Interview mit „gameware.at“

  1. „Zensur“-Spezial
  2. Im Porträt: Steam-Gruppe „for UNCUT!“
  3. Interview mit gameware.at
  4. Den Zoll gefragt

Neulich verspäteten sich Bekannte von mir, so dass ich die Chance nutzte, mich in bahnhofsnähe in einen Saturn begeben und das Sortiment zu durchstöbern. Als Fan bestimmter Genres ist hierbei das Angebot gar nicht so unüberschaubar, wie man vielleicht denken möchte. Auf einen einem bisher unbekannte Titel stößt man hierbei selten, doch zumindest besteht die Hoffnung, dass man vielleicht das ein oder andere Schnäppchen finden könnte. Wenn dann die Auswahl nach stundenlanger Suche tatsächlich auf eine Handvoll vielversprechender Titel eingegrenzt ist, macht sich schnell wieder Ernüchterung breit.

„Gewalt ist […] nicht geschnitten“

Genauso selbstverständlich, wie dass wegen der Bestimmungen des Jugendmedienschutzstaatsvertrages ausgestrahlte Filme im FreeTV vorbehaltlich einer Ausnahme (Siehe Jugendschutzrichtlinien) ab 20:00 Uhr maximal einen Inhalt „ab 12“, ab 22:00 Uhr maximal einen Inhalt „ab 16“ und ab 23:00 Uhr maximal einen Inhalt „ab 18“ haben dürfen – indizierte Inhalte kommen, sofern Arte nicht wieder einen guten Tag hat, gar nicht zum Zuge – werden bei den bekannten Handelsketten – darunter auch Saturn – weder indizierten Fassungen noch solche ohne Kennzeichnung angeboten: Wenn man bei den Filmen ein „Mutant Chronicles“, ein „Crank“ oder „Die Horde“ findet, dürfte es sich um entschärfte Fassungen handeln, die um die eine oder andere brenzlige Szene erleichtert wurden. Gleiches gilt natürlich auch für Videospiele: Wer bei Saturn oder Mitbewerbern zu Titeln wie „Left 4 Dead 2“, „Fallout 3“ oder „Wolfenstein: The New Order“ greift, erhält – teilweise trotz einem das Gegenteil unterstellenden Aufdrucks („Gewalt ist […] nicht geschnitten“) – verstümmelte Versionen.

Auf eine fachkundige Beratung darf der potentielle Kunde – entweder aus Unwissen oder aus Wissen des Personals um den Zustand der jeweiligen Produkte – ebenfalls nicht hoffen. Am eindrücklichsten war für mich diese Antwort eines Mitarbeiters auf meine Frage, ob es sich um eine geschnittene Fassung handelt:

„Da steht „Director’s Cut“ drauf, die müsste dann ungeschnitten sein …“

Es gehört doch ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung dazu, in Situationen wie diesen – ob aus Wut, Amüsiertheit oder schierer Verzweiflung nicht in Lachen auszubrechen, sondern sich für den Rat höflich zu bedanken.

Als Routine hat sich hier bei mir und meinem Bekanntenkreis eingestellt, vor beinahe jeden Kauf eines Films oder Videospiels die Webseite www.schnittberichte.com zu konsultieren um sich zu vergewissern, ob und was bei der Fassung, die man vor sich hat, fehlt. Alternativ helfen auch die Angebote der „Online Games Datenbank“ oder der „Online-Filmdatenbank“ weiter. Einem unaufmerksamen Moment habe ich es zu verdanken, die „Steelbook Edition“ eines gekürzten „Total Recalls“ mein Eigen nennen zu dürfen.

„Ende der Fachgeschäfte“

Verlässlicher ist es gleich das Fachgeschäft seines Vertrauens aufzusuchen, in dem in einem Nebenzimmer eine Tabletop-Partie „Warhammer 40k“ ausgetragen wird und der Inhaber persönlich hinter dem Tresen steht – wenn es denn noch existiert: 2011 schrieb Zeit Online, „die Zukunft der PC-Spiele finde […] ohne den Einzelhandel statt“ und schon 2010 prophezeite die GameStar das „Ende der Fachgeschäfte“, die dem Preisdruck von Ketten und Onlineshops nicht gewachsen seien. Auch war es in Fachgeschäften keine Seltenheit auch einmal mehrere Wochen auf das Eintreffen des begehrten Titels warten zu müssen – der Preis war mit den regulären ebenfalls nicht zu vergleichen. Schlussendlich wäre es im jeden Fall aus schneller, einfacher und kostengünstiger gewesen, sich schlicht eine Kopie des betreffenden Spiels – legal oder illegal – herunterzuladen.

