Wird „Counter-Strike“ seinem Ruf gerecht?

Obwohl der Vorstoß de Maizières derzeit in vielen Presseberichten kritisch betrachtet wird, verwundert es dennoch, wie „fixiert“ die Diskussion auf den Titel „Counter-Strike“ bzw. dessen Nachfolger „Counter-Strike: Source“ und „Counter-Strike: Global Offensive“ ist. Weder bei der Spielmechanik noch bei Gewaltdarstellung stechen die Vertreter der „Counter-Strike“-Reihe durch eine besondere „Grausamkeit“ hervor. Im Gegenteil: Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) – diese ist Teil des Bundesfamilienministerium – stellte 2002 in der Entscheidung über die Nichtindizierung des Titels fest (BPjS-Aktuell 3/2002, S. 13.):

„Eine verrohende Wirkung ist nicht gegeben, weil die Umsetzung der Actionszenerien weitgehend auf Effekthascherei verzichtet. Auf akustische Animation in Form etwa von Schreien wird vollständig verzichtet.“

Weiter wird ausgeführt, dass die Darstellung des Spielinhalts im Rahmen der Medienberichterstattung „häufig einseitig und zum Teil auch nicht immer zutreffend“ erfolgte.

Auch später phantastierte beispielsweise „hart aber fair „von zerfetzten Leichen und die FAS vom Erschießen von Schulmädchen als Spielziel.

Aktuell heißt es bei Welt Online, dass der Täter „gewaltverherrlichende Videospiele wie ‚Counterstrike'“ genutzt habe, in der Süddeutschen ist „Counter-Strike“ betreffend von dem „als besonders gewalttätig bekannten Computerspiel“ die Rede und in der Winnender Zeitung ist „Counter-Strike“ das Spiel, in dem der „Gamer die Perspektive dessen einnimmt, der über andere wahllos brutal richtet“. Schließlich wird in der Münchener Abendzeitung vor dem Hintergrund der „Counter-Strike“-Nutzung des Täters behauptet, dass „jeder Amokläufer […] gerne Ego-Shooter gespielt“ habe.

Auch diese Aussagen sind wiederum allesamt unzutreffend:

  • Bei der aktuellen Debatte könnte man – speziell weil Verbotsforderungen im Raum stehen – etwas Rücksicht auf juristische Fachbegriffe nehmen. Medien mit gewaltverherrlichenden Inhalten sind schon nach der bestehenden Gesetzeslage nach § 131 StGB verboten – „Counter-Strike“ gehört nicht dazu.
  • Das Spiel ist – wie dargestellt – auch nicht besonders gewalttätig. Es war im Jahr 2000 – verglichen mit den Konkurrenten „Unreal Tournament“ (1999) und „Quake 3“ (1999) – bei der Gewaltdarstellung besonders zurückhaltend, da beispielsweise die Gliedmaßen der Spielfiguren nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden.
  • Weiter wird kein Spieler darauf kommen, dass „Counter-Strike“ ein Spiel sei, in dem der er „wahllos brutal richtet“ – es handelt sich im Gegenteil um einen „Taktikshooter“ zwischen zwei Mannschaften, bei dem kein Schuss und keine Blendgranate verschwendet werden darf.
  • Schlussendlich wurden weder von jedem Amokläufer „Ego-Shooter“ im Allgemeinen noch Titel der „Counter-Strike“-Reihe im besonderen genutzt. So war Adam Lanza – Amoklauf in Newton – bei Bekannten allein für die Nutzung von Spielen wie „Super Mario“ und „Dance Dance Revolution“ bekannt. Bei Seung-Hui Cho – Amoklauf an der Virginia Tech – wurde im offiziellen Bericht festgestellt, dass der Täter keine gewalthaltigen Videospiele, sondern allein harmlose wie „Sonic the Hedgehog“ spielte. Bei einem Amoklauf in Ansbach (2009), wurden beim Täter Georg R. „keine sogenannten Killerspiele oder indizierten Horrorfilme“ gefunden.

Die „Killerspieldebatte“ hat hier Parallelen zu politischen Kniffen, die jüngst John Oliver in „LastWeekTonight“ präsentierte: Manche Politiker setzten nicht darauf, ob eine (tatsächlich schon rückläufige) Kriminalitätsrate durch sie sinken würde, sondern ob sie es schaffen der Bevölkerung – unabhängig von der tatsächlichen Kriminalität – ein Gefühl der Sicherheit zu verschaffen.

Manche Journalisten suggerieren bloß, dass „Counter-Strike“ ein Spiel sei, in dem „brutal“ getötet werde. Andere formulieren geschickter, dass es „als besonders gewalttätig bekannt“ sei – hier wird bereits nur noch auf den Ruf abgestellt, ob es tatsächlich „gewalttätig“ ist, tritt in den Hintergrund.

Es gibt aber auch positive Beispiele – beim „Zündfunk“ wird klargestellt, dass „Counter Strike nicht gewaltverherrlichend“ und „ab 16 erhältlich [sei]. Zurecht“.

