Hänsel: „Sie erziehen zum Beruf des Söldners“

(nrhz.de) Der Psychologe Dr. Rudolf Hänsel greift in einem Artikel zwei kritische Stellungnahmen des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) zur Wirkung von Videospielen auf, in denen er „einen wichtigen Beitrag zu der vom deutschen Innenminister nach dem tödlichen Anschlag von München geforderten gesellschaftlichen Debatte über die schädliche Wirkung von Gewaltspielen“ sieht. Zu einer ehrlichen Diskussion der Wirkung von „Killerspielen“ wird es, so seine Prognose, dennoch nicht kommen, da sich die Gesellschaft hierfür nicht ausreichend einsetze.

So fehle es Verbotsforderungen der Politik an Glaubwürdigkeit, da diese mit Studiengängen sowie dem Deutschen Computerspielpreis zugleich die Branche fördere. Auch fehle der Rückhalt bei den Mainstream-Medien: „Sobald jemand etwas gegen digitale Spiele einwendet, wird er von den sozialen Medien sofort gnadenlos attackiert“. Manche Journalisten würden sich sogar über „Kritiker von Ballerspielen lustig machen, sie zynisch verhöhnen“.

„Teil des militärisch-industriellen Komplexes“

Debatten dagegen, dass Nutzer durch Gewaltspiele „auf das Töten hin konditioniert werden“, würden auch deswegen nichts bewegen, weil die betreffenden Unternehmen „Teil des militärisch-industriellen Komplexes“ seien:

„Die meisten Computerspiele werden von einem Netzwerk von US-Militär und Unterhaltungsindustrie entwickelt mit dem Ziel, den gegenwärtigen und zukünftigen Kriegen zuzuarbeiten und sie propagandistisch zu begleiten.“

Belege für diese These bleibt er schuldig, wobei es in der Natur der Sache liegt, dass – „da die USA der größte Markt für Militär-Videospiele sind und auch die größten Entwickler und Publisher der Spiele in den USA sitzen“ – „neokonservative Inhalte der US-Außenpolitik die Inhalte aktueller Militär-Videospiele [dominieren]“ – so schon Michael Schulze von Glaßer in der Publikation „Das virtuelle Schlachtfeld“. Den Nachweis, dass – wie „aus dem Bereich der Filmindustrie […] bekannt“ – auch bei Videospielen Entwickler bei Kooperationen mit dem Militär eine „inhaltliche […] Einflussnahme“ hinnehmen müssen, vermag er in einer Studie nicht zu führen, auch wenn mit dieser zu rechnen sei (Eine Kooperation kann beispielsweise beim Sounddesign darin bestehen, dass den Spielentwicklern Aufnahmen der Geräusche von Waffen und Fahrzeugen zur Verfügung gestellt werden.).

„Dabei sind die Forschungsergebnisse eindeutig“

Auch die Anzahl der Spiele, die direkt vom US-Militär entwickelt und veröffentlicht wurden, ist überschaubar. Es handelt sich lediglich um die zur Werbung von Rekruten entwickelten Teile der „America’s Army“-Reihe sowie um das aus lizenzrechtlichen Gründen kommerziell veröffentlichte „Full Spectrum Warrior“.

Zur Wirkung gewaltdarstellender Medien hat Dr. Rudolf Hänsel ebenfalls eine dezidierte Meinung:

„Dabei sind die Forschungsergebnisse eindeutig und seit Jahrzehnten erforscht: Killerspiele senken zweifelsfrei die Hemmschwelle zum Töten durch tausendfaches Trainieren der Tötungshandlungen und machen unempfindlich gegenüber dem Schmerz anderer. Sie erziehen zum Beruf des Söldners.“

Der Supreme Court kam bei dieser Frage zu einem anderen Ergebnis. Im Jahr 2011 kippte er mit seiner Entscheidung ein von Arnold Schwarzenegger initiiertes Jugendschutzgesetz, da – wie der Spiegel schrieb – „der Staat Kalifornien […] zudem nicht hinreichend belegt [habe], dass Videospiele Minderjährigen tatsächlich psychischen oder gar physischen Schaden zufügen könnten“.

Links:

Artikel Neue Rheinische Zeitung
IMI-Studie 2015/09 (pdf)

(Dank an amegas.)

