Lesehinweis

In den letzten Wochen sind mehrere Texte erscheinen, in denen sich die jeweiligen Autoren mit der Art und dem Ausmaß der in manchen Videospielen vorhandenen Gewaltdarstellungen auseinandersetzen und aus verschiedenen Gründen Bedenken äußern:

  • Clemens Gleich, “‘This is for the players.’ Ein Abschied von der Playstation.”
    Clemens Gleich schreibt darüber, dass sich die PlayStation 4 an die Core Gamer richte, was man den Spielen auch anmerke: “Jeder Toptitel ist in erster Linie ein Shooter”. Dies führe dazu, dass bei Titeln wie Tomb Raider die eigentlich den Markenkern ausmachenden Spielinhalte in den Hintergrund treten würden: “Die meiste Zeit schlachtet sich Fräulein Croft durch Menschenmassen. Das Mädel badet in Blut. In diesem Meer aus Blut geht das restliche Spiel völlig unter”.

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  • Michael Graf, Klartext zu Spiele-Brutalität – Schluss mit Splatter!
    Michael Graf führt aus, dass er die Darstellung von Blut insbesondere dann nicht mag, “wenn es als so plumpe Effekthascherei eingesetzt wird, wie es in vielen Spielen […] leider gang und gäbe ist”. Er habe im Fall von Mafia 3 “inzwischen aufgehört zu zählen, wie oft Lincolns Messer irgendwelche Hälse aufgeschlitzt hat und wie genüsslich langsam das manchmal geschieht”. Ihn stört hieran, “dass es diesen Gewaltfokus” nicht brauche und die Titel andere Stärken hätten. “Stärken, die man vielmehr in den Vordergrund stellen könnte als immer nur zu kreischen ‘Hey, schaut mal wie brutal wir sind!'”.

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  • Zsolt Wilhelm, “Mafia 3” erschienen: Sprechen wir über extreme Gewalt, Rassenkämpfe und Liebe
    Matthias Worch – Design Director von “Mafia 3” – erklärt, warum das Spiel brutaler als die Vorgänger ist. Diese “waren sehr romantisiert”, was auch daran lag, dass die Titel in einer Zeit angesiedelt waren, “in der die Mafia zunächst nicht als so schlimm angesehen wurde. Die Mafia hat sich selbst als ehrenwerte Gesellschaft erachtet, mit einem Ehrenkodex […]”. Die gesteigerten Gewalt sei nun “schon ein Stilmittel. Es zeigt diesen Umbruch, den man damals in der Mafia gesehen hat. Wo Lincoln doch schon eher die “New School” repräsentiert und wo er die italienische Mafia so angreift, wie es ihm am besten passt”.

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  • Tobias Hanraths, Darf der Erste Weltkrieg echt Spaß machen?
    Tobias Hanraths stellt einen durchaus kritischen Tonfall fest, den “das Spiel nicht durchhalten” könne und wolle: “Entwickelt für den Massenmarkt” müsse es “bei allem Respekt vor seinem Szenario […] vor allem Spaß machen”, wobei das Spiel “in der Kampagne […] seine distanzierte Grundhaltung aber nie ganz aus den Augen” verliere – anders als beim Mehrspielermodus, in dem “das bedrückende Szenario […] endgültig nur noch bunte Kulisse [sei]. Senfgas ist kein menschenverachtender Wahnsinn mehr, sondern eine taktische Option. Ein Bombenhagel wandelt sich von der Horrorvision zum bloßen Spektakel”.

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7 Gedanken zu “Lesehinweis

  1. Gleichs Kommentar ist langweilig und abgeschrieben, genau die gleiche Kritik hat man bereits über das Vorgängerspiel, den Tomb Raider Reboot gemacht. Kooption als Werbung für Nvidia.

    Graf und Wilhelm verkaufen Mafia 3 als brutal per Negativwerbung und übersehen beide die sich wiederholenden Missionen und langweiligen Nebengeschichten.

