien auch der Song „Mehr Waffen“, der bei Gamern zunächst auf wenig Gegenliebe stieß. Wenig überraschend bei einem Songtext, der Parallelen zwischen gewaltdarstellenden Videospielen und realer Gewalt zieht und den Vorwurf in den Raum stellt, dass Videospiele sowohl die Empathie senken als auch den Umgang mit Waffen trainieren würden.
Letztendlich wurde „Mehr Waffen“ von Gamern wegen der auch sonst wenig schmeichelhaften Passagen nicht als ein Lied gegen Gewalt, sondern als eines gegen Menschen begriffen, was zu vielfältigen Reaktionen geführt hat. So kritisierte beispielsweise Gunnar Lott, ehemaliger Redakteur der GameStar, dass es ein „diffamierender Songtext“ sei. Bei amazon finden sich kritische Bewertungen und die nüchterne Feststellung, dass „der Text […] mehr als nur ironisch“ – also wohl sarkastisch – sei. Dabei vergriffen sich jedoch nicht wenige im Ton und schickten der Künstlerin beleidigende Mails oder posteten in ihrem Forum Sätze wie „Ich schlitz dich auf.“, „Ich weiß, wo du wohnst.“ und „Entschuldige dich, sonst passiert was!“. Reaktionen, mit denen die Verfasser ihrer Sache sicherlich nicht dienlich waren.

Christina Stürmer: “Ich steh’ dazu.”

Christina Stürmer selbst reagierte auf die Kritik beherrschter. Es sei okay, dass diese Leute ihre Meinung über sie sagten, es laufe allerdings etwas falsch, wenn sie wegen eines Lieds bedroht werde. In der Sache selbst blieb sie standhaft: „Viele wollen, dass ich den Song von der CD nehme, doch das kommt gar nicht in Frage. Ich steh’ dazu, und wer nicht meiner Meinung ist, braucht sich die CD ja auch nicht anzuhören.“. Ohnehin ziele das Lied allein „auf die ab, die Tag und Nacht vorm Bildschirm hängen und in eine nicht ganz reale Welt versinken“. Sie halte das für gefährlich, da es zu einer Art Suchtverhalten führen könne.
An meisten Aufmerksamkeit erreichte eine von Georg Pichler initiierte Petition, mit der die Unterzeichner gegen den vor Vorurteilen strotzenden Song protestieren und zeigen wollten, dass man sich diskriminiert fühlt. Sein Vorwurf: „Der Text unterstellt, dass die meisten Gamer Außenseiter sind, die am liebsten ein Gewehr hätten, damit sie endlich Respekt von ihrem Umfeld bekommen und dass Spieler ihren Bezug zur Realität verlieren. […] Der Text ist für mich für einen Popstar nicht zu verantworten“. Bis jetzt unterzeichneten 14.501 Gamer die Petition und es kam beim Radiosender Ö3 zu einem Gespräch zwischen Stürmer und Pichler, das von der Sendeanstalt jedoch nicht archiviert wurde. Verständnis konnte Christina Stürmer für das Anliegen aber offenbar nicht aufbringen: „Es ist einfach die Tatsache. Es gibt Leute, die Tag und Nacht vor dem Computer sitzen und in schon in dieser ‚Welt‘ leben“. Sie pochte weiter darauf, dass „jeder seine eigene Meinung“ haben dürfe und schließlich könne „keiner Everyones Darling sein“ sein.

“Damals war es halt einfach so, dass es sehr oft in der Zeitung zu lesen war.”