11 Gedanken zu “Hänsel: „Sie erziehen zum Beruf des Söldners“

  1. Ich schreibe einfach, was ich bereits im Forum schrieb:

    Jetzt kommen sie alle aus ihren Löchern… der gute Herr Hänsel liefert uns hier ja im Grunde nichts anderes als ein Argument ad verecundiam und überblickt dabei nicht, dass bereits die beiden Stellungnahmen des BDP den tatsächlichen Forschungsstand zur vermeintl. negativen Wirkung Gewalt darstellender Computerspiele nicht korrekt erfassen, diesen allenfalls so selektiv und kursorisch wie auch unkritisch-affirmativ (d.h. die endemischen, evidenten Mängel, Fehler und Auslassung des Gros der einschlägigen Forschung ignorierend) präsentieren… und damit im Grunde groben Unfug verbreiten. Angesichts der aktuellen Krise der Psychologie als Disziplin als solche ist das natürlich ein Bärendienst.

    Herr Hänsel hat sich bereits vor Jahren für einen nüchternen Diskurs zum Thema Gewalt in den Medien aktiv disqualifiziert, bspw. als er mit seiner Frau zusammen allen Ernstes kolportierte, Gewalt darstelllende Computerspiele seien für den sog. Abu-Ghuraib-Folterskandal u.ä. Skandale im Gefangenenlager der Guantanamo Bay Naval Base und anderen Gefängnissen des US-amerikanischen Militärs verantwortlich (vgl. Händel & Hänsel 2006, S. 9).

    Auf der Tagung „Werteerziehung – Lebenserfolg – audiovisuelle Medien. Zum Problem der Mediatisierung von Kindheit“ am 19./20.10.2009 verabschiedete er zusammen mit Sabine Schiffer und Rudolf H. Weiß eine Resolution, die nicht nur einen naiven, undifferenzierten und paternalistischen Medienpazifismus forderte („Medien haben eine ‚Kultur des Friedens‘ zu fördern.“), sondern insg. auch ein Sammelsurium absurder Agitationen, Falsch- und Fehlinformationen und verfassungswidriger Postulate war und z.B. „Toxische Inhalte der Gewalt, der Pornographie und der Menschenverachtung“ inkriminierte – ein Duktus in bester (antiquierter) Tradition von Kinoreformen. Die Unterzeichner forderten z.B.: „Sendungen, Filme, Videos, PC-Spiele, die nachweislich die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigen, dürfen aus ethischen Gründen weder produziert noch eingekauft, verkauft oder ausgestrahlt werden.“ Ungeachtet dessen, dass das Potenzial zu einer tatsächlichen Jugendbeeinträchtigung, wie sie das Gesetzt impliziert, u.a. bereits dank des desolaten Stands der diesbzgl. Forschung nicht konkret nachweisbar ist, ist eine simple Jugenbeeinträchtigung als Grund eines Verbots auch für Erwachsene so absurd, wie verfassungswidrig; zugunsten der Referenten könnte man nur argumentieren, dass sie auch bereits in der Vergangenheit nachweislich Jugendverbote, Indizierungen und absolute Verbote nicht differenzieren konnten. Kritischer war aber ein zweiter Punkt der Resolution: „Um die Arbeit der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) zu verbessern, schlagen wir vor, dass jedes Mitglied des Beirates der USK das Recht hat, ein Computerspiel zur Indizierung vorzuschlagen. In diesem Fall geht die Verantwortung über an die BPjM, die innerhalb von drei Monaten eine Entscheidung treffen muss. In dieser Zeit darf das Spiel weder beworben noch verkauft werden.“ Das wäre aber ein klarer Verstoß gegen das Zensurverbot, der abermals die endemischen Mängel rechtswissenschaftlicher Expertise seitens der extremsten der Medienkritiker demonstriert.

    Hänsel unterschrieb auch den sog. Kölner Aufruf gegen Computergewalt, ein alarmistisches, moralpanisches Konglomerat aus naivem (bewahrpädagogischem) Medienpazifismus, Medien- und Populärkulturressentiments, modernen Mythen, Verschwörungstheorien, Kapitalismuskritik und Antiamerikanismus, d.h. ein ideologischer Aufruf, dessen Ziele u.a. waren, „dass die Herstellung und Verbreitung von kriegsverherrlichenden und gewaltfördernden Computer-spielen für Kinder und Erwachsene verboten werden […]; […] dass alle Parteien ihre Beschlussanträge, die Computerspiele zum ‚Kulturgut‘ erklären wollen, zurückziehen“ und „dass die Games-Industrie keine staatliche Förderung und politische Unterstützung erhält;“ man fordert hier also im Grunde die Negation des Faktischen. Die Unterzeichnung dieses Pamphlets markiert einen Akt der Selbstdesavouierung par excellence, der die Unterzeichner permanent von einem rationalen, demokratischen Diskurs disqualifiziert. Herr Hänsel ist damit aber eigtl. auch nur exemplarisch für eine radikale Fanatisierung der der Anti-„Killerspiele“-Polemiker.

