Bundeswehr auf der Gamescom, normal?

Vom 18. bis zum 21. August 2016 fand die Gamescom in Köln statt – die weltweit größte Publikumsmesse für Videospiele mit 345.000 Besuchern. Mit dabei war auch diesmal wieder die Bundeswehr. Es wurde über Karrieremöglichkeiten bei der Bundeswehr informiert, wobei zur Werbung neben den Youtube-Stars MarcBradeTV und RealChris Tezz sowie dem (B)W-LAN auch zwei gepanzerte Fahrzeuge – Typ Fennek und Wiesel – am Stand aufgefahren wurden, in denen auch kleine Kinder Platz nehmen durften.

Auch wenn die Messe von den Besuchern nicht primär als Berufs- und Ausbildungsbörse verstanden wird, ist die Bundeswehr nicht der einzige Arbeitgeber, der sich dort nach potentiellen Mitarbeitern umsieht. Die Besucher sind auch im Fadenkreuz von Unternehmen wie der Aldi Einkauf GmbH & Co. oHG und dem Bundesamt für Verfassungsschutz. Es ist also mitnichten der Fall, dass die Bundeswehr mit ihrem Anliegen völlig aus dem Rahmen fällt.

Auf eine Anfrage teilte Michael Henjes, Sprecher des Verteidigungsministeriums, dem Business Insider mit, dass auch die Bundeswehr auf der Gamecom nicht zwangsläufig Besucher als Drohnenpiloten und Panzergrenadiere werben möchte. Vielmehr suche man auf breiter Front – „Es gibt bei uns ja praktisch keinen Job, den es nicht gibt“ – nach Personal, das Spektrum reiche vom Infanteristen bis zum Verwaltungsjuristen, vom Feuerwehrmann bis zum Computer-Experten. Um Informatiker wirbt die Bundeswehr gezielt mit dem Projekt „Digitale Kräfte„, wobei unter anderem 700 Systemadministratoren gesucht werden. Eine weitere Werbeaktion, von der sich „junge Männer im Alter zwischen 16 und 25“ angesprochen fühlten, war das mit „Command and Conquer“ beworbene „IT Camp“, das im April 2016 stattfand.

„Krieg ist kein Spiel“

An der Präsenz der Bundeswehr hat sich manch einer gestört, was sich dieses Jahr durch verschiedene Aktionen geäußert hat. Mit dem Slogan „NotAGame“ war eine AG des antimilitaristischen Aktionsbündnis Köln vetreten, an der sich unter anderem die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) und die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) beteiligten. Für letztere erklärte Ralf Buchterkirchen, dass die Armee-Werbung irreführend sei und die Einsatzrealität vollkommen ausblende – „Krieg ist kein Spiel“.

Der Messestand mit zwei Panzern sei auch vor dem Hintergrund der verschärften Sicherheitsmaßnahmen absurd. Es wurden Besucher nicht nur allgemein angehalten, weder Taschen noch Rucksäcke mitzunehmen, Cosplayer mussten zudem auf Waffenattrappen verzichten (Allein die Aussteller durften solche – nach vorheriger Anmeldung – auf das Messegelände bringen.).

Besonderen Anstoß wurde weiter daran genommen, dass gezielt Jugendliche angesprochen würden. Auf dem offiziellen Karriereportal des Bundeswehr werden Interessierte darauf hingewiesen, dass sich Bewerber verpflichten können, die „mindestens 17 Jahre alt sind (mit Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten), die Vollzeitschulpflicht beendet haben und Deutsche“ sind. 2014 wurde auf eine Anfrage der Bundestagsfration der Linken mitgeteilt, dass auch Bewerbungen von 16-Jährigen entgegengenommen würden, und bestätigt, dass die Werbung „auch auf den Personenkreis der Jugendlichen abgestimmt“ würde, da die Entscheidung über den Berufswunsch nicht erst am 18. Geburtstag falle. Zahlen lagen für das Jahr 2012 vor, in dem 1.216 Minderjährige als freiwillig Wehrdienstleistende und Zeitsoldaten eingestellt wurden.

„Selten hat ein Kampagnenbild zu so hitzigen Diskussionen geführt“

Protestaktionen kamen hierbei jedoch nicht nur von dem typischen Klientel, sondern auch von Gamern selbst. Die etwas frischere Piratenpartei – die sich offenbar vor Interviewanfragen kaum retten konnte – war ebenfalls mit einem Stand vertreten, bei der mit einem Postkartenmotiv der Kampagne „Ein Herz für Gamer“ auf die Bigotterie der Politik hingewiesen werden sollte:

„Solange die Bundeswehr Infostände auf der Gamescom hat, sind Killerspiele unser kleinstes Problem.“

Hierbei wurde betont, dass nicht allgemein die Bundeswehr kritisiert, sondern lediglich darauf aufmerksam gemacht werden solle, dass deren Präsenz mit dem „Charakter einer Spielemesse“ nicht zu vereinbaren sei. Speziell erscheine es als widersprüchlich, dass die Politik bei der jüngst wieder entflammten „Killerspieldebatte“ Gamer als tickende Zeitbomben stigmatisiert, andererseits das Verteidigungsministerium aber kein Problem damit hat, diese als potentielle Soldaten zu umwerben. Der Pirat Marc Becker schreibt hierzu:

