Dschihadist der “Generation GTA”?

(liberation.fr) Im Zusammenhang mit dem Dschihadismus allgemein wie auch bei den Terroranschlägen in Paris speziell, werden von verschiedenen Seiten Verbindungen zu Videospielen betont: Über diese könne nicht nur die Kommunikation zur Vorbereitung von Anschlägen erfolgen, sondern auch das Töten trainiert werden. Hierbei wird IS-Propagandafilmen nicht nur beim Deutschlandfunk eine “Videospielästhetik” attestiert, sondern auch Dschihadisten selbst halten dem Zuschauer vor, dass sie in der realen Welt das täten, was dieser nur in Videospielen tue. In der französischen Tageszeitung Libération kam nun auch Sven Mary, der Rechtsanwalt von Salah Abdeslam, auf Videospiele zu sprechen:

“Das ist ein Depp aus Molenbeek, hervorgegangen aus der Kleinkriminalität, eher ein Mitläufer als ein Anführer. Er hat die Intelligenz eines leeren Aschenbechers, er ist von einer unendlichen Leere. Er ist das Paradebeispiel der Generation GTA, die glaubt, in einem Videospiel zu leben.”

“Denkbar, dass die Attentäter […] virtuell das Töten trainierten”

Bereits nach den Anschlägen hatte der Kriminologe und ehemalige niedersächsische Justizminister Dr. Christian Pfeiffer die Rolle von Videospielen bei den Anschlägen von Paris bewertet. Er gibt zu bedenken, dass sich „die Terroristen […] als virtuelle Figuren in Onlinespielen wie „World of Warcraft“ an einem bestimmten Ort als Gruppe getroffen und die Anschläge in Paris geplant haben” könnten. Er stellt hierbei maßgeblich darauf ab, dass die Kommunikation unbemerkt von anderen Spielern erfolgen und somit unentdeckt bleiben könnte. Andere sind dagegen darüber besorgt, wenn – wie im Fall der „PlayStation 4“ – die Kommunikation zwischen den Spielern verschlüsselt erfolgt. So gab der belgischer Innenminister Jan Jambon bereits drei Tage vor den Anschlägen zu bedenken, dass es Geheimdiensten schwer falle, die Kommunikation über die „PlayStation 4“ zu überwachen:

“It’s very, very difficult for our services — not only Belgian services but international services — to decrypt the communication that is done via PlayStation 4.”

Wenn die „Überwachung durch Sicherheitsbehörden und die Kontrolle der Spielercommunity versage, sei den Terroristen nur noch über die Vorratsspeicherung beizukommen“ – fasst das RDN die Einschätzung Pfeiffers zusammen.

Informationen darüber, ob die Täter tatsächlich Videospiele nutzten, liegen derzeit nicht vor. So schreibt auch Peter Steinleichner bei golem.de, dass Pfeiffer „konkrete Belege, die diese These irgendwie untermauern, […] nicht“ nennt.

Von den Attentätern könnten Videospiele nach Dr. Pfeiffer jedoch nicht nur zur Kommunikation, sondern auch als Tötungstraining gebraucht worden sein:

„Es ist durchaus denkbar, dass die Attentäter von Paris vor den Anschlägen virtuell das Töten trainierten und sich daran berauscht haben.“

„Kultur der Gewalt“

Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein: Am 11.01.2015 sagte der Politikwissenschaftler Olivier Roy der Berliner Zeitung, dass Grund für den Blutdurst islamistischer Terroristen eine „Kultur der Gewalt“ sei, die „in gewaltverherrlichenden Videospielen und Filmen“ zu finden sei.

So auch Lutz-Ulrich Besser, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, am 19.08.2014 zu Spiegel Online, der Videospiele als Ursache dafür erkannte, dass sich Personen dem IS anschließen:

„Das permanente Konsumieren von Gewaltdarstellungen oder auch Gewaltspielen führt zu einer Abstumpfung […]. Szenen unmenschlicher Gewalt haben eben leider auch Vorbildcharakter, noch dazu durch heldenhaft dargestellte Kriegsszenarien. Der Nachahmungseffekt ist gerade bei Kindern und Jugendlichen erheblich, die auf der Suche nach Vorbildern sind, mit denen sie sich identifizieren können. Momentan kriegen wir ja ein krasses Beispiel mit: Junge Männer reisen aus, um sich der Terrorgruppe IS im Nordirak anzuschließen – um sich real an den unmenschlichsten Formen von Gewalt und Tötungen zu beteiligen.”