  2. Das noch zu wiederholen ändert nichts daran, dass darüber ein Diskurs erst gar nicht stattfindet. Das ist bestenfalls die Rezitation einer eigenen Selbstgerechtigkeit, derselbe Egoismus welcher den „Ego-Shootern“ für gewöhnlich vorgeworfen wird. Und damit wird eben kein Ausbruch von Vorbehalten verhindert, keine Vielzahl an Ressentiments eingedämmt, angegangen, nicht einmal herausgefordert.
    Das Problem ist nicht der „Kölner Aufruf“, oder die „Arbeiterfotografie“, sondern alles was sonst publiziert wird und sich vom „Kölner Aufruf“, oder der „Arbeiterfotografie“, trotzdem kaum unterscheidet. Im Gegenteil: Texte wie dieser
    http://www.deutschlandfunk.de/gamescom-2016-es-dominieren-immer-noch-martialische-ego.720.de.html stoßen in genau dieselbe Richtung. Etwas anderes existiert in der Öffentlichkeit gar nicht mehr: früher gab es wenigstens noch Beschwichtigungsversuche, ich denke da etwa an Mathias Mertens, aber selbst diese Zeit ist längst vorbei. Der einzige Unterschied liegt in der Sprache und/oder vereinzelter Wortwahl.

    Doch wo bleibt dann die Nicht-„Polemik“: wo sind die Inhalte aus „Killerspielen“, aller traditionell inkriminierten Videospiele, tatsächlich erwünscht, anerkennt etc.? Das alles, diesen Anpassungsprozess, zu ignorieren, oder tendenziell gleich zu leugnen, die weitaus größere „Polemik“.
    Es ist bestenfalls ein Nebeneinander-Vorbeireden, im deutschsprachigen Raum politisch flankiert zwischen BuPP in Wien, etwa relativ aufgeschlossener oder besonders restriktiver CSU-Programmatik in Bayern, und der BPjM in Berlin. Dasselbe gilt für „Killer-Games“ in der Schweiz: alles andere als ein Gespräch auf Augenhöhe, sondern ein Immer-wieder-nur-noch-weiter-Ausgrenzen (im schlimmsten Fall perfider Weise noch verpackt als Pseudo-Inklusion), angefangen bei GamerGate (ein gegenseitig Fertigmachen-Wollen, zwischen vorgeblich „konservativ-reaktionären“ und angeblich „liberal-progressiven“ Kräften).
    Den Ton geben weiterhin in die Jahre kommende Intellektuelle wie Haller oder Schwarzer an. Der Rest ist Schweigen und/oder schon Zustimmung.

    Doch was geschieht wenn diese „kritischen“ Stimmen erst verstummen, ungeachtet eines sich wie auch immer eingebildeten Generationenkonflikts? Welche Selbstdarstellung kommt dann – in der nächsten (Internet-)Generation?
    Welches Vakuum entsteht dann? Verzögerung schafft keine substantielle Klarheit – weder inhaltlich, noch ideologisch, oder wissenschaftlich.

  3. Bevor ich mich hier verteidige: „Das noch zu wiederholen ändert nichts daran, dass darüber ein Diskurs erst gar nicht stattfindet. Das ist bestenfalls die Rezitation einer eigenen Selbstgerechtigkeit, derselbe Egoismus welcher den „Ego-Shootern“ für gewöhnlich vorgeworfen wird. Und damit wird eben kein Ausbruch von Vorbehalten verhindert, keine Vielzahl an Ressentiments eingedämmt, angegangen, nicht einmal herausgefordert.“ Meint das meinen Beitrag oder das, was du im Weiteren kritisierst und in der Öffentlichkeit (wenn überhaupt) als „Diskurs“ verkauft wird?

