„Focus“: E-Sport und Verbotsdebatte (Update)

In der Ausgabe Nr. 21/16 des Focus (vom 30. Juli) finden sich zwei Beiträge über Videospiele. Im Ressort „Gesellschaft“ wird das „Milliardengeschäft E-Sport“ erklärt. Themen sind unter anderem der Einstieg bekannter (Fußball-) Vereine im E-Sport und – wie die Überschrift anklingen lässt – die hohen Dotierungen einiger Turniere. Passend zur Illustration mit Bildern der „ESL One“ in Frankfurt steht als Spiel DotA im Mittelpunkt. Im Anschluss werden der Überschrift „Sollen Ego-Shooter verboten werden?“ zwei Standpunkte abgedruckt. Der „Pro-Verbot“-Text stammt von Dr. Rudolf H. Weiß (Eine längere Fassung hatten wir bereits erwähnt.), der „Contra-Verbot“-Text – zumindest weitgehend – von Patrik Schönfeldt (Vorsitzender des VDVC).

„Zumindest weitgehend“ bedeutet, dass einige Passagen seitens des Focus nicht nur umformuliert, sondern auch sinnentstellend geändert wurden. Darüber, dass Artikel vor der Veröffentlichung regelmäßig noch angepasst werden, mag man geteilter Auffassung sein. (Der Journalist Christian Jungblut führte 2010 hierzu einen Rechtsstreit mit der GEO.) Es entspricht im Journalismus jedoch schlicht der gängigen Praxis, dass von Autoren gelieferte Texte vor der Veröffentlichung durch Redakteure noch redigiert werden: Langatmige Passagen werden gestrafft, missglückte oder missverständliche Formulierungen gestrichen oder geändert sowie Stil, Struktur und Sprache geprüft. Oftmals stammen selbst Überschrift und Einleitung nicht vom Autoren, sondern vom Redakteur.

Die Frage, ob – speziell bei Interviews – die Urheber noch vor der Veröffentlichung einen Blick auf die (Druck-) Fassung werfen dürfen und die Veröffentlichung vielleicht auch noch von einer Autorisierung abhängig machen können, wird ebenfalls kontrovers diskutiert – insbesondere wenn der Interviewte sich plötzlich ganz anders geäußert haben will.

Im Fall des Focus hat der VDVC die Druckfassung vor der Veröffentlichung nicht zu Gesicht bekommen, was in diesem Fall sinnvoll gewesen wäre: Der betreffende Redakteur hat es (laut Aussagen des Focus mit dem Ziel einer besseren Lesbarkeit) nicht bei stilistischen Änderungen belassen, sondern (unbeabsichtigt) den Inhalt geändert. Der maßgebliche Abschnitt ist dieser:

VDVC-Manuskript
„Gleich, wie die Antwort aussieht, extreme Beispiele wie ein im letzten Jahr erschienener „Amoklauf-Simulator“ stoßen unter Computerspielern auf breite Ablehnung. Dieser wurde – wie 35 weitere Titel – wegen exzessiver Gewaltdarstellung bereits als verboten eingestuft. Es darf als Konsens gelten, dass kein Verbot über das bestehende hinausgehen sollte. Und selbst das bestehende Verbot kann durchaus als nutzlose Symbolpolitik bezeichnet werden.“

Druckfassung (Focus 21/16)
„Gleich, wie die Antwort lautet, extreme Beispiele wie ein im letzten Jahr erschienener „Amoklauf-Simulator“ stoßen unter Computerspielern auf breite Ablehnung. Dieser wurde – wie 35 weitere Titel – wegen exzessiver Gewaltdarstellung indiziert. Dabei sollten wir uns einig sein, dass es keine strengeren Verbote geben sollte. Und selbst die vorhandene USK-Beschränkung kann allenfalls als nutzlose Symbolpolitik bezeichnet werden.“

Nach dem Redigieren ist nun nicht mehr von 36 „verbotenen“, sondern von 36 „indizierten“ Titeln die Rede und als „nutzlose Symbolpolitik“ wird nicht mehr das Verbot, sondern die „USK-Beschränkung“ bezeichnet.

Hierbei muss man eingestehen, dass der Begriff „Verbot“ bei dieser Thematik oft in höchst unterschiedlicher Weise verwendet wird und ab und an auch die Indizierung als Verbot bezeichnet wird, doch an dieser Stelle war mit Verbot das „echte“ Verbote von solchen Medien gemeint, deren Inhalt dem Tatbestand des § 131 StGB – Gewaltdarstellung – unterfällt. Dies sind nach Einschätzung der zum Bundesfamilienministerium gehörenden Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) und nach Entscheidungen von Gerichten derzeit die angeführten 36 Titel. Von der Indizierung wegen jugendgefährdender Inhalte nach § 18 JuSchG sind dagegen weit mehr Videospiele betroffen: Nicht lediglich 36, sondern 611 Fassungen verschiedener Videospiele (Stand 18. Juli 2016). Und selbstverständlich war auch in der zweiten Passage, bei dem das Verbot als „nutzlose Symbolpolitik“ bezeichnet wird, das Verbot des § 131 StGB und nicht die USK-Kennzeichnung gemeint.

Der Focus bedauert dieses Missverständnis und hat bereits eine Richtigstellung gedruckt.

4 Gedanken zu “„Focus“: E-Sport und Verbotsdebatte (Update)

  1. Der aktuelle Stern Nr. 32 vom 04.08.16 enthält einen interessanten Artikel über Ego-Shooter.
    Titel: „Unter Beschuss. Nach dem Massaker in München kamen Ego-Shooter erneut in Verdacht, solche Spiele könnten den Täter zur Gewalt animiert haben. Doch die Forschung zeigt andere Wurzeln des aggresisven Verhaltens.“
    Zusammenfasssung: Es werden u.a. Mitglieder eines Counter Strike Clans vorgestellt (alle über 30 Jahre alt), die etwas über ihr Hobby berichten. Danach wird ganz grob auf die Geschichte der „Killerspiele“ eingegangen (Schlagworte: „Death Race“, „digitales Gift“).
    Als Experte wird zudem der Sozialpsychologe Tobias Greitmeyer von der Uni Innsbruck interviewt. Seine Thesen sind kurz zusammengefasst:
    a) „Wer agressive Computerspiele spielt, wird von der Tendenz her etwas aggressiver.“
    b) „Die Tötungsabsicht [der Gewalttäter] kommt vor den Spielen auf.“
    c) zum Verbot von Ego-Shootern: „Solche Spiele machen keine Killer.“

    Fazit: Ein wohltuend ausgegeschlichener Artikel, der sich vom beinahe hysterischen Aktionismus einschlägiger Politiker und „Experten“ abhebt.

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