Bundeswehr umwirbt Gamer

(bundeswehrkarriere.de, via twitter.com – @JalapenoMunich)

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Dieses Plakat ist Teil der neuen Werbekampagne der Bundeswehr und bewirbt die neue Youtube-Serie „Die Rekruten“. Diese Dokusoap startet Anfang November und begleitet 12 Rekruten über 3 Monate, was sich die Bundeswehr nach jetzt.de 1,7 Millionen Euro kosten lässt. Bei augengeradeaus.net wurde bei einem weiteren Motiv für die Kampagne („Ab November kannst du dir das abschminken.“) zunächst eine weitere Werbekampagne um Frauen vermutet, die in der Vergangenheit kritisiert wurde, weil Motive „ein antiquiertes Rollenverständnis“ offenbart hätten. Über SnapChat erfolgte dann die Klarstellung, dass es auch hier um „Die Rekruten“ geht, für die bisher 3 „Homestories“ von Julia, Nathan und Jerome abrufbar sind.

Personalrekrutierung in Form von LAN-Partys

Das Motiv „Ab November wird draußen gespielt“ dürfte nicht nur zufällig auf „Gamer“ abzielen: Anders als bei der allgemeinen Präsenz auf Messen wie der Hannover Messe aber auch der gamescom (wir berichteten), bei der allgemein potentielle Rekruten umworben werden, geht aus Strategiepapieren des Bundesverteidigungsministeriums vor, dass „Gamer“ und „Nerds“ insbesondere wegen möglicher IT-Kenntnisse im Fokus der Bundeswehr stehen. So heißt es im Abschlussbericht Aufbaustab Cyber- und Informationsraum aus dem April 2016 auf Seite 32:

„Die Durchführung von IT-Turnieren als mögliches Instrument der Personalrekrutierung (z.B. in Form von LAN-Partys für die Rekrutierung von Talenten aus der Gamer-/ E-Sport-Szene) ist genauso in Betracht zu ziehen wie aktiv beworbene Stipendienmöglichkeiten (Cyber-Stipendien), die eher die rein an den Fachaufgaben interessierten Gruppen (z.B. „Nerds“ für Aufgaben der Cyber-Abwehr bzw. der Informationssicherheit) ansprechen. Die Grenzen dieser Verfahren sind jedoch noch näher durch die fachlich zuständigen Stellen zu untersuchen.“

Umgesetzt wurde das Konzept mit der LAN-Party bereits im April 2016 beim „IT Camp 2016“, bei dem im Rahmen des Projekts „Digitalte Kräfte“ insbesondere IT-affine Rekruten angesprochen werden sollen. Geworben wurde unter anderem mit einer Runde im Spiel „Command and Conquer“.

Bigott

Die Werbung um Gamer mit Bezügen zu Videospielen wird hauptsächlich aus zwei Gründen kritisiert.

Zum einen sind viele Nutzer von Videospielen der Überzeugung, dass das, was in populären Onlineshootern stattfindet, nicht das Nachspielen eines Krieges ist, sondern allein ein Spiel, mit – manchmal durchaus problembehafteten Bezügen – zu realen kriegerischen Auseinandersetzungen. Insbesondere steht bei Onlineshootern meistens ein sportlicher Wettkampf im Vordergrund, bei denen – wenn die eine Seite einen schlechten Start hatte oder unterlegen ist – die Runde auch noch einmal neu gestartet oder Spieler ausgetauscht werden. Und – besonders wichtig – bei einem Videospiel wird nicht auf Menschen geschossen, sondern auf Pixel. Von daher ist es vielen Spielern wichtig zu betonen, dass die Nutzung von Ego-Shootern kein Indiz für ein Verlangen ist, real auf Menschen schießen zu wollen. Diese Abgrenzung zwischen Krieg und Spiel, die viele Spielegegner bei Amokläufern durchbrochen wähnen, wird hier von der Bundeswehr unbekümmert überwunden: Der Ausspruch „Ab November wird draußen gespielt“ vor dem Motiv des Gaming-Rechners kann nur dahingehend verstanden werden, dass das, was bisher in Videospielen stattgefunden hat, nunmehr nach Dienstantritt bei der Bundeswehr fortgesetzt wird. Der Dienst an der Waffe wird somit buchstäblich selbst als „Spiel“ und als Fortsetzung des virtuellen Videospiels in der Realität bezeichnet, bei dem sich bloß das „Spiel“ von drinnen nach draußen verlagert.

Zum anderen betonen Politiker nach Amokläufen wie jüngst in München, dass Videospiele wie First-Person-Shooter hierbei eine Rolle gespielt hätten.

So sagte de Maizière (Bundesminister des Innern):

„Und dann, das zeigen ja auch viele Studien […] – so war es auch in diesem Fall – dass das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung gerade junger Menschen hat.“

Es ist einfach bigott, wenn die Politik einerseits Nutzer von Videospielen als derart amokgefährdet bewertet, dass Verbote dieser Spiele erwogen werden, aber sie andererseits als Zielgruppe für den Dienst an der Waffe betrachtet, für den ein gewisses Maß an Verantwortungsbewusstsein und psychischer Stabilität erwartet werden dürfte.