Online werden Videospiele dabei nicht nur von inländischen Anbietern – wie beispielsweise der Spielegrotte – sondern auch aus dem Ausland bezogen. Neben Größen wie dem britischen Amazon, das 2009 wegen der Lieferung indizierter und verbotener Videospiele nach Deutschland in der Kritik stand, gibt es auch Angebote aus dem deutschsprachigen Ausland mit ausgezeichneten Ruf, wie dem österreichischen Anbieter „gameware.at“, bei dem – anders als bei Amazon.co.uk – Kunden auch ohne Kreditkarte auf ihre Kosten kommen.

Mark Rehm, der Geschäftsführer von „gameware.at“, hat uns freundlicherweise einige Frage beantwortet.

Interview:

vdvc:

Als österreichischer Onlineshop bietet Sie den Versand von „uncut“-Videospielen nach Deutschland an – ist dieser für Sie wirtschaftlich gesehen von nennenswertem Umfang oder eher ein Freundschaftsdienst für deutsche Gamer? 2009 sagten Sie, dass die „ab 18“-Titel schon die Mehrheit der Bestellungen ausmache und Sendungen zu 80 % nach Deutschland erfolgen würden.

Mark Rehm:

Ja, es ist für uns ein nennenswerter Umfang. Allerding haben sie vermutlich 2009 etwas falsch verstanden. Wir verkaufen nach wie vor über 80% an deutsche Kunden da Deutschland 10x so viele Einwohner wie Österreich hat. Es werden Spiele aller Altersgruppen nach Deutschland verkauft, so wie in Österreich.

vdvc:

Wie erklären Sie sich, dass Sie so viele Kunden aus Deutschland haben? Abseits der Elektronikfachmärkte und Ketten bietet hierzulande ja auch der eine oder andere Einzelhändler an, „uncut“-Fassungen zu importieren. Können Sie schlicht unabhängig vom deutschen Recht – z. B. auf Schnittberichte.com – viel offensiver Werbung machen?

Mark Rehm:

Wir bieten ein ausgezeichnetes Preis / Leistungsverhältnis mit sehr guten Service. Lesen sie sich unsere Shop Bewertungen durch (und vergleichen sie uns mit dem Mitbewerber Amazon). Ich garantiere dafür dass alle echt sind und keine einzige gekauft wurde. Die Werbung auf Schnittbericht bringt ca 95 Bestellungen im Monat und ist vernachlässigbar bei ca 8.000 pro Monat gesamt.

Ihr Eindruck dass es viele „uncut“ Fassungen gibt muss sie trügen. In den letzten 5 Jahren sind maximal eine Handvoll Spiele erscheinen bei welchen sich die bei uns verfügbare Version von der DE unterschied.

vdvc:

Ein weiterer Trend ist, dass die klassischen „Retail“-Versionen heute oftmals lediglich ein Client sind – zur Nutzung also eine Onlineaktivierung erfolgen muss, die von Deutschland aus verwehrt wird. Haben Sie auf diese Entwicklung reagiert? Wäre – soweit eine Aktivierung über Proxys nötig ist – hier nicht der Hinweis an die Kunden angebracht, dass Anbieter wie Steam dies untersagen?

Mark Rehm:

Hier müssen sie differenzieren. Zum einen betrifft dies nur die Plattform PC welche im Retail weniger als 10% ausmacht. Zum anderen gab es nur 3 Spiele auf Disc bei welchen man ein VPN Service benutzen musste um es zu aktivieren (und dies nur bei speziellen Versionen). Anleitungen dazu wurden dem Kunden beigelegt. Die Steam Richtline ist imho nicht rechtlich gedeckt, nebenbei ist Deutschlandweit kein Fall bekannt bei dem dies aus ihren genannten Gründen passiert ist.

vdvc:

Fall jemand es trotz allem nicht auf die Reihe bekommen sollte, ein Spiel von Deutschland aus zu aktivieren – kann er es zurückgeben, entstehen ihm hierbei Kosten?

Mark Rehm:

Ich erinnere mich an keinen solchen Fall. Allerdings ist es sicher nicht leicht geöffnete Software zurück zu nehmen und sie als neu einem andern Kunden zu verkaufen. Wie schon geschrieben handelt es sich um sehr wenige Stück.

vdvc:

Der deutsche Jugendschutz besagt, dass bei „ab 18“ und nicht gekennzeichneten sowie indizierten Titeln sichergestellt werden muss, dass weder Bestellung durch noch Auslieferung an einen Minderjährigen erfolgen darf. Sie werben auf Ihrer Webseite damit, dass bei Bestellungen bei Ihnen „selbst das lästige Vorzeigen des Ausweises beim Postboten entfällt“ – die Spiele würden über den regulären Postweg versandt werden? Mal ganz naiv gefragt – dürft ihr das?

