International Age Rating Coalition

Für den VDVC war Marc Anfang August auf dem gamescom congress. Dieser Artikel basiert auf seiner Zusammenfassung des Panels über die International Age Rating Coalition (IARC).

Die USK-Freigabe war bisher auf Boxed-Versionen und Internetauftritte von Mitgliedern beschränkt. Nach dem Jugendmedienschutzstaatsvertrag kommen jetzt die Einstufung von Apps und Online-Games hinzu. Wenn all diese Medien bewertet zeitnah bewertet werden sollen, erscheint ein mehr oder minder automatisches Einstufungssystem, dass flexibel auf Inhalte reagieren kann, sinnvoll. IARC ist seit 4 Jahren in Planung, jeweils für sich betreiben PEGI und ESRB eine Automatisierung für den Onlinebereich schon länger. Da sich regionale Moralvorstellungen und Ansichten zu Jugendgefährdung in verschiedenen Regionen der Welt sich zum Teil stark unterscheiden, ist mit einer Harmonisierung der Vorschriften auch auf lange Sicht eher nicht zu rechnen. Aus diesem Grund wurden Freigabekriterien auf teils bereits bestehende Fragenkataloge heruntergebrochen und konsolidiert.

Jeder Entwickler kann mit IARC mit ein wenig Zeiteinsatz, kostenlos und relativ rechtssicher über mehrere Plattformen verteilt eine Einstufung des Inhaltes erreichen. In den Shops selbst kommen dann Inhalts- (Gewaltgrad, sexuelle Anspielungen, etc.) und Eigenheitsdeskriptoren (Teilen von persönlichen Informationen, In-App Käufe) in die App-Beschreibungen. Gerade solche Inhaltsbeschreibungen sind bei der USK noch nicht üblich, werden aber von vielen Eltern gewünscht. Die Vertreter von Google erkannten nach Einführung in den Play Store, dass zehnmal so viele Eltern die Parental Controls in den Apps aktiviert hatten als jemals zuvor. Das System werde von den Eltern sehr gut angenommen. Entwicklern gefallen vor allem die schnelle Einstufung und die für sie kostenlose Ausgestaltung des Programms.

Kritikern befürchten, dass das automatische System manipulierbar ist. Dem halten die Vertreter der IARC entgegen, dass weder die Nutzer, noch die App-Entwickler oder Shops den Algorithmus einsehen können, nach dem Einstufungen anhand der Antworten im Fragebogen erzeugt werden. Auch werden die Fragebögen erst in ihrer Summe ausgewertet, sodass die Auswirkungen einzelner Fragen nicht erkenntlich seien: Die Freigabesiegel werden erst nach vollständigem Abschluss des Systems angezeigt. Zuletzt überwachen die nationalen Einstufungsorganisationen weiterhin die Einstufungen (“essential monitoring”), besonders auf Anfrage von Nutzern oder Entwicklern und korrigieren proaktiv die Einstufungen – lernen dabei auch, wo etwa Schwierigkeiten bei der Beantwortung oder im Verständnis der Fragen im Fragebogen auftauchen und wie dem entgegengewirkt werden könnte.

Bei der Umsetzung sei jetzt die Politik gefragt und zumindest von Bundesseite gewillt, den gesetzlichen Rahmen dementsprechend technisch neutral und flexibel auszugestalten, damit ein solches System auch Rechtssicherheit bietet, die den Entwicklern wichtiger als die Kosten ist. Derzeit sind der Google Play Store und Mozilla Marketplace eingebunden – die Storefronts generieren durch die Lizenzierung auch die Einnahmen für die Freigabekoalition. Kurzfristig werden die Storefronts von Microsoft, Sony und Nintendo hinzukommen. Mit anderen Anbietern, auch von anderen Medien und Online-Shops wird derzeit verhandelt. „Wir reden mit allen“, sagt die Vorsitzende der Koalition, Patricia Vance. Für die Shop-Anbieter stellten sich viele Vorteile ein: Der Fragebogen erziele vergleichbare Ergebnisse wie Experten in Diskussionsrunden. (Die Fragen sind auf die bisherige Spruchpraxis angepasst.), die Freigabesiegel werden in für Nutzer bekannter Form regionsspezifisch angebracht und die regionalen Normen werden eingehalten. Für die Entwickler von Inhalten ist ein globales, kostenloses, einfaches und vertrauenswürdiges System ebenfalls viel wert, außerdem werden Ergebnisse so auf allen Shops gleichwertig verwendet und nicht jeder Store mit einer eigenen Einschätzung(-ssystem) versehen. Nutzer loben die Nutzung bekannter Alterskennzeichnungen und tiefergehende Infos zum Einstufungsrelevanten Inhalt und zu den Nutzungseigenarten der Software. Die Offiziellen schätzen, dass sich das IARC-System früher oder später in allen Downloadshops durchsetzen wird.