Weiter warnte der Psychologe Rudolf H. Weiß bereits am 03.11.2014 bei einem Vortrag in der Konrad-Adenauerstiftung, dass „die aus Deutschland und anderen westlichen Ländern nach Syrien in den ‚heiligen Krieg‘ ziehenden Dschihadisten nicht nur in Salafistenschulen fanatisiert wurden, sondern Vieles von dem was sie dort an realen Gräueltaten vollbringen, unzählige Male in den virtuellen Kriegsspielen quasi ‚einübten‘”. Am 05.02.2015 ergänzte er hierzu beim Blog des Mediengewalt e.V., dass die „Hypothese über die Wirkung der Propaganda des IS auf Daueruser von brutalen Mainstream-First-Person-Shootern bei uns und anderswo im “Abendland” […] zwar kein Nachweis im rein statistischen Sinn, jedoch ein deutlicher Beleg“ sei. Ein Nachweis werde auch dadurch erschwert, dass es das BKA leider versäumt habe über den „üblichen familiären, sozialen und bildungsspezifischen Background“ hinaus auch den Konsum brutaler Ego-Shooter zu erfragen. Seine Vermutungen habe Weiß dem Staatssekretär Lange im Bundesjustizministerium schriftlich mitgeteilt. Weiß stützt sich unter anderem auf ein IS-Propagandavideo, in denen diese Zeilen eingeblendet werden:

„We do the things you do in games, in real life on the battlefield.“

Weil derartige Videospiele in Deutschland offen verkauft und beworben werden dürfen, müsse man den Jugendmedienschutz als gescheitert bewerten – dies könne von Weiß auch wissenschaftlich belastbar belegt werden. Er spricht sich dafür aus, derartige Videospiele zukünftig nicht mehr durch den Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden, sondern vorrangig durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien prüfen zu lassen.

“The bearers of a strict version of Islam, they ban […] video games”

Dabei ist umstritten, ob gläubigen Muslimen überhaupt die Nutzung von Videospielen gestattet ist. Nach manchen Anschauungen sollen Videospiele – wie auch Musik, Tanz und Filme – als unislamisch verboten sein. So berichtet Reporter ohne Grenzen, dass die Organisation Hizbul Islam in Somalia 2009 unter anderem die Nutzung von Videospielen verbot:

“Islamist insurgents, previously united against Ethiopia’s troops and now embroiled in internal rivalry and conflicts, have contributed to the chaos since 2009 by waging a war of harassment against the fragile transitional government. The bearers of a strict version of Islam, they ban cinema, video games and radio music.”

Links:

    Jean Quatremer, Sven Mary: «Comme si j’étais Abdeslam», liberation.fr v. 26.04.2016.

Ein Gedanke zu “Dschihadist der “Generation GTA”?

  1. Das Problem ist, dass dabei überhaupt keine inhaltliche Auseinandersetzung stattfindet. Weder mit Videospielen, noch den ideologischen Grundlagen des Islamismus. Fleiß und Kommunität samt Arbeitsethos – alles andere sei unvernünftig…
    Stattdessen wird kriminologisch klassistisch auf soziale Herkunft und Intelligenz gepocht, also etwa mangelhafte Bildung und Perspektiven. Gewaltdarstellungen werden weiterhin immer nur “empirisch” als “Gewalt” wahrgenommen und zusammen mit der Ablehnung von TäterInnenrollen, welche darin eingenommen werden können, auf die Realität als Auswirkung bezogen, ihre Bedeutung bleibt völlig unberücksichtigt – alles zur Herstellung einer gleichförmigen, paternalistischen Beruhigungsformel: “seids brav, lernts was, spielts keine Videospiele – dann gibts auch keinen Terror.”
    Doch auch wenn der satirische Gehalt sicherlich fragwürdig ist, so ist gerade “GTA” dennoch eindeutig als Karikatur einer gewalttätigen westlichen Welt zu erkennen. Ironischer Weise könnten gerade darüber inhaltliche Parallelen zu einer konservativ-religiösen (auch jüdisch-christlichen!) Position angenommen werden, da es die westliche Welt als “dekadent” usw. ähnlich “kritisch” sieht wie im Islam häufig der Fall, aber das ist ja gerade nicht gemeint (!).

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