    Hanraths übersieht völlig das der Singelplayerteil in Battlefield komplett lieblos und aufgesetzt ist, nur um dann die Grafik zu loben, als Werbung.

  2. Ich hatte die Beiträge jetzt weniger als vollwertiges Review verstanden, sondern doch als inhaltliche Auseinandersetzungen mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Schwerpunkt auf die Gewaltdarstellungen. Inhaltlich kann ich zu deinen Kritikpunkten an den Spielen wenig sagen – ich habe sie nicht genutzt. Allgemein erwarte ich als Spieler bei der “Battlefield”-Serie aber auch keine herausragende Kampagne, das ist für mich in erster Linie ein Multiplayerspiel. Wenn “Mafia 3” diese Schwachstellen hat, ist das schade. Ich habe den 1. Teil gerne gespielt.

  3. Herrn Gleich geht es wohl weniger um die Gewaltdarstellungen in Videospielen, als um das Pushen seiner soeben angekündigten Lieblingskonsole. Dazu ist der Text schlicht zu unüberlegt und einseitig. Den Vorwurf, dass Tomb Raider kein Exklusivtitel ist, hat man ihm nicht zu Unrecht gemacht. Auch stimmt mit dem Heise-Forum das Umfeld für so eine Aufarbeitung nicht. Schade nur, dass er mit seiner Liebe zu einem bestimmten Hardwarehersteller erneut Öl ins Feuer der Spielegegner gießt.

    Darf der Erste Weltkrieg echt Spaß machen?
    – Da verstehe ich die Frage nicht. Zumindest nicht in dem Zusammenhang.
    Fühlt sich Krieg gut an?
    – Wie kann ein Gamer das beantworten!

    • Ein Gamer der Krieg am eigenen Leib erlebt hat könnte diese Frage doch beantworten? Ich frage mich vielmehr ob Militärspiele überhaupt den Krieg darstellen: in “Battlefield 3” war Krieg für mich das abschnittsweise zwar vernehmbare, aber doch ferne Geschrei eines Babys. Krieg war nicht das überladene und trotz allem “Fotorealismus” in der Darstellung deshalb spielzeughaft wirkende “Schlachtfeld”.
      Und seitdem sind derlei Titel noch überladener geworden, noch mehr auf Überwältigung aus: interessant ist was derlei Texte ja ständig suggerieren, nämlich was diese Spiele statt “Spaß” transportieren sollten – wie ein Mahnmal “gegen den Krieg” zu sein: sie sollten “für Krieg” höchstens sensibilisieren, betroffen machen usw. Doch die Normen und Rollenbilder welche damit einher gehen interessieren offensichtlich nicht, sie sind weder Gegenstand einer “Kritik” diesbezüglich, noch werden sie auf die Probe gestellt – sie “gelten” einfach nur als “Wahrheit”, aber ohne deshalb unbedingt authentisch zu sein – geschweige denn wirklich zwingend: zuletzt sah ich mir mit meiner PSVR etwa diverse Videos der Huffington Post aus Kriegsgebieten an, und war davon einfach nur angewidert – nicht ob des Gegenstands, sondern der damit einhergehenden, politisch einseitigen Manipulationskraft des Inhalts. Einer Macht (und Gewalt) die ich einfach nur geschmacklos nennen kann – anders als jedes “Battlefield” oder “Call of Duty”: jede Übertreibung, alle Brachialität wirkt dagegen überzeugend auf mich. Im Gegensatz zu einem Film wie “Le Petit Soldat” (1963) eines unverbesserlichen Ditakten wie Godard ist Authentizität heutzutage nur mehr ein Mittel zum Zweck, wobei dieser Zweck eine möglichst schlichte Botschaft ist – sowie die erwünschte Emotionalisierung eines politisch bestenfalls normativ gedachten Publikums. Fotos wurden zwar schon früher zu bloßen Symbolen umgeformt, aber nicht so dass sie komplett unverhältnismäßig wurden – nur mehr pars pro toto sein sollten: was früher noch Ikonen waren sollen heute nur mehr Repräsentationen sein.
      Das ist aber auch ein Populismus, ebenfalls eine Vereinfachung von Leben und Welt. Und das meinte wahrscheinlich auch ein Slavoj Zizek, wenn er – zumindest in der Vergangenheit – dagegen Figuren wie Zack Snyder so sehr schätzte.