Als Orientierung, welche Gefährdung die deutschen Behörden den „Counter-Strike“-Spielen beimessen und wieviel Raum hier noch nach oben ist, haben wir eine kleine Grafik gebastelt:

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    (Dank an CidNay und amegas.)

3 Gedanken zu “Wird „Counter-Strike“ seinem Ruf gerecht?

  1. Sorry, aber wenn in CS etwa keine Schreie zu hören waren und die BPjM das (mit) veranlasst hat das Spiel niedriger einzustufen, kann das doch nur bedeuten dass Geiselnahmen und Bombenlegungen gewissermaßen „ruhig“ verlaufen sollen, dann klappts auch mit dem „Jugendschutz“. Und das ist keineswegs so zynisch gemeint wie es klingt – eher traurig und resignativ: eine Beschönigung von Gewalt führt bei Darstellungen zu niedrigeren Einstufungen. So war es leider (!) schon immer.
    Und wenn eine Öffentlichkeit das genauso sieht, weil es dann – bei vorhandenen Schreien, sichtbaren Schusswaffen oder Blutlachen – womöglich auch wieder erst zu Einschätzungen von Titeln als „Killer-“ oder „Gewaltspiele“ kommt, dann betrifft dieser Vorwurf einer militanten Doppelmoral ebenfalls diese.
    @Christian Schiffer
    Selbst als BR-Redakteur gibt Schiffer hier doch auch wieder nur für mich unerträglich selbstherrliche Branchen-Stehsätze wieder. Friedensaktivisten im nächsten „Battlefield“ wären meiner Meinung nach eine tolle Idee! Sie würden sich gerade beim Thema „Erster Weltkrieg“ anbieten, Bertha von Suttner und so.
    Zuletzt wurden in einem Kriegsspiel solche zivilen Probleme zu Hause etwa in den Zwischensequenzen des letzten „Medal of Honor“ („Advanced Warfighter“, 2012) verhandelt, das von der Videospielpresse bezeichnender einhellig verrissen wurde. Nicht aus technischen oder spielerischen Gründen, sondern denselben inhaltlichen – weil genau wie Schiffer schreibt darin ein „heroisches Soldatentum“ abgefeiert worden wäre, oder „Stereotypen“ reproduziert. Während die zivilen Szenen offenbar für unglaubwürdig und vermutlich auch wieder „deplatziert“ gehalten wurden.
    Aus rein ideologischen Gründen also – ein ähnliches Schicksal ereilte zwei Jahre später den Film „American Sniper“ von Clint Eastwood, mit dem ging die normative „Kulturkritik“ aber noch deutlich differenzierter um, weil sie sich beim Film insgesamt trotzdem nicht leisten kann eine konservative und dennoch ehrbare Gesinnung vollständig nicht zu respektieren. Und für all das, für all diese vorgefertigten, komplettierten Meinungen, wird von der „befreundeten“ Twittersphäre trotzdem üblicher Weise auf die Schulter geklopft.
    BPJM+Schiffer: Nachdenken? Fehlanzeige. Auch auf die Gefahr hin, dass dieser Kommentar von mir wieder als „Trollerei“ verunglimpft werden möchte…

    • @Pyri
      Deine Frage, was für eine Darstellung von „Gewalt“ gefährlich ist bzw. ob die Ausblendung von Aspekten nicht viel gefährlicher ist, ist berechtigt. Weiter hast du auch zutreffend angeführt, dass der deutsche Jugendschutz „saubere“ Gewalt – wohl ein Oxymoron – durch weniger Beschränkungen „belohnt“. Doch genau und nur allein darum ging es mir an dieser Stelle mit dem Beitrag: Darzustellen wie die „Skala“ des deutsches Jugendschutzes aussieht, und wie die CS-Titel hier einsortiert werden. Das soll diese Skala weder nach ethischen, kulturellen, ästhetischen oder sonstigen Maßstäben billigen oder gutheißen, sondern bloß Information vermitteln. Dass die Debatte damit an sich nicht weitergebracht hatte, hat schon „marcymarc“ im Forum angemerkt, da der Eindruck erweckt werden könnte, dass man „die Verantwortung“ auf andere Spiele abschieben würde. Meine Absicht war dagegen zu illustrieren, dass hier Blinde von Farben reden.

      Dein Kommentar zu Christian Schiffers Ausführungen finde ich „etwas“ zu hart: Ähnlich wie Christian Stöcker wüscht er sich offenbar, dass sich das Medium weiterentwickelt, wobei Äußerungen über angeblich oder tatsächliche zu tumbe Ballereien etwas abwertend wirken.

  2. Die Artikel von Welt etc. zum Thema wirken, als ob die Redakteure einfach per copy-paste die Aussagen ihrer Kollegen zu Winnenden 2009, Emsdetten 2006 usw. übernommen haben. Von Qualitätsjournalismus keine Spur. Ich fühle mich in die Nullerjahre zurückversetzt. Sehr, sehr schade. :(

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