  4. Hänsel, Pfeiffer, und so weiter, kann man auch dadurch erklären das diese Leute wohl immer noch Freuds Ödipuskomplexes nachtrauern und ein romantisiertes verklärtes gesellschaftlichkonservative Familienbild anhimmeln das es realistisch betrachtet nicht gibt oder gegeben hat. Siegmund Freud Psychoanalyse wird dabei doch zum Vorbild. Das Problem der Psychoanalyse ist dabei das es sich selbst dabei um eine Geisteskrankheit handelt die sie versucht zu kurieren. Dabei werden protofaschistische Ansichten wiedergegeben wonach es nur das „normale“ Familienbild geben darf: „Vater; Mutter und ich.“ Ein starker Vater der mit strenger aber gerechter Hand die Familie „regiert“, eine barmherzige, unschuldige Mutter und nur Nachwuchs der sich benehmen kann. Die bösen Killerspiele und Killerspieler passen dabei nicht dieses Luftschloß, genauso wenig auch Dinge wie die Patchworkfamilien, alleinerziehende Mütter, Gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Schwule, Autisten, Schizophrene alles was davon abweicht, jeder der davon abweicht wird als unnatürlich, als abnorm angesehen, als Fremdkörper dem man unter keinen Umständen tolerieren darf. Die Krankheit dabei ist die Annahme das es nur ein „normal“ gibt, das es für Homosexuelle völlig normal ist homosexuell zu sein, z. B. wird ignoriert. Sämtliche Kritik an der Psychoanalyse sowie an der Psychologie generell wird dabei als Unsinn abgetan. Philosophen und Kritiker wie Felix Guattari oder Deleuze werden unter schlimmster antiintellektueller Ignoranz und primitiver deutschtümmelei komplett ignoriert obwohl deren Thesen längst Teil des Allgemeinwissens sind.

  5. @skully
    Diejenigen welche gegen „Killerspiele“ auftreten lehnen für gewöhnlich auch die Psychoanalyse ab. Das verläuft analog zu einer Ablehnung von „Pornografie“: gut herausgearbeitet hat das dort schon vor Jahren Laura Kipnis.
    Widersprüchlich ist eher, dass dabei dennoch auf empirische Forschung zurückgegriffen wird – als Beleg für ihre Thesen, zwecks „Beweisführung“ – denn ihr Denken, siehe die anti-aristotelische LaRouche-Bewegung (etwa mit Dave Grossman), wendet sich für gewöhnlich auch gegen positivistischen Realismus: ich gehe deshalb aus ideologiekritischer (und wissenschaftstheoretischer) Sicht zunehmend davon aus, dass ihre Forschung nur Mittel zum Zweck ist und sie eigentlich wissen, dass sie nichts taugt und beliebig verwendbar ist. Sie glauben aber, und meiner Meinung nach zurecht, dass sie ihre politischen Ziele wenn dann nur darüber erreichen können.

    Denn Grundlage ihres (platonischen) Denkens ist eben ein idealistisches Menschenbild, in dessen Zentrum Konzepte wie Unschuld und Würde stehen. Figuren wie Friedrich Schiller oder Jean-Jaques Rousseau werden dort hoch gehalten, neben Ideologen wie Anton Semjonowitsch Makarenko. Wobei sich die (neo)liberale, kapitalistische Welt dagegen verschworen hätte – sie hätte sozusagen (erst) damit begonnen, die Jugend zu verderben: meiner Meinung nach ist das, ihr Denken, aber keineswegs „extrem“, sondern über Ideen aus dem Wellness-Bereich, Dispositive (im Sinne von Deleuze) in Zusammenhang mit Gesundheit und Sicherheit, wunderbar kompatibel mit dem was heutzutage im Mainstream sonst noch präsent ist.

    Also etwa sonst in den Zeitungen so drinsteht, vor allem im Feuilleton. Deshalb habe ich vorgeschlagen sich eher darauf zu konzentrieren, als sich immer wieder nur selbstgerecht gegen den „Kölner Aufruf“ und Co. zu wenden.
    Und Hintergrund ist das was allgemein als „Werterelativismus“ bekannt ist. Dessen Ablehnung kann religiöse Gründe haben, es können aber auch andere Ideale dahinter stehen – über den Marxismus etwa alles das als „dekadent“ begriffen wird.

  6. „Deshalb habe ich vorgeschlagen sich eher darauf zu konzentrieren, als sich immer wieder nur selbstgerecht gegen den „Kölner Aufruf“ und Co. zu wenden.“

    Ich finde, dass es ein guter Anfagn ist, darauf hinzuweisen, dass bestimmte Personen eben nich Teil eines öffentlichen Diskurses sind, sondern eines hermetischen… selbstgerecht finde ich das nicht, sondern denke, dass dies ein legitimers ceterum censeo darstellt.