  4. Lesehinweis in eigener Sache: http://www.gamepro.de/artikel/battlefield-1-dice-hat-endlich-das-moderne-kriegsspiel-erfunden-aber-der-preis-dafuer-ist-hoch,3304637.html Dank an Dom Schott. Das nenne ich “Kritik” – leider endet sie nur auch wieder im Vorwurf der “Trivialisierung”, welcher aber erneut nicht als Chance für das Medium begriffen wird, sondern, in falscher Solidarität mit den Ausführungen eines Grafs, zu Empörungsreflexen führt.
    Und lässt diese Tweets von EA wahrlich noch bitterer erscheinen: http://www.gamepro.de/artikel/battlefield-1-ea-loescht-entschuldigt-sich-fuer-geschmacklose-tweets,3304744.html Anstatt immer nur dieselben Ressentiments in Hinblick auf die angeblichen Mängel von Videospielen (samt der Artikulation sinisterer Interessen wie spekulativen Materialien) zu wiederholen, egal ob es um deren Realitätsgrad oder eine unerwünschte Ästhetik geht.

    • Stimmt, aber das könnte auch für Spiele mit allein konventionellen Waffen behauptet werden: nur besonders rigide Modi, mit etwa auch Permadeath, würden Gewalthandlungen dann nicht trivialisieren. Aber wieso ausgerechnet das: dürfte der Logik von “Spaß” zufolge das dann doch Spaß machen?
      Inwiefern das etwa auf “Verdun” zutrifft kann ich (noch) nicht beurteilen, aber im Vorfeld zur Veröffentlichung von “Battlefield 1” ist mir schon aufgefallen dass dieser kleinere Titel als “realistischere” Alternative gelobt wurde – zum Beispiel hier sogar auch von Herrn Wilhelm http://derstandard.at/2000043390269/Battlefield-1-Alternative-Weltkrieg-Shooter-Verdun-punktet-mit-Realismus

      Zu 99% stimme ich Schott jedenfalls zu: die Kolumne, als welche er seine Analyse begreift, finde ich gut, richtig und wichtig – aber wohl aus ganz anderen Gründen als er selber, vor allem nämlich weil er zumindest vorderhand eben nicht auf Spaß abstellt, sondern ein “modernes Kriegsspiel” begreift und beschreibt. Darum scheint es ihm jedoch gar nicht zu gehen, sondern um Solidarität mit dem Kollegen Graf zu demonstrieren – sich mit zu empören – und das finde ich sehr sehr schade.

      Den Inhalt würde ich wohl genauso sehen wie er. Nur seine Schlussfolgerung aus dieser Feststellung von Trivialität kann ich nicht nachvollziehen: ich verstehe nicht wieso so ein modernes Spiel dann trotzdem nur für die Kampagne als schöne Sonntagsrede herhalten darf, aber im Multiplayer-Alltag unter der Woche nicht – um einmal ein Bild aus der Religionsausübung zu gebrauchen. Erlaubt scheint der Inhalt nur als ermahnende Predigt zu sein, aber nicht wenn er ständig wiederholt wird. Doch das schlimme an ABC-Waffen ist ja gerade, dass sie einmal als legitime Option galten, und letztlich auch als Mittel zum Zweck – sonst wären sie ja nicht entwickelt (und zumindest teilweise auch eingesetzt) worden.

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