Mark Rehm:

Wir werben nicht mit diesem Spruch auf unserer Webseite. Wir prüfen die Altersangaben und halten uns genau an die Österreichische Fernabsatzrichtlinie. Bitte stellen sie diese Fragen auch Amazon.co.uk oder Zavi.

vdvc:

Im Jahr 2009 hatten Sie die Aufmerksamkeit der Politik erregt – von Bayern wurde die KJM angeregt, eine Indizierung von gameware.at zu prüfen. Dies war Ihnen nicht gleichgültig, sondern Sie warben um die Beteiligung an einer Petition. Warum diese Angst vor der Indizierung?

Mark Rehm:

Wir wollten nicht als ‚gesetzloser Shop in der Grauzone‘ abgestempelt werden. Die willkommene Berichterstattung über uns kam aber natürlich nicht ungelegen.

vdvc:

Die KJM schien die Indizierung weniger wegen der über „gameware.at“ beziehbaren Videospiele, sondern mehr auf diese betreffende Trailer zu stützten. Offensichtlich ohne Erfolg – es gibt euch ja noch bei Google: Wie konnte der Indizierungsantrag zu Fall gebracht werden?

Mark Rehm:

Wir haben zusammen alle Vorkehrungen getroffen um strittige Bilder und Videos minderjährigen nicht zugänglich zu machen. Nebenbei prüfen wir die Altersvorgaben genau.

vdvc:

Hatte der gescheiterte Indizierungsversuch auch positive Nebeneffekte? Hiervon hatte selbst Spiegel Online berichtet – konntet ihr wegen dieser medialen Aufmerksamkeit einen (dauerhaften) Kundenzuwachs verzeichnen?

Mark Rehm:

Schwer abzuschätzen aber vermutlich ja. Wir sind im Computerspielhandel seit 28 Jahren tätig.

vdvc:

Bei Angeboten wie „Steam“, dem „Humble Bundle“ und gog.com kommt es zu immer konsequenteren Beschränkungen für Nutzer aus Deutschland. Spüren Sie auch einen wachsenden Druck des deutschen Jugendschutzes? Denken Sie darüber nach, durch Erstellen einer „age-de.xml“-Datei, dem Verwenden des Postident-Verfahren und Versand per „Einschreiben eigenhändig“ gameware.at „jugendschutzkonform“ zu gestalten?

Mark Rehm:

Die betrifft wieder den PC Bereich welcher sehr klein im Retail ist. Die Versandart „Einschreiben Eigenehändig“ wird meines Wissens nicht für Sendungen aus dem Ausland angeboten. Auch kein Amazon UK oder bietet dies meines Wissens nach an. Wir haben Kontakt zur Schufa und arbeiten zusammen.

vdvc:

Spielen Sie hier auf den „Identitäts-Check mit Q-Bit” an?

Mark Rehm:

Ja.

vdvc:

Falls ich keinen Stress mit dem Versand haben möchte – kann man die Spiele auch in einer Filiale vor Ort abholen?

Mark Rehm:

Sie könne gerne in Innsbruck vorbeikommen. Allerdings möchte ich ihnen nochmals sagen dass sich die Spiele zwischen Deutschland und Österreich so gut wie überhaupt nicht mehr unterschieden, abgesehen vom PEGI oder USK Aufdruck welcher für Sammler einen Grund darstellt.

Links:

    gameware.at

7 Gedanken zu “Interview mit „gameware.at“

  1. „Der deutsche Jugendschutz besagt, dass bei ‚ab 18′ und nicht gekennzeichneten sowie indizierten Titeln sichergestellt werden muss, dass weder Bestellung durch noch Auslieferung an einen Minderjährigen erfolgen darf. Sie werben auf Ihrer Webseite damit, dass bei Bestellungen bei Ihnen ’selbst das lästige Vorzeigen des Ausweises beim Postboten entfällt‘ – die Spiele würden über den regulären Postweg versandt werden? Mal ganz naiv gefragt – dürft ihr das?“

    Warum sollte einen österreichischen Händler das abstruse dt. Gesetz kümmern (Stichwort: Herkunftslandprinzip)? Vielmehr zeigt die Praxis von gameware.at, wie absurd die deutschen Regelungen (Altersfreigaben, Indizierungen, Beschlagnahmen etc.) innerhalb der EU resp. auf einem globalisierten Markt ist.