Auf die Frage, ob Einzelhandelsversionen ebenso mit IARC eingestuft werden könnten, erklärt Felix Falk von der USK, dass dies kaum möglich sei. Da das System auf Nachkontrolle durch die Einstufungsorganisationen setzt, hätte eine nachträgliche Änderung der Freigabestufe u.U. sehr hohe Kosten für den Rückruf der Produkte für die Entwickler zufolge. Online wäre es nur eine Änderung des Datenbankeintrages, der dann mit den Stores synchronisiert würde. In Deutschland ist es speziell so, dass nur die Freigabe durch einen Vertreter der Obersten Landesjugendschutzbehörden das Medium vor Indizierung schützt. Für eine nachträgliche Indizierung (oder Änderung der Freigabestufe) wären bei Trägermedien der Aufwand und die Kosten einer Rückführung/Umlabeling äußerst unangenehm für die Unternehmen. Daher „überschreibt“ eine Trägermedieneinstufung die Online-Einstufungen für die jeweilige Kennzeichnungsregion.

Die Frage nach Einstufung von anderen Inhalten, wie eBooks, Filmen, Musik und Webseiten wurde ausweichend beantwortet. Das IARC System sei zunächst nur für Apps und Games vorgesehen, ließe sich aber mit entsprechendem Aufwand auch für andere Medien anpassen. Dynamischer Inhalt wie der von Webseiten wäre allerdings auch mit diesem schnellen System kaum zu bändigen, dafür sind dort die Inhaltsänderungen einfach viel zu zahlreich. Ebenso ausweichend wurde meine Frage beantwortet, ob jetzt mit dem Vorhandensein einer maschinenlesbaren Kennzeichnung samt Datenbank nach Meinung der IARC-Mitglieder ein Erstarken von Jugendschutzprogrammen, bzw. der Ruf nach diesen auch in anderen Ländern bevorsteht. Dies sei nicht bekannt und auch nicht erwartet.

Das IARC System bietet zusätzlich zu den länderspezifischen Kennzeichnungen ebenfalls ein generisches Alterskennzeichen, was etwa dem Mittelwert der Freigaben der Mitglieder entspricht und sich daher stark ans PEGI System anlehnt. Für Regionen und Länder ohne bestehende Freigabesysteme oder Einstufungen bieten der Freigabekatalog und die Einstufungsmodalität des generischen Siegels wohl einen guten Anhaltspunkt für eigene, regionale Systeme etwa in Asien oder Mittleren Osten. Das IARC-System erlaubt das Hinzufügen weiterer Fragen zum Fragebogen, falls neue Mitglieder der Koalition dies wünschen. Was mit allen „alten“ Freigaben dann passiert, war den Ausführungen nicht zu entnehmen. Bei Updates der jeweiligen Apps ist aber der Entwickler augerufen, die Selbsteinstufung entsprehend zu überprüfen – bei der Gelegenheit könnten neue Fragen angezeigt werden. Im Zweifel ändert sich also die Einstufung für die vorherigen Regionen nicht (wenn religiöse Inhalte bspw. in Deutschland gar nicht betrachtet werden, aber im mittleren Osten zu keiner Freigabe führen würden).