Daneben wirkt es irritierend, dass ausgerechnet unter der Verteidigungsministerin von der Leyen auch Jugendliche für den Dienst an der Waffe begeistert werden sollen, während sie als Familienministerin – die Älteren werden sich erinnern – mit ihrem Sofortprogramm nach dem Amoklauf von Winnenden die Werbung für „Killerspiele“ einschränkte.

Links:

4 Gedanken zu “Bundeswehr umwirbt Gamer

  1. Ein weiterer Beweis dafür was für populistische [ – Zensurgnom – ] und Fähnchen im Wind de Maizière und das restliche [ – Zensurgnom – ] sind. Gesocks im Quadrat.

  2. Pingback: 5 vor 12 – interessante Links aus dem Web - botfrei Blog

  3. Habs zwar schon einmal erwähnt, aber ich kann es mir schon vorstellen, dass es unter „Gamern“ schon durchwegs Personen gibt, die am Dienst der Waffe nicht ganz abgeneigt sind. Zwar ist das mal wieder eine typische Henne oder Ei Situation, ob nun Videosopiele das Interesse am Militär geweckt haben, oder ob ein Interesse am Militär schon vorher da war und Videospiele nur zum Zweck der Befriedigung der Gelüste dienen. Dennoch ist es doch ziemlich fahrlässig (sage ich jetzt mal), was diese Werbekampagne sugeriert, weil der realle Krieg ist doch weit von dem entfernt was einem in Videospiele aufgetischt werden.
    Andererseits, seitdem die Wehrpflicht abgeschafft wurde, muss die Bundeswehr doch nach anderen Methoden für die Rekrutierung von Soldaten umsehen, und da sind die erwähnten Kampagnen die naheliegensten.
    Im Idealfall wird die deutsche Regierung, was Videospiele betrifft (vor allem modern military Spiele) irgendwann liberaler mit Videospielen umgehen. Eventuell veröffentlicht sie auch eine Art deutsches „Americas Army“.

    • Ich glaub nicht, dass bei der Bundeswehr mit diesem Sujet überhaupt an Shooter gedacht wurde. Die traditionell als (Pro-)“Kriegsspiele“ verschrienen Genres, das heißt auch das RTS, befinden sich trotz der vielleicht drei weiterhin erfolgreichen Franchises jedes Jahr auf einem doch deutlich absteigenden Ast – ihren Platz hat eher der MOBA-Bereich eingenommen. Sogar Kartenspiele würde ich heutzutage als teilweise populärer ansehen. Ein Konzept wie das einer „LAN-Party“ schließlich, trotz der Medialisierung von E-Sport, komplett in den spätestens frühen Nullerjahren verorten.
      Nicht zuletzt halten sich Neuentwicklungen im AAA-Bereich diesbezüglich auf jeden Fall sichtbar in Grenzen: wo früher jährlich Dutzende Shooter im Retail erschienen sind, sind es heute vielleicht gerade mal eine Handvoll. Der Rest geht in der Masse an Download-Titeln unter.
      Auch das hat die Verbreiterung des Mediums so mit sich gebracht – gut möglich, dass an die „Killerspiel“-Debatte (und die Positionen welche diesbezüglich bei der Bundeswehr früher eingenommen wurden) dabei gar niemand mehr denkt, trotz München. Wobei dieses letzte Gewaltverbrechen das auf Games bezogen wurde das kollektive Bewusstsein schon wieder verlassen zu haben scheint – in diesen Tagen sind es erneut bereits eher „Reichsbürger“ und „Killer“-Clowns welche eine Öffentlichkeit beschäftigen, steht absurder Weise ein kulturhistorisch fest gewachsenes und auf eine äußerst lange Tradition zurückblicken könnendes Phänomen wie die Clownerie unter Generalverdacht, wird tendenziell anderes pathologisiert und/oder kriminalisiert – nicht zuletzt gleich (küchen)psychologisch verallgemeinerte Abstraktionen wie „Hass“: oft scheint sich mir diese überaus saturierte westliche Welt in der „wir“ leben nunmehr gar in einem Wettstreit darüber zu befinden, wer in ihr die besseren Gefühle aufweisen würde.
      Eine zunehmend politisierte Öffentlichkeit kennt heutzutage auch andere zu repräsentierende FeindInnenbilder als videospielende Menschen: Medien wie SPON brauchen (nach der Krimkrise) ganz einfach keine Stereotype wie „böse Russen“ in Games mehr vorgeben zu „kritisieren“, wobei einen Games ablehnenden Konsens zu erreichen in diesem Klima ebenfalls immer schwieriger werden dürfte – siehe den Bedeutungswandel den ein Jürgen Elsässer (früher mit Rudolf Hänsel) durchgemacht hat -, weshalb sich die im Sommer kurz aufgeflammte „Debatte“ auch schnell wieder verflüchtigte – kurzum: ein Propagandatitel wie „Deutschlands Armee“ liegt heutzutage ferner denn je – mit oder ohne solcher Kampagnen der Bundeswehr.

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