„Die Tatsache, dass die Bundeswehr jedes Jahr […] auf der Gamescom vertreten ist, geht dem Großteil der Gamerszene seit Jahren gehörig auf die Nerven. […] Wir Gamer haben es satt, uns einerseits durch populistische Sprachhülsen stigmatisieren zu lassen, während die Bundeswehr offensichtlich keine Probleme damit hat, auf einer Spielemesse mit schwerem Kriegsgerät aufzuschlagen und so der Thematik der bewaffneten Auseinandersetzung (gewollt oder ungewollt) einen spielerischen Charakter zu geben.“

„Der Bundeswehr in Zukunft keinen Platz mehr auf der Messe“

Hier zeigen sich die Piraten auf einer Linie mit der DFG-VG, die an den Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V. (BIU) als Träger der Gamescom appelliert, der Bundeswehr in Zukunft keinen Platz mehr auf der Messe zur Verfügung zu stellen. Weiter wird auch die Koelnmesse GmbH angemahnt, ihrer Verantwortung gegenüber Jugendlichen Messebesuchern nachzukommen und dieser nicht dem Einfluss der Armee-Werbung aussetzen. Dieser Appell ist jedoch nur ein moralischer: Zwar ist allgemein – unabhängig vom beworbenen Produkt oder der beworbenen Dienstleistung – Werbung unzulässig, die sich an Kinder (Alter unter 14 Jahre) richtet, doch gegen Werbung der Bundeswehr – selbst an Schulen – gibt es nach einem Gutachten der wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages keine rechtlichen Bedenken. Allein Eingezogen werden dürfen Jugendliche nicht unter 15 Jahren – dies wäre nach § 8 des Völkerstrafgesetzbuches ein Kriegsverbrechen.

Bei der GamingNewsTime pflichtet man den Kritikern bei – der Redakteur Christian Stammler resümiert: „Eine Organisation, die in keiner Weise etwas Spielen oder auch nur im weitesten Sinne mit der Gamer-Kultur zu tun hat, sollte nicht auf einer Spielemesse ausstellen“. Der Journalist Matthias J. Lange widerspricht in seinem Blog:

„Einst habe ich gelernt, die Soldaten seien Bürger in Uniform und so wurde die Wehrpflicht begründet. Lügenbaron von Guttenberg hat die Wehrpflicht ausgesetzt und eine Freiwilligenarme eingeführt. Und da junge Männer nicht mehr automatisch zum Bund müssen, muss die Bundeswehr über Veranstaltungen und Anzeigen Leute für eine Karriere interessieren – auch auf der gamescom. Das halte ich legitim.“

Auch abseits der Spielergemeinde wurden die Proteste verfolgt: Der (Kölner) Express schreibt, dass Terrorbekämpfung sicher berechtigt sei, doch man sich „trotzdem […] die Frage stellen [müsse], was das mit einer Spielemesse zu tun hat“, bei DRadio Wissen kommt Michael Schulze von Glaßer zu Wort (Youtubekanal „Games’n’Politics„) und #WDR360 hat einen Beitrag zum Thema produziert sowie bei der Bundespressekonferenz beim Bundesverteidigungsministerium bestätigt bekommen, dass 16-24 Jährige die Zielgruppe seien.

Die Kritik zum jetzigen Zeitpunkt überrascht, da die Bundeswehr nicht erst seit gestern bei der Gamescom vertreten ist. Die Bundeswehr war bereits 2009, als die Gamescom zum ersten Mal stattfand, mit von der Partie. Und schon bei der inoffiziellen Vorgängerveranstaltung, der „GamesCon[-vention]“ in Leipzig, zeigte die Bundeswehr 2003 Präsenz. Der Auftritt der Bundeswehr hat demnach seit nunmehr 13 Jahren Tradition.

„Diese Medien gehören nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen.“

Besonders grotesk ist, dass die Bundeswehr seit nunmehr drei Jahren unter der Führung von der Leyens auf der Gamescom um Gamer wirbt, die im Jahr 2007 nach dem Amoklauf von Emsdetten mit einem Sofortprogramm allgemein die Werbung für „Gewalt verherrlichende“ und „Gewalt beherrschte“ Videospiele verbot, weil „diese Medien […] nicht in die Hände von Kindern und Jugendlichen“ gehörten. So hat sie einerseits das Werbeverbot für fiktive Kampfeinsätze ausgeweitet, während sie bei der Werbung für reale selbst gezielt an Jugendliche herantritt.

Links:

Artikel DFG-VK
Artikel Piratenpartei-NRW
Artikel Business Insider
Artikel Express
Aritkel DRadio Wissen
Beitrag #WDR360
Bundeswehr IT-Karriereportal „Digitale Kräfte“

2 Gedanken zu “Bundeswehr auf der Gamescom, normal?

  1. Pingback: Bundeskillerspiele 2016 | -=daMax=-

  2. Aller Kritik zum Trotz, kann ich es mir schon vorstellen, dass ein gewisser Teil der „Gamer“ sich von der Bundeswehr angesprochen fühlt.
    Primär mal die „yo alta, ich geh jetzt zur Armee, da bin ich dann Soldat, und erleb dann Call of Duty voll im real-life, yeah…“-demographic. (Wobei diese wohl kaum den psychologischen Test schaffen…)
    Aber wenn man jetzt mal diese Stereotype außer acht lasst, gibt es wohl doch genug Waffennarren unter Gamern, dass sich einige doch überlegen, zum Bund zu gehen, damit sie mal auch im realen Leben schwerere Waffen bedienen können.

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