Egoistisch, egoistischer, Ego-Shooter? (Update)

Bereits 2013 hatten wir die ungewöhnliche Karriere des Begriffs „Ego Shooter“ dargestellt: Ursprünglich ein Scheinanglizismus („Richtig“ heißt es „First-Person-Shooter“), der, vergleichbar mit dem Begriff des „Ich-Erzählers“ in der Literatur als Beschreibung der Erzählperspektive, in einem Shooter die „Ich (=Ego)“-Perspektive der Kamera beschreibt. Von manchen Journalisten – offenbar als Dysphemismus missverstanden – wurde er als Beschreibung für ein Spiel gehalten, in dem das egoistische Handeln des Protagonisten oder die Befriedigung einer entsprechenden Einstellung des Spielers im Mittelpunkt stünde. Darüber hinaus finden manche Autoren an ihm sogar so viel gefallen, dass sie ihn auch abseits von Videospielen personenbezogen gebrauchen. So titelte Oliver Trenkamp 2013 bei Spiegel Online „Wir-Gefühl statt Ego-Shooter“, um das positive Engagement Jugendlich nach einem Erbeben in Neuseeland zu beschreiben.

Diese Karriere des „Ego-Shooters“ abseits des Gamings dauert auch 2016 noch an:

  • Adriano Sack,
    Pitti Wow! Wird Florenz das neue Mailand?, welt.de von vor 7 Tagen:

    „Die erste Männerkollektion von Fausto Puglisi ist schnell beschrieben: Muskeln, Tätowierungen, angeprollte, knallbunte, vage katholische Testosteronmode. Für Egoshooter und Fußballer, bevor sie ihren eigenen Stylisten anheuern.“

  • Jan Freitag,
    Drehbücher wie von dauerbekifften Egoshootern, ln-online.de vom 23.05.2016:

    „Manchmal glaubt man, RTL ließe seine Drehbücher im Kindergarten dauerbekiffter Egoshooter schreiben.“

  • Estelle Marandon/Sascha Chaimowicz,
    „Ohne meine Frau wäre ich eine Zumutung“, zeit.de v. 13.06.2016:

    „Unter den Weltfußballern ist Ibrahimović der mit dem klarsten, schärfsten Image: großmäulig, unberechenbar, ein Ego-Shooter.“

  • Susanne Breit-Keßler,
    Was von Luther bleibt, sueddeutsche.de v. 06.06.2016:

    „Identität wird auch heute oft hermetisch definiert, statt sie reformatorisch neu durch Dialog, Einsicht und veränderte Einstellung zu entwickeln. Ich bin, was ich sein muss – Luthers homo incurvatus, der verkrümmte Ego-Shooter, bekommt durch Rechtfertigung allein aus Gnade endlich eine aufrechte Haltung.“

  • Lukas Latz,
    Der Ego-Shooter, Freitag.de v. 04.05.2016:

    „Vom hart arbeitenden, erfolgreichen Erneuerer hat er sich langsam, so Akyol, zum absolutistisch herrschenden „Ego-Shooter“ gewandelt.“

  • Frank-Wald,
    Toyota Prius – Sparsamer Ego-Shooter, tagesspiegel.de vom 24.02.2016:

    „Sparsamer Ego-Shooter

  • Stefan Hermanns,
    Vedad Ibisevic kehrt zum VfB Stuttgart zurück, tagesspiegel.de vom 12.02.2016:

    „Der im Schwabenland als Ego-Shooter und Abzocker verschriene Stürmer trifft derzeit nach Belieben.“

  • Richard Kämmerlings,
    Schon die ersten Seiten sind kaum auszuhalten, welt.de vom 15.05.2016:

    „Und was sie an jenem 22. Juli 2011 zu beschreiben hat, ähnelt einem Krieg. Dem Krieg eines schwer bewaffneten Ego-Shooters mit unbegrenzter Munition gegen wehrlose Jugendliche.“

  • Update:

  • Julian Reichelt, („Blindzitat“ über google, da bild.de Nutzer mit Privacy-PlugIns blockt.)
    Kein Verständnis für Terroristen, bild.de vom 19.06.2016:

    „Wie die Terroristen der RAF sind sie Ego-Shooter, die allein und ausschließlich morden, um sich über andere Menschen zu erheben, um die ultimative Macht über Leben und Tod auszuüben.“

    • (Dank an amegas und Pyri.)