Die USK steht seit 2008 mit den OLJB in Kontakt zu den Fragen des Fragebogens. Freigaben können allerdings auch verweigert werden. Dann wäre der Inhalt über einen technischen Jugendmedienschutz nur für Erwachsene zugänglich. Der Weg der Indizierung und Beschlagnahme wäre in Deutschland jederzeit weiter offen, bei Indizierung jedoch nur so weit, bis die USK in einem Vollverfahren eine Freigabe erteilt hat.

Vortragende dieses Panels waren Felix Falk, Geschäftsführer der USK und Vice Chairperson im IARC, sowie und Patricia E. Vance, Vorsitzende des Entertainment Software Rating Board, ESRB, und ebenfalls Chairperson im IARC. Später kamen hinzu: Jane Fitzgerald (Assistant Secretary Classification Branch of the Attorney-General’s Department AUS, IARC Board Member), Simon Little (Geschäftsführer PEGI S.A, IARC Board Member), Alessandra Macedo (Coordinator Classificação Indicativa BRA, IARC Board Member). Moderiert wurde von Benjamin Rostalski (ehem. Spieletester USK, Stiftung Digitale Spielekultur).

3 Gedanken zu “International Age Rating Coalition

  1. Die erwähnten Sorgen der “Kritiker” scheinen mir eher oberflächliche Vorurteile zu sein. Denn wenn es sich tatsächlich um ein flexibles System handeln soll, könnte etwa auch die Monetarisierung nachträglich geändert werden und dadurch neue Gefahrenpotentiale entstehen, haben Eltern einer App (für ihren Nachwuchs) erstmal vertraut. Doch wie auf diese etwaigen Änderungen hingewiesen wird, ob Zugriffe dann erneut wieder gesperrt werden oder nicht, sehe ich vorerst jedenfalls nicht – ist eine App erstmal einem Konto hinzugefügt worden, für einen Sub- oder Meta-Account (wie bei Families der Fall) freigeschaltet: grundsätzlich müssten App-Einkäufe so wohl verschieden behandelt werden, gäbe es sozusagen ein zusätzliches Konto “mit Vorbehalt” (zweiter Klasse) das bei Änderungen reduziert wird, um Kinderschutz tatsächlich gewährleisten zu können – genauso wie auch bei Steam und Co. Titel später nicht mehr in Frage gestellt werden, sind diese erstmal mit einem Konto verbunden: eine Frage nicht nur von “Jugendschutz”, sondern auch DRM-Flexibilität http://touchportal.de/anleitung/play-store-gekaufte-app-auf-mehreren-geraten-nutzen/

  2. Dass nachträgliche Änderungen der Einstufung möglich sein werden, wurde ja schon erwähnt. Welche Auswirkung das dann auf bereits installierte Titel hat, ist aber wirklich interessant. Wenn die elterliche Freigabe pro Titel geschieht, lässt sich da ja automatisch nichts anpassen. Und die Freigabe pro Titel halte ich normalerweise viel sinnvoller als einfach auf die Freigabe abzustellen.

  3. Bisher ist, soweit ich das erkennen konnte, kein aktives Informieren von Nutzern über Änderungen (durch IARC selbst) geplant. Diese Ausgestaltung läge auch in der Verantwortung des jeweiligen Storefronts. Ebenso liegt die Umsetzung der Altersprüfung und der Einrichtung von entsprechenden Benutzergruppen wie bisher ganz beim Anbieter. Die Einstufungsbehörden können eben nur das: Einstufungen mitteilen/ändern. An dem Angebot einer standardisierten Altersverifikation für alle Storefronts ist zumindest die USK nicht interessiert, was bzgl. ihres Auftrages auch nicht weiter verwunderlich ist. Die Chancen für die Implementierung eines verwandten Systems zur Altersprüfung sind aber durch ein standardisiertes Einstufungssystem zumindest nicht schlechter geworden. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich (in anderen Ländern) zumindest für Spiele und apps weitere Forderungen nach technischem Jugendmedienschutz erheben werden. Über kurz oder lang wird das System sich für ebooks und Musik öffnen. Eine gemeinsame, standardisierte, datensparsame, und einfache Altersprüfung mit der Möglichkeit für geschlossene Benutzergruppen wird sich bestimmt irgendwann anbieten und könnte dann an das System andocken.

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