Die Frage, wie Christina Stürmer auf die Idee kam in Videospielen die Ursachen für reale Gewalt zu suchen, beantwortete sie 2010 im Youtube-Kanal „clixoom“. „Yaha’Tsei“, der Stürmer wegen des „Anti-Gamer“-Songs fragte, ob sie „eine den Medien gerichtete Schubladendenkerin“ sei und glaube, „dass jeder von uns Gamern nach Blut lechzt und gleich Amok läuft“, erhielt eine interessante Antwort:

„Ich glaube auf keinen Fall, dass alle Gamer Amok laufen. Das war nur damals […] auf unserem ersten Album drauf, das war 2003. Da waren halt einige so Fälle in den Zeitungen zu lesen einfach von Typen die halt wirklich Tag und Nacht durchspielen und halt eben extremste Games spielen wo halt Blut und alles Mögliche zu sehen war. Die da halt extrem reingekippt sind und die dann halt blöderweise schlimme Dinge gemacht haben, wo Menschen gestorben sind. Und das hat mich halt sehr bewegt. Was jetzt nicht heißt, dass jeder Gamer … Mein Bruder spielt zum Beispiel sehr sehr gerne und der würde das nie machen. Also ich würde niemals alle Gamer in einen Topf werfen aber damals war es halt einfach so, dass es sehr oft in der Zeitung zu lesen war oder im Fernsehen zu sehen war. Das hat mich halt einfach extrem bewegt.”

Der Grund dafür, dass es den Song „Mehr Waffen“ gibt, ist also die Berichterstattung der Medien über nach dem Amoklauf von Erfurt. Hierbei hatte sich offenbar nicht nur die deutsche, sondern auch die österreichische Presse auf gewaltdarstellende Medien eingeschossen. Auch beim Wahrheitsgehalt stand die Berichterstattung der deutschen in nichts nach. Im Archiv des Standards findet sich beispielsweise die Aussage, dass Steinhäuser Fan von der Band Slipknot gewesen sei, die im Lied „School wars“ dazu auffordern würde, seine Lehrer zu erschießen. Tatsächlich existiert solch ein Lied nicht – die Information stammt von der „Sun“. Wegen der Videospiele wurde – wie auch in Deutschland – davon berichtet, dassder Amokläufer unter anderem auch den Ego-Shooter “Counterstrike” gespielt haben soll“, dassder Täter […] begeisterter “Counter-Strike”-Spieler gewesen sein“ soll bzw. dass er es „exzessiv gespielt haben soll“. Tatsächlich hatte Steinhäuser einige Ego-Shooter wie „Quake III Arena“ genutzt, doch das in den Medien vornehmlich präsente „CounterStrike“ gehörte nicht dazu. Die mit der Aufarbeitung des Amoklaufs betraute Gutenberg Kommission stellte dies in ihrem abschließenden Bericht ausdrücklich fest:

„Weil in einem Buch im Zusammenhang mit dessen Ego-Shooter-Aktivitäten ein nach den Erkenntnissen der Kommission nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmendes Bild von Robert Steinhäuser gezeichnet wird, muss ausdrücklich klargestellt werden, dass Robert Steinhäuser nicht mit einem Freund namens Steffen, die Nächte durch Counter-Strike gespielt hat und Counterstrike auch kein Dauerbrenner von Robert Steinhäuser gewesen ist. Für die gegenteiligen Angaben […] haben sich […] keinerlei Anhaltpunkte ergeben. […]. Counterstrike hat Robert Steinhäuser nach den Angaben seines zuletzt besten Freundes B deshalb nicht gespielt, weil es kein Spiel war, dass ihm Spaß gemacht hätte und es brutalere Spiele, wie z.B. “Soldier of Fortune” gegeben habe.”

Jan Hinzer: “Still und heimlich zur Gamer-Hymne.”

