Volker Kauder: „Es gibt für alles Grenzen“ (Korrektur)

Nachdem Verbindungen zwischen dem Münchener Amoklauf und Videospielen zunächst nur hinsichtlich des Narratives – „Was dann folgt, könnte eine Szene aus einem Computerspiel sein“ – unterstellt und eine Nutzung gemutmaßt wurde – „Wie häufig könnten Sie auf dessen Computer Ego-Shooter oder Gewaltvideos sicherstellen“ – dürfte eine Videospielnutzung durch den Täter nunmehr belegt sein. Zuerst formulierte die dpa noch vorsichtig, dass sie „aus Sicherheitskreisen“ erfahren habe, dass sich der Täter „viel mit Computer-„Ballerspielen“ beschäftigt“ habe.

Nunmehr wird bei Spiegel Online eine Person aus dem TeamSpeak-Channel zitiert, in dem der Täter beim „Counter-Strike: Source“-Spielen unterwegs gewesen sein soll. Er sei „eigentlich ein netter Kerl“ gewesen, der aber „zunehmend komischer“ geworden sei. Das Fazit – er „spielte […] intensiv Gewaltspiele im Internet“ – nach demn angeblichen Steamaccounts des Täters – „† NEO† GER†™“, „Amoklauf“ und „Hass“ – sollen es insgesamt mindestens 126 3.184 Stunden „CounterStrike: Source“ und „CounterStrike: Global Offensive“ gewesen sein. Als Vergleichsmaßstab: In einer Publikation des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird bei normalen Nutzern von Videospielen eine durchschnittliche Wochenspielzeit von 19,7 Stunden festgestellt – die Nutzungszeit entspricht also ca. 6 Wochen drei Jahren.

Eine Verbindung zwischen dieser Videospielnutzung und der Tat stellte noch am 23. Juli 2016 der Bundesinnenminister de Maizière her:

„Und dann, das zeigen ja auch viele Studien – ich muss Ihnen nur sagen, ich weiß darauf keine Lösung: Aber es ist nicht zu bezweifeln – so war es auch in diesem Fall – dass das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung gerade junger Menschen hat. Das kann kein vernünftiger Mensch bestreiten. Und auch das ist etwas was glaube ich in dieser Gesellschaft mehr diskutiert werden sollte als bisher.“

Weiter soll er nach dem Südkurier eine Debatte hierüber gefordert haben. Im Interview mit der Welt am Sonntag pflichtet der Unionsfraktionsvorsitzender Volker Kauder seinem Parteikollegen de Maizière bei:

„Auch diese Ego-Shooter-Spiele müssen einmal hinterfragt werden. Es gibt für alles Grenzen, wenn Gewalt damit gefördert wird.“

Diese Forderungen sind – auch in den Medien – auf Widerspruch gestoßen. So konstatierte Jannis Brühl bei der Süddeutschen: „Zurück in die Nullerjahre: De Maizière reanimiert Killerspiel-Debatte“ und versucht sich an einer Darstellung der ambivalenten Forschungslage.

Durch Robert Heimberger (Präsident Landeskriminalamt Bayern) wurden prominent bei der Tagesschau nicht nur die Debatten der Nullerjahre, sondern auch deren Mythen reanimiert, in dem er die „CounterStrike: Source“-Nutzung durch Attentäter herausstellte:

„Er hat sich hier mit dem „CounterStrike: Source“ sehr befasst. Das ist übrigens ein Spiel, dass nahezu jeder bisher ermittelte Amokläufer gespielt hat.“

Tatsächlich wurde zumindest den Tätern von Erfurt und Emsdetten eine Nutzung des Spieles angedichtet – während dies bei Erfurt bereits von offizieller Seite klargestellt wurde, liegen für Emsdetten Äußerungen des Täters vor, dass er für Spiel nur neue Level gestaltet habe.

Auch ist die Presse nach 20 Jahren immer noch nicht durch die Terminologie des deutschen Straf- und Jugendschutzrechts durchgestiegen: Entwicklungsbeeinträchtigend, jugendgefährdend und gewaltverherrlichend sind offenbar zwei Begriffe zuviel und der der „Gewaltverherrlichung“ erscheint als zu attraktiv, als ihn nur zutreffend zu verwenden. So wird in der Tagesschau von „CounterStrike: Source“ als ein gewaltverherrlichendes Videospiel gesprochen …

„Aktiv und intensiv spielte er gewaltverherrlichende Videospiele.“

… obwohl der Titel mit der USK-Kennzeichnung „ab 16“ nur für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren als (potentiell) entwicklungsbeeinträchtigend gilt. Gewaltverherrlichende Videospiele sind dagegen gem. § 131 StGB verboten – „CounterStrike: Source“ gehört nicht dazu.