  7. Mein voriger Post beschreibt die, meiner Meinung nach, angewante Methode, man darf sich aber auch nicht vor der Frage drücken, wozu das Ganze dient. Die Verbesserung der Gesellschaft ist definitiv nicht ihr Ziel. Es ist ein verordneter organisierter Kulturpessimismus, Antiamerikanismus und Antifortschrittsdenken. Es ist die Werbung für Ignoranz und Aberglauben aus dem 19. Jahrhundert, weg von der Aufklärung und Logik. Das sind Kolonnen die wir auch in anderen Sektoren der Gesellschaft finden. Impfgegner kommen mir in den Sinn, oder einfach Rassisten, Pseudointellektuelle, authoritäres Gehabe und das Gutheissen von Selbigen, Homöopathiebefürworter und der Gleichen. Es gibt eben Saboteure und Brandstifter die auch ohne Sprengstoff und Brandbeschleuniger daherkommen und auch eine Menge Schaden anrichten können, und Hass ist deren Motivation.

  8. @Vicarocha
    Vorher sprachst Du von etwas das ‚in der Öffentlichkeit (wenn überhaupt) als „Diskurs“ verkauft wird‘, schon im Forum hast Du von den „extremsten der Medienkritiker“ gesprochen ( https://vdvc.de/forum/viewtopic.php?f=79&t=2043&start=250#p17089 , siehe erneut oben).
    Ich sehe das eben (auch?) so, dass kein Diskurs stattfindet – sowieso nie stattfand, sondern – aus Sicht der „Medienkritik“ – auf der anderen Seite höchstens Beschwichtigungen oder Rechtfertigungen standen. Es ist jedoch so, dass heutzutage nicht einmal diese mehr zu erwarten sind, da nach der Verbreiterung oder Diversifikation des Mediums in den letzten Jahren sich beide Seiten zunehmend vermischt haben. Diejenigen welche beim Rundfunk oder in den großen Zeitungen einen Platz (teilweise sogar eigene Ressorts) gefunden haben und der spielenden Zunft angehören vertreten jedenfalls größtenteils ganz bestimmte „Haltungen“ – sie wollen dass etwa Indies auf Messen ein Vorzug gegeben wird, gegenüber dem Geschmack der Masse: unliebsame Spiele in der Repräsentation/Sichtbarkeit zurückgedrängt werden sollen, weil sie dort „stören“ – den nützlichen, „guten“ Spielen usw. sogar Schaden zufügen würden.
    Und ich finde, ich dränge sogar darauf und fordere: das sollte berücksichtigt werden! Es ist in der Situation einfach absurd so zu tun, als gäbe es weiterhin nur die Leute um den „Kölner Aufruf“ welche unliebsamen Spielen am Zeug flicken.
    Wesentlich sind heutzutage die Gebotsforderungen, nicht die Verbotsforderungen – und erst recht nicht irgendwelche verschwörungstheoretischen Spinner die da schreien, sondern das sind – teilweise ganz prominente – Gesellschaften mit Macht und Einfluss, die es sich auf Twitter und Co. gemütlich gemacht haben und ihre Einstellungen sich von niemandem, garantiert niemandem, streitig machen lassen. Wesentlich sind diese meinungsbildenden Pop-Autoritäten, auf die vor allem auch viele Gamer hören. Ist deren Manipulationsgehalt, sind deren einfache Losungen und ist ihr Populismus: und denen wird es wahrscheinlich gelingen werden, über kurz oder lang, alle Spiele welche die nicht haben wollen aus der Welt zu schaffen. Zumindest so weit an den Rand zu drängen, dass sie im Jahresrhythmus nicht mehr relevant erscheinen. Sogar mit Hilfe vieler Gamer, denn die Ressentiments gegen etwa „Call of Duty“ und Co. sind schon länger unüberhörbar. Und am Ende nennen diese ihr getanes Werk dann zynisch noch – ein bisschen so wie beim Vollverschleierungsverbot/Gesichtsgebot – „Liberalisierung“.

