(Selbst-) Zensur der Presse? (Update)

(welt/derstandard) Bekanntlich gibt es in Deutschland den “Index”, auf dem sich so manch ein Videospiel wiederfindet. Diese Titel dürfen nach § 15 Abs. 1 Nr. 6 JuSchG “nicht […] öffentlich […] angepriesen werden”. Mit anderen Worten: “Werbung” ist in der Öffentlichkleit nicht erlaubt, so dass man sie auch gleich lassen kann. Was “anpreisen” sein soll, ist rechtlich nicht ganz geklärt, so dass Spielemagazine auf Tests zu indizierten Spielen und die Erwähnung in Charts verzichten.

Dass auch die allgemeine Presse Vorbehalte hat, indizierte Videospiele beim Namen zu nennen, war mir dagegen neu. So geschehen ist es bei der Berichterstattung über den 20. Geburtstag vom Ego-Shooter Klassiker “Doom”. “Die Welt” listet in einer Tabelle die Entwicklungen von id-Software auf, in der bei dem Eintrag “Indizierter Shooter 3D” der Titel nur unvollständig genannt wird. Im (deutschsprachigen) Ausland, bei dem anstatt auf Verbote durch die “Bundesprüfstelle für jugendgefährende Medien” (BPjM) auf eine Posititivprädikatisierung durch die “Bundesstelle für die Posititivprädikatisierung von Computer- und Konsolenspielen” (BuPP) gesetzt wird, darf der Titel dagegen ganz gezeigt werden (Kommentare von uns – dazu gleich mehr):

gerat

Leider hat uns “Die Welt” keine Auskunft darüber gegeben, aus welchen Gründen man auf eine Namensnennung verzichtet hat. Die Frage, ob hier übereilt Selbstzensur betrieben wurde, oder die Nennung unzulässig wäre, ist dabei nur schwer zu beantworten. Denn § 27 Abs. 1 Nr. 1 JuSchG ist nicht witzig:

    “Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer […] entgegen § 15 Abs. 1 Nr. […] 6 […] ein Trägermedium […] anpreist.”

Die Ansicht, dass eine bloß neutrale Nennung in einer Tabelle über Entwicklungen kein “anpreisen” darstellt, ist dabei leider nicht selbstverständlich. In den juristischen Kommentaren ist man sehr zurückhaltend und möchte sich nicht wirklich auf eine Aussage zu “neutralen” Darstellungen festnageln lassen. Diese seien jedenfalls dann nicht vom Straftatbestand erfasst, wenn zugleich Kritik an dem Spiel geübt wird:

kommentar

Da auch diese Seite keine Immunität gegenüber deutschen Behörden aufweist, haben wir – um den Screenshot unverpixelt zeigen zu dürfen – diesen mit den geforderten herabwürdigenden Kommentaren versehen.

Update

Neben “Indizierter Shooter 3D” und möglicherweise dem “Doom”-Ableger für Nintendo 64 ist von den aufgeführten Titeln auch der 10. Eintrag indiziert. Darüber, warum “Die Welt” diesen ausnahmsweise beim vollen Namen nennt, kann man nur spekulieren. Zwar war “Indizierter Shooter 3D” ursprünglich auch beschlagnahmt, doch die Beschlagnahme ist mittlerweile abgelaufen und wurde nicht erneuert. Der “Doom”-Ableger müsste dagegen, wie eben auch das 10. Spiel, “bloß” indiziert sein. Möglicherweise hat “Die Welt” irrtümlich eine Listenstreichung angenommen, die von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien jedoch abgelehnt wurde (BPjM Aktuell 1/13.).

10 Gedanken zu “(Selbst-) Zensur der Presse? (Update)

  1. Vielen Dank für diesen kurzen Artikel. Seit Jahren warte ich schon darauf. Ich hoffe er wird auch wahrgenommen.
    Finde das ja erschreckend, denn prinzipiell gibt auch dieser Kommentar (2004) die Meinung bereits vor über welche ein Spiel lediglich beim Namen genannt werden könnte, ohne dass die Nennung vom Straftatbestand erfasst sein würde.
    Bemerkenswert finde ich dabei vor allem, dass der 1999er-Eintrag “Quake 3 Arena” auch indiziert ist, nur wird es da beim “Indizierten Shooter 3D” gar nicht darum gehen dass dieser “indiziert” ist, sondern beschlagnahmt UND ein “Nazispiel” obendrein. Hierbei wird “Die Welt” sozusagen eher freiwillig “Verantwortung” übernommen haben (wollen) und nicht “noch” Werbung für das Spiel machen…

  2. @Pyri
    “Wolfensheim 4D” ist afaik nicht mehr beschlagnahmt, da die Beschlagnahme nach 10 Jahren “abgelaufen” ist und nicht verlängert wurde. Auch ist der “Doom”-Ableger für den Nintendo 64, der ja ebenfalls nicht genannt wird, afaik höchstens indiziert und nicht beschlagnahmt. Ich finde ihn weder bei der Beschlagnahme nach § 131 StGB noch bei anderen Vorschriften. Explizit wurde offenbar auch die “Nintendo 64”-Version nicht indiziert, ggf. besteht hier aber Inhaltsgleichheit. Von daher nehme ich an, dass man bei der Welt den selben Fehler wie ich gemacht hat und glaubte, dass “Beben 3” vom Index gestrichen wurde. Habe erst gerade bei SB.com gesehen, dass der Antrag nicht durchgegangen ist.

  3. Die Beschlagnahme für “Hundefeld 4D” (^^) mag abgelaufen sein, der Titel erfüllt aber im gängigen System immer noch die einschlägigen Tatbestandsmerkmale, bis ein Gericht hier nicht Mal mit dem offensichtlichen Unsinn aufräumt.

  4. @Rey
    Von “Beben 3” erschien erst 2010 eine rundum erneuerte Arcade-Version für die Xbox 360 (mit Widescreen und ohne Maus-Nötigung), welche leider kaum beachtet wurde. Eine Veröffentlichung blieb in Deutschland aus. Auch “Hundefeld 4D” wird außerhalb Deutschlands immer wieder neu aufgelegt, am PSN usw.
    Wenn mans genau nimmt ist ja auch “Quake 4” indiziert und sie hätten müssen “deutsche Version” dazuschreiben, so als ob id Software nur die gemacht hätte…

  5. In der aktuellen M!Games wird Dead Rising 3 als “Indiziertes Zombie Spiel 3” in den Verkaufschart geschrieben. Im Heft findet sich keinerlei Informationen über den Xbox One-Launchtitel.

  6. @Tina
    Dass das Spiel dort totgeschwiegen wird ist mir als Abonnent auch aufgefallen. Die M-Games (vormals Man!ac) ist dabei die letzte deutsche Videospielzeitschrift welche ich regelmässig lese (in meinen Spitzenzeiten waren es sieben bis acht), aber jedes Jahr tue ich mir aus eben diesen politischen Gründen schwerer mein Abonnement zu erneuern. Auch was ihre “Akte BPjM” betrifft – eine in meinen Augen unerträgliche Apologetik der Bundesprüfstelle und ihrer jahrzehntelangen Praxis im Bereich Videospiele. Wirkt auf mich jedes Mal fast wie unbezahlte Werbung.
    Alles in allem finde ich es sehr einseitig wie in diesen Arbeiten (nicht) geglaubt wird “Verantwortung” zu übernehmen –

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.