  2. @Vica
    Hast du Quellen, dass das Herkunftslandprinzip bei der Einfuhr von jugendgefährdenden Datenträgern (nicht) gilt? Ich wäre da für einen Link dankbar.

  3. Der Begriff „Herkunftslandprinzip“ wird ja uneinheitlich benutzt und weckt Assoziationen/Konnotationen mit elektronischem Daten-/Warenverkehr, Telemedien und Co., deshalb muss ich wohl präzisieren, wie das in meinem Beitrag gemeint war. Kurz: Für die Österreicher von gameware.at gilt das Recht in Österreich, d. h. sie können nicht vom dt. Staat belangt werden (da das, was sie machen, in Österreich legal ist)… da es sich bei Österreich um einen E-Mitgliedstaat handelt, war es iirc in dieser Konstellation auch nicht möglich, sie quasi „in Abwesenheit“ zu belangen und dann bspw. zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie die Grenze übertreten.

  4. Hier muss man wohl einmal zwischen der abrufbarkeit der Webseite von Deutschland aus und der einfuhr von jugendgefährdenden Trägermedien unterscheiden. Zu dem mit der Webseite kann ich nichts sagen, doch zumindest die einfuhr dürfte nach diesem Zitat problematisch sein:

    „Nach dem deutschem Jugendmedienschutzstaatsvertrag reiche das nicht aus, sagte der Jugendschutzexperte Marc Liesching gegenüber heise online. Das in der EU geltende Herkunftslandprinzip, das einem Anbieter erlaubt, auf der Basis des „eigenen Rechts“ zu agieren, könne im Jugendschutzbereich eingeschränkt werden.“

    http://m.heise.de/newsticker/meldung/oesterreichischer-Haendler-wehrt-sich-gegen-Indizierung-184017.html

    Dieses Urteil ist in dem Zusammenhang auch interessant: aber leider nichts zum herkunftslandsprinzip:

    http://lexetius.com/2007,2021

  5. Das hat ja beides nichts mit der Grundaussage zu tun, die ich getroffen habe:
    Dass hierzulande ein ausländisches Internetangebot aufgrund der Bestimmungen des Jugendmedienschutzes bspw. indiziert wird oder dass der Zoll einer Warensendung aus dem Ausland, die mit diesen Bestimmungen nicht konform geht, eine besondere Behandlung zukommen läßt (s. das Interview mit dem Zoll) – was aber gerade an der Grenze zu Österreich praktisch quasi ausgeschlossen ist -, darauf wollte ich nicht hinaus.

    Im Interview heißt es: „Der deutsche Jugendschutz besagt, dass bei ‚ab 18′ und nicht gekennzeichneten sowie indizierten Titeln sichergestellt werden muss, dass weder Bestellung durch noch Auslieferung an einen Minderjährigen erfolgen darf. Sie werben auf Ihrer Webseite damit, dass bei Bestellungen bei Ihnen ’selbst das lästige Vorzeigen des Ausweises beim Postboten entfällt‘ – die Spiele würden über den regulären Postweg versandt werden? Mal ganz naiv gefragt – dürft ihr das?“ Darum geht es… natürlich „dürfen“ die das, für gameware.at ist die Norm, auf die hier rekurriert wird, schlichtweg unerheblich; nach österreichischem Recht müssen die nichts dgl. sicherstellen. Das ist ja mit eines der Probleme einer rein nationalstaatlichen Regelung des Jugendmedienschutzes in einer globalisierten Welt. Ich hoffe, dass wa jetzt verständlicher. :-)

  6. Ich verstehe deine Aussage immer noch nicht ganz.

    Sagst du bloß, dass gameware.at „allgemein“ nicht an deutsche Gesetze gebunden ist, also z. B. Bei Lieferung eines Spiels nach Italien sich nicht ans deutsche recht halten muss?

    Oder sagst du darüber hinaus, dass gameware.at – auch wenn es Straftaten in Deutschland begeht ( einfuhr jugendgefährdender Medien unter bestimmten umstsenden.) – nicht bestraft werden kann, weil nach dem herkunftslandsprinzip osterreichisches und nicht deutsches recht gilt?

    Wenn du nur ersteres meinen solltest: das wäre für mich selbstverständlich.

    Wenn du letzteres meinen solltest meine ich, dass die Aussage im Interview dem wohl entgegensteht.

    Oder geht es dir nicht darum, ob eine Lieferung indizierter Titel von Österreich aus nach Deutschland ohne dem deutschen jugendschutz entsprechender Prüfung zulässig ist, sondern ob die darüber getroffen de (werbende) Aussage nach deutschem oder oesterreichischem (wettbewerbs-) recht zulässig ist?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.