    Wobei die Hermetik im Zuge dessen ebenfalls brüchig wurde. Nur ein Beispiel: früher konnte beobachtet werden, dass etwa auf Weiß vor allem Regionalzeitungen eingestiegen sind – jetzt wurde er doch zum Focus eingeladen? Und nicht als Teil eines Panels, sondern als alleiniger Repräsentant von, ich sage mal, bestimmter Anliegen gegen einen Vertreter der Videospiele – Anliegen die sich über all die Jahre nunmal nicht geändert haben. Dort hätte er sich, noch dazu, sogar als „Verbotsgegner“ präsentiert – hat es zumindest geheißen, sollte ebenfalls im Forum nachlesbar sein.
    Ich finde das alles könnte schon zu denken geben, wobei ich mit selbstgerecht vor allem meine, dass trotz dieser Entwicklungen immer noch das gleiche Studientango wie anno 2009 vollzogen wird. Dieses Doktorspiel: ich zeig dir meine Studie, du zeigst mir deine. Früher hätte auch ich gemeint, dass da am Ende mal (hoffentlich!) was Gescheites dabei rauskommt, aber so war es nunmal nicht und wird es nach all den Jahren auch nicht mehr sein denke ich: dennoch halten sich alle immer noch gegenseitig ihre Ergebnisse vor. Sicher ist es legitim, aus meiner Sicht aber auch „sinnbefreit“ – wie es neudeutsch so schrecklich heißt.

  9. Habs zwar schon bei dem „Bundeswehr auf der Gamescom“-Beitrag erwähnt, aber ich sag es noch mal, ich kann es mir doch gut vorstellen, dass ein Teil der Gamer sich wirklich auch vom Militärdienst angesprochen fühlt. Weswegen Modern-Military-Shooter doch gern vom US-Militär willkommen sind (und wohl auch von fast jeder anderen Armee auf dieser Welt).
    Unabhängig davon, ist der Rest aber doch ziemlicher Schwachsinn…

