Lukas 23:34

(mediengewalt.eu) Aktuell versucht sich die Politik – von den Medien derzeit noch wenig beachtet – erneut an einer Novelle des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages. Das ist das Ding, das regelt, welche Inhalte im Internet nicht oder nur gut versteckt verbreitet werden dürfen. Diese Woche wurde die zweite Online-Konsultation zu den geplanten Änderungen abgeschlossen, in deren Verlauf sich zahlreiche Institutionen geäußert haben. Hierzu gehört auch der Mediengewalt e.V., der meint hinsichtlich einiger Punkte widersprechen zu müssen:

    „Wenn in der überarbeiteten Fassung zur Verbesserung des JMStV der Länder festgestellt wird, dass „Jugendgefährdende Medien“ „üblicherweise“ von Minderjährigen nicht wahrgenommen werden so stellt dies eine Formulierung dar, die den wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Nutzungsverhalten von Kindern diametral entgegensteht. Wissenschaftler unseres Non-Profit-Vereins „Mediengewalt-Internationale Forschung und Beratung eV.“ sowie des „Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen“ (KFN) […] haben in den letzten sechs Jahren dazu eine ganze Reihe von belastbaren Forschungsergebnissen vorgelegt, die zu der Feststellung berechtigen, dass trotz aller Alterskennzeichnungen bei den elektronischen Medien, insbesondere bei den brutalen und entwicklungsschädlichen Gewaltspielen mit der USK-Bewertung 18+, solche Medien „üblicherweise“ wahrgenommen werden.“

Der Mediengewalt e.V. sieht also die Behauptung, dass jugendgefährdende Medien üblicherweise von Minderjährigen nicht wahrgenommen würden durch die Aussage widerlegt, dass viele Minderjährige Titel „ab 18“ nutzen würden. Hier ist offensichtlich ein fundamentaler Unterschied unbekannt: Medien werden in „jugendbeeinträchtigende“ und „jugendgefährdende“ unterteilt. Während jugendbeeinträchtigende Medien mit einer entsprechenden Kennzeichnungen – bei Filmen FSK und bei Videospielen USK – offen verkauft werden können, ist dies bei jugendgefährdenden Medien, denen eine Indizierung durch die BPjM droht, nicht der Fall: Eine Kennzeichnung verbietet § 14 Abs. 3S. 1 JuSchG, wonach jugendgefährdende Trägermedien „nicht gekennzeichnet“ werden dürfen. Jugendgefährdende Medien können daher gar keine USK-Kennzeichnung erhalten, so dass mit der Nutzung von jugendbeeinträchtigenden „ab 18“-Titeln durch Minderjährige nicht die Aussage widerlegt werden kann, dass Kinder und Jugendliche jugendgefährdende Titel üblicherweise nicht wahrnehmen würden.

Mit dem vom Mediengewalt e.V. angeführten Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen lässt sich die Aussage ebenfalls nicht widerlegen. Dieses vertritt vielmehr die kritisierte Auffassung, dass Minderjährige mit jugendgefährdenden Inhalten kaum in Berührung kommen. Schon 2007 lobten Mitarbeiter des KFN in einem Beitrag das Instrument der Indizierung, da „indizierte Spiele nicht zu massenhaften Prestigeobjekten der Jugendkultur“ werden würden. Befragungen hätten ergeben, dass „nur 0,1 % der über 6.000 befragten Viertklässler und 2,5 % der 17.000 befragten Neuntklässler davon [berichteten], ein indiziertes Spiel genutzt zu haben“ (Höynck/Pfeiffer, Verbot von Killerspielen?, ZRP 2007, 91, 92.).

    Zur Stellungnahme

3 Gedanken zu “Lukas 23:34

  1. Zur Verteidigung von „Mediengewalt“, dem eingetragenen Verein, sei vielleicht gesagt, dass die deutsche Politik es schon verabsäumt hat diese aus meiner Sicht ja völlig absurden Unterscheidungen überhaupt zu kommunizieren. Ich habe mittlerweile fast den Eindruck gewonnen, dass man sich für diese bloß fachspezifisch ausdiskutierten Bestimmungen insgeheim schämt und deshalb davor zurückschreckt den rechtlich gravierenden Unterschied zwischen „jugendbeeinträchtigend“ und „jugendgefährdend“ lautstark öffentlich mitzuteilen. Breitenmedial halte ich diese diffizilen Punkte nämlich aufgrund der dort vorherrschenden Verkürzungen (dem ganzen sich sehr schnell über unerwünschte Inhalte empörenden Populismus) für kaum vermittelbar.
    Wobei es auch noch andere Zuschreibungen in diese Richtung gibt, von denen ich immer wieder lese und die erlaubte Inhalte sogar ganz klar vom Strafrecht abgrenzen sollen, wo beim Gewaltdarstellungsverbot etwa landläufig von „Gewaltverherrlichung“ allein ausgegangen wird und dagegen offensichtlich zum Beispiel die „Gewaltbeherrschung“ erfunden wurde, etwa als „Gears of War 3“ sein Kennzeichen bekam, oder auch in den Gutachten die von der FSF für die Kirkman-Zombieserie regelmäßig veröffentlicht werden.
    Man stelle sich vor eine dafür verantwortliche Person soll damit öffentlich etwa folgenden Satz zum Besten geben: „dieser Inhalt hat ein Kennzeichen erhalten und darf offen zum Verkauf angeboten werden, weil er ist nur jugendbeeinträchtigend und gewaltbeherrscht, aber nicht jugendgefährdend und gewaltverherrlichend“. Vielleicht ist es (auch) ein Mentalitätsproblem, aber ich könnte das mit mir nicht ausmachen, wäre ich eine solch repräsentative Person…

  2. Was die Methodik des KFN in dieser Frage betrifft, empfehle ich S.150ff. meiner Diss.: darwin.bth.rwth-aachen.de/opus3/volltexte/2013/4847/pdf/4847.pdf
    Das Kapitel ist insg. für das Thema relevant.

  3. @Vica
    Schön von dir ein Lebenzeichen zu sehen – ich hatte zwischenzeitlich schon Zweifel: Ich hab dir im Forum eine PM geschickt, bei der ich mich über eine Antwort von dir freuen würde.

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