Dabei hat sich über die Jahre der Umgang der Spielergemeinde mit dem Song geändert. 2005 wurde beim Kultfilm „A Gamer’s Day“ das angespielte „Mehr Waffen“ noch mit dem Kommentar „Wer hört sich denn so einen Scheiß an?“ abgebrochen. Jan Hinzer von „Pirate Gaming“ konstatierte dagegen schon 2009, dass sich der Titel zu einer „Gamer-Hymne“ weiterentwickelt habe. Gamer würden mittlerweile auf den Refrain abfahren und ihn mitsingen können, jedoch nicht, weil sie durch diesen im Sinne der Interpretin zur Reflexion über ihr Spielverhalten angeregt wurden, sondern weil sie den Songtext als Inbegriff des ihnen entgegengebrachten Unverständnisses mit Humor nehmen würden:

‚Mehr Waffen, mehr Feinde‘ hat sich zum geflügelten Wort unter Gamern entwickelt und drückt die locker genommene Frustration der Spieler gegenüber einer Mehrheitsgesellschaft aus, die gerne einmal die Grundsätze der Unschuldsvermutung und noch drastischer, des Rechtes auf die ungehinderte Entfaltung der Persönlichkeit übersieht, wenn es denn nicht das eigene Recht ist, das beschnitten wird.“

Vom Bekanntheitsgrad von „Mehr Waffen“ zeugen dabei die vielfältigen Bearbeitungen: In etlichen Youtube-Videos wird der Song entweder als Kontrapunkt mit beinahe nostalgisch anmutenden Videospielszenen unterlegt oder „passend“ zum Inhalt eine Gewaltorgie präsentiert. Für regelmäßige Zuschauer von „Starcraft 2“-Streams ist das Lied ebenfalls keine Seltenheit: Während der Pausen kann auch „Mehr Waffen“ in der Playlist auftauchen. Ein Phänomen, das entfernt an den Yankee-Doodle erinnert, mit dem die Amerikaner ein britisches Schmählied „gekapert“ hatten.
Aus wessen Feder der Text von „Mehr Waffen“ stammt ist übrigens auch nach 10 Jahren nicht bekannt: Christina Stürmer ist lediglich die Interpretin und bedient sich für ihre Lieder verschiedener Autoren. Sowohl beim Album als auch bei der mp3 fehlt die entsprechende Angabe. Bitten, den Autor zu nennen, bleiben leider ebenso unbeantwortet wie Fragen, was Christina Stürmer von dem (neuen) Umgang der Gamer mit ihrem „Anti-Gamer“-Song hält.

4 Gedanken zu “10 Jahre “Mehr Waffen”

  1. Ich möchte ein Kompliment für diesen Artikel aussprechen. Vor der Überschrift “Ich steh’ dazu” fehlt in meinen Augen nur noch ein “r” in ihrem Namen: leider gibt es wirklich nicht viele Informationen über die Herkunft von Stürmers Liedern. Die dürften vielfach ganz einfach anonym geschrieben worden sein, denn auf Nordbayern konnte man im April wenigstens erfahren, dass sie offenbar ein ganzes Team von AutorInnen beschäftigt http://www.nordbayern.de/region/nuernberg/christina-sturmer-ich-bin-sangerin-keine-tanzerin-1.2849918 Ob das vor zehn Jahren nun auch schon so war kann ich naturgemäß nicht sagen, aber ich gehe mal stark davon aus da sie ihre Karriere als Zweite in einem Gesangswettbewerb beim Österreichischen Rundfunk begann und daraufhin von der hiesigen Haute-Volée in Form von Regie-Typen wie diesem “Rudi” Dolezal gefördert wurde. Also als Songwriterin ist sie demnach (auch) nicht zu betrachten – nach ihrem Auftritt bei Carmen Nebel und im ZDF-Fernsehgarten zuletzt zu urteilen würde ich sie aber auch nicht mehr unbedingt beim international orientierten Pop einordnen, sondern eher schon zum volkstümlichen Schlager zählen. New Jersey hin oder her –

  2. Hallo Rey,

    interessanter Artikel, danke!

    Ich habe eine Frage, die ein bisschen am Thema vorbeigeht. Was genau meinst du denn mit Starcraft II streams? Ich gucke sehr gerne kommentierte SC videos, schaue diese aber ausschließlich über Youtube da mir bisher keine anderen Quellen bekannt sind.

    Danke im Voraus!

    Janis

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