Religion der Ego-Shooter

(FAZ) Nach jedem schlimmen Ereignis finden sich wieder Menschen, die fast rituell immer den selben Unsinn wiederholen. Nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo fragt nun die FAZ:

Ist es wirklich der Islam, zu dem sich jugendliche Terroristen bekennen? Oder nicht vielmehr die Religion der Ego-Shooter und cool geübter Aggression?

Und als ob eine Suggestivfrage nicht reichen würde, folgt natürlich eine ausführliche Antwort. (Spoiler: Modernere kulturelle Entwicklungen kommen generell nicht gut weg, aber Schuld hat die Mediengewalt.) Schon die über das Internet verbreiteten Videos der Islamisten würden “stark verfremdet, um einem Computerspiel zu ähneln”.

Hier spielen Religion und Politik kaum eine Rolle. Geworben wird hauptsächlich für Adrenalinschübe und Leistungssteigerung. Süchtige brauchen ständig stärkere Dosen. Und wenn die reale Tötung das bessere Gameplay wäre?

Insgesamt sei in der Mediengesellschaft ein terroristische Potential eingenistet. Man kann den Terror offenbar nur überwinden, wenn “empathische und lebensbejahende Spiele” entwickelt würden. Die scheint es zumindest in der Lebenswelt des Autoren nicht zu geben. Recht machen kann man es ihm ohnehin nicht: Fast schon kurios mutet an, dass das Lebemenschen-Motto “YOLO” auf Umwegen[1] mit Märtyrertum in Verbindung gebracht wird. (Zumindest nennt auch der Autor diese gedankliche Verknüpfung “postmoderne Ironie”.) Rebellierende Jugendliche auf der anderen Seite sind gefährlich, “schließlich finden sich im Dschihadismus viele Elemente des Gangsta-Rap wieder”.

Angst vor dem Tod existiere nicht, denn die “islamistische Respawn-Funktion erlöst ihn von dieser Angst. Es gibt immer eine nächste Runde.” Und auch wenn selbst der FAZ-Artikel von der “Ego-Shooter-Polemik” spricht, die “nach jedem Schulmassaker [erneut] entflammt”, scheint der Autor dieser Polemik zu glauben. Sonst wären zwei alte Bekannte wohl nicht wieder von der Partie: Die überwundene Tötungshemmung, “wenn sich mediale und reale Erlebniswelten vermischen”, und der Irrglaube, dass “der Mörder [immer] ein besessener Spieler” war. Aber es gibt es natürlich einen plausiblen Grund, nicht auf Argumente zu hören:

Das Sonderbare an dieser Argumentation ist, dass sie für andere Bereiche nicht gilt. Ein Computerspiel namens „Kindervergewaltigung“ oder „Schwulenbashing“ würde auf merklich weniger Akzeptanz treffen.

  1. [1]Einige Leute fanden YOLO (“You only live once”) albern oder nervig und haben es mit YODO (“You only die once”) veralbert. Letzteres lässt sich natürlich eindeutig mit einem Selbstmordattentat in Verbindung bringen.)

4 Gedanken zu “Religion der Ego-Shooter

  1. Ach, was versucht die FAZ denn da? Eine Auflagensteigerung durch absichtlich provozierte Amokläufe von dedizierten Gamern? Charlie Hebdo 2.0 ? Das könnt ihr lange versuchen, wir lassen uns nicht provozieren, und wir lesen euer debiles Geschmiere sowieso nicht. Für was haltet ihr uns? Idioten? Für so religiöse Heuchler und Gestörte wie Anders Breivik oder Amedy Coulibaly? Satire kann es wohl nicht sein was ihr Möchtegerntransatlantiker da zusammenheuchelt. Weg mit den Paragrafen §131 und §166, weg mit der Zensur und der Bevormundung, so etwas darf es in einer moderenen Demokratie nicht geben. Die Titanic ist Deutschlands bestes Magazin, weil sie es als einzige verstehen die Tatsachen richtig zu verdrehen.

  2. Als religiös/gläubiger Mensch möchte ich einwenden, dass das Motto “YOLO” auch eher materialistisch, diesseitsbezogen, ist, und sich von daher die Argumentation bereits metaphysisch widerspricht. Bezeichnend bleibt, dass die Widersprüche nicht aufgenommen werden und – wie etwa hier – vielleicht auch gegenseitig abgewogen, sondern immer nur verstärkt erscheinen. Eine gegenseitige Aufschaukelung die ich schon vor zehn Jahren als typisch für jeglichen Populismus in der Sache angesehen hätte –
    Ich denke deshalb, dass der FAZ-Text ein Mischmasch diverser Ressentiments ist. So sprechen die Wirkungshypothesen und der Realismus-Gedanke, wonach die Gewaltinszenierung der “Dschihadisten” sich ja auch von realer Gewalt und deren potentieller Betroffenheit unterscheiden würde, eine andere Sprache als jene, die von “Kindervergewaltigung” etc. spricht, wo von den Inhalten her ja offenbar immer noch eine mögliche Steigerung (ins noch mehr Negative/Abscheuliche hinein) gesehen wird.

  3. Religion der Ego-Shooter! Das Warten auf den nächsten “Kick”! Mit Notebook in Tarnfarbe mit Egoshooter Games unterm Arm bekennen sich die Jugendlichen nicht nur zum Islam sondern auch zu anderen Religionen. Figuren mit der Bibel in der Hand, einem Speer oder einem Schwert schmücken Kathedralen, Tempel und Moscheen. Aber wenn ein gläubiger John F. Kennedy anfängt tausende Menschen in den Krieg zu schicken rechnet der Attentäter. Sogar der Tod konnte den den Märtyrer Lee Harvey Oswald nicht davon abhalten Menschenleben zu retten. Wenn sich die Kids zwischen den Mahlzeiten die Zeit mit den Sims oder Frohe Ernte vertreiben ist für alle vielleicht eine zweite Runde möglich!

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