“Vor der Tat” – technisch nicht falsch

Medien stellen anlässlich der Berichterstattung über Amokläufe regelmäßig eine Verbindung zwischen der Tat und der Nutzung gewaltdarstellender Videospiele her. Dabei entspricht es der gängigen Vorstellung, dass sich der Täter unmittelbar vor der Tat “am Computer in Stimmung” (Pfeiffer wirbt nach Blacksburg für “Killerspiele”-Verbot, mediabiz.de v. 18.04.2007.) schieße, wie es der Krimonologe Christian Pfeiffer ironischerweise anlässlich des Amoklaufs von Blackburg formulierte – wie sich heraustellte, hatte der Täter kein Interesse an gewaltdarstellenden Videospielen (Mass Shootings at Virginia Tech: Report of the Review Panel (2007), S. 32.).

Auch im Fall des Amoklaufs von Winnenden gibt es Berichte, die solch einen Ablauf suggerieren. Die Südwest Presse veröffentlichte zum 5 Jahrestag von Winnenden eine Pressemeldung der dpa, in der mit Hardy Schober ein Vertreter des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden zu Worte kommt:

    “Stillstand herrscht laut Schober bei brutalen Computerspielen, so genannten Ego-Shootern, wie sie der Winnender Amokläufer Tim K. und andere Gewalttäter vor ihren Taten verwendet hatten.”

    (dpa, Fünf Jahre nach Winnenden: Kampf gegen großkalibrige Waffen geht weiter, Südwest Presse v. 11.03.2014.)

Bei einem diese Woche veröffentlichten Firmenportrait über einen Videospielentwickler ging die Berliner Zeitung in einem Nebensatz ebenfalls auf den Amoklauf von Winnenden ein. Dort heißt es:

    “Im Zimmer des jugendlichen Täters fanden die Ermittler einen Computer, auf dem der Schüler Tim K. vor der Tat ein sogenanntes Killerspiel gespielt hatte.”

    (Jörg Hunke, Niedliche Computer-Wesen vom Prenzlauer Berg, Berliner Zeitung v. 07.04.2014.)

Zwar berichtete Spiegel Online, dass der Täter “noch am Abend vor der Tat das Computerspiel “Far Cry 2″ gespielt” habe (Bluttat von Winnenden: Amokläufer verbrachte Abend vor der Tat mit Killerspiel, SPON von 14.03.2009.), doch diese Meldung stellte sich als falsch heraus. Spiegel Online weist bis heute nicht darauf hin, dass die Polizei Waiblingen diese Darstellung dementiert hat:

    “Laut der Polizei Waiblingen gibt es keine Beweise dafür, dass Tim K. den First Person Shooter “Far Cry 2″ am Vorabend des Amoklaufs gespielt hatte.”

    (Merkel ruft nach Amoklauf zu mehr Wachsamkeit auf, reuters.com v. 15.03.2009.)

Der offizielle Abschlussbericht des von der Landesregierung eingesetzten Expertenkreis Amok verweist schließlich auf das Ermittlungsergebnis von Staatsanwaltschaft und Polizei, wonach das unterstellte Szenario – der Täter habe sich direkt nach dem Spielen auf den Weg zur Schule gemacht – nicht stimmen kann:

    “Aufgrund der Computerauswertung gehen die Kriminalisten davon aus, dass er zuletzt am 08.03.2009 ein Ego-Shooter-Spiel zu Hause gespielt hat.”

    (Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Stuttgart und der Polizeidirektionen Waiblingen und Esslingen zum vorläufigen Ermittlungsergebnis, zitiert nach: Rems-Murr-Rundschau v. 23.05.2009.)

Zwischen der letzten Nutzung am 08.03.2009 (Sonntag) und der Tat am 11.03.2009 (Mittwoch) liegen somit mehrere Tage. Technisch gesehen ist die Aussage, dass der Täter “vor der Tat” Ego-Shooter genutzt habe, dennoch nicht falsch, da “vor” nach dem Duden nicht nur als Verweis auf ein unmittelbar vorangegangenes Ereignis, sondern auch als bloße Angabe einer Reihenfolge verstanden werden kann. Und dass der Täter vor der Tat Videospiele genutzt hat stimmt – dass er zwischen Tat und Nutzung noch mehrmals geschlafen hat, wurde in den Presseberichten bloß nicht erwähnt.

    Zum Artikel der Südwest-Presse
    Zum Artikel der Berliner Zeitung

Ein Gedanke zu ““Vor der Tat” – technisch nicht falsch

  1. Ich glaube wesentlicher als die Rede von “vor der Tat” ist dabei das “in Stimmung schießen” und da wiederum die “Stimmung” als “Wirkung”, also die Auswirkungen welche die Handlung, die sozusagen mediale “Tat Videospiel” der realen Tat (dem geplanten, versuchten oder durchgeführten Verbrechen) vorgelagert gewesen ist. Wie diese Tat der anderen vorgelagert war, spielt im politischen Diskurs dann gar keine so große Rolle.
    Das ist ähnlich wie bei Agitation gegen sexuellen Ausdruck: indem irgendwo mal eine sexuelle Handlung als durchführbar, eine Person als “verfügbar” angesehen wurde, wird eine Vergewaltigung als Folgerung daraus logisch konstruiert. Zum Teil auch weil “Fantasie” als gegenüber “Realität” minderwertiger Ersatz gilt, eine somit negative Geltung erlangt hat, sich ihrerseits nur als die Vorstufe einer realen Situation vorgestellt wird. Und genau so werden auch “Gewaltspiele” gesehen: die Gewalt als Handlungsoption in Videospielen welche dann auf “Realität” (zusammen mit einem entsprechenden Wirkungskonzept) bloß mehr übertragen werden braucht.

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