Bei der GameStar fordert Michael Graf „Besonnenheit“:

„Manch einer mag nun hoffen, dass die wiederbelebten »Killerspiele« möglichst zombiehordenhaft vorüberziehen und schnell wieder verschwinden. Wer weiß, vielleicht tun sie’s sogar, die Welt hat viele andere Probleme. Es ist aber auch nichts Schlechtes, über Gewaltspiele zu reden. Wenn man’s richtig macht.“

Die Hoffnung nach einer unaufgeregten Diskussion wird zumindest durch den bei „hart aber fair“ am heutigen Sonntag reaktivierten Prof. Dr. Christian Pfeiffer nicht enttäuscht, der sich auf die Aussage beschränkte, dass „das dauernde Spielen doch Desensibilisierungseffekte hat“ – doch das die Videospielnutzung allein kein Anlass zur Sorge sei. Ähnlich wie Pfeiffer äußert sich der Psychologe Rudolf Egg beim SWR:

„Das ist nicht die eigentliche Ursache. Also deshalb wird niemand zum Amokläufer, weil er solche Spiele spielt.“

    (Dank an RPGNo1, Diavid, buzzti, marcymarc und Rigolax.)

10 Gedanken zu “Volker Kauder: „Es gibt für alles Grenzen“ (Korrektur)

  1. Als „gewaltverherrlichend“ oder „Gewaltspiel“ wird so alles gelten wo zumindest eine naturalistisch nachgebildete Waffe zu sehen ist, mit realistisch anmutenden Geräuschen geschossen wird usw. usf. Mit dem Strafrecht, oder dem Jugendschutzgesetz, hat das alles denkbar wenig zu tun.
    Es ist nur interessant, dass unmittelbar nach der Plasberg-Sendung der gleiche Sender eine Produktion namens „Mörderhus“ ankündigte, auch eine (kleinkalibrige?) Schusswaffe im Bild zu sehen war – in meiner Erinnerung sogar in die Kamera gehalten wurde. Und um 20:15 war ja ebenfalls wieder der „Tatort“. Diesmal anscheinend sogar unter dem Titel „Mord ist die beste Medizin“ http://www.ardmediathek.de/tv/Tatort/Mord-ist-die-beste-Medizin/Das-Erste/Video?bcastId=602916&documentId=36742620 , eigentlich unglaublich nach der erst vorgestrigen Gewalttat in München…

  2. Der Täter hatte zwar nur 126 Stunden in Counter-Strike: Source, aber weit über 1000 Stunden über drei Accounts verteilt (2 davon gesperrt für die Benuzung von Cheat-Programmen) in dem mehr oder weniger inhaltsgleichen Counter-Strike: Global Offensive. SPON spricht nur von „Counter-Strike“ und nicht speziell Counter-Strike: Source. In einem selbstverfassten Review auf Steam lobt der Täter Counter-Strike: Source als besten Serienvertreter, deswegen war es wohl auch besonders im Showcase auf dem Profil hervorgehoben.

    Die Aussage er „spielte […] intensiv Gewaltspiele im Internet“ von SPON ist also haltbar.

  3. Danke für den Hinweis, ich würde den Artikel gerne korrigieren – hättest du auch Quellen für deine Informationen, die du mitteilen könntest?

    edit:

    Ich hatte die Kommentare für Kommentare und nicht für Screenshots von Kommentaren gehalten, so dass ich nicht bemerkt habe, dass es unten weiterging.

    Demnach zähle ich jetzt:

    † NEO† GER†™
    – 126 „CounterStrike: Source“
    – 1.119 „CounterStrike: Global Offensive“

    Amoklauf
    – 75* „CounterStrike: Source“
    – 669 „CounterStrike: Global Offensive“

    Hass
    – / „CounterStrike: Source“
    – 95 „CounterStrike: Global Offensive“

    *Ich weiß nicht, ob es noch mehr Stellen gibt, die aber durch das Fenster verdeckt sind. Hat da jemand ein besseres Bild? Der Steam-Account des Täters ist leider privat, so dass ich das nicht sehen kann.

  4. Kann man denn Ausschlüssen, dass es der account eines anderen ist? Und gibt es Informationen, wie dir Identifikation der anderen ablief? Über den Spiegel TV Bericht?

    • Kann man nur vermuten. Offiziell sind nur „† NEO† GER†™“, „Amoklauf“ und „Hass“ bestätigt. SPON war ja auch offensichtlich bei einem (Steam)-Freund des Täters vor Ort und hat da die Fotots gemacht (man sieht, das Freundes-Icon auf einem Bild).

      Den „GlockRage™“-Account habe ich über Reddit gefunden. Scheint mir schon sehr wahrscheinlich, dass der zum Täter gehört.

  5. In der Printausgabe der Süddeutschen wird heute wieder von Killerspielen gesprochen. Der Artikel stammt von einem Journalisten namens Martin Bernstein Titel: Der Einzeltäter und sein Mitwisser Counter Strike: Töten als Spiel
    Und im Text heißt es am Ende des zweiten Absatzes weiter: …in dem als besonders gewalttätig bekannten Computerspiel.
    Verlinken kann ich leider nicht, ist ja in der Printausgabe.
    Finde aber wie immer klassisch wie selbst eine Süddeutsche jetzt reisserisch textet, um möglichst interessant zu werden.

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