  10. @Jürgen Mayer
    Ich finde es zunächst nicht befremdlich, dass nicht nur Politiker sondern auch Journalisten, Wissenschaftler und andere Meinungen und Standpunkte artikulieren. Es ist die Grundlage der Demokratie, dass solch ein Austausch von Meinungen stattfindet.
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    Weiter ist es auch nicht ungewöhnlich, dass zur Durchsetzung der Vorstellungen als Maßnahmen auch Ge- und Verbote vorgeschlagen werden. Auch wenn man als Betroffener solcher Maßnahmen, insbesondere wenn man anderer Meinung ist, diese Vorschläge als Angriff auf sich und seine Lebensweise versteht, ist es allgemein nun einmal die Aufgabe des Staates, gegen gesellschaftliche Missstände und Gefahren vorzugehen oder bestimmte politische Ziele umzusetzen. Ob es nun Einschränkungen bei der Verwendung des Werkstoffs Asbest wegen Gefahren der Gesundheit oder Vorgaben für Glühlampen sind, um eine effizientere Verwertung von Energie zu ermöglichen.
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    Vorbehalte habe ich hier allgemein, wenn Ziel der Maßnahmen allein oder überwiegend die Umsetzung moralischer oder kultureller Vorstellungen sind (ggf. unter dem Deckmantel einer angeblichen Liberalität). Hier fehlt es mir schwer auszumachen, warum z. B. die Förderung eines Theaters mehr „Wert“ haben soll als die Förderung von Videospielen. Und auch bei Videospielen wirkt es für mich seltsam, wenn man meint z. B. ein „Anno 2070“ fördern zu können, ein „Unreal Tournament“ dagegen aber nicht. Abgesehen davon, dass ich bei „Anno 2070“ ganz andere Dinge als interessant begreife (Darstellung der Gesellschaft, der Machtstrukturen, die Beeinflussung der Bevölkerung etc.) als es Preisrichter tun, finde ich z. B. schon das Ur-„Unreal Tournament“ einfach in seiner Gesamtwirkung unerreicht: Die Ikonografie, die Atmosphäre und erst die Musik. Ich habe immer noch u. a. „Colossus“ in meiner Playlist (Ich bin allgemein, auch bei Filmen, leicht vom Soundtrack zu beeindrucken: Die Arbeit von Basil Poledouris finde ich in Filmen wie „Conan der Barbar“ und „Starship Troopers“ einfach überragend und kann mir diese Filme ohne diese gar nicht vorstellen). Besonders gelungen finde ich auch diese Machinima für UT2k4: https://www.youtube.com/watch?v=jnJxzt9jkUU, aber ich schweife ab.
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    Deine Kritik an den Meinungen kann ich dahingehend teilen, soweit diese sich für einen Diskurs nicht offen zeigen. Ich hatte da mal einen Artikel zur Diskussionskultur in Deutschland gelesenm, den ich leider gerade nicht mehr finde, aber diese Aussage kommt dem nahe: „[Die Betonung der Moral] verführt dazu, dass in öffentlichen Diskussionen gar keine Sachargumente mehr abgewogen werden und man meint, Sachfragen mit Ethik beizukommen. Es geht nur noch um moralisch richtig und falsch. Mit allen kräftigen Empörungen, Skandalisierungen und Verurteilungen, die das dann mit sich bringt. […] Die Betonung der Moral verführt dazu, zu meinen, man könne sich die harten und schwierigen Sachdiskussionen ersparen. Und das ist oft ein großer Irrtum.“ (http://www.welt.de/politik/deutschland/article150499062/Verfall-der-demokratischen-Diskussionskultur.html). In diesem Sinne: Wer (nur) ethisch „argumentiert“, ist einer Sachdiskussion nicht zugänglich: Er weiß, dass er das richtige tut – und das aus den Gründen seiner – natürlich richtigen – Überzeugung.
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    Was ich aber etwas positiver sehe, ist das allgemein Stimmungsbild: Dies ist hier m. E. nicht mono- sondern multipolar. Es stellen sich nicht alle geschlossen gegen Videospiele, sondern es gibt verschiedene Ansichten: Weiß erzählt etwas anderes als Schiffer oder Stöcker. Gemein ist ihnen nur, dass sie – nach ihrer persönlichen Proferenzen – manche Videospiele bevorzugen und andere ablehnen, wobei die Ablehnung weitgehend die „Mainstream Shooter“ wie die Vertreter „Battlefield“-Reihe betrifft. Prominente Fürsprecher für „Mainstream Shooter“, Journalisten, Wissenschaftler oder sonst wer, fallen mir wenig ein. Doch allein der Begriff des „Mainstream Shooters“ zeigt, dass es offenbar viele „bloße“ Nutzer gibt, denen diese recht sind. Deren Nutzung sowie die Aufmerksamkeit, die die Titel durch sie z. B. auf der Gamescom genießen, sind doch ein beachtliches Zeichen dafür, dass die Spiele von vielen Personen geschätzt werden. Deren Wertschätzung ist für mich nicht weniger wert als die eines Weiß, Schiffers oder Stöckers.
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    Wenn du im Endeffekt den Mangel an „prominenten“ Fürsprechern für solche Titel beklagst, sehe ich solche gar nicht als nötig an. Was ich dagegen teile ist das bedauern darüber, dass bei manchen Stellungnahmen von Schiffer und Stöcker die Geringschätzung für bestimmte Genre erkennbar ist – wenn das deren Meinung ist, muss man damit aber leben. Deinen Ansatz, diese nicht mehr als Meinungen von Weiß zu schätzen und ihnen allein zugute zu halten, nicht ausdrücklich Ver- und Gebote zu fordern, empfinde ich als etwas zu kritisch: Wünsche und Meinungen wird man wohl doch noch artikulieren dürfen.

  11. @ Pyri: „Und ich finde, ich dränge sogar darauf und fordere: das sollte berücksichtigt werden! Es ist in der Situation einfach absurd so zu tun, als gäbe es weiterhin nur die Leute um den „Kölner Aufruf“ welche unliebsamen Spielen am Zeug flicken.“

    Dem nun Geschriebenen kann ich mich anschließen. Gerade deshalb will aber z.B. ich persönlich mich gar nicht mehr mit dem extremsten Spektrum abgeben, denn zu diesem ist prinzipiell alles gesagt und geschrieben worden und man muss dies nur noch – quasi im Vorbeigehen – rezitieren; problematisch ist da allerdings, dass all dieses bereits Gesagte und Geschriebene eben m.E. nicht hinreichend öffenltichkeitswirksam kommuniziert wurde (und ich auch nicht weiß, wie das bspw. mit unseen Mitteln möglich wäre), andernfalls würde man von diesen Personen und Zirkeln noch weniger hören müssen.

    Will heißen: Es gibt die von dir beschriebenen wichtigeren, drängenderen und weniger overten Baustellen, da lenkt eine zu detaillierte Beschäftigung mit dem Extremspektrum nur ab.

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