    Ein Gedanke zu “Egoistisch, egoistischer, Ego-Shooter? (Update)

    1. Glaub entscheidend ist hier nicht der „ich“-Bezug, sondern das Schießen als Handlung. Zu schießen wird da in jedem Fall als Grenzüberschreitung negativ betrachtet – in krassem Unterschied zu etwa dem Fußballspiel mit seinem Regelwerk -, das heißt auch als symbolische Tat abgelehnt, reduziert auf Aggressivität und in Form von „Gewalt“ somit zu einem moralischen Unwerturteil.
      Die Grundlage dürfte dabei ein allgemein artikulierter Ethos der Zurückhaltung sein, gebildet aus der „weniger-ist-mehr“-Ideologie, dem Reduktionismus und Minimalismus. Provokativ könnte auch von einem Ethos der Wehrlosigkeit und Selbstaufgabe gesprochen werden.
      Während in anderen Zusammenhängen Selbstbestimmung, Selbstbewusstsein, ein Selbstwertgefühl samt entsprechender „Werte“ eher hochgehalten, sogar gefordert werden, sind sie hier paradoxer Weise komplett unerwünscht, werden sie jedenfalls als „kritisch“ gemeint verwendet. Denn das Selbst würde hier praktisch „gegen“ andere (auch als jeweils andere Selbst) stehen und etwa „für“ Desensibilisierung wie einen Verlust von Empathie eintreten (wollen), siehe etwa auch die landläufige Rede über „Abstumpfungen“: und deshalb auch die Betonung eines Zusammenhalts, von Gemeinschaftsgefühlen – Stichwort Kommunitarismus. Der (noch dazu „männlich“ gedachte) „Ego-Shooter“ verhält sich in dieser Form als Begriff von einem Menschen zum „Altruisten“ ähnlich wie der „Bellizist“ zum „Pazifisten“: welches Leid der Pazifist durch seine vermeintlich ebenso überlegene wie überlegte Haltung nicht aktiv in Kriege eingreifen zu wollen unter Umständen begünstigt, oder überhaupt erst ermöglicht, bleibt dabei auch völlig unberücksichtigt: wem oder was (welcher Sache) im Akt geholfen wird, interessiert da nicht, egal ob fiktional oder real.
      Eine Schuld daran trägt jedoch auch die ebenfalls unter VideospielerInnen weit verbreitete Ideologie zu behaupten etwas sei ja „nur ein Spiel“ und es werde ja nicht auf „echte Menschen“ geschossen, oder es würden keine realen Personen dargestellt werden, denn letztlich kann jede Vermittlung von etwas wie „Medienkompetenz“ das in genau diese Kerbe schlägt, also etwa zwischen „Spiel“ und „Realität“ dementsprechend zu unterscheiden, Medieninhalte diesbezüglich erkennen und einordnen zu können, ebenso als „Abstumpfung“ und Verlust eines positiven Gefühls wie emotionaler Betroffenheit interpretiert (und damit relativiert) werden: so wird zum Beispiel auch mit dem Begriff der „Immersion“ in der Medienwissenschaft etwas oberflächlich häufig so umschrieben, das anders betrachtet auch als Eskapismus, Brutalisierung und (Selbst-)Suchtverhalten bezeichnet und pathologisiert werden könnte, etwa wenn es um Mechanismen aus dem Flow oder um Gewaltdarstellungen geht – aktuell gerade in Hinblick auf die boomenden VR-Systeme, aber sozial allgemeiner ebenfalls was das Monetarisierungsdesign (in Richtung Glücksspiel) angeht, samt gesellschaftlichen Abstieg und anderer Verfallserscheinungen: die Dekadenz lauert schließlich überall, nicht nur in den jeweiligen „Egos“, und überall dort wo sie vermutet wird ist der kulturpessimistische Vorwurf zu finden ihr vorsorglich und paternalistisch bis autoritär zu begegnen. Das war schon um die vorletzte Jahrhundertwende so.

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